"Gut Ding will Weile haben", so auch auf diesem Blog. 😆
Wir schreiben das Jahr 2025. Es war ein ganz besonderes Jahr für mich. Ein Jahr, in dem das Ende meiner Karriere mit Riesenschritten nahte – und sich doch wie eine gefühlte Ewigkeit hinzog. Welches Ende? Mein Erwerbsleben war auf den 31.12.2025 terminiert. Seither gehöre ich zum immer grösser werdenden Pool der Rentner der "Generation Baby Boomer". Im April 1977 startete das Abenteuer "Arbeit" mit einer zweijährigen Lehre bei der Balôise und endete schliesslich, 48 Jahre später, als Software-Tester bei einem Finanzdienstleister.
Ich stellte mir mein letztes Arbeitsjahr eigentlich so vor: Im Frühling tritt die neue Nachfolgerin ihre Stelle an, und wir haben bis Ende Jahr Zeit, all mein Wissen in Ruhe zu übergeben. Das Management wusste schon ewig, wann ich gehe. Doch unternommen wurde – wie das heutzutage so üblich ist – erst einmal nichts. Die neue Kollegin startete schliesslich erst Ende September. Das Resultat? Ein maximal chaotisches Phase-In/Phase-Out. Hektik und ein bisher ungekanntes Stresslevel bis zur letzten Minute Mitte November forderten meine allerletzten Reserven.
Eine Sache war wirklich gut im Jahr 2025: Mein Einsatz wurde vom Finanzdienstleister auf 80 % reduziert, doch erhielt ich von meinem Arbeitgeber die vollen 100 % Gehalt. Lucky Punch! Einmal darf auch ich Glück im Leben haben.
Diese 80/100-Regelung hatte für mich einen entscheidenden Vorteil: Den freien Tag halbierte ich, um jeweils Dienstag- und Donnerstagnachmittag im B2 zu trainieren. Ich wusste, dass ich körperlich nicht gerade auf der Höhe meiner Fähigkeiten war. Doch Richi hatte eine glorreiche Idee: Ich sollte mir einen Boulder-Parcours zusammenstellen und diesen fünfmal durchpowern, mit jeweils fünf Minuten Pause dazwischen. Das zog ich jeden Dienstag durch. Irgendwann im Frühling war der Rost aus den Gelenken und ich fühlte mich wieder richtig fit. Das Training ergänzte ich mit Boulder-Sessions mit meinem Freund Roland. Wir kennen uns seit stolzen 62 Jahren – quasi direkt aus dem Sandkasten, noch vor dem Kindergarten. Roland war es auch, der mich damals zum Klettern gebracht hat.
Und 2025 passte es endlich auch mit meinem Neffen Tobias zusammen, sodass wir regelmässig bouldern und klettern gehen konnten. Wie heisst es so schön? Der Appetit kommt beim Essen. Also beschlossen wir: Im Sommer 2025 packen wir eine gemeinsame Klettertour in den Alpen an. Mit diesem Ziel vor Augen trainierte ich hochmotiviert weiter – auch wenn der ständige Stress im Büro mich immer wieder ganz gehörig ausbremste...
Und dann kam der Tag, an dem diese Alpentour auf dem Programm stand. Schnell war eine Route gefunden, die wir zusammen klettern wollten. „Schöne Aussichten“ am Hintisberg war unsere Wahl, denn ich kannte die Route und hatte das Erlebnis seinerzeit hier aufgeschrieben.
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| Hintisberg |
Am Donnerstag, 7. August 2025 holte ich Tobias ab und wir fuhren zusammen an den Hintisberg. Ich wusste, dass im Restaurant Stalden eine Maut zu bezahlen war. Also parkierte ich das Auto vor dem Restaurant und stellte den Motor ab – nur um ihn gleich wieder anzulassen. Das Restaurant war nämlich geschlossen. Aha!
Todesmutig fuhren wir einfach weiter und – siehe da – nach mehreren hundert Metern auf der Strasse Richtung Alp Hintisberg tauchte auf der linken Seite eine kleine Mautstation auf. Genialerweise konnte man dort mit Twint bezahlen. Ich zückte also mein Handy und betete, dass das „beste Netz der Schweiz“ (laut Sunrise-Werbung) es bis hierher schaffte. Sunrise hatte mich schon des Öfteren „versegglet“, doch dieses Mal hatte ich Glück: Die Zahlung ging durch und unser Auto brachte uns sicher hoch zum Parkplatz.
Die Aussicht dort oben war einmal mehr wunderbar, einfach einzigartig. Doch etwas vermisste ich schmerzlich: Wolken. Gemäss Wetterprognose hätte es bewölkt sein sollen, aber die Wolken wussten offenbar nichts von ihrem heutigen Einsatz. Die Sonne knallte von einem absolut wolkenlosen Himmel – und ich ahnte bereits, was das für uns bedeuten würde.
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| Voller Tatendrang beim Einstieg |
Wir nahmen unser heisses Schicksal tapfer an, schulterten die Rucksäcke und machten uns an den Aufstieg zum Einstieg. Obwohl ich schon lange nicht mehr hier oben war, packte mich die Kulisse sofort wieder: Auf der einen Seite ragte die wunderschöne Südwand des Hintisbergs auf, auf der anderen thronte exakt gegenüber das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau. Einfach fantastisch!
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| Eiger, Mönch und Jungfrau |
Wie immer meldete sich bei jedem Schritt mein rechtes Knie. Ein treuer Begleiter, mit dem ich wohl bis zum Ende meiner Tage leben muss. Trotzdem kamen wir ungemein schnell voran und erreichten den Einstieg fast ohne Schweissausbrüche. Dort angekommen hatten wir Pech und Glück zugleich: Eine andere Seilschaft war gerade vor uns eingestiegen. So konnten wir uns das Ganze erst einmal in aller Ruhe anschauen und spionieren, wie die erste Seillänge zu klettern war.
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| Erfolg! |
Wir machten uns startklar. Weil ich damals bis auf die erste Seillänge der Route alle im Vorstieg geklettert war, liess ich Tobias den Vortritt. Er startete vorsichtig, klippte die ersten Bolts und erreichte bald die Schlüsselstelle der ersten Seillänge. Er probierte es links herum, rechts herum, gerade hoch und dann – zack – ein beherzter Griff in die Expressschlinge, und kurz darauf stand er am ersten Stand.
Als ich sah, wie Tobias an dieser Stelle „rumgeknorzt“ hatte, schossen mir plötzlich düstere Gedanken durch den Kopf. Das letzte Mal bin ich hier doch problemlos hochgekommen? Warum habe ich jetzt so einen Respekt davor? Die Stelle ist mit 5b bewertet – ein Grad, den ich eigentlich beherrsche. Doch plötzlich blinkt in meinem Hirn eine riesige, rote Warnleuchte auf: „Worauf hast du dich hier nur eingelassen?! Viel zu schwer für dich!“
Nun gut, wir waren hier, das Wetter war traumhaft, Tobias war oben. Also los, zumindest versuchen musste ich es. Die ersten Meter liefen super. Doch dann stand ich vor der harten Stelle – und sah absolut kein Land. Chancenlos. War ich wirklich so schwach geworden? Hatte ich mich derart überschätzt? Die nackte Realität holte mich ein: Auch ich zog mich an den Express hoch, mogelte mich am nächsten Haken vorbei und kämpfte mich irgendwie hinauf zum Stand.
Völlig frustriert und mental angeschlagen kam ich bei Tobias an. Vor uns lag die zweite Seillänge, bewertet mit einer machbaren 4c. Ich erinnerte mich an sie, und die Vorfreude verdrängte den ersten Frust für einen kurzen Moment. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuss: Seillänge drei hielt wieder eine 5b-Stelle bereit. Auch an diese erinnerte ich mich genau – und wieder ging gar nichts. Statt die Stelle frei zu klettern, zog ich mich erneut an den Express hoch.
Am Stand angekommen war ich völlig desillusioniert. Mir war klar: Die beiden letzten Seillängen sind mit 5c bewertet. Wenn ich nicht mal eine 5b schaffte, wie sollte ich dann da hochkommen? Das würde ein Kampf der Extraklasse werden. Geknickt kletterte ich weiter. Die Route gefiel mir zwar unglaublich gut, aber diese mentale „Faust mitten ins Gesicht“ tat verdammt weh.
Der befürchtete Kampf in den 5c-Längen wurde am Ende zwar nicht ganz so heftig wie in meiner Horror-Vorstellung – aber das änderte nichts an der tiefen Enttäuschung über meine eigene Performance.
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| Sanierte Standplätze |
Am Ende der Route angekommen, genossen wir die fantastische Aussicht und bereiteten uns auf das Abseilen vor. Das klappte problemlos, und schon bald standen wir wieder am Einstieg. Wir packten zusammen, marschierten zurück zum Auto und flüchteten endlich in den Schatten. Ich spürte eine tiefe Müdigkeit – mental wie physisch.
Auf der Alp Hintisberg gönnten wir uns ein "Plättli" und ein kühles Bier. Das Leben war schön und die Route "Schöne Aussichten" war es auch. Nur ich war ein wenig niedergeschlagen; irgendwie hatte ich mehr von mir erwartet. Aber das ist wohl das Problem mit Erwartungen: Meistens wird man von ihnen enttäuscht. Und es "schleckts kei Geiss weg": 15 Jahre mehr auf dem Zähler machen manche Dinge einfach härter und schwieriger. Dennoch nehme ich diese Erfahrung als Ansporn, um dranzubleiben und besser zu werden.
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| Geschafft! Zurück beim Auto |






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