Sunday, January 12, 2014

1979 - Teil 2

von Markus


Richi meinte, dass der sicher nach erfolgreichem Durchstieg der "Illusion" zu erwartende etwas lange Blog-Eintrag mit einem „Yes“ genügend dokumentiert wäre. Es kam bzw. es ist alles ganz anders.

1977 war ein für den Klettersport geschichtsträchtiges Jahr. In diesem Jahr kletterten Helmut Kiene und Reinhard Karl durch die „Pumprisse“ im Wilden Kaiser und bewerteten die Route mit VII. Einen wunderbaren Artikel über die Zweitbegehung, der so im September 1977 in der Zeitschrift Alpinismus erschienen ist, kann hier gelesen werden.


Bis zu diesem Zeitpunkt galt 6+ als das Höchste der Gefühle im Klettersport. Die Definition von 6+ liest sich atemberaubend:

„Mit 6+ wird eine Freikletterstelle bezeichnet, deren Überwindung für die besten Felskletterer in Hochform, bei günstigen Verhältnissen (trockener Fels), unter optimaler Ausnutzung der Felsbeschaffenheit (Griffe, Tritte, Reibung) und beim heutigen Ausrüstungsstand (Profilgummisohle) immer einen Gang an der Sturzgrenze bedeutet. Meist nur auf wenige Meter beschränkt. Im Hochgebirge seltener als in Klettergärten. Eine Passage im Schwierigkeitsgrad 6+ ist definitionsgemäss bei winterlichen Verhältnissen ohne zusätzliche Haken als Fortbewegungshilfen unbezwingbar.“ (Danke Jürgen…)

6+ ist immer noch schwer zu klettern, auch wenn heute die Skala viel weiter nach oben geht. Ich selber merke, dass einmal Klettertraining pro Woche zwingend notwendig ist, um 6a halbwegs klettern zu können.

Am 5.2.1979 klettert Richi Signer erfolgreich durch die Illusion und bewertet die Route mit -7. Es ist die erste Route im Basler Jura, welche mit diesem Grad bewertet wird, eine der ersten Routen überhaupt in der Schweiz in diesem Grad.
Pelzli - Daumen
Tag 1: 8. Juni 2013 

An diesem Samstag stehe ich das erste Mal seit 35 Jahren wieder unter der Daumen Ostwand. Sie ist immer noch gleich steil wie in meiner Erinnerung, sie hat immer noch diesen einen markanten Riss und nun hat sie auch wunderschöne Bohrhaken. Eine Linie davon ist die legendäre „Illusion“ von Richi. Es ist ein warmer Tag, fast schon heiss, also das wohl falscheste Wetter für eine Tour im Pelzli. Der Wunsch, diese Tour zu klettern ist aber so gross, dass ich diese Tatsache einfach ignoriere. Nach etwas Kampf hängen meine Express, die ich trotz aller meiner deutlich vernehmbaren Worte immer noch nicht auf ricardo.ch zum Kilopreis versteigert habe, in den Bolts und mir ist klar – wenn ich die Route geschafft habe, dann höre ich mit Klettern auf, denn dann bin sicher schon in der Generation 70+, gehöre also zur Gattung der Uralt-Jura-Saurier. Sollte ich denn die Route je schaffen.

Markus sichert mich bei meinem ersten Top-Rope-Durchgang. Beim ersten Bolt sind Tritte und Griffe in homöopathischen Dosen vorhanden. Beim zweiten Bolt ist dann ganz fertig. Keine Ahnung wie das geht und so bin ich froh, dass das Seil von oben kommt und ich es irgendwie schaffe mich über die schwere Stelle zu würgen. Bolt Nummer 3 geht ganz locker und bis zu Bolt 4 sind keine Probleme sichtbar. Jetzt stehe ich am Anfang der Schlüsselstelle. Richi hat mir seinerzeit genau erklärt, wie die Stelle zu klettern ist. Ich mache genau das, was er mir gesagt hat und kann mich genau 5 Zentimeter bewegen. „Das wird ein Murks der Obermegaklasse“ denke ich mir bitte Markus, mich abzulassen. Markus ist nun an der Reihe. Er findet überall Tritte und Griffe. Er klettert ohne erkennbare Schwierigkeiten bis zur Crux. Ein klein wenig Üben und – zack – schon ist er am grossen Henkel.

Mein entscheidender Fehler an diesem Tag ist, dass ich in der prallen Sonne durch die Route klettere. Es war einmal mehr meine Gier, eine Route „umsveregge“ klettern zu wollen, koste was es wolle, die mich das machen liess. Es kostete mich derart viel Haut an meinen Fingern, dass sie jetzt extrem berührungsempfindlich sind. Wir alle kennen das. Deine Hand geht zum nächsten Griff und du weisst schon vorher, wie dich die Schmerzen peinigen werden. Die Folge ist, dass das Klettern eigentlich eher einem Schmerzverhinderungs-Gang durch die Hölle ähnlich ist, denn einem guten Boulder-Durchgang. Weich gekocht gebe ich nach einem doch überraschend guten Boulder-Durchgang auf und ich konnte erkennen, dass die homöopathischen Dosis an Griffen und Tritten doch nicht stimmt.


Tag 2: 15. Juni 2013

1 Woche später stehe ich wieder unter der Illusion. Markus und Roland klettern in der Illusion, ich aber beherzige einen Tipp von meinem Mental-Trainer Jürgen und begebe mich hoch zur Daumen Westwand um den Normalweg zu klettern. Es ist phänomenal, woran sich das Hirn innerhalb von Sekunden wieder erinnert, obwohl ich vor 35 Jahren das letzte Mal dort oben gestanden bin. Der Normalweg ist mit 4a bewertet und heute bestens abgesichert. Seinerzeit hatte es eine Rostgurke und irgendwann hatte jemand ein Einsehen und platzierte einen wunderschönen Bolt. Den gibt es immer noch und verrichtet still und geduldig seinen Job. Ich schaue die Route an, hänge mir die Express an den Klettergurt und klettere in wenigen Zügen auf den Gipfel. 
Daumen - Normalweg
Ein wunderbares Gefühl durchströmt mich, als ich mich rittlings wie das letzte Mal vor vielen Jahren auf den Gipfel setze. Frei, losgelöst, einzigartig schön, hoch über den Baumwipfeln und in diesem Ausmass nur auf dem Daumen in Pelzli zu haben. Immer wenn ich hier oben sitze verstehe ich alle Base-Jumper bestens. Es muss ein atemberaubendes Gefühl sein, sich nun in die Luft zu werfen und einem Adler gleich der Erde entgegen zu segeln, eins sein mit den Elementen der Natur, Adrenalin pur, höchste Präzision, eine andere Dimension. 
Als weiteres Nebenprojekt zur Illusion klettere ich an diesem Tag durch die Nordwand des Daumen. Vor vielen Jahren habe ich diese Route noch mit Leiterli bewaffnet geklettert. Heute ist das eine nette Route mit einem etwas schwereren Zug in der Routenmitte und ist bestens gesichert. An diesem Tag, es ist wiederum ein schöner warmer und damit viel zu warmer Tag für das Klettern im Pelzli, bouldere ich nochmals durch die Illusion. Bis auf die Schlüsselstelle gehen alle Züge. Nun heisst es, Geduld zu haben und auf kühle Tage warten.


Tag 3: 11. Januar 2014

Die Wettervorhersage meint, es werde 12 Grad. Es wurden nur 8. Der Wetterbericht meinte, es sei den ganzen Tag trocken. War es nicht!

Zusammen mit meiner guten Freundin Heike verabrede ich mich für einen Tag im Pelzli. Ich möchte testen, ob das Training im B2, welches ich nun schon seit einigen Wochen betreibe, schon etwas fruchtet. An Silvester gelang mir die Route "Grauzone, 6b" in der Tüfleten, also sollte ich nun eine bessere Figur in der Illusion abgeben. Wir sind ganz allein im Pelzli, sagenhaft. Offenbar verirren sich wirklich nur noch die wirklichen Jura-Saurier ins Pelzli. Die Bedingungen könnten nicht besser sein. Wir klettern via den Normalweg auf den Daumen und ich hänge beim Ablassen über die Ostwand das Top-Rope in die Route. 
Daumen Ostwand
Bei der Inspektion muss ich konstatieren, dass es definitiv keine weiteren Griffe und Tritte in der Route gegeben hat. Heike steigt als Erste in die Route ein. Fantastisch wie sie auf Anhieb alle richtigen Griffe und Tritte ohne meine Hilfe findet und schon bald steht sie bei der verflixten Schlüsselstelle. Sie probiert dies, sie probiert das und nach 3 Minuten hat sie eine offensichtlich ganz einfache Lösung gefunden. Nun liegt der Ball bei mir. Ich steige ein. Es ist der Hammer. Ich finde überall Griffe, die ich letztes Jahr nicht annähernd halte konnte und an denen ich mich heute ausruhen kann. Auch das Tritt-Training im B2 zeigt seine Wirkung und so finde ich bessere Tritte als bisher und kann diese deutlich besser belasten. Die Moves gehen richtig gut und nach wenigen Minuten bin ich bei der Schlüsselstelle. Das Gebastel geht wieder los. Heike erklärt mir ihre Lösung, welche ich sofort adaptiere. Und – welch Wunder – einem Engel gleich schwebe ich über die Schlüsselstelle. Vielleicht sind aber auch nicht näher erklärbare Mächte zugange und haben ein Einsehen mit einem alten Jura-Saurier. Es beginnt kurz zu regnen und wir wissen nicht, wie nass denn die Route wird. So entscheidet sich Heike nochmals durch die Illusion zu cruisen und kann sie problemlos im Top-Rope klettern. Ich kämpfe mich auch nochmals durch die Route, rutsche auf den nassen Reibungstritten aus und mache den üblichen Fehler an der Schlüsselstelle und hänge im Seil. Als Antwort auf das erneute Scheitern stelle ich die ganze Bewegungssequenz an der Schlüsselstelle einfach um und siehe da, auch ohne ausserirdische Hilfe kann ich die Stelle klettern.

Wir klettern auf den Kleinen Daumen und Heike begutachtet die Anarchia. Auch hier – fantastisch wie sie nach ein klein wenig Üben die richtigen Griffe und Tritte findet. Ich mag mich noch gut an meinen Trip mit dem jungen Jura-Saurier durch die Anarchia erinnern. Ohne Flaschenzug-Hilfe wäre ich vom Überhang nie weggekommen und wäre höchstwahrscheinlich des Hungers verstorben. 
Anarchia an der Südwand des Kleinen Daumens

Ich entscheide mich, einen Vorstiegsversuch in der Illusion zu unternehmen. Aber - da macht mir die einbrechende Dämmerung einen Strich durch die Rechnung. Alte Jura-Saurier sehen in der Dämmerung nicht mehr so scharf und deshalb entscheide ich mich schweren Herzens nochmals für einen Top-Rope-Durchgang. Alles läuft perfekt. Die Unterarme sind vor der Schlüsselstelle schwer gepumpt, trotzdem ziehe ich durch und kann das erste Mal die Route im Top-Rope durchsteigen.

1 comment:

Thomas said...

Die Illusion ist schon ganz grosses Kino. Ich habe die Route geklettert als mein Niveau schon viel höher war und trotzdem erinnere ich mich an einen schweisstreibenden Kampf. Vor allem die Stelle zur Kante hin habe ich als sehr heikel in Erinnerung. Wie immer toller Bericht der tonnenweise Erinnerungen hochkommen lässt.