"Goldregen" am Sustenpass (Sektor Platten)

Lesedauer: ca. 3 Minuten
"Hast du am Sonntag oder Montag Zeit für eine MSL?" Ping - da ploppt Matzes Nachricht auf meinem Handy auf. Ich checke kurz den Kalender: Im B2 steht das geplante Training mit Carmen an. Dies lässt sich aber problemlos auf Dienstag verschieben. Ich sage sofort zu.

„Wohin wollen wir?“ will Matze wissen. Meine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Goldregen!“

Schon im Juli 2013 bin ich durch diese Route geklettert und habe sie in bester Erinnerung. Seitdem hat es mich irgendwie nicht mehr an den Sustenpass verschlagen – und das musste dieses Jahr unbedingt mal wieder sein. Als ich neulich im „Plaisir West“ geschmökert habe, hat mich der Sektor Platten sofort wieder gepackt. Da Matze dort oben obendrein noch nie in einer Route unterwegs war, ist er von meinem Vorschlag sofort begeistert.

Anmarsch zum noch leicht feuchten Goldregen-Pfeiler

Am Sonntag trudelt dann die nächste Nachricht ein: Ob ich um 7 Uhr bei ihm in Sempach sein könne? Da habe ich erst mal leer geschluckt. 7 Uhr in Sempach heisst Abfahrt um 6 Uhr – und das wiederum bedeutet: Aufstehen um 5 Uhr!

Als Rentner ist man sich solche unchristlichen Zeiten schlicht nicht mehr gewohnt. 5 Uhr, das ist doch mitten in der Nacht! Doch wie es so spielt: Als ich am Morgen schon um 04:45 Uhr hellwach im Bett liege, dämmert der neue Tag ohnehin bereits. Alles läuft nach Plan – bis kurz vor Sempach der Himmel seine Schleusen öffnet und es wie aus Kübeln schüttet. Ein heftiges Gewitter zieht über die halbe Schweiz und bringt der sonnenverwöhnten Natur den ersehnten Regen.

Goldregen-Pfeiler mit Nagelschuh-Variante

Ich deponiere meine Kletterutensilien in Matzes Auto und los geht die Fahrt zum Sustenpass. Erst nach dem Seelisbergtunnel lässt der Gewitterregen nach und wie auf Knopfdruck ist die Strasse trocken. Wir verlassen die Autobahn bei Wassen und biegen auf die Sustenpassstrasse ein. Für mich ist es herrlich, einfach mal nicht selbst am Steuer zu sitzen und die Gegend bestaunen zu können.

Wir schrauben uns die Passstrasse hoch, passieren den Sustenpasstunnel und stehen wenige Minuten später am Parkplatz. Doch als wir aussteigen, begrüsst uns ein kalter Wind. Ein kurzer Blick zur Wand zeigt: An Klettern ist im Moment noch nicht zu denken, das Gewitter hat die Felsen leicht befeuchtet. Aber kein Problem – wir sind uns einig, dass eine Stunde Warten genügen sollte. Also rollen wir weiter zum Hotel Steingletscher, um uns erst mal einen sehr guten Kaffee zu gönnen. Nach ziemlich genau sechzig Minuten sind wir zurück am Parkplatz. Die Felsen sehen gut aus – der „Goldregen“ kann kommen!

Wir packen unsere Rucksäcke und stehen 20 Minuten später unter der Route. Komisch – in meiner Erinnerung war der Start gar nicht so steil. Wir machen uns bereit und Matze steigt in die erste Seillänge ein. Als begnadeter Kletterer kennt er alle Kniffs und Tricks und powert sich gekonnt über die erste wirklich schwere Stelle nach oben. Doch dann folgt die berüchtigte Plattenstelle, die mit 6a bewertet ist – daran kann ich mich noch gut erinnern. Matze probiert es, steigt hoch, wieder runter, wieder hoch, wieder runter... Nach langem Hin und Her muss er hier leider die Segel streichen.

Entspannt am Stand nach einer tollen Seillänge

Zum Glück hat der „Goldregen“ einen entscheidenden Vorteil: Diese Schlüsselseillänge lässt sich über die „Nagelschuh-Variante“ umgehen. Die Variante entpuppt sich allerdings als ungemein tricky und meines Erachtens als brachial hart. Liegt das daran, dass ich schon ewige Zeiten nicht mehr im Granit unterwegs war und den Fels schlicht nicht mehr richtig lesen kann? Völlig abgekämpft, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht komme ich schliesslich bei Matze am Stand an.

In der zweiten Seillänge, die ich im Vorstieg übernehme, erlebe ich dann mein persönliches Waterloo: Ich muss Matze nach einem Block fragen und explodiere vor lauter Lachen. Boing – so einen Hammer habe ich seit den Tagen am Hintisberg nicht mehr auf die Nase bekommen!

Ich muss mir allerdings auch eingestehen: Beim Schuhkauf habe ich meine Hausaufgaben schlicht nicht gemacht. Der Schuh drückt zwar nirgends und auch meinen Zehennägeln geht es prächtig, aber er ist einfach zu gross. Auf Granitplatten mit derart winzigen Tritten ist er viel zu unpräzise. Tja, mein eigener Fehler – jä nu!

Inspektion der 6a-Plattenstelle beim Abseilen

Wir klettern die Route bis zum Ende problemlos durch, seilen uns anschliessend ab, packen unsere sieben Sachen und marschieren zum Auto zurück. Beim Abseilen schaue ich mir die erste Seillänge nochmals ganz genau an. Und – ja – es ist so: 6a auf einer solchen Granitplatte bringe ich nicht mehr, das lassen meine Füsse und im Speziellen meine Zehen nicht mehr zu.

Auf dem Nachhauseweg kehren wir im Berggasthaus Sustenpass-Hospiz ein und geniessen feine Älplermagronen mit Apfelmus. Herrlich!

Nach einem solchen Klettertag fühlt sich die Heimfahrt immer ganz leicht an. Das Glück zu haben, eine so schöne Route in bestem Fels zusammen mit einem so lieben Freund klettern zu dürfen, ist einfach einmalig. Dafür und für die tollen Bilder möchte ich mich bei dir, Matze, an dieser Stelle ganz herzlich bedanken!

Das Spitzen-Duo schlechthin

Ein kleiner Hinweis zum Topo: Das Topo zur Route befindet sich auf Seite 199 im Kletterführer „Plaisir West“ aus dem Jahr 2023 (Route 28). Es ist allerdings nicht ganz korrekt, denn den Stand nach der fünften Seillänge gibt es nicht mehr. Im Topo sind 6 Seillängen eingezeichnet. Bei der Sanierung – die neuen, rostfreien Bolts sitzen übrigens am perfekten Ort – wurde dieser Stand entfernt. Das ist auch absolut in Ordnung, denn danach sind es lediglich noch zusätzliche 4 bis 5 Meter bis zum Ende der Route. Es sind also insgesamt 5 Seillängen zu klettern.

Kommentare