Sunday, April 27, 2014

Abregenief, il etait une fois un rêve...

von Chris

St. Lèger du Ventoux
St. Lèger ist ein besonderer Ort – ein Kraftort. Nicht weil die Powerrouten dort Kraft ziehen. Nein, weil es ein Ort ist, der besondere Kraft spendet. Den etwas Eigenes umgibt, wie eine Aura. Es sind dies die Stille, die besondere Topografie mit dem Gefälle vom Gipfel des Mont Ventoux bis hinab in das Wasser des Toulerenc, ein Fluss, der sich dramatisch durch das Tal mäandert. Doch das Tal wirkt nicht eng, der Blick gleitet in die Weite. Man sieht kaum ein Haus, nur das kleine Dörfchen mit dem gleichlautenden Namen. Es gibt keinen Strassenlärm. Stille und Kraft – zwei Komponenten, die zusammengehören. Dies ist zumindest die Erfahrung, die sich machen lässt, wenn man den Luxus hat, nicht gerade an Feiertagen wie Ostern oder Pfingsten oder an einem sonnigen Wochenende im Frühling oder Herbst unterwegs sein zu müssen. Es kann voll werden.

Doch selbst dann verteilt sich die Menge über die unglaubliche Anzahl Climbs. Ein Run wie in anderen Modegebieten findet nicht (mehr) statt. Eigentlich kann man sagen, dass St. Lèger mehr oder weniger out ist. Das mag mehrere Gründe haben. Vielleicht, weil in den unteren Graden der Fels nicht immer der Beste ist. Vielleicht, weil gerade in den oberen Graden die Bewertung oft sehr streng ist. Vielleicht, weil die Runouts gelegentlich recht weit sind. Vielleicht, weil es keine 9a's gibt. Das Gebiet hat also ein bisschen noch etwas vom Feeling wie in den achtziger und neunziger Jahren. Genau richtig für Jurasaurier… da fühlen sie sich wohl. Sie erkennen sich wieder in den in die Jahre gekommenen Routen und Bolts.

Josép in Abregenief 8b
Immerhin sind doch gewisse Bemühungen auszumachen, dem Gebiet neues Leben einzuhauchen. So blitzen in manchen Climbs neue Bolts und insbesondere ein Grüppchen aus Grenoble um Antonin, Guillaume und Quentin haben sich aufgemacht, zwischen den bestehenden Klassikern richtig gute neue Linien zu finden oder Extensions einzurichten. Quentin zeigt mir mit einem Leuchten in seinen Augen, welche der neuen Projekte schöne Träume im neunten Grad bilden... Das sieht kleingriffig aus! Als Jurasaurier bin ich schwer beeindruckt. Beeindruckt war ich aber schon vor diesen Projekten allein von den klassischen Linien in St. Lèger. Manche haben eine richtige Strahlkraft. Edle Sinter in bestem Fels schlängeln sich durch wunderbare Überhänge und zeichnen die Linien vor. Die Face Est hat eine magische Anziehungskraft. Wuchtig und einladend zugleich. Aber es sieht auch immer wahnsinnig schwer aus. Die einfachste Linie wird durch eine wunderschöne Verschneidung vorgezeichnet. Diese teilt die Face Est in zwei Hälften. 'Dis moi qui tu hais et je te dirai qui tu suis 8a' sollte lange Zeit meine einzige erfolgreiche Annäherung an diese Wand bleiben. Jedes Mal, seit ich 2005 das Gebiet besuche, blieben meine Augen an dem Überhang rechts von 'Dis moi…' hängen. Die Mittelachse dieses Überhangs bildet eine traumhafte Linie, welche den sonderbaren Namen 'Abregenief' trägt. Eigentlich müsste es korrekt geschrieben 'Abrégé, Nief!' heissen. Die beiden ersten und wohlbekannten Erschliesser des Gebietes, Bruno Clement und Thierry Nief, lieferten sich über die Routennamen einen kleinen Schlagabtausch. So reagiert 'Abregenief' auf 'Le mari de la baleine' oder 'Clement, comme il respire' auf 'Thierry golé comme une baleine'… Unschwer zu erkennen, wer welche Routen einbohrte!

Nun aber hat diese wunderbar zu kletternde 'Abregenief' einen oder besser gleich mehrere Haken: sie hat über 30 Züge ohne Rastpunkt, ist über 30° steil und im Grad 8b, der mir für die jeweils kurzen Ferien grundsätzlich zu schwer ist. 2005 und 2009 widmete ich dem Climb jeweils einen Tag und musste ganz klar feststellen, dass ich darin heillos überfordert war. Zu physisch, zu anstrengend. Die Züge kamen mir zu boulderig vor. Die Runouts zu fordernd. Das Verdikt war zwar klar und doch war da jedes Mal, wenn ich unter der Route vorbeilief, das Gefühl, dass es das doch nicht einfach gewesen sein konnte.

Face Est
Also, was tun? Im Juni 2012 kam meine Kletterei für acht Monate zum Erliegen. Doch es war gut investierte Zeit: die Schulteroperation durch Dr. Christoph Wullschleger (Crossklinik) und danach die intensive spezifische Physio waren erfolgreich. Der Wiedereinstieg ins Klettern nach einer so langen Pause und als Mittvierziger bei mittlerweile sagenhaften 84 kg Brontosaurier-Lebendgewicht wie erwartet zäh. Doch beschloss ich mir Zeit zu geben und nichts zu forcieren. So beschäftigte ich mich zuerst mit der Balance der beiden Kraftakte Klettern und Arbeit – beide zeitintensiv, beide wie diametral entgegengesetzt und dabei sowohl energieraubend wie auch -spendend. Diese Auseindandersetzung kann ich mir leisten, habe ich doch die wichtigste Grundvoraussetzung, die es benötigt, bevor man auch nur einen Gedanken über das Verhältnis von fordernder Arbeit und Klettern am Limit verschwenden kann: eine wunderbare Beziehung, ein ungetrübtes Familienleben und zurzeit keine finanziellen Sorgen. Es gibt genügend sportpsychologische Bücher, deren Inhalt sich mit diese letztgenannten drei Faktoren als Motivations- und Leistungskiller auseinandersetzt. Dazu muss man kein grosse Psychologe sein. Da kann man nämlich leicht an sich selbst feststellen…

Der Turnaround im Klettern deutete sich in Flatanger und dann in der Gorges an. Im Herbst 2013 war ich soweit mir ein Projekt zu geben, das mehr als nur das übliche Probieren und Einstudieren der Züge bis hin zum Durchstieg darstellen sollte. Ein Projekt, über das ich mich an etwas Neues herantasten wollte, welches mein Klettern verändern sollte. Nach bereits 32 Jahren Klettern eine neue Stufe des Könnens mit eigener Dynamik zu erreichen. Ein Projekt als Meditation, um Klettern neu zu begreifen sowie Lehren und Erkenntnisse daraus zu ziehen. Die Anstrengung des Kletterns in ein gesundes Verhältnis zur fordernden Arbeit zu stellen. Ich habe erkannt, wie gefährlich es für Geist und Körper sein kann, sich an einem Projekt unter dem Motto 'Viel hilft viel' und 'Von Nichts kommt nichts' vollkommen aufzureiben.

Face Est
Als Projekt fiel die Wahl auf 'Abregenief'. Martina und ich besuchten nach ein paar Jahren endlich wieder einmal St. Lèger und wir erkannten, wie wohl wir uns dort fühlen. So nahmen wir uns vor, im Winter und Frühling jeweils ein weiteres Mal das Gebiet zu besuchen. Ideale Voraussetzung auch, um am Projekt dran bleiben zu können. Die erste Bouldersession überforderte mich völlig, was nicht überraschend kam. Es gibt für mich nichts das im Klettern mehr fordern könnte als boulderige Resistance in übersteilem Gelände... Doch ich lernte, was mir an körperlichen Voraussetzungen fehlte. Aber vor allem, was ich im Kopf können musste, welche Konzentration, welche Taktik nötig waren. Die Informationen brachte ich nach Hause und übertrug sie auf den Plastik des B2. Was ich diesen Winter in der Boulderhalle alles trieb, mag unbedarften Beobachtern sehr seltsam vorgekommen sein. Normales Bouldern oder gewöhnliches Trainieren war das nicht. Ich erfand mir eigene, der Anforderung der Route spezifische Übungen. Meine Philosophie dabei ist, dass Klettern derart komplex ist, das es keinen Sinn macht nur eine Einzelkraft zu trainieren. Jede Übung muss hochkomplex in der Bewegung sein. Der Reiz sollte jede Faser des Körpers in einer spezifischen Bewegung ansprechen. Und das bei hoher Wiederholungszahl. Resistance zu bekommen war das erklärte Ziel. Um das Felsgefühl nicht zu verlieren, hatte ich die wundervollen Projekte in der Gorges… Nach zwei Monaten dieses Geduldspiels (Training ist nichts anderes…) hörte ich zwei Wochen vor dem Trip nach St. Lèger damit auf, um Körper und Geist genügend Erholung zu gewähren, auch in der Hoffnung, den Leistungspeak erst zum Beginn des Trips zu bekommen. Bis dahin boulderte ich nach Lust und Laune und spürte bereits, dass sich etwas verändert hatte.

Anfang März fuhren wir nach St. Lèger. Besser sollte ich sagen: Martina fuhr nach St. Lèger, ich zur 'Abregenief'. Dieser Climb sollte für mich nun so etwas wie eine Prüfung darstellen. Ich wollte mir aufzeigen, ob ich nach 32 Jahren Klettern doch noch etwas gelernt habe. Eine Prüfung, um wie im Karate oder Judo die Stufe des Dan zu erreichen. Über mich richteten keine Jury oder Dan-Meister, sondern die Schwerkraft. Sie würde mir in der Route Grenzen setzen, falls ich nicht genügend vorbereitet wäre. Aufgeregt war ich schon. Aber ich wurde belohnt. Belohnt mit einer der schönsten Powerklettereien, die man sich vorstellen kann und von der ich einst glaubte, dass diese nur den Mutanten unter den Kletterern vorbehalten sei.

Abregenief Tiefblick - Traumsinter...
Ich bin immer noch kein Mutant, aber ein Jurasaurier, der weiss, dass man Träume verwirklichen kann, wenn Körper und Geist im Einklang sind. Was nicht ein esoterisches Gequatsche ist, sondern einfach bedeutet, dass der Wunsch im Geiste durch eine individuelle, spezifische Vorbereitung des Körpers realisierbar ist. Allgemeine Trainingslehre und sonstige Konzepte aus der Schublade nützen nichts. Das Wie ist dabei entscheidend, wie man sich auf etwas einlassen möchte. Und das muss man ganz für sich selbst und alleine herausfinden. Das Rezept per se gibt es nicht. Aber das ist ja das Wunderbare dabei, wenn man seinen eigenen Pfad der Erfahrung geht und Erkenntnisse daraus zieht. Dies zwar stets im Wissen das es Grenzen gibt, denn es wird nicht unendlich weitergehen. Aber ich habe wieder einen Zipfel und einen Moment in meinem Kletterleben gepackt, welche mir Türen öffnete, die ich als mir verschlossen glaubte. Nur weil ich zu bequem war oder vielleicht zu wenig Vertrauen in mich und die Kunst des Kletterns hatte. Aber es geht. Es lohnt sich, es auszuprobieren…

Dass der Weg über 'Abregenief' keine Eintagsfliege war, konnte ich mir gleich im Anschluss bei einem weiteren Kurztrip mit Christoph deutlich machen, als ich in der mir liebgewonnenen Face Est die benachbarte 'Le Placard' auch noch ziehen konnte. Was für Hammerclimbs in dieser Wand. Klettern ist wundervoll…

3 comments:

martin said...

wow - gratuliere aus ganzem herzen!!! und ich wollte mich mit 36 schon frühpensionieren lassen - melde mich auch bald bei den Sauriern an - geht ja voll ab :)

martin said...

...und es geht ja im gleichen Takt weiter wie ich gesehen habe... no sika ist ja wohl der oberhammerklassiker - und SCHWER!!! Respekt auf der ganzen Linie!!!

Chris said...

Merci vielmals, Martin. Na ja, du bist noch weit entfernt von einem Saurier... :) Vor allem jetzt, nachdem was man so von dir liest! Einfach immer schön dran bleiben. Mit Freude am Leben und am draussen (buchstäblichen) rumhängen. Wenn dann noch der ein oder andere Klassiker unter die Finger genommen werden kann... umso besser! Irgendwie schmeckt hinterher das Bier besser und das Leben erfährt etwas mehr Süsse ;)