"Leicht lang" am Oelberg (Handegg)

Lesedauer: ca 3 1/2 Minuten

Der Oelberg. Meine heimliche Liebe. Bereits in den späten 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts kletterten wir dort. Der "Engeliweg" – ein Traum. Mit Peter kletterte ich "Eile mit Keile" – wobei ich mir wirklich nicht sicher bin, ob der Weg nicht "Eile mit Weile" heissen sollte. Keile? Ja, an dieser einen Stelle und sonst? Überflüssig. Weile passte wohl auch eher, denn es gehört schon sehr viel Weile dazu, die Füsse an der richtigen Stelle zu platzieren. 2002 kletterte ich mit Silvio "Siebenschläfer", wobei wir an diesem heissen Sommertag bei der zweitletzten Seillänge scheiterten und abseilten. Mit Jürgen wollte ich vor langer Zeit durch "Schiefer Traum" klettern, doch wir fanden den Einstieg nicht.

Das Gute an Kletterführern ist ja, dass man stundenlang darin blättern und nach neuen Zielen suchen kann. Fündig wurde ich im "Plaisir West", Ausgabe 2023 auf Seite 239. Einmal mehr staunte ich über meine vergangenen Leistungen in Bezug auf "Siebenschläfer" und "Eile mit Keile". Und dann sah ich sie: die Route schlechthin. 2021 wurde "Leicht lang" eingerichtet. 10 Seillängen, Absicherung gut, 10 Expressen notwendig, inklusive Abseilen über die Route. Das war sie. Genau diese Route wollte ich unbedingt noch in diesem Jahr klettern. 

Ausblick hinunter zur Handegg

Der Sommer 2026 hatte sich von seiner heissen Seite gezeigt. Ob eine Plattenroute bei glühenden Temperaturen die richtige Wahl war? Das sollten wir bald herausfinden. Am 11. Juli 2026 fuhren wir früh morgens los und sassen bereits um 08:30 Uhr im Restaurant Handegg bei einem Kaffee. Die Spannung stieg. Wir parkierten das Auto und machten uns auf den Weg. Jedes Mal, wenn ich mich durch diesen Dschungel bis zum Wandfuss hochmühe, erinnert es mich ein klein wenig an Rambo. Rambo kämpft im Dschungel, ich eben auch.  

Am Einstieg angekommen – oha – wartet bereits eine Seilschaft. Es sind Luxemburger, die fliessend Deutsch sprechen. Wir erfahren, dass sie den "Siebenschläfer" klettern. Das bedeutet für uns: Bahn frei! Ausserdem werden wir das Spektakel miterleben dürfen, wenn sich die beiden durch die wirklich anstrengenden Passagen des "Siebenschläfer" kämpfen. Weiter rechts sehen wir eine weitere Seilschaft, die schon weit oben ist. Ich bin mir nicht sicher, ob sie den "Boulder Highway" klettern oder eine der beiden Routen, die Ruedi Büschlen 2020 und 2022 eingerichtet hat. Die Antwort wird später folgen.

Wir beide kennen die Route nicht und so verabreden wir, sie im Wechsel im Vorstieg zu klettern. Tobias startet und schon bald sehe ich ihn nicht mehr. Offenbar macht es ihm Freude. Nach wenigen Minuten darf ich die Seillänge in Angriff nehmen und tue mich bereits bei der ersten schwierigen Stelle schwer. Weshalb? Die Schuhe, sie sind einfach einen Tick zu gross. "Oh je" – denke ich mir, das wird ja noch ein schönes Herumgeeiere, bis ich oben bin.

Die zweite Seillänge klettere ich in wenigen Minuten und sichere Tobias nach. In der dritten Seillänge zeigt sich der Oelberg von seiner besten Seite. Vom Stand aus sehe ich, wie Tobias an einer Stelle etwas Mühe hat. Das lässt für mich nichts Gutes erahnen. Tobias nimmt mich nach und dann sehe ich sie, diese Stelle. Es sollte nicht die letzte dieser Qualität sein. Es hat weder Tritte noch Griffe. Der Bohrhaken steckt noch weit entfernt. Mit meinen Clown-Schuhen starte ich und rutsche einfach wieder nach unten. Beim zweiten Mal – etwas energischer auf den Füssen stehend – gelingt mir die Stelle. Bei jedem Schritt rutsche ich gefühlt 15 Meter nach unten, dabei ist es einfach dieser eine Zentimeter, welcher es braucht, bis sich der Gummi im Fels verbissen hat - Clown-Schuhe eben.

Phänomenal schöne Seillänge

Die vierte Seillänge liegt wieder an mir. Etwas ernüchtert, doch glücklich im Herzen nehme ich die Seillänge in Angriff. Ein toller Move reiht sich an den nächsten und dann wiederum weder Tritte noch Griffe. Doch dieses Mal ist alles deutlich steiler! Ich überlege tausend Varianten und entscheide mich für die zweitbeste: linker Fuss hoch, Druck aufbauen, rechter Fuss hoch und schon komme ich aus dem Gleichgewicht und fasse todesmutig in den Stoffgriff gleich vor mir. Hmm... Das ist jetzt ärgerlich. Ich analysiere die Stelle noch intensiver, und dann sehe ich diese kleine Einbuchtung – sofort ist klar, wie ich die Stelle klettern muss und auch problemlos klettere. 

Blick Richtung Pfeiler

So klettern wir Seillänge um Seillänge nach oben, und wir haben das Glück, die Luxemburger in den schwierigen Passagen vor und im Steilaufschwung des "Siebenschläfers" klettern zu sehen. Dass ich da je raufgekommen bin – sagenhaft! In der sechsten Seillänge zieht die Route auf einen markanten Pfeiler. Die Kletterei ist herrlich, die Absicherung aus meiner Sicht absolut top. Auf dem Pfeiler kletternd, sehen wir auch in die Spiegelwand, links vom Oelberg. Es ist klar, weshalb die Wand Spiegelwand heisst. Wir sehen drei Seilschaften in unterschiedlichen Routen. Es ist faszinierend, den Kletterern zuzusehen.

Spiegelwand

Nach einer kurzen Rast am Routenende seilen wir die 10 Seillängen wieder ab. Die Luxemburger sind immer "in Charge". Am Wandfuss treffen wir die Seilschaft, welche rechts von uns am Oelberg unterwegs war. Und tatsächlich – sie kletterten den "Boulder Highway". Wir treffen auch noch die Dreierseilschaft, welche in der Spiegelwand unterwegs war. Sie kletterten "Herrenpartie" (6b).

Felsstruktur am Pfeiler

Und die Sonne? Wir hatten Glück, bzw. das war der Grund, weshalb wir sehr früh starteten. Sie entdeckte uns erst in der achten Seillänge. Auch ging immer ein schöner Wind, sodass wir mit optimalen Temperaturen klettern konnten. Wie warm es wirklich am Oelberg werden kann, wurde uns bewusst, als wir wieder am Wandfuss standen. Mein Handy hatte zu warm und verabschiedete sich und auch die Aufstiegsschuhe waren glühend heiss. Der Abstieg durch den Dschungel liess einmal mehr den Rambo in mir wach werden. 

Geschafft

Wir fuhren ins nahe gelegene Guttannen und kehrten im Restaurant Bären ein. Bei einem feinen Plättli und einem gekühlten Weizenbier liessen wir die Ereignisse des Tages noch einmal Revue passieren. Während wir die müden Muskeln entspannten, fiel die letzte Spannung von uns ab. Mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht und den Gedanken schon beim nächsten Kletterabenteuer traten wir schliesslich die Heimfahrt an. Ein perfekter Tag am Oelberg fand damit einen mehr als würdigen Abschluss.

An dieser Stelle möchte ich mich bei dir, Tobias, ganz herzlich für diese tolle gemeinsame Tour am Oelberg und die Bilder bedanken! Hoffentlich werden es noch mehr!

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