Sunday, January 8, 2017

Meister Franz, Brüggler

von Markus

Der Brüggler
Weihnachten 2016 sind vorbei. Für mich ist es klar, dass ich im Alten Jahr zur Arbeit gehe. So ist es geplant, so möchte das mein Arbeitgeber und so ziehe ich es auch durch. So ist der Plan. Am Dienstag, 27. Dezember fahre ich denn auch artig mit dem Zug nach Bern und treffe 2 Leute im Grossraum-Büro. Nach ca. 1 Stunde sind wir dann schon genügend Leute um einen Jass klopfen zu können. Draussen ist herrliches Wetter. Eigentlich müsste ich draussen klettern. Eigentlich. Am 28. Dezember fahre ich wieder ins Büro nach Bern. Etwas stimmt einfach nicht und ich weiss auch genau was.

Am Donnerstag, 29. Dezember um 9 Uhr treffe ich Richi in Oberwil. Zusammen fahren wir an den Brüggler. 1980 war ich das letzte Mal zusammen mit Roland S, Olivier T. und Peter R. am Brüggler. Wir kletterten seinerzeit durch die „Kleine Verschneidung“. Diejenigen, welche sich die Mühen des Lesens meiner etwas lang geratenen Blog-Einträge auf sich nehmen wissen, welche Bedeutung dieser Tag hat. Unbeschreiblich viel! Richi. Brüggler. Etwa 1976. Der Blog-Eintrag heisst: In die Vergangenheit und zurück

Das Thermometer im Auto zeigt minus 2 Grad. Es ist kalt, auch ich ziehe die langen Unterhosen an. Einmal mehr ist am Himmel keine Wolke zu sehen, die Sonne lacht von einem stahlblauen Himmel. Wir packen die Rucksäcke und starten mit dem Aufstieg. Eine Stunde wird dieser dauern. Das hat mir Richi versprochen. Der Aufstieg dauert exakt eine Stunde. Das geübte Auge von Richi erkennt schon von Weitem, dass auch viele andere Leute das prachtvolle Wetter für eine Tour am Brüggler nützen.

Richi hat sich für den Klassiker "Meister Franz" entschieden, eine Route, welche von Franz Anderrüthi erschlossen wurde. Auf Wikipedia steht folgendes zu Franz:

Pionier des Extremkletterns in der Schweiz
Legendär sind seine Haken mit dem Initial FA, die man noch heute auf klassischen Routen findet.

Eine dieser wunderschönen Seillängen!
Und tatsächlich. Während der fantastischen Kletterei durch "Meister Franz" finden sich solche Originale! Irgendwie macht es mich stolz und glücklich, dass ich auf den Pfaden von Franz klettern kann. Und immer wieder erinnere ich mich an 1976. Ich habe es nie zu erträumen gewagt, auch nur einmal mit meinem Idol aus jungen Jahren am Brüggler zu klettern. When a dream comes true! 
















An Silvester gehen wir zusammen an Les Sommêtres bei Le Noirmont klettern. Bestes Wetter, bester Fels, beste Bedingungen, beste Klettereien und eine Fahrt durch den wunderschönen Jura runden das Jahr 2016 vollkommen ab.

Saturday, January 7, 2017

Eulengrat, Solothurner Jura

von Markus

Es ist schon eine Weile her, seit ich über den Eulengrat im Solothurner Jura geklettert bin. Geblieben ist mir: unerträglich heiss, unerträglich schwerer Rucksack, nicht enden wollender Abstieg quer durch den Wald. Schweissnass. Ein schreckliches Mühsal. Was der Eulengrat sonst noch zu bieten hat, ist im Dunkel des Vergessens verschwunden.

Es ist der 10. Dezember 2016. Zusammen mit dem jungen Jura-Saurier möchte ich nach dem Abenteuer an der Roggenfluh und der Egerkinger Platte nochmals eine Mehrseillängen-Tour im Jura unternehmen. Mir sind schon lange die Ideen ausgegangen, umso glücklicher bin ich, dass Chris die Lösung kennt und sich für den Eulengrat entscheidet. Euphorie ist anders, doch bin ich der Meinung, dass jeder eine zweite Chance verdient - auch der Eulengrat.

Auf der Nordseite des Jura scheint die Sonne von einem stahlblauen und wolkenlosen Himmel. Es wird ein guter Klettertag werden. Glücklich und zufrieden fahren wir von Basel in Richtung Belchen-Tunnel. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Wir fahren durch den
Beim Parkplatz
Tunnel und erschrecken - dichter Nebel. Sollen wir es trotzdem wagen? Die grauen Hirnzellen werden angestrengt und es wird gerechnet. Der Einstieg zum Eulengrat liegt bei knapp 900 Meter über Meer. Die vom Wetterdienst angesagte Nebelobergrenze liegt bei knapp 900 Meter. Eigentlich sollte es gehen. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt! Die Nebel liegt dick und zäh über dem Mittelland. Wird unsere Rechnung aufgehen?

Auf dem Weg zum Parkplatz wird der Nebel noch dichter, wir sehen kaum die Hand vor den Augen. Wir parkieren das Auto, steigen aus und klirrende Kälte empfängt uns. Doch – was sehen wir da? Wir sind offenbar an der Nebelobergrenze angekommen, die Rechnung ist aufgegangen. Zusammen mit Chris verbringe ich einen wunderbaren Tag im Solothurner Jura. Es ist niemand weit und breit zu sehen, es ist herrlich ruhig. Bevor wir den Eulengrat angehen, klettern viele kurze und gut abgesicherte Routen. Die Sonne wärmt angenehm. Es ist der herrliche Tag hoch über dem Nebel, den wir uns erhofft haben. Der Eulengrat selber gibt sein Bestes und nutzt seine zweite Chance.

Einklettern vor dem Abenteuer am Eulengrat (Danke Chris)

Freude herrscht.... (Danke Chris)







Schönheit, wie sie nur die Natur zustande bekommt (Danke Chris)

Monday, January 2, 2017

Trilogie + 1: Dritter Streich

von Markus

Es ist der 8. Oktober 2016, zwei Streiche haben Richi und ich bereits hinter uns. Wird es einen dritten Streich geben? Ich lasse mich überraschen.

Treffpunkt ist wiederum Oberwil. Die Regenwolken hängen nicht ganz so tief wie in der vorherigen Woche. Sie sind aber da und sie sind nicht zu übersehen. Das Auto fährt einmal mehr Richtung Courrendlin. In Delémont hellt sich der Himmel auf. Der Plan ist sofort klar: Arête Speciale. Juhui! Nachdem es die Woche vorher nicht geklappt hat, wird es dieses Mal klappen. Bestimmt! Wir fahren nach Moutier, parkieren das Auto und ziehen die Kletterausrüstung und die warmen Kleider an.

Der Arête Spéciale von Moutier aus gesehen
Seit vielen Jahren bin ich nicht mehr am „Spez“ geklettert, ich freue mich riesig. Der Weg zum Einstieg hat sich ziemlich verändert seit ich das letzte Mal Anfang der Nuller-Jahre hier war. Eine neu gebaute Via Ferrata bietet eine gute Einstimmung auf die kommende Kletterei. Wieselflink klettern wir über den Klettersteig zum Einstieg und machen uns bereit. Es vergehen wenige Minuten und Richi klettert die erste Seillänge hoch. Bald höre ich den „Ich habe Stand“-Pfiff und lege los. Der Kamin hat es in sich. Ich erinnere mich noch gut an meine Jugendzeit. Da bin ich diese Strecke kaum hochgekommen. Stemmen, drücken, keuchen, schwitzen, Angst haben – das war seinerzeit die Losung. Und heute? Mit fast schon guter Technik klettere ich den Kamin hoch. Am Stand angekommen fällt die Entscheidung ganz leicht: unverzüglich abseilen! Kurz vor einem heftigen Regenguss sind wir zurück beim Auto, verstauen alles und haben grosse Fragezeichen.

Was ist zu tun? Rochers du Midi? Staub? Nicht unbedingt. Plagne? Geht nicht, von daher kommt der Regen. Grandval? Geht nicht, es wird auch dort regnen. Plan B: via Gänsbrunnen und Welschenrohr ins Mittelland fahren. Vielleicht klappt es mit dem Wetter wie eine Woche zuvor? Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Wir fahren durch eine wunderschöne Gegend Richtung Balsthal. Tatsächlich: das Wetter ist deutlich besser, es wird nicht regnen. Aber – wohin des Weges? Kingway haben wir bereits geklettert. Kluser Roggen-Pfeiler? Nun ja – dazu fühle ich mich körperlich noch nicht bereit. Einmal mehr kennt Richi die Lösung: „Rumpelstilzchen“ an der Roggenfluh. Im ersten Moment kann ich mit dieser Information gar nichts anfangen, kenne ich doch weder die Route noch die Roggenfluh. Das bedeutet für mich: Abenteuer. Yes! Das ist doch genau das, worauf ich aus bin. Abenteuer - das Leben spannend machen. Was wird mir das „Rumpelstilzchen“ bringen?

Ausblick ins Mittelland
Mit etwas Glück und etlichen Umwegen finden wir den Weg zum Parkplatz. Von dort geht es in 15 Minuten Fussmarsch an den Einstieg. Einmal mehr muss ich keuchen. Bin ich derart ausser Form? Oder ist der Rucksack so schwer? Bin ich derart schlecht geworden? Oder gehen wir einfach zu schnell? Ich tippe auf das Zweite.

Wir stehen vor dem Einstieg und der sieht jetzt im ersten Moment für mich nicht gerade so wahnsinnig einladend aus. 5c steht bei der Bewertung. Das sollte eigentlich schon gehen, irgendwie. Richi bindet sich ein und steigt die erste Seillänge vor. Die Schlüsselstelle wird wohl nicht nach meinem Geschmack sein. Da muss auf Reibung gestanden werden! Und der Fels wurde schon des Öfteren dafür benutzt. Abrutschgefahr! Nach wenigen Minuten steht Richi am ersten Standplatz und gibt das inzwischen wohl bekannte Zeichen. Rasch mache ich mich fertig und mit einem grimmigen Gefühl im Magen steige ich in die Route ein. Langsam und völlig ungelenk komme ich zur Schlüsselstelle der ersten Seillänge.

Es dauert so seine Zeit, bis ich die richtige Kombination von Griffen und Tritten entschlüsselt habe. Wider Erwarten segle ich nicht dem Boden entgegen - doch nicht abgerutscht! Die folgenden Meter bis zum Standplatz lassen mein Herz höher schlagen. Ist das eine tolle Seillänge, Tritte und Griffe wohin das Auge sieht. Richi steigt die zweite Seillänge vor. Nach wenigen Minuten verschwindet er aus meinem Blickfeld. Gewohnt gebe ich im gleichbleibenden Rhythmus das Seil aus und höre schon bald seinen „Stand“-Ruf. Ich freue mich auf die zweite Seillänge. Und wirklich – wunderbare Moves mit einem nun bestens durchblutendem Körper darf ich klettern. Viel zu kurz ist die Seillänge, ich könnte noch stundenlang derart schöne Kletterei geniessen. Die dritte Seillänge beginnt mit einem wunderschönen Quergang nach links und endet in bester Kletterei auf dem Gipfel. Wir geniessen den Ausblick auf das Mittelland, hören das immerwährende Meeresrauschen der A1 und nach wenigen Minuten machen wir uns auf den Weg zurück an den Wandfuss

Am Wandfuss angekommen sehen wir uns die Felsen etwas genauer an und entdecken eine schöne Wand, die zu einem unübersehbaren Kamin führt. Dorthin führt ziemlich direkt auch eine Reihe von Bohrhaken. Jedoch ist es für mich so: die Trilogie ist beendet. An 3 Tagen innerhalb von 3 Wochen konnte ich 3 neue mir unbekannte Routen in 3 unterschiedlichen Klettergebieten klettern. Ein herrliches und tief befriedigendes Gefühl durchströmt mich - nie geplant und doch erreicht! Meine allererste Trilogie!

Ich sehe das Leuchten in Richis Augen und hoffe inständig, dass der Herrgott ein Einsehen mit mir haben möge. Ich möchte nicht durch diesen Kamin dort oben klettern müssen! Der untere Teil der Route gefällt auch mir, doch so ein Kamin kann einem schon die Lust am Klettern nehmen. Meine Kamin-Klettertechnik gehört nun wirklich nicht zum edelsten Kletterstil auf dieser Welt – will heissen – es ist immer ein totaler Murks und endet nicht selten in Grundsatzfragen über das Sein und das Tun. Doch es kommt genau so, wie ich es befürchtet habe. Schon Lemmy Kilmister von Motörhead singt: God was never on your side. Richi bindet sich ein und macht sich auf den Weg. Es sind spannende Klettermeter und es ist offensichtlich – Richi hat Freude an der Route. Bald steht er vor dem Kamin und klettert durch diesen ereignislos hoch und schon bald höre ich einmal mehr „Stand“.

Wieder mache ich mich schnell bereit. Das Seil spannt sich vor meinem dicken Bauch, es ist das Signal mit dem Klettern zu beginnen. Fast schon locker klettere ich die ersten Meter hoch, überwinde eine übel abdrängende Stelle um nur wenig später vor diesem Kamin zu stehen. Oh Mann… Weshalb… Weshalb ich… War ich in diesem Leben bisher wirklich so böse… Was muss ich mit dem Klettern dieses Kamins abdienen… Strafe wofür? Nun gut – es gibt kein Wenn und Aber, es muss sein. Mit der mir üblichen schlechten Technik würge ich mich die ersten Zentimeter hoch. Es hat Griffe, jedoch am falschen Ort. Irgendwie klemme ich jetzt im Kamin fest. Ich falle nicht runter, denn ich klemme. Ich komme nicht hoch, denn ich klemme. Ich stecke fest. Es geht weder rauf noch runter. Behutsames Zureden von Richi gibt mir Mut, dass es doch noch einen Weg aus dem Schlamassel gibt. Irgendwie schaffe ich es, meinen linken Fuss auf einen Tritt zu platzieren und drücke voll durch. Und dann - ist der Kamin auch schon hinter mir. Das war doch gar nicht schwer! Ich klettere weiter und gelange zum Standplatz. Es ist ein wunderbarer… Schlingenstandplatz. Das wird ja jetzt wieder eine ganz tolle Zeit, denke ich mir. Nach dem Gewürge mit dem Kamin nun noch zur Strafe einen Schlingenstand. In Anlehnung des grossen Meisters der Deutschen Sprache, Johann Wolfgang von Goethe:

„Da häng' ich nun, ich armer Tor,
und bin so klug als wie zuvor.“

Richi startet mit der zweiten Seillänge und bald höre ich einmal mehr an diesem Tag „Stand“. Gott sei Dank – endlich kann ich mich aus diesem Schlingenstand befreien und mit dem Klettern beginnen. Auf der linken Seite lädt nun ein Faustriss zu einem Faustklemmer ein. Herrlich. Und was mache ich mit der rechten Hand? Da gibt es nichts. Ja – und jetzt? Wie soll das jetzt gehen? Ich erkenne, dass Risskletterei nun auch nicht meine Spezialität ist. Ja, was ist denn eigentlich konkret meine Spezialität beim Klettern? Diese Antwort ist sehr schwierig! Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe und finde eine gute Position für einen besonders guten Handklemmer, stehe konzentriert etwas höher und komme so gut an einen Griff mit der rechten Hand. Der erste Teil dieses Risses ist nun bereits geschafft. Der zweite Teil ist nicht mehr so schwierig und wenig später stehe ich neben Richi wieder auf dem Gipfel der Roggenfluh! Eine herrliche 2 Seillängen-Route liegt hinter uns. Nach „Joe Brown“, „Kingway“ und „Rumpelstilzchen“ haben wir soeben die wunderschöne Route „Ricchi è Poveri“ geklettert – eine astreine Trilogie + 1.

Dieses war der dritte Streich
Doch der vierte folgt zugleich

Den vierten Streich habe ich bereits mit dem Eintrag „Unverhofft – kommt oft“ beschrieben.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlichst bei Richi für die unbeschreiblich schönen und intensiven gemeinsamen Momente während der Trilogie bedanken! Diese erste Trilogie wird immer einen sehr wichtigen Moment in meinem Kletter-Leben einnehmen. Danke!

3 Wochen nach meinem Riss-Kletter-Desaster bin ich mit dem jungen Jura-Saurier Chris bereits wieder an der Roggenfluh. Es ist eiskalt, das Thermometer zeigt 2 Grad an. Das ist so richtiges Saurier-Wetter! Zusammen klettern wir mit eiskalten Fingern und Zehen durch „Rumpelstilzchen“ und erfrieren beinahe in „Ricchi è Poveri“. Bei „Ricchi è Poveri“ muss ich lernen, dass der Kamin äusserst elegant links umgangen werden kann. Trotzdem bin ich froh, dass ich diesen Kamin geklettert habe, denn ich habe eine Strafe abgeklettert und nun ist mein Leben noch etwas leichter. Der Schlingenstand ist einfach ein Schlingenstand und da muss man einfach durch. Auf dem Nachhauseweg von der Roggenfluh durch das Mittelland auf der immerwährend rauschenden A1 lacht uns die Egerkinger Platte an. Chris sagt: "Eigentlich könnten wir ja jetzt noch eine Route an der Egerkinger Platte klettern". Und ich antworte sofort: "Ja, dann fahren wir jetzt dorthin und machen das jetzt". Wir klettern kurzerhand noch die „Gelbe“, zusätzliche 160 Klettermeter. Fun pur und eine astreine One-Day-Trilogie! Einmal mehr durfte ich unglaublich viel Spass und Freude zusammen mit Chris an einem grauen und sehr kalten Samstagnachmittag erleben. Es wird wahrscheinlich der einzige Moment im ganzen Leben der Jura-Saurier bleiben, an dem alles für eine gemeinsame Kletterei an der Egerkinger Platte zusammenpasste. Chris, herzlichen Dank für dieses ganz spezielle Abenteuer!


Dieses war der fünfte Streich
Doch der sechste folgt zugleich