Sunday, October 27, 2013

Jura-Saurier in der Gorges du Court

von Markus


Drrrr. Was war denn das? Ich schaue auf mein Büropult und sehe nichts. Drrrr hat es aber klar und deutlich vernehmbar gemacht. Wenn der Laptop durchzudrehen droht, dann dreht zunächst nur der Ventilator in ungeahnte Drehzahlen und macht nicht Drrrr. Was war denn dieses Drrrr? Ach ja, das könnte ja auch mein Handy gewesen sein, fällt es mir ein. Ich nehme es in die Hand und tatsächlich, ein SMS ist eingetroffen. Es ist die Anfrage zum gemeinsamen Klettertag in der Gorges du Court. Unschwer errate ich den Absender der SMS, es ist der junge Jura-Saurier.

Sofort ist klar worum es geht und ich freue mich unglaublich, nach über einem Jahr wieder zusammen mit Chris klettern gehen zu können. Begeistert sage ich zu und auf der Zugfahrt von Bern zurück nach Basel überlege ich, wann wir zum letzten Mal zusammen klettern waren und im ganz Speziellen, wo wir das letzte Mal zusammen am Fels unterwegs waren.

Der Leser dieses Blog erinnert sich vielleicht noch an meinen Eintrag von letztem Jahr mit dem Titel Update - April bis Juni 2012, welchen ich anfangs Juli 2012 ins Netz stellte. Damals notierte ich, dass der junge Jura-Saurier repariert werden müsse. Dies ist schon lange geschehen und die etwas an der lokalen Kletterszene interessierten Mitkämpfer wissen natürlich längst, dass der junge Jura-Saurier zu alter Stärke zurückgefunden hat. Ein Blick auf den Liveticker lässt dies unschwer erkennen.

Es ist kein Zufall, dass wir wieder zusammen an den Ort unseres letzten Abenteuers zurückkehren, zu schön ist die Kletterei in der Gorges du Court und unglaublich hart das Projekt von Chris. Es verschlägt mir wirklich jedes Mal den Atem, wenn ich am Standplatz stehe und Chris seine perfektionierten Kletterzüge absolviert.

Paroi des Romains
So sensationell gut die Routen in der Gorges du Court sind, für mich hat es dort nicht so unheimlich viel zu tun. Gut, es gibt einige elegante und schöne Routen im 6b/6c-Bereich, aber 6b ist halt schwer und ich bin noch schwerer. Allerdings, das gebe ich offen zu, der Trip in den Frankenjura hat mich schon wieder hungrig auf mehr gemacht. In der Fränkischen war ich wieder knapp an 6b dran und vielleicht liegt ja mit etwas mehr Training auch wieder eine 6b+ oder gar 6c drin.

Die Wettervorhersage für den 12. Oktober 2013 ist alles andere als gut. Es soll ein Gut-Wetter-Fenster zwischen 12 Uhr und 18 Uhr geben. Wir treffen uns um 11:15 Uhr auf P Angenstein und wenige Sekunden später führt uns der Weg in die Gorges du Court. Auf dem Weg wischen die Scheibenwischer literweise Regen von der Windschutzscheibe. Wir fahren einfach weiter und tun so, als ob uns der Regen überhaupt nichts angeht. Die Fahrt vergeht in gefühlten 10 Sekunden. Wir haben uns viel zu erzählen und speziell die Geschichten die Chris über seine Trips nach Flatanger zum Besten gibt sind so faszinierend, ich könnte stundenlang zuhören.

Farbenpracht im Herbst (Danke Chris)
Just in dem Moment als Chris das Auto parkiert, hört es auf zu regnen und die Sonne lacht vom Himmel. Schnell packen wir trotzdem unsere ganz warmen Sachen in den Rucksack und machen uns auf den Weg. Ein erster Blick hoch zu den Felsen lässt das Herz tanzen. Zumindest die projektierte Linie von Chris ist absolut trocken. Es gibt nicht eine nasse Stelle in der ganzen Wand. Aber das ist leider nur ein Teil des heutigen Plans und wir hoffen einfach, dass im auch für mich kletterbaren Teil des Klettergebietes alles ok ist. Bald schwitzen wir in unseren warmen Kleidern, denn die Regenwolken sind alle verschwunden und die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel. Plötzlich ist es fast schon heiss, denn angenehm kühl. Nach 10 Minuten stehen wir beim Pilier Le Grec. An diesem Pfeiler befindet sich eine 6a+, welche ich schon einmal im Top-Rope geklettert habe. Die Hakenabstände erfordern doch etwas Mut und ich fühle mich mental noch nicht bereit, diese Schwäche anzugehen. Gerade links davon gibt es laut Chris eine schöne 6b+. Von unten sehe ich, dass es jura-untypisch in regelmässigen Abständen Bohrhaken in der Route hat. Wenn ich mich also entscheiden sollte, diese Route zu projektieren, dann müsste ich mental nicht ans Limit gehen. Chris steigt die Route in seiner gewohnt souveränen und ruhigen Art vor und schon bald hängt das Top-Rope für mich. Das ist das grosse Problem, wenn ich mit derart guten Kletterern unterwegs bin. Ich erkenne nicht, wo die Schlüsselstelle in einer Route ist. Bei Spitzen-Kletterern wie Chris sehen die Bewegungen in einer 8b exakt gleich ruhig, überlegt und konzentriert aus wie einer 5b. Das wird ja noch eine spannende Sache werden, so denke ich mir.

Marc sichert - Jurasaurier bastelt (Danke Chris)
Nun gut, ich binde mich ins Seil ein und Chris meint, dass ich beim ersten Durchgang keine grosse Freude an der Route haben werde. So kam es dann auch, denn schon nach wenigen Metern wusste ich weder ein noch aus. Aber mit der puren Freude im Herzen überwand ich auch diese erste für mich komplexe Stelle auf irgendeine Art und schon bald stand ich vor der Abschluss-Wand. Die Moves gehen gut, bis auf den mutigen Griff in einen patschnassen Griff und entsprechend flauem Gefühl im Magen. Wenige Sekunden später stehe ich wieder am Anfang von der Route und sage: "Das ist jetzt mein Projekt". Endlich, nach vielen Monaten habe ich mich durchgerungen und für mich ein Projektziel definiert. Chris ist überglücklich, denn er weiss nun, dass er jemanden hat, den ihn in die Gorges du Court begleitet.

Chris klettert standesgemäss durch "Smoke and Fly" und anschliessend bin ich mit einem weiteren Besichtigungs-Rundgang an der Reihe. Ein paar Fragen bleiben noch, aber es bleibt dabei: Ja, diese Route werde ich bald klettern können, dafür brauche ich nicht 5 Tage!

Wir wechseln hinüber zur Paroi des Romains und damit zu Chris Projekt. Einmal mehr klettere ich diese etwas spezielle 5b-Seillänge und hangle mich anschliessend am Seilgeländer zum Stand. Schon wenige Minuten später ist Chris für einen weiteren Versuch in La Cathédrale L3 bereit. Ready, Steady, Go. Was ich dann sehe, verschlägt mir den Atem und die Sprache. Statt auf irgendwelchen mit viel Aufwand produzierten HD-Filmli den Protagonisten unseres Sport zusehen zu müssen, sehe ich echtes und ehrliches Hochleistungs-Klettern in Reinkultur. Sensationell! Chris erreicht einen neuen Höhenrekord in der Route, doch leider stürzt er am allerletzten aber unglaublich schweren Zug. 

Perfektes Klettern in perfektem Fels

Eine lange Pause wird gut tun, also seilen wir uns wieder mitten aus der Wand ab und wechseln zu meinem Projekt. Ich bin zwar schon etwas müde, kann aber die Route im Top-Rope mit einem Hänger klettern. Ein gutes Gefühl überkommt mich. Ja, die Route geht. Noch einmal darf ich Sportklettern der Extraklasse, vorgeführt in einer grandiosen Umgebung, geniessen und schon bricht langsam die Nacht herein. Im letzten Tageslicht erreichen wir das Auto und es beginnt wieder zu regnen. Diesen Tag haben wir optimal ausgenützt.

Für Samstag, den 19. Oktober ist schönes Herbstwetter und bestes Kletterwetter angesagt. Wir treffen uns wieder auf P Angenstein. Dieses Mal begleitet uns Marc in die Gorges du Court. Es wird ein guter Tag werden, beste Bedingungen. Ich hege die Hoffnung, zumindest einen guten Versuch in meiner Route hinzulegen. Nach 45 Minuten Fahrt parkiert Chris seinen Wagen und wenige Minuten später sind wir am Fels. Einmal mehr darf ich vorzüglichen Formel-1 Service der Extraklasse geniessen, denn Marc klettert, wie sich das für ein Balmchopf-Triologist gehört, onsight durch meine Route und schon hängt das Top-Rope.

Der Balmchopf-Triologist in Action (Danke Chris)
Schnell bereite ich mich für einen letzten Sightseeing-Durchgang vor und los gehts. Das Alter schlägt zu und so habe ich doch meines Erachtens zuviele ausgeboulderte Stellen schlicht vergessen. Chris surft durch die Route und ich kann mir noch ein paar bessere Lösungen für meine Problemzonen ansehen und merken. Dann geht es Schlag auf Schlag. Marc erlebt Türkische Wochen im Jura und ich stürze beim allerletzten Move im ersten Go. Ich bin schon etwas enttäuscht, gleichzeitig aber auch stolz. Denn zum ersten Mal seit 15 Monaten klettere ich wieder 6b+ und zum ersten Mal seit Jahren fliege ich aus einer Route. Ich bin nun motiviert und weiss, dass ich diese Route klettern kann, noch am gleichen Tag! Nach einer guten Pause bin ich wieder an der Reihe. Ich steige ein, aber die Nervösität hat mich schwer im Griff. Alles zittert ein klein wenig und ich bin unkonzentriert. Es kommt natürlich genau so, wie es kommen muss bei solchen Voraussetzungen. In der Mitte der Route ist alles aufgebraucht, die Moral, die Kraft, das Wollen. Ich greife mit der falschen Hand an einen guten Griff, realisiere diesen Fehler und kann ihn nicht mehr korrigieren. Es geht einfach nicht. Oder will ich einfach nicht? Enttäuscht von mir selber setze ich mich ins Seil und Marc lässt mich wieder zurück auf den Boden. Ja, etwas sehr viel Motivation hat dieser Fehlversuch schon gekostet.

Unmittelbar vor der Abschlusswand (Danke Chris)
Nach einer weiteren guten Pause binde ich mich zum dritten Mal ins Seil für einen Vorstiegsversuch ein. Alles ist wieder ok. Die Batterien sind wieder etwas aufgeladen, das Wollen ist wieder zurück und die Route liegt jetzt auch im Schatten. Langsam mache mich mich auf den Weg. Die ersten 3 Bohrhaken klippe ich ohne grosse Anstrengung. Jetzt kommt die schwierige und unübersichtliche Stelle, meine ganz persönliche Problemzone. Etwas mulmig ist mir schon, als ich den ersten Move hinlege, doch dann plötzlich läuft es wie von selbst. Die ganzen einstudierten Sequenzen reihen sich erfolgreich aneinander. Das Klettern macht höllisch Spass. Seit Monaten habe ich mich nicht mehr so wohl am Fels gefühlt. Super. Schon bald bin ich bei der Abschlusswand. Ich weiss, da muss ich nochmals tüchtig Gas geben. Wie von meinem Trainer vor über 10 Jahren gelernt, nehme ich die bestmögliche Ruheposition ein und warte so lange, bis mein Puls wieder ok ist und ich nicht mehr keuche wie ein Ochse auf dem Feld.

Nach geschätzten 5 Minuten fühle ich mich für den Gipfelsturm bereit. Die Konzentration ist da, der Wille, die Route zu schaffen ist da. Das einstudierte Programm läuft ab. Zuerst mit der rechten Hand ein 2-Finger-Loch blockieren. Sauber hinstehen, Gewicht auf die Füsse bringen. Express klippen. Mit dem Mittelfinger der linken Hand ein scharfes 2-Finger-Loch und mit dem Ringfinger "auffüllen". Belastung halten. Mit der rechten Hand nun an einen etwas abschüssigen Griff. Mit dem linken Fuss auf einen kleinen Tritt, mit rechts auf einen noch kleineren Tritt. Nun mutig mit der linken Hand hoch an einen weiteren abschüssigen aber guten Griff. Gewichtsverlagerung einleiten, damit das Gewicht sauber auf beide Füsse weggestanden wird. Mit der rechten Hand hoch zur linken Hand. Mit der linken Hand weiter an einen runden Griff. Mit der rechten Hand nun hochgreifen an einen Griff für das erste Fingerglied. Körperspannung halten. Nicht mit den Armen ziehen. Mit den Beinen hochdrücken. Nun mit rechts über Kreuz an sehr guten Griff, anschliessend mit der linken Hand an nicht ganz so guten Griff knapp oberhalb der rechten Hand. Die Füsse auf bessere Tritte etwas weiter oben stellen, Körperspannung halten und doch flexibel bleiben, Körper durchdrücken und nun mit rechter Hand an Abschlussgriff. Umlenker klippen. YES! Das war für mich eine der besten Routen seit sehr langer Zeit.

Ohne die so positive Aura, den Formel-1 Support und die selbstlose Art von Chris und Marc wäre aber dieser Erfolg nie möglich gewesen. Daran erkennt man die wahren Freunde. Euch beiden herzlichsten Dank!

2 comments:

Thomas said...

Sehr geiler Bericht, wie immer. Wo liegt denn die Gorge du Court?

Markus Dolenzky said...

Hallo Thomas

Die Gorges du Court liegt an der Strecke zwischen Moutier und Court. Von Basel aus ist die Gegend in ca. 50 Minuten mit dem Auto zu erreichen. Einfach durch das ganze Laufental, Delémont weiter bis Moutier und von dort Richtung Court. In der Gorges du Court stehen die höchsten Felsen des Juras, so meinte ich gehört zu haben.

Viele Grüsse
Markus