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Ach herrje. Bei diesem Eintrag weiss ich gar nicht, wie ich starten soll. Es gibt so viel darüber zu berichten. Ich versuche es trotzdem.
Die Geschichte beginnt etwas komisch. Wir schreiben den Sommer 2026. Es ist seit vielen Tagen warm, sehr warm. Tagelang gibt es Temperaturen von weit über 30 Grad und das ist eine Wärme, in der ich nicht klettern gehe, sondern mich viel lieber im Rhein vom Tinguely-Museum bis zur Dreirosenbrücke hinteruntertreiben lasse.
Doch es kam dieser eine Tag, ein Mittwoch, an dem das Thermometer tagsüber nur bis 25 Grad steigen sollte. Richi hat die Idee, dass wir zusammen über den Eulengrat klettern könnten. Ich fand das eine sehr gute Idee und so zogen wir los. Den Parkplatz zum Eulengrat fanden wir problemlos. Was wir allerdings nicht fanden, war der Zustieg zum Eulengrat. Gemäss Topo geht es "irgendwie" den Wald hoch zum Einstieg. Wir laufen einem gut ausgebauten Weg entlang, der dann einfach plötzlich aufhört. Wir stehen mitten im Wald. Wir suchen den Weg und tigern wie Rambo im Dschungel umher. Nach 45 Minuten haben wir den Einstieg immer noch nicht gefunden und so fällen wir den Entschluss, die Übung abzubrechen.
Ich war schon zweimal am Eulengrat unterwegs und ich erinnere mich gut daran. Das erste Mal bildeten Silvio und ich eine Seilschaft und nach heftigem Suchen und innerlichem Fluchen meinerseits fanden wir den Einstieg nach 2 Stunden. Das zweite Mal war ich mit Chris unterwegs und seinerzeit war der Zustieg erstklassig ausgeschildert und wir waren nach 30 Minuten dort.
Solche Momente ärgern mich heute nicht mehr, ganz im Gegenteil. Für irgendwas muss es gut gewesen sein, dass wir den Weg nicht gefunden haben.
Doch nun war die Frage, was wir unternehmen wollen. Richi hat einmal mehr die beste Idee. Wir gehen ans "Ameiseplättli" am Raimeux. Beide wissen wir, wo es ist, und wir wissen auch, dass das Plättli im dichten Wald liegt.
Ich fahre immer noch fürs Leben gern Auto und so habe ich nun das Glück, ein erstes Mal über den Weissenstein nach Moutier zu fahren. Die Strecke ist grandios, abenteuerlich und steil. Vielleicht war dies der Grund, weshalb wir den Wandfuss nicht fanden? Wir werden es nie wissen. Zielstrebig fahren wir zum Raimeux, parkieren das Auto und kämpfen uns die 5 Minuten des steilen Anstiegs zum "Ameiseplättli" hoch.
Und jetzt muss ich zunächst in den Erinnerungen graben und sie hier notieren, sonst gehen sie definitiv vergessen. Denn das "Ameiseplättli" hat eine bewegte Geschichte aus meinem frühen Kletterleben.
Wir schreiben das Jahr 1975, 1976 oder 1977. Ich war mit Roland in der JO Basel-Stadt. Die JO Basel-Stadt bot immer einen Kletterkurs I und einen Kletterkurs II an. Der Kletterkurs I fand in der Regel im Pelzli statt und der Kletterkurs II in Moutier. Es gibt dort diesen wunderschönen Grat über den Raimeux, das "Ameiseplättli" und u.a. den Arête Spéciale, den ich in letzter Zeit immer und immer wieder geklettert bin.
Ich wusste es seinerzeit und heute ist es nicht anders: Ein begnadeter Kletterer war ich nie und ich werde es auch nie mehr werden. Ich klettere einfach gerne draussen oder bouldere sehr gerne im B2, aber gut war ich nie und werde es auf die alten Tage hin auch definitiv nicht mehr werden.
Zurück zum Kletterkurs II. Es war jedes Mal das gleiche Spiel wie in der Schule. Wenn es darum ging, in eine Mannschaft gewählt zu werden, so war ich nie der erste oder zweite, sondern immer die mittlere oder gar letzte Wahl. Und so auch beim Kletterkurs II. Irgendwer hatte dann ein grosses Herz und nahm mich an sein Seil. In der Regel waren wir eine Dreier-Seilschaft, zwei gute Leute und eben ich. Und es war so, dass nach dem Raimeux immer noch entweder das "Ameiseplättli" oder der Spez geklettert wurde. Es ist wohl klar, dass ich weder das eine noch das andere je an einem Kletterkurs II kletterte, denn – so muss ich heute konstatieren – man schätzte mein Kletterkönnen nicht so hoch ein, als dass ich eine der beiden Klettereien erfolgreich hätte absolvieren können.
Und jetzt habe ich definitiv nur noch bruchstückweise Erinnerungen. Es muss in der Zeit zwischen 1978 und 1980 gewesen sein. Ich kann mich nur an zwei Begehungen erinnern. Es steckten keine Bohrhaken wie heute. Ich erinnere mich, wie ich eher rechts auf der Platte nach oben kletterte und wie ich mitten in der Platte das Leiterli in einen Haken einklinkte und daran hochkletterte. Das geht heute nicht mehr, der rechte Teil der Platte ist mit Moos überwuchert.
Ich erinnere mich, wie ich mich anschliessend mit Angst und Bang bis zum Baum (den gibt es immer noch) hochkämpfte. Stand: Roland nachnehmen und anschliessend sofort abseilen. Wir getrauten uns nicht weiter nach oben, obwohl vereinzelt Haken steckten.
Das andere Mal ging Roland voller Engagement in den Vorstieg und noch bevor er den ersten Haken einhängen konnte, stand er wieder neben mir. Wir schauten uns verdutzt an. Ob wir anschliessend die Route kletterten, das weiss ich nicht mehr. In Erinnerung geblieben ist mir mein todesmutiger Einsatz des Leiterlis (ich habe es immer noch) und der Monsterabgang von Roland.
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| Ameiseplättli |
Und dann standen Richi und ich vor dem "Ameiseplättli". Richi meint lakonisch, dass das jetzt etwas für mich wäre. Ich schaue nach oben, sehe in kilometerweiter Distanz den ersten Bohrhaken und weiss auch, dass ich Clown-Schuhe habe – und die Socken dafür natürlich zu Hause vergessen. In der Tat hätte mich der Vorstieg mit den richtigen Schuhen interessiert, doch mit den Clown-Schuhen auf den kleinen Tritten einer Kalkplatte herumeiern – das ist nichts für mich. So überlasse ich Richi herzensgerne den Vortritt.
Richi bindet sich ins Seil ein, bewaffnet sich mit Expressen und los geht's. Konzentriert steigt er hoch und klippt endlich den ersten Bohrhaken. Er ist wirklich cool, denn bevor er auf die Tritte steigt, putzt er diese. Richi klettert weiter, klippt die selten vorhandenen Bohrhaken, putzt die Tritte und Griffe (offenbar wird die Route kaum mehr geklettert) und freut sich einfach, das "Ameiseplättli" klettern zu können. Er gelangt zum Baum – ich meine erst, er müsse dort Stand machen. Doch weit gefehlt, der Stand ist noch ein paar Meter weiter oben. Er richtet den Stand ein und nun ist die Reihe an mir.
Ich ziehe die Clown-Schuhe ein klein wenig satter an als sonst und klettere los. Nach dem ersten Meter bin ich schon völlig ausser Atem. "Es hat weder Griffe noch Tritte. Alles rund! Unkletterbar!", so hallt es in meinem Kopf. Doch – so kommt der nächste Gedanke – Richi ist ja auch irgendwie hochgeklettert. Also, Markus, engagiere dich etwas und gib dir Mühe. Ziel ist es, das "Ameiseplättli" heute ohne Leiterli und auch ohne Fehler zu klettern. Zaghaft steige ich höher, finde immer wieder kleinste Griffe und Felsunebenheiten für die Füsse. Langsam kehrt Sicherheit ein. Die Clown-Schuhe machen das Unterfangen nicht wahnsinnig viel einfacher, doch Meter um Meter klettere ich fehlerfrei nach oben. Die Kletterei macht auch mir höllisch Spass und ich bin sehr froh, dass das Seil von oben kommt. Es braucht dann schon noch eine grosse Portion Können und Willen, so hoch über dem letzten Bohrhaken im Vorstieg knifflige Plattenstellen zu lösen.
Die zweite Seillänge steht an. Richi klettert ruhig und voller Freude los und ich kann in der Richi-typischen Klettergeschwindigkeit das Seil ausgeben. "Stand!", höre ich von weit oben. Ich mache mich bereit und auch bei mir läuft diese Seillänge einwandfrei. Das Klettern ist ein Hochgenuss, nur sehr selten unterbrochen vom Aushängen eines Bohrhakens.
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| Früher kletterten sie einfach besser... |
Seillänge drei bringt uns zum Ende des "Ameiseplättli" und damit zum Abseilpunkt. Wir haben ein 50-Meter-Seil dabei, das reicht perfekt bis auf den Waldboden. Doch wo ist der im Kletterführer eingezeichnete Weg? Den gibt es nirgends, es gibt auch keine Steinmännli, es gibt keinen Anhaltspunkt, wie wir zum Einstieg zurückkommen. So kämpfen wir uns – Rambo lässt grüssen – quer durch den Wald zu einem grossen Baum und seilen uns an diesem ab. Das war die beste Entscheidung, denn nach wenigen Schritten sind wir zurück am Einstieg. Was für ein Abenteuer. Das nächste Mal nehmen wir ein 60- oder 70-Meter-Seil mit, dann können wir über die Platte von Stand zu Stand abseilen.
Das "Ameiseplättli" gibt es eigentlich gar nicht. Die Platte heisst "Dalle des Gentianes" (Enzianplatte). Die Bewertung mit 5b für die erste Seillänge finde ich persönlich etwas hart. Aber wer mit Clown-Schuhen unterwegs ist, der kann das nicht richtig einschätzen. Interessant ist noch die Routenbeschreibung aus dem Maurice-Brand-Führer: Eine glatte IV und immerhin mit 2 Haken gesichert. Früher war alles eben... anders. Die Platte ist definitiv nicht abgespeckt, es braucht halt Weile bis alles für den Move nach oben stimmt.


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