Thursday, December 29, 2011

Der Jura-Dino in Fontainebleau

von Markus


Es hat schon etwas mit Älter werden zu tun. „Im Alter“ werden Erinnerungen an Pläne und Umstände wieder wach, die man doch mal machen wollte und die dann doch irgendwie in der Schatztruhe des Vergessens gelandet sind, so auch in diesem Fall. Man erinnert sich aber auch an Umstände, die dann doch lieber in dieser Schatzkiste geblieben wären. Hier ein kleiner Aufsatz zu meinem Trip nach Fontainebleau im November 2011.

Jura-Dino in Action
Ich muss schon verdelli weit in die Vergangenheit zurückgehen um den Anfang der Story zu finden, zurück ins Jahr 1979. In diesem Jahr, ich hatte gerade meine KV-Lehre abgeschlossen, hörten Roland, Olivier, Peter und ich von einem sagenhaften Klettergebiet in der Nähe von Paris. Da ich bis heute der französischen Sprache kaum mächtig bin, ist für mich Frankreich bis heute ein „Terra incognita“. Schlimmer ist, dass ich die wenigen Fetzen des Französischen, die ich dann doch mit Hängen und Würgen irgendwie in meinen Schädel gebracht habe vor einiger Zeit selbstlos anderem Wissen geopfert habe. Es ist schon so: der Speicherplatz im Hirn ist begrenzt und so musste ich mich entschliessen entweder den Computer verstehen zu lernen oder Französisch zu sprechen. Ich habe mich fürs Erstere entschieden. Es soll aber Leute geben, die tatsächlich beides beherrschen. Für mich ist dies schlicht unfassbar und fantastisch! 

Das gibt Anlass zur Bewegungsanalyse
Roland hat von Bolle Tenger, der einen Sprachaufenthalt in Paris durchlebte, weitere Informationen erhalten. Bolle erklärte, dass dort ohne Seil und Haken geklettert werde und die Spinner tatsächlich mit Bürsten den Fels reinigen um an ihm anschliessend hochklettern zu können. Sogar Zahnbürstli seien im Einsatz! Als Basler Jura-Kletterer konnten wir über derartige Informationen lediglich den Kopf schütteln. Das soll Klettern sein? Baah! Die haben doch überhaupt keine Ahnung. Für uns alle war klar, dass wir nie nach Fontainebleau gehen müssen, denn ohne Seil und Haken und dann noch mit Bürsten bewaffnet – das entspricht nicht uns. Das Thema war erledigt.

1980 hatte ich das etwas seltsame Vergnügen, 17 Wochen im Dienste der Eidgenossenschaft zu stehen. Just in der Zeit gingen Peter und Roland – entgegen unserer Abmachung – doch nach Paris, nach Fontainebleau, zu den Bürsten. Sie erzählten mir anschliessend mit glühenden Augen von den fantastischen Möglichkeiten in Bleau. Alle Informationen von Bolle Tenger wurden bestätigt. Es war sofort klar, dass wir zusammen nach Bleau fahren und sie mir die Gegend und die schönsten Boulder zeigen werden. Einzig der Termin stand noch nicht fest. 1981 ging leider nicht, da entweder meine Freunde oder ich im Militär engagiert waren. 1982 sollte unser Jahr werden. Natürlich, Markus, natürlich gehen wir alle zusammen nach Bleau, so hiess es immer wieder. 1982 ging durch das Land und trotz Drängen meinerseits geschah nichts. Ab spätestens 1983 waren wir alle  intensiv mit der Liebe beschäftigt und hatten nur noch Zeit für die schönen Augen unserer Freundinnen und kaum für gemeinsame Unternehmungen am Fels. Und so kam es, wie es kommen musste. Die Wege trennten sich und jeder lebt seither sein eigenes Leben. Roland und Peter klettern seit vielen Jahren nicht mehr. Olivier zieht mit seinen Jungs tief im Welschland um die Felsen. Allerdings - zusammen werden wir Bleau nicht mehr sehen. Für mich blieb aber „Fontainebleau“ ein offenes Projekt, welches es zu Ende zu führen galt. 

Der Move war schon bretthart - zumindest für mich
Als ich im Jahr 2000 wieder mit dem Klettern begann, hörte ich sofort wieder von Fontainebleau. Alle meine Kletterfreunde sagten mir, dass ich unbedingt nach Bleau gehen solle. Das sei so fantastisch. Ich traute dem Gerede nicht. Bürsten? Ohne Haken? Kein Seil? Bouldern? Oh Mann, das ist alles nicht meine Welt, redete ich mir ein. Das B2 öffnete in Pratteln seine Pforten und huldigt seine ganze Daseinsberechtigung dem Bouldern. Zugegeben, ich hatte schon meine Bedenken, was denn Bouldern im B2 so sein könnte. Trotzdem trieb mich die Neugier dorthin und ich war vollkommen überrascht. Ich kam zwar kaum einen Boulder hoch und daran hat sich bis heute kaum etwas verändert. Aber die Möglichkeiten des Boulderns haben mich sofort überzeugt. Und immer wieder hörte ich von Fontainebleau. Es dauerte nochmals viele Jahre bis dann alle Puzzleteile zusammenpassten. Was schon bei der Septumania galt, galt auch in diesem Fall: Träume sind da um umgesetzt zu werden!

Einen Boulder habe ich dann doch geschafft!
Bereits im Spät-Sommer fragte mich Heike, ob ich denn Interesse an Bleau hätte. Das war der Satz, der paralysierte und plötzlich musste ich mich unzähligen Fragen stellen. Ich und Bleau? Geht das gut? Ich und Frankreich? Ich kann doch weder bouldern, noch französisch sprechen noch sonst irgendwas. Die Bewertung der Boulder? Gibt es denn überhaupt irgendwas in meiner sehr tiefen Leistungsklasse? Wird es einzig ein intensives Zuschauen werden? Wird nicht alles in einem grossen Desaster enden? Wie wird die Unterkunft sein? Fragen über Fragen und wie immer keine Antworten. 

Doch zunächst stand die Reise nach Tibet auf dem Kalender und ich wusste wirklich nicht, ob ich  4 Wochen nach der Rückkehr vom Dach der Welt bereits wieder soweit hergestellt sein werde, dass ich nach Fontainebleau gehen kann. Aber ich wollte endlich die quälenden Fragen beantwortet wissen, sagte provisorisch zu und hoffte einfach, dass alles gut verlaufe.

In Tibet ging alles gut und so geht es am Samstag, 12. November in aller Herrgottsfrühe los Richtung Bleau.  Der  Nebel liegt dicht auf der Strasse. Wir kommen trotzdem sehr gut voran. Das Auto sei noch selten so schnell gefahren, höre ich sagen. Nach knapp 5 Stunden Fahrt sind wir bei Andrew, unserem Kletterkumpel aus den Tagen, als er noch in Deutschland lebte. Er hat sich seinen Traum erfüllt und sich eine Gite gekauft, welche er nun Boulderern zur Verfügung stellt (hier der Link zu „TheHouse“). Uns zieht es magisch an den Fels und wenige Minuten später schultern wir unsere Bouldermatten. Es ist schon ein etwas komisches Gefühl, statt einem Rucksack plötzlich so ein Ungetüm von Matte auf dem Rücken durch die Gegend zu tragen. Es kommen für mich nun der Moment der Wahrheit und die Antworten auf alle meine Fragen. Was ich dann erlebe ist mit Worten kaum zu fassen. Ich verzichte jetzt einfach darauf, Bleau zu beschreiben, denn es ist unbeschreiblich schön und ich verbrachte mit meinen Freunden Heike, Jüschi und Urs wunderbare Stunden beim Bouldern unter einem wolkenlosen Himmel bei strahlend schönem Sonnenschein. Von der ersten Sekunde an fühlte ich mich sehr wohl und alle meine Fragen waren binnen kürzester Zeit positiv beantwortet. Deshalb ein Tipp von mir: wartet nicht so wie ich rund 30 Jahre, sondern setzt eure Träume so rasch als möglich um!

Essen und Ausruhen muss auch mal sein!
Kurz vor der Abreise nach Fontainebleau erhielt ich noch eine E-Mail von Chris worin er einen wunderschönen Satz schreibt: „Pass bloss auf, Fontainebleau kann süchtig machen“. Ich habe nicht aufgepasst.

Marie-Rose - Wenn Bilder tausend Worte sagen...
Und noch etwas. Da stehen Urs und  ich am letzten Tag unserer Reise mitten im Wald vor einem spektakulär aussehenden Boulder und ein Bleausard tigert im Jogging-Anzug zu uns. Nach der obligaten Frage nach der Herkunft beginnt der Bleausard aus dem Nähkästchen und über Gott und die Welt zu plaudern. Und jetzt kommts – ich habe alles verstanden! Ok, antworten konnte ich nur mit „Oui, oui“ oder „Non, non“. So restlos alles scheint dann doch nicht alles verloren gegangen zu sein.

Sunday, November 27, 2011

Der Jura-Dino in Tibet


Der Potala in Lhasa
von Markus

Mein letzter Blog-Eintrag ist schon eine ganze Weile her. Viel ist in der Zwischenzeit passiert, viel habe ich erlebt. Meine Ferien in Tibet sind auch schon eine ganz Weile vorbei und schon bald klingelt wieder einmal derjenige an der Haustür, welcher mein ganz persönlicher Jahreszähler um eine Zahl erhöht. Vor einem Jahr, ich erinnere mich noch sehr gut, war ich in Südafrika unterwegs und habe die Wärme und die Sonne genossen. Dieses Jahr ist eine Flucht über den Äquator gar nicht notwendig, dürfen wir doch einen einmalig schönen Herbst verleben. Immer wenn ich draussen am Fels unterwegs bin sehe ich dieses einzigartige Farbenspiel, welches die Natur in die Welt zeichnet.

Obwohl es mit Klettern nur ganz am Rand etwas zu tun hat, möchte ich kurz die 3-wöchige Reise durch Tibet beschreiben. Die Reise war einmalig. Einmalig in Bezug auf die körperliche und geistige Anstrengung. Nach der Rückkehr habe ich noch 2 Wochen Nacht für Nacht von der Reise geträumt, habe nochmals den Anmarsch auf den 5'200 Meter hohen Pass durchgemacht. Noch heute höre ich mein Keuchen und spüre das Brennen in den Oberschenkeln - und der Weg nimmt einfach kein Ende. Das 4-tägige Trekking hat Carmen und mich ganz schön mitgenommen, aber es schenkte uns ganz wichtige Dinge in einer nie gekannten Reinheit und Klarheit: innere Ruhe, innere Stille, Gelassenheit.

Landschaft bei Gyantse, der Kornkammer Tibets
Tibet - ein ganz spezieller Flecken auf unserem Erdball. Die Luft ist dünn und klar und verursacht dem Durchschnitts-Touristen 5 Tage intensives Nachdenken über die Existenz seines Gehirns. Denn das spürt er Sekunde für Sekunde, Herzschlag für Herzschlag und es gibt kein Mittel, dies zu verhindern. Der tibetische Sternenhimmel - unbeschreiblich schön. Wir haben die Milchstrasse gesehen und wir hätten noch lange in den Himmel geschaut, hätte der eisige Wind uns nicht zurück ins Zelt gejagt.

Neben unserem Yak-Treiber kam ich mir jedes Mal hoffnungslos overdressed vor. So hatte ich Thermounterwäsche der Extraklasse, 3 High-Performance Pullis übereinander und eine High-Flyer Jacke übergezogen nur um dem möglichen Erfrierungstod zu entrinnen. Der Yak-Treiber steckte seine nackten Füsse in zerrissene Turnschuhe.

Halbnomade mit seinem ganzen Stolz

Übrigens ist Yak-Treiber der falsche Ausdruck und trotzdem gibt es keinen anderen. Der Yak-Treiber treibt die Yaks nicht an, die Yaks kennen den Weg haargenau. Der Job der Treiber ist schlicht: singen. Yaks lieben es, wenn gesungen wird und dann laufen sie schwer beladen auf ihrem Weg. Wird nicht mehr gesungen, stehen sie einfach still und warten, bis wieder jemand ein Lied anstimmt.

So gäbe es noch ganz viel zu erzählen und aufzuschreiben, aber ich möchte an dieser Stelle lieber die Bilder sprechen lassen.

Blick auf eine 7'000er Bergkette beim Namtso auf 4'718 Meter über Meer


Monday, September 5, 2011

12 Tage im Leben des Jura-Dinos

von Markus

Ich sitze so vor meinem Laptop zu Hause und Lemmy Kilmister brüllt mir irgendwas von „Ace of Spades“ in die Ohren. In meinen Gedanken verstreichen nochmals die vergangenen 12 Tage. 12 Tage sind viel und doch so wenig. In den vergangenen 12 Tagen ereignete sich folgende Geschichte:
 
Ich schaue aus dem Fenster des 6. Stockes eines hohen Bürogebäudes in Düsseldorf. Die Wolken hängen tief, ein weiterer Regenschauer kündigt sich an. Ich sitze vor dem PC in Jacket mit eiskalten Fingern und eiskalten Füssen. Soeben habe ich ein Mail erhalten mit dem Inhalt, dass die ganze Schweiz beinahe gebraten wird, so heiss sei es. Etwas mehr als 500 Kilometer weiter nördlich feiert die nächste Eiszeit ein fröhliches Stelldichein. Es ist August 2011. Ich kann das fast nicht glauben: ich friere, dass mir fast die Zähne klappern und zu Hause soll es schönes und warmes Wetter sein. Ich arbeite weiter an einer verflixt komplizierten Aufgabe. Wenn die Einlese-Datei nicht stimmt, stimmt anschliessend die ganze Bilanzkreisabrechnung nicht und dann habe ich den Salat und anschliessend lange Diskussionen. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe – aber es ist so unwahrscheinlich kalt in dem Büro, ich kann mich nur schlecht konzentrieren. Plötzlich trifft ein SMS bei mir ein. Das sind die wichtigen Dinge im Leben und so schaue ich natürlich sofort nach, wer mir eine SMS sendet. Eine ganz grosse Überraschung: Judith fragt, ob ich am kommenden Dienstag Zeit und Lust habe mit ihr klettern zu gehen. Binnen weniger Minuten ist klar: Dienstagmorgen um 06:30 Abfahrt Richtung Furka. Das Ziel: Conquest of Paradise am Hanibal. Ich kann es kaum erwarten, endlich wieder einmal etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zu erleben. Sofort ist die Konzentration wieder da, die Einlese-Datei stimmt jetzt und ein paar Sekunden später stimmt auch die Bilanzkreisabrechnung. Gute Arbeit! Aber es ist immer noch kalt, aber die Aussicht auf eine solche Tour lässt mein Herz höher schlagen.

Es ist 06:30 Uhr am Dienstag, 23. August 2011. Der Klettertag beginnt mit einem leuchtend rotem Morgenhimmel. Wir kommen auf der Autobahn gut voran, es herrscht praktisch kein Verkehr. Über Andermatt und Hospental geht es Richtung Furkapass. Ich bin schon viele taussend Kilometer Auto gefahren, aber in dieser Gegen der Schweiz war ich noch nie. Schon bald sind wir auf dem Furkapass. Das Thermometer zeigt 12 1/2 Grad an. Das sind richtig gute Temperaturen, ideal zum Klettern. Schnell ist der Rucksack gepackt und los gehts Richtung Hanibal. Auch hier kommen wir gut voran. Der Weg ist einfach zu finden. Nur das Gehen über den Gletscher macht mir etwas Mühe. Das letzte Mal stand ich vor über 30 Jahren auf einem Gletscher. Da geht halt schon das Gefühl dafür etwas verloren. Nach rund 1 Stunde Anmarsch stehen wir am Einstieg der Route. Ich habe natürlich auf dem Internet recherchiert und auch Bilder vom Hanibal gesehen. Aber einmal mehr wird mir bewusst, dass die Wirklichkeit so unendlich viel schöner ist. Da stehe ich am Einstieg eines wahr gewordenen Klettertraumes aus bestem Granit. Die Seilschaft vor uns ist bereit für den Einstieg. Wie immer, muss ich natürlich quatschen. Dabei erfahre ich, dass die Lady am Seilende 71 Jahre alt ist und seit 1963 ein steifes Fussgelenk hat. Sie wollte für ihren Mann Holzkeile beschaffen, rutschte auf dem Schneefeld aus und knallte nach einer langen Rutschpartie in einen Felsblock. Sie ist für mich der lebende Beweis, dass ich es also auch schaffen könnte, mit 71 noch klettern zu können.



Die Kletterei geht sehr gut voran. Wir wechseln im Vorstieg ab. Ich habe das Glück, die Schlüssel-Seillänge klettern zu dürfen. Getreu dem Topo klettere ich vom Stand nach links weg. Und dann sehe ich, weshalb dies die Schlüssel-Seillänge ist. Da es keine Tritte hat, gibt es zum Ausgleich auch keine Griffe. Meine Sharma-Überhang-Schuhe müssen Schwerstarbeit verrichten. Der Gummi krallt sich im Granit fest und irgendwie schaffe ich es, die Bolts zu klippen und klettere wieder zurück zu einem guten Rastpunkt. Ich konzentriere mich, gebe Judith ein Zeichen, es geht los! Wieder greifen meine Sharma-Schuhe perfekt, ich kann das Körpergewicht ideal verlagern, bekomme deshalb Schwung in meine Bewegung und mit etwas zittrigen Fingern spüre ich weit oben eine kleine Delle. Das reicht mir um aus der Schlüsselzone klettern zu können und somit ein absolutes Highlight zu erleben. Noch nie ist es mir gelungen, eine 6a+ onsight im hochalpinen Granit zu klettern. Die restlichen Meter bis zum Standplatz klettere ich wie in Trance, eine Traumseillänge. Wenige Minuten später sitzen wir auf der Hanibank und haben das Glück, die Lokalmatadoren kennen zu lernen. Sie sind damit beschäftigt, die Highline zwischen Hanibal und dem hinteren Turm zu spannen. Wie die Bank auf den Hanibal gekommen ist? Wir wissen es jetzt!

Bald seilen wir uns über die Route wieder zum Wandfuss ab, verpflegen uns ausgiebig, geniessen die Einzigartigkeit der Gegend und wandern anschliessend wiederum eine Stunde zurück zum Auto. Ein weiterer Traum ist in Erfüllung gegangen und nach sage und schreibe 8 Jahren haben Judith und ich zusammen wieder eine Tour geklettert. Judith, allerbesten Dank für diesen wunderschönen, einzigartigen und unvergesslichen Tag voller Erlebnisse und Abenteuer.



Bereits 2 Tage später (25.8.2011) gehe ich wieder klettern. Mit dabei sind Arbeitskollegen. Nach dem Feierabend fahren wir zum Kluser Klettergarten. Wir verbringen zusammen einen wunderbaren Abend, bis uns der Regen buchstäblich aus dem Wald spült.

Wiederum 2 Tage später (27.8.2011) bin ich bereits wieder unterwegs. Es ist instabiles Wetter angesagt. Nichtsdestotrotz fahren Jüschi, Roland, Carmen und ich zusammen in den Solothurner Jura. Hinteregg ist die heutige Wahl. Aber wir haben die Wahl ohne Petrus zu fragen getroffen. Gerade kommen wir beim Restaurant Hinteregg an, fängt es an zu regnen. Wir kehren um und fahren in den Kluser Klettergarten. Dort werden wir total verregnet. Also gehen wir wieder zurück zum Auto und weiter Richtung Eptingen. Aber was treffen wir dort an? Regen. Roland hat die Blitzidee und schlägt „Falken“ vor. Mit einem Umweg von gut 3 Stunden treffen wir so gegen 14 Uhr in der Falken ein. Alles trocken, das Wetter stabil. Weshalb sind wir dann überhaupt weggefahren? Bald hängen überall die Express-Schlingen und wir sind heftig am Klettern. Auf dem Weg zurück zum Auto spüren wir alle diesen Klettertag in den Knochen.


Wiederum 2 Tage später, es ist inzwischen Montag, der 29. August fahren Jüschi und ich zusammen nach Ueschinen. Noch nie war ich dort, es soll schöne Routen haben. Beim Packen des Rucksacks auf dem Parkplatz muss ich konstatieren, dass der Helm nicht mit dabei ist. Das ist schon kein so  prikelndes Gefühl. Jüschi meint, dass sich deshalb nun die „Diagonale“ bestens als Ziel eigne. So würden die Steine immer neben mir in die Tiefe sausen. Der hat ja gut reden. Die Sonne lacht vom Himmel, der Anstieg geht locker von sich und bereits nach 30 Minuten stehen wir beim Einstieg der „Diagonalen“. Die Absicherung wird mit gut+ angegeben. Aber das stimmt nicht. Die ist super! Jüschi startet mit der ersten Seillänge. Wir wechseln uns im Vorstieg ab. Jüschi ist sehr froh, dass er mir in einer etwas feingriffigen Platte den Vortritt geben darf. Anschliessend bin ich heilfroh, die berühmte Querung im Nachstieg klettern zu können. Die rund 30 Meter lange anschliessende Querung ist dann der absolute Hammer. Noch selten hatte ich derart viel Luft unter den Sohlen. Es ist eine traumhafte Seillänge in bestem Fels und super abgesichert. Wir planten für die 8 Seillängen mindestens 4 Stunden ein. Aber bereits nach 2 3/4 Stunden sind wir oben angelangt. Das hat nun nichts mit Speedklettern zu tun, sondern einfach mit Klettern im grünen Bereich. Wir hatten unseren Heidenspass in der Route. Wir suchen die Abseilstelle und finden sie natürlich nicht. Stattdessen seilen wir über die „Familienroute“ ab. Wir fühlen uns fit und es ist eigentlich noch viel zu früh um nach Hause zu gehen. Deshalb klettern wir noch besagte „Familienroute“. Aber auch hier hat sich Jüschi etwas ganz spezielles ausgedacht. Er klettert direkt über 3 Standplätze hinaus 70 Meter hoch. Ich kann anschliessend einen 100 Meter-Lauf absolvieren. Zunächst 70 Meter im Nachstieg und anschliessend 30 Meter im Vorstieg. Das war ein absolutes Highlight, einfach super. Jüschi verbindet die beiden letzten Seillängen und so stehen wir wohl unter 1 Stunde Kletterzeit am Ausstieg. Einen Wermutstropfen hat es allerdings gegeben. Es gab eine Wolke am Himmel. Eine - und die hing bei uns. Wir kletterten den ganzen Tag im Nebel, was aber der Freude an den Routen keinen Abbruch tat. Gemütlich seilen wir ab, verpflegen uns ausgiebig und marschieren anschliessend zurück zum Auto. Bereits um 18:30 Uhr sind wir wieder in Basel.

Ich kenne Jüschi schon viel Jahre und bin viel mit ihm im Basler Jura unterwegs. Noch nie waren wir zusammen in den Alpen klettern. Dieser eine Montag hat mich unheimlich glücklich gemacht. Endlich konnte ich mit meinem guten Freund eine gemeinsame Klettertour in den Alpen unternehmen. Jüschi - vielen, vielen Dank für dieses supertolle Abenteuer!


Zu guter Letzt gelingt mir am vergangenen Samstag, den 2. September 2011 noch eine weitere gute Sache. Zum ersten Mal kann ich an einem Tag 2 Routen im Schwierigkeitsgrad 6b astrein im Vorstieg klettern. 

Diese 12 Tage sind wie im Flug vergangen. Ich hatte die Möglichkeit, sehr viel für mich selber zu bewirken, Mehrwert für mein Leben und für meinen unruhigen Geist zu schaffen. Aber ohne meine lieben und treuen Freunde wäre das alles gar nicht möglich gewesen. Zusammen sind wir durch dick und dünn gegangen. Die gemeinsamen Touren mit all ihren Erlebnissen haben die Bande noch enger geknüpft. Euch allen gilt mein allerherzlichster Dank!

Monday, August 22, 2011

Reisefieber

von Markus

Meine Kollegen und ich sitzen in einem fast vollständig abgedunkelten Büro und testen Software. Eine etwas trostlose Arbeit, aber sie muss halt auch gemacht werden. Ich weiss, dass draussen die Sonne von einem wolkenlosen Himmel lacht. Eigentlich müsste ich doch jetzt hoch in den Bergen am Klettern sein. Zum Beispiel am Hintisberg…

Es ist Donnerstag, der 11. August 2011, 6 Uhr morgens. Bereits 2 Minuten vor dem Klingeln des Weckers bin ich wach. Das Abenteuer ruft! Heute gehe ich nach vielen Monaten wieder an den Hintisberg klettern. Hintisberg – das ist diese fantastische Kletterei in einmaliger Ambiance, schon ganz nah bei den weissen Wolken. Ein unbeschreiblich schöner Ausblick auf die Berner Eisriesen begleitet den Kletterer während des Aufstiegs. 2009 lernte ich den Hintisberg kennen und verliebte mich augenblicklich in diesen einzigartigen Ort. Leider konnte ich damals wegen einer heranziehenden Sturmfront keine Route klettern. 2010 das erste Highlight mit der Begehung der Route „Schöne Aussichten“ zusammen mit Markus. Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag. Wir kletterten bei schönstem Wetter in traumhaftem Fels, während eine dicke und zähe Nebeldecke fast die ganze Schweiz buchstäblich zudeckte.


Um 8:15 treffe ich Heike in Härkingen und geschätzte 20 tausendstel Sekunden später fahren wir Richtung Grindelwald. Die Fahrt geht flott voran und wir sind uns sicher, dass das Wetter den ganzen Tag perfekt sein wird. Wir werden somit in aller Ruhe und Gemütlichkeit die Route „Reisefieber“ klettern können. Bald schon lösen wir die Taxe hoch zur Alp Hintisberg im Restaurant Stalden und mein untermotorisiertes Auto muss sich in 30 Minuten rund 1000 Meter in die Höhe kämpfen. Auf dem Parkplatz angekommen sehen wir, dass nur sehr wenige Kletterer diesen wunderschönen Tag für einen Trip an den Hintisberg ausgesucht haben. Wir packen unsere Rucksäcke und nehmen den 30 minütigen Aufstieg in Angriff. Die Sonne brennt vom Himmel und mir dämmert es, dass es ein ganz heisser Tag am Fels werden könnte. Die gegen Süden ausgerichtete Wand wird wohl zum Grillplatz werden. Daran habe ich bei der Routenauswahl nicht gedacht. On verra, sage ich mir und gehe weiter. Bald sind wir beim Einstieg der Route angelangt und endlich kommt ein kühlender Wind auf. Trotzdem, es ist unheimlich warm. Wenige Minuten später sind wir für den Einstieg bereit, alles ist perfekt, alles stimmt.

Die erste Seillänge (5a) ist für Heike genau das Richtige, ein perfekter Warm-up. Seit Jahren umgeht sie fast schon konsequent Mehrseillängen-Routen. Sie ist, ich kann es sehr gut nachvollziehen, von einer schlimmen Mehrseillängen-Tour in nicht ganz immer festem Fels traumatisiert. Wie ich es aber geschafft habe, dass sie mich an diesem Tag an den Hintisberg begleitet, das weiss ich bis heute nicht. Neugier? Vielleicht einfach einmal etwas Neues ausprobieren?

Sicher und routiniert klettert sie bis zum ersten Stand. Die Reihe ist an mir und schon bald spüre ich diesen bombenfesten Kalk in meinen Händen. Bereits nach wenigen Metern des Kletterns fühle ich mich sehr zufrieden. Es ist traumhaft, diese Route klettern zu können. Nach wenigen Minuten stehe ich neben Heike am Standplatz. Ich steige die zweite Seillänge (5b) vor. Diese hat einen kleinen Schönheitsfehler. Viele leider zwingend zu begehende nasse Graspolster säumen den Weg bis zum Standplatz. Aber wer ein Kämpfer ist, dem macht auch das nichts aus.

Seillänge drei (5c) steigt wiederum Heike vor. Ganz locker und ohne jegliche Schwierigkeit erkennen zu lassen klettert sie diese Seillänge. Es scheint, dass ihr das Klettern am Hintisberg sehr viel Spass bereitet. Offenbar fühlt sie sich wohl. Ich bin wieder am scharfen Ende des Seils und darf die sagenhafte vierte Seillänge (5c+) klettern. Sie ist ein wahr gewordener Traum. Wunderbare Moves an besten Griffen und Tritten über rund 30 Meter sind zu bewältigen. Im ersten Augenblick scheint es, dass die Bolts in sportlichen Abständen gesetzt sind. Aber alles löst sich bestens auf. Es ist eine der schönsten Seillängen, die ich je geklettert bin. Allerdings weiss ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass es noch eine Steigerung geben wird. Die Sonne lacht vom Himmel, es ist angenehm warm, der Fels hervorragend, die Dohlen im Rücken helfen ein weiteres Mal beim Aufstieg. Ich bin der glücklichste Mensch auf dieser Welt. Heike ist Chefin der fünften Seillänge (5c+). Es ist dies eine ganz spezielle Seillänge. Man klettert ruhig und konzentriert vor sich hin, ergibt sich der Schönheit des Fels um ganz abrupt vor einer absolut senkrechten Wand zu stehen. Der nächste Bolt ist ungefähr 4 Meter entfernt. Wie kommt man dorthin, stellt sich sofort die Frage. Alles sieht so unheimlich glatt und eigentlich unkletterbar aus. Und dann sieht man sie ganz plötzlich, die Querrillen, die Griffe, die Tritte. Eine im ersten Augenblick nicht kletterbar erscheinende Wand wird zum absoluten Hochgenuss - sensationell und leider viel zu kurz. Die Schluss-Seillänge (5c+) darf ich vorsteigen. Im ersten Augenblick stehe ich etwa orientierungslos am Fels, sehe weder Bolt noch Weg, nur eine senkrechte Wand direkt vor mir. „Es wird schon irgendwie gehen“ sage ich und klettere die ersten Meter. Und auf einen Schlag eröffnet sich mir die wohl schönste Seillänge, die ich je in meinem Leben geklettert bin. Ich versuche gar nicht erst, diese Seillänge zu beschreiben. Worte können nicht ausdrücken, was ich beim Klettern in dieser Wand gefühlt habe. Es ist schlicht sensationell! Nach rund 30 Metern komme ich beim Standplatz an und die Endorphine fliessen gleich literweise durch meine Adern. Herrlich, einmalig, super, unbeschreiblich schön, begeisternd sind die Prädikate meinerseits für diese Seillänge! Schnell sichere ich mich selbst und setze mich auf das Bänkli, welches ich noch vom letzten Jahr her kenne. Beim Sichern schweift mein Blick immer und immer wieder hinüber zu Eiger, Mönch und Jungfrau.



Die Aussicht ist grandios und ich kann nicht genug davon bekommen. Die Dohlen fliegen vorbei und beobachten genau, ob es was zu futtern gibt. Sie können es natürlich nicht lassen und zeigen, welch fantastische Flugmanöver sie hinbekommen. So könnte ich stundenlang hier sitzen und den Dohlen bei ihrem Tanz in der Luft zusehen. Schon bald sitzt Heike neben mir auf dem Bänkli und gemeinsam geniessen wir den Ausblick. Heike schiesst Bilder (in diesem Blog verwurstet), wir essen und trinken gemütlich und nach einer langen Pause geht es schweren Herzens wieder hinab zum Wandfuss. Das Abseilen verläuft ohne Probleme. Dass der Fels doch nicht ganz so bombenfest ist, erfahren wir ein paar Minuten später. Eine Seilschaft löst beim Abseilen über „Primavera“ einige Steine aus der Wand. Die verzweifelten Rufe „Stei, Stei, Stei“ hören wir und wenige Sekunden später pfeifen uns faustgrosse Brocken um die Ohren. Das war überhaupt nicht lustig. Sofort schultern wir unsere Rucksäcke und verlassen den Ort der fliegenden Steine. Etwa 30 Minuten später sind wir beim Auto und nochmals 5 Minuten später gönnen wir uns eine gute z’Vieri-Platte auf der Alp Hintisberg. Ein wunderschöner Klettertag geht zu Ende. Es ist ein Tag, den ich nie mehr vergessen werde und ich freue mich jetzt schon auf den Moment in 20 Jahren, wenn ich von diesem wunderschönen Tag in meinem Leben erzählen kann. Dir Heike möchte ich an dieser Stelle von ganzem Herzen ein dickes „Danke für alles“ senden. Es war nicht selbstverständlich, dass du mich durch diese Wand begleitetet hast und ich hoffe, es war nicht unsere letzte gemeinsame Mehrseillängen-Tour.

Reisefieber. Der Routennamen trifft genau auf meinen aktuellen Gemütszustand zu. Ja, das Reisefieber hat mich einmal mehr gepackt. Im November/Dezember 2010 bereiste ich Südafrika. In der Osterwoche dieses Jahres besuchte ich den Libanon und lernte eine neue Kultur kennen. Die pure Lebenslust und Lebenskraft habe ich in Beirut kennen gelernt, das pulsierende Leben. Es ist die Freude leben zu können und die Freude, dass es ein Morgen gibt. Die wenigen Tage waren viel zu kurz um dieses fantastische Land kennenzulernen.

In wenigen Wochen geht es los. Es wird eine interessante und auch abenteuerliche Reise werden. Das Ziel heisst Tibet - mein „Reisefieber“.

Sunday, July 17, 2011

Unterwegs im Aare-Granit

von Markus

Am 13. Juli 2011 kletterten Matthias und ich am Grimsel. Die Wettervorhersage war für diesen Tag blendend. Es sollte den ganzen Tag die Sonne vom Himmel lachen und erst gegen Abend die ersten Gewitter geben. Mit diesen Informationen im Gepäck, war es für uns Pflicht die Sonnencrème mit mindestens Faktor 30 einzupacken. Bei einer solchen Wettervorhersage ist ein beissender Sonnenbrand bereits vorprogrammiert.


Mit Matthias bin ich zum ersten Mal in einer Mehrseillängen-Tour unterwegs. Es sollte eine einfache und sehr gut abgesicherte Route sein. Von Runouts à la Septumania hatte ich erst mal genug. Wir wollten in Wechselführung klettern. Für Matthias hiess das, sich seit langer Zeit wieder einmal am scharfen Ende des Seils viele Meter auf Granitplatten hochzuarbeiten und den nicht immer offensichtlichen Weg zu erkunden. Viele Jahre war er nicht mehr auf Granitplatten unterwegs und es ist halt für uns Basler Jura-Kletterer auf den ersten Metern immer so ein "Rumgeeiere" bis endlich der Kletter-Rhythmus gefunden ist. Die Wahl fiel auf "Greenhorn" im Sommerloch. Diese Route ist 8 Seillängen lang, gilt als "super" abgesichert und es braucht 10 Express zur Absicherung.


Die Route "Greenhorn" ist wirklich eine tolle Route und eignet sich exzellent für ein gemütliches Klettern auf Granitplatten. Mir ist allerdings schleierhaft, weshalb die Standhaken und zum Teil die Zwischenhaken so seltsam verbogen sind. Wenn dies vom Schnee herrührt, dann muss dieser hier im Winter wohl 100 Meter dick liegen. Werden sie von herunterfallenden Steinen dergestalt verbogen, dann wären Einschläge zu sehen. Ich denke es kann nur davon kommen, dass wohl 5 Seilschaften sich den gleichen Haken teilen.


Bereits nach 3 Stunden sind wir beim Ausstieg angelangt. Die letzte Seillänge ist die mit Abstand schönste. Die Schwierigkeit wird mit 5b angegeben. Eine Stunde später sind wir bereits wieder beim Einstieg. Wir wechseln hinüber zum nur ca. 10 Minuten entfernten Räterichsbodensee. Die Wahl fällt auf die Route "Schnäägesiider", welche mit 5a bewertet ist. Matthias steigt die erste Seillänge vor. Beim 4. Bolt hält er inne und sagt: "Jetzt weiss ich, weshalb hier ein Maillot im Haken hängt. Der nächste Bolt fehlt." Ohne mit der Wimper zu zucken macht er sich zum 15 Meter Runout auf und klettert sicher hoch zum ersten Stand. Die Route ist wunderschön zu klettern und nur in der letzten Seillänge fehlt an einer trickreichen Stelle ein Bolt. Fällt dort der Vorsteigende, dann hat wenigstens auch der Sichernde spürbar was davon. Auch in dieser Route sind die Standhaken und zum Teil auch die Zwischenhaken seltsam verbogen. Der Schnee halt...

Zum Abschluss genehmigen wir uns ein kühles Bier im Grimsel Hospiz. Ein wundervoller Tag mit 13 Seillängen im perfekten Aare-Granit geht zu Ende. Auf der Rückfahrt über den Brünig sehen wir, dass das für den Abend angesagte Gewitter ganze Arbeit geleistet hat.

Wednesday, June 22, 2011

Septumania

von Markus

Sonntagmorgen, 11 Uhr. Ich hole Jürgen in Basel ab und zusammen fahren wir über Bern, Thun, Interlaken, Innertkirchen und Guttannen ins Grimsel-Gebiet. Schon bald stehen wir am Ölberg beim Einstieg des „Engeliweg“. Obwohl wir uns schon Jahre kennen, sind wir noch nicht ein einziges Mal zusammen klettern gegangen. So ist es für uns beide wichtig, die Kommandos in Mehrseillängen zu üben und generell das Feeling für den Granit zu bekommen. Nur kurz sehe ich, dass im aktuellen Kletterführer die erste Seillänge mit 5b bewertet ist. In meinem zugegeben etwas veraltetem Kletterführermaterial wird die erste Seillänge mit 4+ angegeben. Wir binden uns ins Seil ein und wenige Minuten später steige ich in die erste Seillänge ein. Es ist für uns Jura-Kletterer schon ein etwas bizarres Gefühl, nur auf Reibung zu stehen und die Platten hochzulaufen. Nach ein paar wenigen Metern kommt das gute Gefühl zurück. Sofort merke ich, dass heute ein ganz guter Tag werden könnte. Ich fühle mich super, mental stark und das ganze Equipment ist perfekt abgestimmt. Das Klettern macht derart viel Spass, dass wir beinahe den „Engeliweg“ hochrennen. Und dann ist sie wieder da – die erste Seillänge vom „Siebenschläfer“. Jürgen ist an der Reihe und für mich ist es ein wunderbares Schauspiel, wie er sich sicher über diese sehr schwer lesbare Platte nach oben kämpft. Klettern der Spitzenklasse, einfach super. Da die nächste Seillänge vom „Siebenschläfer“ komplett nass ist, entscheiden wir uns für die erste Seillänge von „Eile mit Weile“. Ich bin an der Reihe und ich kenne die Seillänge noch in etwa. Selbst nach 25 Jahren weiss ich noch, wie ich keine der heiklen Stellen klettern konnte und wie mich Peter fast schon hochgezogen hat. Nun, dieses Mal bin ich am scharfen Ende des Seils. Etwas mulmig ist mir schon, weiss ich doch, dass beim vierten Bolt eine fürchterlich schwere Stelle kommt und der Weg von dort bis zum Stand ohne Seil von oben nicht kletterbar ist. Ich weiss, dass Jürgen perfekt im Falle eines Falles sichern wird. Diese Gewissheit lässt mich mit der Seillänge beginnen. Ich komme gut voran, die Runouts sind beachtlich und schon bald stehe ich beim vierten Bolt. Toll, denke ich mir, bis hierher ging doch alles recht gut. Aber jetzt ist guter Rat teuer. Da hat es keine Griffe, keine Tritte, der Bolt ist auch etwa 50 Zentimeter weiter unten und wenn ich stürze, dann wird das richtig wehtun. Alternativen? Keine. Und jetzt? Ich überlege hin und her, aber die einzige Lösung sehe ich darin, den Gummi meiner Sharma-Überhang-Schuhe optimal zu setzen und dann einfach keine hektischen Bewegungen zu tun und in kleinen Schritten nach links zu etwas strukturiertem Fels zu gelangen. Das ist einfacher gesagt als getan, aber es scheint mir die einzige Lösung zu sein. Langsam beginne ich mit der vorgesehenen Kletterbewegung. Und sehr schnell stehe ich einfach mit den Füssen zu 100% auf Reibung auf der Platte, keine Griffe, einfach nichts und kann weder vorwärts noch rückwärts. Und für runter habe ich dann überhaupt keine Lust. Eine Lösung muss her, ganz schnell und so sehe ich, dass linkerhand in meiner Reichweite so etwas wie ein Griff sein könnte. Vorsichtig strecke ich mich aus und erwische diesen – GERETTET. Die anschliessenden Meter, in meinem Hirn als unkletterbar abgespeichert, bieten schönste Kletterei, sind aber überaus sportlich abgesichert. Glücklich und zufrieden komme ich am Standplatz an und weiss jetzt, was mir über viele Jahre gefehlt hat: Plattenschleichereien. Zurück im Hotel genehmigen wir uns ein grosses Bier und sind guter Dinge für den Montag, 20. Juni 2011. Wir sind guter Dinge für den Durchstieg der „Septumania“.

Es ist Montag, 20. Juni 2011 in der Früh. Bereits um 6 Uhr gibt es Frühstück. Das Wetter sieht nicht ganz so verheissungsvoll aus. Dicke Wolken hängen über dem Grimsel, doch alles ist trocken. Wir sitzen ins Auto und fahren vom Hotel Handeck hoch zum Grimsel. Kurz nach dem 11% Steigung aufweisenden Tunnel sehe ich auf der Strasse grosse Steine liegen. Wie kommen denn diese Steine mitten auf die Strasse frage ich mich. Ich verlangsame die Fahrt und dann realisiere ich, dass sich die Steine bewegen. Ein paar Meter später begegnen wir einer ganzen Murmeltierfamilie mitten auf der Strasse auf ihren Morgenausflug. Als sie das Auto hören huschen sie flink die Hänge hinauf und wir können problemlos bis zum Hospiz fahren. Die Temperaturanzeige im Auto zeigt immerhin 4 Grad an. Für einen Sommertag doch ziemlich frisch, doch wir haben keine Zeit uns darüber Gedanken zu machen. Wir schultern die Rucksäcke und nehmen den 1 1/2 Stunden langen Zustieg zum Eldorado unter die Füsse. Wir sind allein unterwegs und ziemlich genau in der angegebenen Zeit stehen wir beim Eldorado. Ui, denke ich mir, das ist seit dem letztem Mal etwas höher geworden. Das Eldorado hat eine sehr beeindruckende Höhe. Schnell sind wir beim Einstieg der Septumania. Ein grosses rotes S zeigt den Einstieg an. Wir vereinbaren, dass wir im Vorstiegswechsel klettern und dass ich die erste Seillänge übernehme. Jürgen gibt mir Hardware und mein Klettergurt wird immer schwerer. Er drückt mir auch Keile und Friends in die Hand. Und dann schaue ich zum ersten Mal in die erste Seillänge und erschrecke ganz gehörig. Als Bohrhaken verwöhnter Basler Jura Kletterer vermisse ich diese silbern glänzenden Inseln der Rettung. Weit oben, nach vielleicht 20 Metern sehe ich den ersten Bohrhaken glänzen. Ich sehe auch einen Riss links von der ausgewaschenen Wasserrille. So muss es gehen, absichern mit mobilen Sicherungsgeräten bis zum Haken und dann ist ja bald der Stand erreicht. Das ist der Plan.


Das Bild zeigt mich Momente vor dem Einstieg in die Route.

In meiner schon fast als Antiquariat zu bezeichnenden Kletterführersammlung habe ich "Schweiz extrem" aus dem Jahre 1989 gefunden. Ich konnte es nicht sein lassen und habe die Bewertungen und die Anzahl der Bohrhaken verglichen. Daran möchte ich auch die Leserschaft teilhaben lassen:

1. Seillänge (1989: 5-; 0 Bh / 2004: 5c+; 2 Bh)

Ich starte etwas eirig die ausgewaschene Rinne hoch. Es geht alles gut, nach 10 Metern lege ich meinen ersten Friend seit Jahren. Er hält. Weiter geht es zum ersten Bolt. Super, denke ich, jetzt ein etwas schwierigerer Move und oben bist du. Da habe ich aber die Rechnung voll ohne meinen Mut gemacht. Der hatte sich gerade mal von dannen gemacht. Die Stelle stellt sich als tricky heraus aber lösbar. Weiter zum zweiten Bolt und schon sehe ich den 1. Standplatz. Es sind ewig lange Meter bis dorthin. Der Bolt so weit unten, der Fels etwas feucht zum Teil auch nass und keine Möglichkeit irgendwie abzusichern. Es wird schon irgendwie gehen, denke ich, strapaziere meine Nerven zum ersten Mal bis zum Anschlag und schon stehe ich beim 1. Stand.

2. Seillänge (1989: 5; 1 Bh / 2004: 5c; 2 Bh)

Ich erinnere mich an einen Satz von Domi. Er sagte: "Lass dich nicht von der 2. Seillänge erschrecken, es wird alles besser." Jürgen steigt vor. Ich weiss heute noch nicht, wie er über diese knackige und vor allem nasse Stelle geklettert ist. Wahnsinn. Die ganze Seillänge ist feucht, so richtig Spass kommt nicht auf. Heute weiss ich, was Domi mit seinem Satz gemeint hat.

3. Seillänge (1989: 5; 1 Bh / 2004: 5b; 3 Bh)

Ich bin wieder an der Reihe und irgendwie schaffe ich es auf dieser rutschigen 5b Platte bis zum zweiten Bolt zu gelangen. Die Nerven sind schon richtig gut angespannt. Dann beginnt das Fiasko par excellence. Die ausgewaschene Rinne wird zu einem halben Bachbett und ist nass. Keine Rettungsinsel weit und breit. Mit viel Gottvertrauen klettere ich weiter. Nach vielleicht 8 Meter sehe ich endlich die Möglichkeit, einen Friend zu legen. Er hält super. So gesichert klettere ich weiter, lege einen Stopper. Langsam gewöhne ich mich an die etwas urtümliche Kletterei und nach gefühlten 3 Stunden stehe ich am Stand. Die Selbstsicherung hält und dann schaue ich nach unten und sehe, dass sich sowohl der Friend wie auch der Stopper zum Bohrhaken hinunter verabschiedet haben. Da hat es also noch viel Room for Improvement.

4. Seillänge (1989: 4+; 0 Bh / 2004: 5b; 2 Bh)

Jürgen steigt eine wunderbare Seillänge vor. Seine Friends halten.

5. Seillänge (1989: 5+; 1 Bh / 2004: 5b; 3 Bh)

Ich bin wieder an der Reihe und frage mich, wie ich es denn je schaffen werde, diesen Quergang bis zum ersten Bolt zu meistern. Das ist einfach eine Granitplatte ohne Sicherungsmöglichkeit und der dazu gehörende Runout. Dass ich mit Jürgen mit einem Superpartner in der Route unterwegs bin gibt mir die Sicherheit, dass auch im Falle eines Falles alles mit rechten Dingen zugeht. Etwas zögerlich geht es die ersten Meter hoch und typischerweise verklettere ich mich. Also die ganzen Meter wieder runter und 2 Meter weiter rechts nochmals das gleiche Spiel von vorne. Endlich gelange ich zum ersten Bolt und sofort fühle ich mich sicher. Die nächsten Meter sind Granitkletterei in Perfektion, reiner Genuss. Eine herrliche Seillänge mit viel Grip, Griffen und bester Kletterei.

6. Seillänge (1989: 6/6+; 3 Bh / 2004: 6a; 4 Bh)

Bevor Jürgen den ersten Bolt klinken kann, darf er schon mal ganz fein auf seinen Zehenspitzen tanzen und ohne Griffe 6 Meter klettern. Die schwere Stelle ist nun geschafft, meinen wir. Wir meinen falsch. Später in der Seillänge kommt nochmals so eine trickreiche Stelle, die jeden Basler Jura Kletterer eigentlich überfordern müsste. Nicht aber Jürgen. Chapeau!

7. Seillänge (1989: 5+; 1 Bh / 2004: 5c; 2 Bh)

Und dann stehen wir am Stand und schauen uns fragend an. Wo geht die Route durch? Hat es irgendwo einen Hinweis, wohin die Reise gehen soll. Wir sehen nur weit oben den Stand. Hoffentlich ist es der von der Septumania. Nun gut, da müssen wir durch, da muss ich durch. Das ganze Material hängt an meinem Klettergurt und nach ein paar Meter sehe ich dann endlich, wo die 2 eingezeichneten Rettungsinseln stecken. Aber die sind unheimlich weit auseinander. Da hilft nur eines: Konzentration und durch. Eine wunderbare Plattenschleicherei nimmt nach rund 45 Metern ihr Ende.


Da ist mir das Lachen bereits etwas vergangen.... (Bild nach der 7. Seillänge)

8. Seillänge (1989: 6/6+; 3 Bh / 2004: 6a-; 4 Bh)

Jürgen klettert im Vorstieg diese etwas komische Verschneidung hoch und ist bald aus meinem Sichtfeld. Eine typische Septumania-Seillänge: Kletterei wechselt unvermittelt mit Schleicherei. Und die Schleicherei hat es halt immer so in sich und ist immer von einem Runout begleitet.


9. Seillänge (1989: 5+; 1 Bh / 2004: 5c; 2 Bh)

Vom Stand schaue ich die nächsten Meter hoch. Es stellt sich wie eigentlich immer die gleiche Frage: wo geht die Route lang? Nach einigem Suchen finde ich den ersten Wegweiser. Aber bis dorthin klettern? Wieder so ein Runout der Extraklasse. Die ersten Meter sind wieder so wahnsinnig hart. Sobald aber der Rhythmus gefunden ist, wird alles deutlich leichter. Bald erreiche ich den 1. Bolt und klinke diesen erleichtert ein. Herrliche Kletterei bis zum Stand ist nun zu bewältigen. Eine Traumseillänge!

10. Seillänge (1989: 6+; 3 Bh / 2004: 6a+; 5 Bh)

Jürgen klettert die Schlüssel-Seillänge. Vom Stand geht es rechts weg unter einem kleinen Dach hindurch. Das wird wieder so ein Wahnsinns-Gebastel mit dem Rücksack auf dem Rücken, denke ich. Bald ist Jürgen über das kleine Dach geklettert und verschwindet aus meinem Blickfeld. Langsam aber stetig muss Jürgen klettern, denn so muss ich das Seil ausgeben. Meter um Meter gleiten so durch meine Hände. Es gibt keine ruckartigen Bewegungen, nichts. So hänge ich am Standplatz und sichere Jürgen. Endlich kommt das Kommando, dass ich mich auch auf die Reise machen kann. Es wird wirklich ein Gebastel unter dem Dach durch. Ein schöner Move über das Dach und schon stehe ich am Anfang dieser Wahnsinns-Seillänge. Einfach gehen und nicht stehen bleiben, so bellt es in meinem Kopf. Nie stehen bleiben, einfach nicht stehen bleiben, sonst bekommst du den Schwung nie mehr hin und es wird grauenhaft werden, schrillt die Alarmglocke. Die Runouts sind mehr als sportlich! Es besteht keine Möglichkeit, irgendeinen Keil oder Friend zu platzieren. Einfach gehen, gehen, gehen und auf keinen Fall stehen bleiben. Das ist die Lösung für diese Seillänge!

11. Seillänge (1989: 4+; 2 Bh / 2004: 5b; 3 Bh)

Nach einem etwas dummen Verhauer, finden wir wieder auf die richtige Linie zurück. Die Seillänge ist übersichtlich mit 3 Bolts gesichert, wobei der 3. Bolt kurz vor dem Stand platziert ist. Dort macht er auch Sinn, denn der Abstand zum 2. Bolt ist derart gross, dass ein Fehler an dieser Stelle zu einer ganz schlimmen Sache führen könnte. Aber Runouts sind wir in der Zwischenzeit gewohnt und so kann mich diese Seillänge nicht mehr schockieren. Was ich in Seillänge 10 gelernt habe, kann ich hier umsetzen: gehen, gehen, gehen und den Rhythmus behalten!

12. Seillänge (1989: 4; 0 Bh / 2004: 4c; 2 Bh)

Jürgen klettert die nächste Seillänge, wieder eine typische Seillänge für die Septumania: Seillänge 11 ist eine pure Granitplatte ohne Griffe und Tritte. Seillänge 12 bietet herrliche Kletterei mit guten Griffen und Tritten.

13. Seillänge (1989: 6-; 3 Bh / 2004: 5c; 3 Bh)

Ui, ui, ui. Da steht mir aber ein ganz gewaltiges Stück Arbeit bevor. Nervlich bereits ziemlich strapaziert habe ich das seltene Glück, diese im trockenen Zustand sicher ganz tolle Seillänge heute mit breiten Wasserstreifen verziert angehen zu dürfen. Bereits der Anfang der Seillänge bis zum 1. Bolt bereitet mir grosse Schwierigkeiten. Der Kopf ist alles andere als bereit. Ich lege noch einen guten Friend wohl wissend, dass die nächsten 10 Meter mit diesen Bedingungen richtig schwierig werden. Ich zögere und finde den Anfang einfach nicht. Der Kopf macht total zu. Immer wieder höre ich den Satz: es geht nicht. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Alles ist im Off-Modus. Und ganz plötzlich kommt von irgend woher mit einem Riesentumult der Song Motörhead. Es gibt eigentlich fast keinen passenderen Ort, als genau in dem Moment Motörhead abzuspielen.

Besser als erwartet, komme ich auf die Schuppe hoch und kann mich mit dem linken Fuss zwischen zwei Wasserspuren gut abstützen. Wenn die Seillänge jetzt zu Ende wäre, hätte ich gewonnen. Aber ich muss ja weiter, viel weiter. Ein unendlich harter Kampf tobt in meinem Hirn und endlich gelange ich zu diesem guten Griff. Ich habe gekämpft wie ein ganz Grosser, mein linker Unterarm ist völlig ausgepumpt. So stehe auf einem guten Tritt und bekomme fast nicht mehr den Bolt gleich vor meinen Augen geklippt. Mein Atem rasselt, der Unterarm ist völlig durch aber eine ganz grosse Freude überkommt mich, dass ich diese Stelle geschafft habe. Nach einer langen Pause klettere ich etwas wacklig die Seillänge fertig. In der Zwischenzeit bin ich mir ziemlich sicher, dass ich meinem Traum verwirklichen kann. Motörhead hämmert unablässig weiter. Pausenlos.

14. Seillänge (1989: 4+; 2 Bh / 2004: 5b; 3 Bh)

Jürgen ist wieder dran und klettert eine wunderbare Seillänge mit grossen Griffen und Tritten. Unsere Sorgenfalten werden aber immer grösser. Seit der 10. Seillänge hält sich das Wetter überhaupt nicht mehr an die Wettervorhersage. Dicke Wolken hängen über unseren Köpfen und manchmal spüren wir den einen oder anderen Tropfen Regen.

15. Seillänge (1989: 5+/6-; 3 Bh / 2004: 5c; 4 Bh)

Aus dem Stand geht es in herrlicher Kletterei mit Griffen und Tritten über in eine Granitplatte. Einmal mehr muss ich den Weg suchen, die Runouts können mich überhaupt nicht mehr erschrecken. Alles läuft wie im Film ab. Mein Traum, einmal die Septumania klettern zu können wird langsam Wirklichkeit. Langsam realisiere ich, dass dies meine letzte Seillänge im Vorstieg gewesen ist und ganz langsam kommt eine ganz grosse Freude auf. Jürgen kommt nach und wir wechseln zum letzten Mal das Material.

16. Seillänge (1989: 4+; 0 Bh / 2004: 4a; 1 Bh)

Jürgen zieht los. Es ist ja nur noch 1 Seillänge mit einem Bolt. Aber den finden wir nicht mehr. Nach 60 Metern ist das Seil aus, Jürgen holt mich nach und nach wenigen Minuten bin ich mir absolut sicher. Mein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich bin so unwahrscheinlich glücklich! Ein unbeschreibliches Gefühl überkommt mich. Herrlich!

Geschafft!

Und jeder, der schon mal den Abstieg zu Fuss vom Ausstieg hinunter zum Einstieg durchlebt hat weiss, was jetzt kommt. Mühsam kämpfen wir uns nach unten um dort die Rücksäcke zu schultern und wieder 1 1/2 Stunden zurück zum Hospiz zu laufen. Mir tut bereits nach 30 Minuten Marsch alles weh. Aber irgendwie schaffen wir es um 21 Uhr im Hotel Handeck frisch geduscht mit einer sehr guten Flasche Wein auf den erfolgreichen Tag anzustossen.

Und so endet ein knapp 30-jähriger Traum. Lange, sehr lange musste ich warten, bis alle Puzzle-Teile perfekt aufeinander abgestimmt waren. Beim Schreiben dieser Zeilen wird mir einmal mehr wieder bewusst, welch wunderbares Geschenk Mutter Natur uns Kletterern mit diesem einzigartigen Eldorado beschert hat und mit welchem Mut und Können die Gebrüder Claude und Yves Rémy ein einzigartiges Schmuckstück des Klettersports erschaffen haben.

Septumania - Vorbereitung

von Markus

Es war das Jahr 2002, als ich wiederum im Nachstieg mit Silvio durch die „Motörhead“ am Eldorado kletterte. Ich erinnere mich noch gut an dieses Unterfangen, war ich doch bei Seillänge 8 völlig fertig und ausgebrannt. Irgendwie schaffte ich es noch die restlichen Seillängen bis zum Ausstieg zu klettern und dann wieder hinunter zum Materialdepot zu gelangen. „Der Abstieg – oh nein - den will ich nie mehr durchleiden müssen, ich will nie mehr in meinem Leben so fertig sein wie heute“ sagte ich mir damals und so verabschiedete mich von der „Septumania“. Für mich war die Sache stimmig. Der Verstand sagte ok, das war’s, das Herz dagegen litt Höllenqualen.

Soll ein Traum nicht ein Traum bleiben, so braucht es Taten. Erst im 2010 war es wieder soweit, dass ich mich ernsthaft mit der „Septumania“ auseinandersetzen konnte. Ich wollte es nicht bei meinem Traum belassen und so fragte ich sehr engagiert in der Kletterszene, wer mich denn durch die „Septumania“ begleiten möchte. Viele Leute haben die Route bereits geklettert und eine Wiederholung stand für sie ausser Frage. „Septumania“, das ist dann doch ein ganz anderes Kaliber. Zwar wird die Route als „Plaisir“ gehandelt, aber die Absicherung ist mit „so…so“ bewertet und der Einsatz von Friends und Keilen muss sitzen. Dazu kommen die Gebirgslage, das in der Gegend unbeständige Wetter und dann die schiere Länge von 16 Seillängen mit insgesamt 500 Meter Klettermetern. 1 1/2 Stunden Anmarsch vom Hospiz zum Einstieg und diesen selbstverständlich nach getaner Arbeit wieder zurück. Mindestens 3 Stunden wandern steht auf der Aufgabenliste. Der Abstieg ist auch nicht so wahnsinnig toll und es braucht dann halt schon etwas „Beissen“ um eine Route von einer solchen Dimension angehen zu wollen beziehungsweise zu können.

Die vielen Absagen haben mich nicht gerade zuversichtlich gestimmt. Ich habe mir auch schon überlegt, mir diese Route einfach zu „kaufen“. Das geht ja heute problemlos. Es gibt viele Bergführer, die für etwas Geld ihren Kunden durch eine solche Wand führen. Aber eine Route „kaufen“, das war dann doch nicht das, was ich wollte. Es muss die gute alte Version des gemeinsamen Kletterns sein. Es soll jemand sein, zu dem ich volles Vertrauen habe, welchen ich als Menschen schätze. Denn ich weiss mit 100%-iger Sicherheit, dass ich exakt ein einziges Mal durch diese Route klettern werde. Zusammen sollten wir eine Route von Weltruf klettern, zusammen sollten wir Glück und Freude erleben, zusammen sollten wir dieses Abenteuer durch- und bestehen. So war meine Vorstellung.

Es war an einem wunderschönen Samstagnachmittag im März 2011, als sich eine bunte Truppe in Soyhières beim Klettern traf. Ich wusste, dass Domi im 2010 „Septumania“ geklettert hat. Natürlich fragte ich ihn über die Route aus und eine heitere Diskussion mit viel Lachen begann. Er sagte mir, ich solle mich nicht von der zweiten Seillänge erschrecken lassen. Der Rest sei einfach gut. So standen wir da, lachten über die interessanten Ausführungen von Domi über die Route und Christian pflichtete ihm überall bei. Langsam aber mit einer ganz besonderen Bestimmtheit beschlich mich das dumpfe Gefühl, dass die „Septumania“ wohl doch eine Nummer zu gross sein könnte. Just in dem Augenblick sagte Jürgen beim Auspacken seines Rucksackes, dass er auch gerne durch die „Septumania“ klettern wolle. Ich war sprachlos und Judith rettete sofort die Situation: Jürgen und Markus – klettert doch zusammen durch die „Septumania“! Schnell tauschten wir die Handy-Nummern aus und schon ein paar Tage später stand fest, dass wir am 20./21. Juni 2011 zusammen dieses Abenteuer angehen werden. Ab diesem Augenblick war ich nur noch nervös, wenn ich an das Eldorado dachte. Was in unendliche Ferne abzudriften drohte, erfuhr plötzlich eine ganz neue Dimension. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass ich meinen Traum verwirklichen konnte? Sollten die ganze jahrelange Warterei, der ganze Verdruss, der ganze Frust über die vielen Absagen und verpassten Chancen ein Ende haben? Ist es wirklich wahr, dass Jürgen und ich zusammen durch die „Septumania“ klettern? Erlebe ich das wirklich oder ist das alles nur ein Traum?

Septumania - Wie alles begann

von Markus

Eine etwas komische Seillänge liegt hinter mir. Ein kleiner, leicht zu kletternder Aufschwung führt direkt in eine Platte. Etwas verloren stehe ich da und suche den nächsten Bolt und sehe nur 10 Meter weiter links den Standplatz. Ohne Anstrengung geht’s über die wie immer absolut tritt- und grifflosen Platten hinüber zu den beiden Bolts. Das übliche Ritual beginnt. Wenige Minuten später steht Jürgen neben mir am Standplatz. Wir wechseln einmal mehr die Hardware und er geht weiter. Weit und breit ist kein Bohrhaken zu sehen, es besteht aber auch nicht die Möglichkeit ein mobiles Sicherungsgerät anzubringen. Jürgen klettert sicher, alles ist im grünen Bereich. „Noch 2 Meter“ rufe ich ihm zu in der Hoffnung, dass er es hört. „Stand“ kommt als Antwort zurück und ich mache mich an meine Arbeit. Standplatz abbauen, Rucksack schultern, alles geht wie im Traum. Ich klettere Meter um Meter und dann plötzlich sehe ich Jürgen mit einem breiten Lachen auf dem Gesicht und ohne Helm mich sichern. Wenige Schritte sind es noch bis zu ihm und dann ist es soweit. Eine unendlich grosse Freude überkommt mich. Ich bin nun völlig sicher, dass ich die „Septumania“ am Eldorado geklettert habe. Ein langer fast 30-jähriger Traum geht in diesem Moment in Erfüllung! Noch heute, 2 Tage nach diesem Moment schwirrt mir der Kopf vor lauter Freude und ich kann mein Glück bis heute noch nicht so richtig in seiner ganzen Tragweite begreifen.

Wie immer, gibt es zu diesem Event eine kleine Geschichte, die ich der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Dazu, es sei mir bitte erlaubt, muss ich etwas tief in die Vergangenheit ausholen aber ich hoffe, dass es sich lohnt. Die Geschichte geht wie folgt:

Die Grimsel-Gegend und im Speziellen die von der Handegg hat mich schon immer fasziniert. Bereits 1980, kurz nach dem Startschuss zur Erschliessung des Ölbergs, gingen wir dort klettern. Allein der Zustieg von 15 Minuten vom Parkplatz zum Einstieg machte den Ölberg zu einem lohnenden Ziel für uns Basler. Wir kletterten den „Engeliweg“, der mit insgesamt 13 Bohrhaken gesichert war bis zum „Siebenschläfer“ hoch. Die erste Seillänge des „Siebenschläfers“ ist bis heute eine andere Liga. Wo heute 5 Bolts stecken, lachte gerade mal ein etwas rostiges Exemplar aus der Platte. Ich habe es bis heute nicht geschafft, diese Seillänge fehlerfrei zu klettern. Zu klein sind die Tritte und meine Augen sind in der Zwischenzeit auch nicht mehr die besten… In den frühen 80er Jahren kletterte ich mit Peter Rüger durch „Eile mit Weile“. Die Schlüsselstelle kletterten wir mit je einem Hänger, wir kamen aber die anschliessende heutige 6c-Platte nicht hoch. So wechselten wir in den „Siebenschläfer“ und kletterten diesen fertig. Peter erzählte mir ein paar Wochen später, dass er durch die „Septumania“ geklettert sei. Diese Route sei wunderschön und die müsse ich unbedingt klettern, aber er würde sie nicht nochmals klettern. Die Gebrüder Rémy sollen dort viele schöne Routen eröffnet haben und er möchte eine andere klettern.

Als ich im Jahre 2000 nach einer fast 20-jährigen Pause wieder mit dem Klettern begonnen habe, spukte natürlich sofort wieder die „Septumania“ in meinem Kopf herum. Aber es sollten noch ein paar Jahre mehr durchs Land ziehen…

Erst anfangs der Nuller-Jahre, ca. 2002 oder 2003 kehrte ich an den Ölberg zurück. Zusammen mit Silvio kletterte ich im Nachstieg durch den „Siebenschläfer“. Dabei musste ich aber realisieren, dass mir Plattenschleichereien überhaupt nicht mehr liegen. Erst im 2006 ging ich nochmals an den Ölberg um festzustellen, dass Plattenschleichen das Schlimmste überhaupt ist. Für mich war meine ehemalige Paradedisziplin zur Strafaufgabe geworden. Doch der Traum ist geblieben: Septumania.

Wednesday, June 1, 2011

Der fliegende Jura-Dino

von Markus

Es geschah an einem wunderschönen Samstagnachmittag im Mai 2011.

Eine kleine aber nicht minder heitere Truppe versammelte sich am Chuenisberg beim untersten Sektor. Zusammen mit Markus und Patrick wollte ich in der neuen Route links von "The Sick" die Geheimnisse der Bewegungsabfolgen für eine Begehung entschlüsseln. So zumindest war der Plan. Die Route heisst "Projekträuber" und checkt auf der nach oben geschlossenen Chuenisberg-Skala bei 6b+ ein. Ein lösbares Projekt, so dachte ich mir und schon bald baumelten die Express in den 5 Bohrhaken. Der Erschliesser der Route hat sich wirklich viel Arbeit gemacht und sehr viel Mühe gegeben. Herausgekommen ist eine wunderschöne und athletische Route. Die Bolts sind super gesetzt, alles perfekt, ein toller Nachmittag mit Sportklettern kündigte sich an.

Den "Projekträuber" versuche ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit plus 2 Tagen und ich kenne die Route auswendig. Der herrliche Kreuzzug, der direkt in die Schlüsselstelle führt ist traumhaft. Und dann ist da die Schlüsselstelle. Wenn ich zum x-ten Mal im Seil hänge realisiere ich immer wieder, dass ich nicht zu den magersüchtigen Hallenbewohnern gehöre. Dass dies so ist, dafür gibt es nun auch den definitiven Videobeweis.




Alles live, nichts gestellt, pure Realität. Klettern kann gefährlich sein. Selbst der Kameramann hatte grösste Angst vom Jura-Dino erschlagen zu werden, sonst hätte er sicher mit der Kamera nicht so gewackelt. Oder?

Saturday, March 19, 2011

Der kletternde Jura-Dinosaurier

von Markus

An einem wunderschönen Tag im Jura ist es passiert. Hier in diesem Klettergarten: La Jacoterie


Erfolg. Endlich Erfolg. Die Fotofalle hat zugeschnappt und wir können an dieser Stelle eine dieser ganz seltenen Aufnahmen eines Jura-Dinosauriers zeigen. Tief im Jura ist uns dieser Schnappschuss gelungen, ein Ort, den der Jura-Dinosaurier traditionell meidet. Wir wissen nicht, was dieses stattliche Exemplar in diese Gegend verschlagen hat. Die Sprache kann es auf keinen Fall sein, Jura-Dinos verstehen nur ganz schlecht die französische Sprache.

Auf dem Bild ist klar zu erkennen, dass es etwas wacklig und ungelenk versucht, einen Klettergurt anzuziehen. Offenbar handelt sich um ein eher etwas älteres männliches Exemplar. 50 Jahre hat es sicher auf dem Zähler.  Die Fotofalle muss es fürchterlich erschreckt haben, denn, so wird uns berichtet, anschliessend sei es „wie verrückt“ die Wände hoch geklettert. Es habe Route um Route geklettert. Mit seinem stattlichen Beinwerk und den für sein Gewicht etwas gar dünnen Unterarmen habe es immer wieder fast schon hilflos versucht, seine etwas aus der Form geratene Körpermitte in die Höhe zu wuchten. Aber irgendwie sei es immer wieder oben angekommen.

Es gibt leider keine fotografischen Belege aber es wird davon berichtet, dass dieses Prachtexemplar der dramatisch vom Aussterben bedrohten Spezies auch schon im leicht abdrängenden Fels gesichtet worden sei. Eigentlich unvorstellbar, denn es ist nicht erklärbar, wie so viel Gewicht überhaupt irgendwie in die Höhe gestemmt werden kann. Offenbar müssen Jura-Dinos über versteckte Reserven oder Fähigkeiten aus längst vergangenen Zeiten verfügen. Vermuten lässt sich, dass sie vielleicht über eine natürliche Begabung verfügen, sich mit der Natur zu verschmelzen und die in der Natur schlummernden Kräfte (Stichwort: may the force be with you) zu aktivieren. Es besteht weiter grosser Erklärungsbedarf und weitere Forschungen sind dringend notwendig. Aber suchen wir nicht weiter nach Erklärungen und Antworten, sondern freuen wir uns doch alle, diesen Jura-Dino noch einmal lebend gesehen zu haben.

Im traditionellen Winterrückzuggebiet des Dinos, dem Pelzli, soll es noch ein oder zwei weitere Exemplare geben. Die seien aber nicht annähernd so stattlich im Speck wird berichtet. Selbst ein in diesen Breitengraden in freier Wildbahn selten anzutreffendes kletterndes Nilpferd wird dort regelmässig im Winter gesichtet. Wenn also jemand mal ein Nilpferd und ein Dino klettern sehen will, der muss sich die Mühe nehmen und den weiten Weg in das etwas versteckt liegende Pelzmühletal antreten.

Es wurde uns zugetragen, dass der Jura-Dinosaurier und das Nilpferd ihr Winterrückzuggebiet verlassen hätten und nun zusammen des Öfteren am Fels von Soyhières gesichtet werden. Das ergibt Sinn, sind doch Dinosaurier von Geburt aus einfach nur eines: sauschwer. Da braucht es natürlich ein passendes Gegengewicht. Es war der 5. März, als das elefantöse Nilpferd Sicherungspunkte in der 1. Seillänge der neuen Route „50 est le nouveau 20“ anbrachte. Es habe so ausgesehen, als ob da einfach keine schwere Stelle in der Route sei. Will heissen, Nilpferde können saugut klettern. Später an diesem Tag kletterte Alt-Dino flink wie ein Wiesel im Vorstieg bis zur Schlüsselstelle hoch. Vor der Schlüsselstelle dann das übliche Szenario: Alt-Dino zapft die Kräfte der Natur an und kletterte wie ein junges Reh (oder wie heisst jetzt schon wieder das grosse Tier mit den grossen Ohren und dem langen Rüssel im Gesicht) etwas gar steif die Route sturzfrei durch. Alt-Dino sei sehr glücklich gewesen und fühlte sich wie 20. Gut für uns zu wissen ist, dass das Nilpferd den Dino sicherte. So können wir nun sicher sein, dass der Umlenkhaken definitiv hält.