Tuesday, April 7, 2015

Durststrecke

von Markus

Das Projekt hatte ich bereits beerdigt. Ein Sack mehr, der rumhängt, aber auch einer, den ich nicht mehr werde abhängen können. Vor über 6 Jahren kletterte ich das letzte Mal in Routen im Bereich 7a. Da war ich noch jung, hübsch und stark. Heute bin ich nur noch - ach ja, das sollen andere entscheiden. Es war wieder so eine Alberei im B2, die dieses Projekt wieder zum Leben erweckte. Unclimbable – für mich weit ausser Reichweite und trotzdem wollte ich wissen, ob 7a noch einmal möglich ist. Zusammen mit Chris wollte ich im Winterhalbjahr dieses Unclimbable angehen. Reduktion auf 1 Projekt, dafür am Limit und totaler Fokus und volles Engagement für dieses Abenteuer. Ich erhöhte die Intensität des Trainings mit dem Ziel, länger in der Route scheitern zu können, ganz analog dem Werbespruch von Ovomaltine: Mit Ovo kannst du es nicht besser, aber länger. Auf dieses „länger“ war ich gespannt und es sollte die Basis für den Erfolg bilden. 

L'aventure hinterlässt Spuren
Es kam der Tag, an dem wir voller Freude nach Soyhières fuhren. Soyhières ist ein wunderbares Klettergebiet, ich bin sehr gerne dort. Auch – oder gerade deshalb – weil es dort für mich nur Unclimbables gibt und ich mich völlig stressfrei und ohne irgendwelche Ambitionen visuell den fantastischen Routen hingeben kann - High-End Klassiker. Ich fühle mich wohl inmitten meines „Circuit of the Unclimbables“. Wie immer wenn ich mit Chris unterwegs bin, geht es mir wirklich ausgesprochen gut. Schon bald hängt das Seil in meinem Abenteuer und es kann losgehen. Ich stehe unter der Route und jetzt es gilt ernst. Was ist der Stand der Dinge? 4 Moves – Block - Chancenlos! Hoffnungslos überfordert hänge ich beim dritten Bolt. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Abends schleiche ich mich in die Wohnung und will nur noch eines – schlafen. Ich bin total erschöpft – psychisch und auch physisch. Nicht aufgeben heisst die Losung! Tag 2 bringt Klärung, der Nebel lichtet sich, aber auch Kampfspuren sind Teil des Spiels. Tag 3 bringt schon fast den Durchbruch im Top-Rope. Tag 4 in der Route gibt es nicht mehr, Soyhières ist komplett abgesoffen.

s'Vreni
Es muss ein Alternativ-Programm her, welches ich auch sehr schnell finde. Im Pelzli möchte ich gerne die Route „s'Vreni“ klettern. Das ist, soviel ich mich erinnern mag, die Route, welche Richi vor der „Illusion“ geklettert hat und seinerzeit mit 5b bewertete. Heute prangt ein 6a+ bei der Schwierigkeitsbewertung. Zusammen mit Richi habe ich in mühsamer Kleinarbeit letztes Jahr noch die richtige Vorgehensmethode für die Schlüsselstelle gefunden. Sagen wir es mal so: meine etwas in die Jahre gekommene Beweglichkeit hilft jetzt nicht unbedingt in dieser Route. An einem schönen Samstag bin ich nach langer Zeit wieder einmal mit Simon im Pelzli. Und es ist wie immer: Simon klettert ohne erkennbare Schwierigkeiten durch die Route. Ich bleibe wie ein Sack Mehl an der unteren Schlüsselstelle kleben. Da geht einfach nichts. Die obere Schlüsselstelle kann ich relativ bald klettern. Aber die untere Schlüsselstelle ist für mich unkletterbar. Aber – das ist die gute Nachricht – ich konnte dank des harten Trainings länger in der Route üben. Nach dieser Enttäuschung überlege ich mir ernsthaft, nun definitiv mit dem Klettern aufzuhören und definitiv meine Express zu verschenken. Wie immer nach einem derartigen Misserfolg tobt eine fast schon blutige Schlacht in meinem Kopf. Aufhören? Weitermachen? Beide Geister haben die gleich starken Argumente und die gleich starke Fraktion hinter sich versammelt. Es war eine unheimlich harte und schmerzvolle Landung auf dem Boden der Realität.

Alles läuft schief. Was ich auch anpacke, es funktioniert nicht. Seit dem erfolgreichen Durchstieg des „Gummiadler“ am 1. November 2014 will mir nichts mehr gelingen. Selbst Verabredungen zum Klettern funktionieren nicht mehr, da ich bei schönstem und bestem Kletterwetter meiner Arbeit nachzugehen habe und keine Chance sehe, kurzfristig einen Tag frei zu nehmen. So geschieht es denn auch, dass ich nach einem völlig verregneten Samstagmorgen gleichentags am Nachmittag bei guten
Pelzli - Nase
Bedingungen total allein im Pelzli bin. Ich wollte diesen Umweg zum B2 unbedingt unternehmen. Das Pelzli im späten Winter ist phänomenal schön. Die Natur wartet auf die warmen Tagen, es ist herrlich ruhig, entspannend, kraftspendend. Die weissen Kalkfelsen schimmern wunderschön durch den laublosen Wald und nur zu diesem Zeitpunkt ist die effektive Höhe, die Einzigartigkeit und die Vielfalt der Felsen zu erkennen. Wie ich so den Weg zum Basler Mätteli hochlaufe und die warmen Sonnenstrahlen geniesse, klingelt das Telefon. Am Apparat ist Chris. Weshalb ruft mich Chris an, so frage ich mich? Er ist doch in St. Lèger. Voller Freude nehme ich den Telefonanruf entgegen. Chris ist nicht in St. Lèger sondern in der Schweiz und 30 Minuten später mit 3 Bouldermatten bei mir im Pelzli. Ich war schon viele, viele Male im Pelzli, aber zum Bouldern mit Bouldermatte hat es noch nie gereicht. Abenteuer stand auf dem Programm. Gemeinsam wandern wir hoch zu den Pelzliblöcken. Chris zeigt mir all die wunderschönen Boulder, an denen ich über viele Jahrzehnte einfach völlig ignorant vorbei gelaufen bin. Den Boulder Flik-Flak habe ich noch im Projektstadium erlebt wie auch Swing-Up. Das „Kleine Lochproblem“ und das „Grosse Lochproblem“ waren seinerzeit genau einmal von Richi geklettert. Natürlich versuchte ich mich seinerzeit auch an den Boulder, konnte mich jedoch nie an den Griffen halten, bekam nie die notwendigen Bewegungen auf die Reihe und brachte die Füsse kaum vom Boden. An diesem Samstagnachmittag wird – Dank Chris – ein Traum wahr. Ich kann die Pelzlikante klettern. Fast 40 Jahre, nachdem ich das letzte Mal an dieser Wand geübt hatte, gelingt mir dieses „Wunder“. Ich war noch selten so glücklich in meinem Leben. Dazu passt eine wunderschöne Redewendung: Unverhofft kommt oft!

Bouldern ist anstrengend, macht aber Spass
Trotz des Erfolges im Pelzli bin ich unzufrieden. Das Wetter ist weiter instabil. Es bleibt nur der Gang ins B2. Gott sei Dank haben wir das B2 und die Boulder machen mir viel Spass - obwohl ich kaum welche hochkomme. Seit Wochen warte ich auf den einen Samstag, an dem ich nach langer Zeit wieder einmal draussen klettern gehen kann. Die Warterei zerrt an den Nerven. Doch auch das Warten hat einmal ein Ende. Der Bärenfels ist das Ziel. Seit bald 14 Jahren laufe ich hoch zu dieser einen Route: "Via Kathrin". Was habe ich nicht schon alles in der Route erlebt. Hitze. Kälte. Regen. Eis. Schnee. Stau. Quengelnde Kinder mit überforderten Eltern. Ruhe. Lärm. Kein Kletterpartner. Vor 2 Jahren waren Roland und ich sehr nahe dran, die Route klettern zu können. An diesem einen Samstag vor 2 Jahren kamen wir allerdings 15 Minuten zu spät. Die Route war belagert, d.h. der ganze Bärenfels war belagert. Es war gar nicht lustig. Ich ärgerte mich derart, dass ich seither einen grossen Bogen um den Bärenfels machte. Aber die Route liess mich nicht in Ruhe.

Die Schlüsselstelle hat es in sich, sollte aber dank dem Training nun endlich auch für mich Grobmotoriker zu klettern sein. Beim ersten Top-Rope Durchgang erschrecke ich: alles geht viel zu einfach. Meine Lösung für die Schlüsselstelle ist brachial hart, geht aber. Roland findet eine alternative Lösung und ich adaptiere diese sofort. Anschliessend kann ich die Schlüsselstelle dreimal fehlerfrei klettern. Für einen Go reicht es an diesem Tag nicht mehr. 

 „L'aventure“ in Soyhières abgesoffen, „s'Vreni“ im Kreis der Unclimbable angekommen, das Wetter instabil und regnerisch, alles ist schief und schräg in meinem Kletterleben. Wenn mir jetzt also auch noch die "Via Kathrin" den Vogel zeigt, dann ist einfach Schluss, definitiv. Dann ist die Geduld komplett aufgebraucht. Dann ist Zeit für eine längere oder lange wenn nicht sogar sehr lange Pause.

Es regnet und regnet und regnet, das Wetter ist weiter instabil. Wären die Bolts nicht wirklich satt im Fels verankert, sie wären mit den Wassermassen schlicht aus dem Fels gespült worden. Warten auf diesen einen guten Tag ist angesagt. Ausharren und die gefundene Lösung nicht vergessen. Ab einem gewissen Alter ist speziell Letzteres nicht zu unterschätzen.

Es ist Samstag, der 21. März 2015, Frühlingsanfang und angenehm frisch – eher kalt. Das sind die Bedingungen, die ich für "Via Kathrin" brauche. Seit einer Woche hat es nicht mehr geregnet und es wehte immer ein Wind. Die Wand wird trocken sein. Beim für diesen Tag angekündigten Wetter und Temperaturen wird der Bärenfels wohl uns alleine gehören! Dick eingepackt in unsere Winterausrüstung marschieren Roland und ich einmal mehr hinauf zum Bärenfels. Schon von Weitem sehe ich, dass es heute keine Ausreden geben wird. Der ganze Felsriegel ist komplett trocken. Aber was sehe ich da? Hängen da nicht Seile in der Wand? Seile? Stau in der "Via Kathrin"? Nein, nein, nein! Das darf doch alles nicht wahr sein! 10 Minuten später ist alles klar. Es findet ein Kletterkurs statt und die teilnehmenden Mädchen und Jungen zittern vor lauter Kälte. Aber tapfer harren sie aus und lassen sich den eisigen Wind sich um die Ohren wehen. Sie erlernen das Abseilen und garantiert auch das Frieren. Wir wärmen uns in einer leichten Route auf. Wobei aufwärmen das falsche Wort ist. Wir müssen uns bewegen, damit sich auf unsern Kleidern keine Eiskruste bildet. Der Wind bläst unangenehm bissig und statt der angekündigten Sonnenstrahlen ist der Himmel bedeckt. Meine Motivation für die "Via Kathrin" ist schon etwas angeknackst, doch möchte ich die Route unbedingt versuchen. Ich hänge die Express in die Route, checke die schwierigsten Züge nochmals aus und erfriere dabei fast. Nachdem Roland die Route im Top-Rope geklettert hat, ist es nun wieder an mir. Die Kälte hat sich tief in mich hinein gefressen. Die Finger sind kalt, die Zehenspitzen spüre ich kaum. Was mache ich jetzt? Schnell ist klar, dass ich in die Route einsteigen werde. Ich dehne und strecke mich und versuche irgendwie etwas Wärme in mir zu entfachen. Das gelingt mir nur mangelhaft, aber ich kann jetzt nicht noch 20 Minuten joggen, bis ich meine Betriebstemperatur erreicht habe. Zudem wird Roland immer leiser, ein Indiz, dass auch er kalt hat. Ich binde mich ins Seil ein, schnüre meine Schuhe, Chalk-Bag Kontrolle und dieses Mal bleibt das T-Shirt die berühmten 2 Millimeter drin und einen Faserpelz habe ich auch angezogen. Sofort nach dem Start ist die ganze Konzentration da. Wie in einem Film klettere ich das einstudierte Programm ab. Ein herrliches Gefühl überkommt mich, die Kraft ist da, die Bewegungen sitzen. Ich spüre keine Kälte. Herrlich. An der Schlüsselstelle stelle ich zu meiner grossen Überraschung fest, dass ich den Express aus einer noch nie ausgecheckten Position locker einhängen kann. Die kleinen Griffe, welche die Schlüsselstelle markieren, kann ich sehr gut halten. Alles läuft perfekt. Nach wenigen Minuten stehe ich 3 Meter unter dem Umlenker. Den letzten bis anhin immer etwas wackligen Aufrichter bekomme ich perfekt hin und schon stehe ich am Umlenker und hänge erleichtert das Seil ein. Yes! Geschafft. Mein obligater Freudenschrei wird wohl noch in der Falken gehört worden sein. Roland zieht es nochmals durch die Route. Aber die Kälte bremst ihn aus. Er ist durchgefroren. Schnell bauen wir die Route ab, verstauen alles im Rücksack, verabschieden uns von den tapferen Kursteilnehmern. 5 Minuten später beginnt es in Strömen zu regnen. Aber das stört mich nicht mehr, zu gross ist die Freude über das Ende der Durststrecke.

- Geduld bringt Rosen -