Monday, January 27, 2014

El Gigante und die zwei rauchenden Waden

Von Alex

schon seid ich mit sechs Jahren mit meinen Eltern im Pelzli zum Klettern war, hat mich dieser Ort fasziniert. Strahlt es doch irgendwie so eine tiefe Ruhe aus. Damals standen für uns Kinder Routen wie "Wändle versteckt Händle" oder "MoserKante/Wand" an erster Stelle. Danach gings dann runter zum Mätteli zum grillieren und gemütlich am Feuer sitzen.
Im vorbeigehen sah ich damals Kletterer in unglaublich glatten Wänden klettern. Wie soll das denn gehen ?
Was in all den vergangenen Jahren gleich geblieben ist, wenn ich im Pelzli klettern gehe, ist die Frage: Wie soll das denn gehen ?
Als ich am 24 Dezember das erstemal in El Gigante/7c einstieg war sie sofort da....Wie soll das denn gehen ?Ne, das geht nicht...Ne, da hatts ja keine Griffe.
O.K, vielleicht gehts ja doch....aber wie soll man denn clippen ??? Und dann kam es..das nächste Pelzli Phänomen. Klappt ein Zug.. klappt der nächste...und der Nebel lichtet sich und alles scheint perfekt zusammen zupassen, wie für einander bestimmt.
Tagzuvors hatte ich sie vom zweiten Bolt aus dreimal durchgestiegen. Ich war mir sehr sicher wenn der Anfangsboulder vorüber ist, und ich auf dem Band stehe klappt es.
Da es mein dritter intensiver Klettertag in Folge war, habe ich mir keine grossen Hoffnungen gemacht. Doch plötzlich flogen die ersten beiden Bolts vorbei und ich stand auf dem kleinen, rutschigen Bändchen.Jetzt muss es gehen...ruhen ...ruhen...ruhen...die Waden brannten immer mehr....und noch mehr....Beine ausschütteln....und los ! Zwei Meter weiter, hing ich im Seil. Der Frust sass tief, hat diese Stelle doch immer geklappt.Ich hatte einfach keine Kraft mehr in der linken Wade um den kleinen Tritt richtig zu ziehen.
Mit völlig müden, zittrigen Beinen gings auf den Boden zurück. Nach etwas Mut zuspruch und oh ja,,,,,einer Beinmassage von Noemi (gabs das schonmal im Pelzli??) konnte ich El Gigante knapp zehn Minuten später durchsteigen. Noch nie hat mich eine Route so an die Grenze meiner Konzentrationsfähigkeit gebracht.

Sunday, January 19, 2014

Illusion

von Markus

Die Kurzform dieses Eintrags speziell für Richi: Yes!!

Tag 4: 18. Januar 2014

Bereits die ganze Woche bin ich etwas nervös. Ich weiss, dass ich die „Illusion“ klettern und mir damit einen 35 Jahre währenden Wunsch erfüllen kann. Ich weiss auch, weshalb ich so nervös bin. Diese Route bedeutet mir so extrem viel. Sie bildet für mich die Brücke zwischen meinen beiden Kletterleben und es ist für mich extrem wichtig über diese Brücke zu gehen. Es ist aber auch das Alter, welches mir aufzeigt, dass ich all die aufgeschobenen Projekte nun endlich erledigen muss. Besser werde ich wohl kaum mehr. Heute, am 18. Januar nach vielen Irrungen und Wirrungen in meinem Leben halte ich alle notwendigen Puzzle-Teile in der Hand. Es liegt einzig und allein an mir, die Teile zu einem vollkommenen Ganzen zusammen zu setzen. Für mich ist auch der Zeitpunkt wichtig. Gemäss Fluebible hat Richi die Route am 5. Februar 1979 geklettert, also vor ziemlich genau 35 Jahren! 

Stündlich schaue ich auf die Wettervorhersage. Das Angebot ist breitgefächert und geht von strahlend schön bis Schneefall. Ich brauche lediglich ein Zeitfenster von vielleicht 3 Stunden um alles unter Dach und Fach zu bringen. 

Illusion - Route 12 (Foto aus der Fluebible)
Wir treffen uns spät auf P Angenstein und stehen wenig später unter der Daumen Ostwand. Eine unglaubliche Nervosität überkommt mich und es hämmert immer die gleiche Frage: Klappt es heute? 

Es kommt ein kühler Wind auf, die Sonne mag nicht richtig wärmen. Es ist etwas kühl. Zu kühl? Oh, das wäre doch eine schöne Ausrede, die Route nicht klettern zu müssen! Schon bald hängen die Express in der Wand. Ich entscheide mich, nochmals einen Erkundungsdurchgang durch die Route zu machen. Es ist nachmittags um etwa 14 Uhr und endlich wärmt die Sonne etwas während ich in der Wand hänge. Der Grip ist sensationell, die Wand ist komplett trocken, es herrschen ideale Bedingungen. Ab dem dritten Bolt spüre ich weder meine Finger noch meine Zehen und trotzdem klettere ich weiter. Ich kenne ja die Griffe und Tritte auswendig und ich weiss, wie viel ich halten mag und wie viel Druck ich auf die Füsse bringen muss um nicht abzurutschen. Das ist Klettern auf Sicht in etwas anderer Auslegung des Begriffs. Die Schlüsselstelle geht auf Anhieb, alles kein Problem, alles im grünen Bereich. Und trotzdem werde ich immer nervöser. Mein Hirn findet mindestens 50 Ausreden, heute diese Route nicht zu klettern. Nach einer Pause mit viel heissem Tee ist es soweit. Der Wind wird wieder stärker, die Sonne verschwindet nun definitiv hinter dichten Wolken und die Temperatur sinkt. Ich muss mich sofort entscheiden, sonst erfriert meine Sicherungspartnerin. Ich begebe mich an den Start der „Illusion“, ziehe das Seil ab, binde mich ein, bereite mich für den Vorstieg vor. 

Vor vielen Jahren habe ich von Dominik den Tipp erhalten, beim Klettern sich via Musik zu konzentrieren um der Nervosität Herr zu werden und um die Konzentration zu erhöhen. Ich mag mich noch gut an meine erste 6c+ erinnern. Dabei sicherte mich Dominik und ich summte für mich den Song „Engel“ von Rammstein vor mich hin. Was heisst da summte? Ich sang immer wieder den Refrain „Gott weiss ich will kein Engel sein“. Seither fehlen ein paar Bäume in der Bettlerküche. Aber das ist ein anderes Thema. Der Tipp von Dominik hat genützt und ich konnte die 6c+ in meinem zweiten Versuch klettern. Was vor vielen Jahren genützt hat, wird doch auch dieses Mal etwas bringen, denke ich mir in der Vorbereitungszeit bis zum 18. Januar. Weil ich ja weiss, wie wichtig mir die „Illusion“ ist weiss ich auch, dass ich wohl vor Nervosität zittern werde. Die ganze Woche habe ich mir über einen Song Gedanken gemacht und am Mittwochabend, etwas mitgenommen von viel Champagner, Wein und Bier auf dem Nachhauseweg von Bern, habe ich den richtigen Song gefunden. Es muss Heavy Metal sein, es muss laut sein, es muss hart sein, es muss fordernd sein. Es ist der Song „The Devil Cried“ von Black Sabbath. Der Song ist auf der CD „The Dio Years“ zu finden und natürlich auf Youtube (Andreas: das wäre jetzt der Song, den wir schon mal zusammen gesucht haben).

So stehe ich nun einmal mehr in meinen geliebten, jetzt etwas zu satt gebundenen Five Ten blanco etwas belämmert in die Gegend schauend und nicht wissend was kommen wird am Anfang der „Illusion“. Ein letzter Kontrollblick – Ready, Steady, Go. Song ab:

One fine day in Hell
The master told a story
Someone lied so well
He sent him back to Glory
 

Glory – genau. Das möchte ich auch mal wieder haben. Also muss ich kämpfen. Die ersten Moves gehen überraschend gut. Die Nervosität ist weg. Vor dem dritten Bolt gibt es einen sehr guten No-Hand-Rest. Diesen benutze ich intensiv, währendem Ronnie James Dio die zweite Strophe singt

There are whispers between the screams
That this deed can be done
Even sinners must dream
And I can be the one to make the Devil cry

Die zweite Strophe ist vorbei, ich bin vollkommen konzentriert und ruhig. Die dritte Strophe beginnt.

I can win this game
If all things come together
I know this sounds quite strange
I won't be smart, just clever

Just beim Wort "clever" habe ich die heikle Stelle über den dritten Bolt sauber geschafft und stehe nun etwas verloren in der Wand. Zu einfach ist diese Stelle gegangen, viel zu einfach. Deshalb kann ich die nun folgende Strophe locker angehen und etwas umständlich zum vierten Bolt klettern. Meine Sicherungspartnerin motiviert mich zusätzlich. Sie glaubt an mich und feuert mich zusätzlich an.

It's the law on the other side
Just one tear lets you run
And though many have tried
I know I'll be the one to make the Devil cry

Ich stehe nun exakt unter der Schlüsselstelle. Ich weiss, ich kann diese nächsten für mich sehr schweren Meter klettern. Noch mehr Fokussierung auf die Füsse, die Fingerspitzen werden langsam kalt. Da beginnt auch schon die nächste Strophe in meinem Hirn zu hämmern und lässt mir keine Chance. Ich muss tun, was kommt.

At last my time has come
I must not give him pleasure
I can be the one
One chance or burn forever

Im Gegensatz zum Songtext ist es ein Vergnügen die Schlüsselstelle zu klettern. Die Moves gehen wunderbar, alles geht ganz locker. Diese Chance habe ich genutzt. Es bleibt der allerletzte Move an die Kante. Wie bereits beim Ausbouldern mehr als einmal passiert, rutschen mir die Füsse weg und ich hänge etwas verkrampft am grossen Henkel und sortiere die Füsse.
 
So I told him about my pain
And the life I've been through
He just smiled and the laughter came
Then I told him that I love you, and the Devil cried
 

Ich setze zum letzten etwas wackligen Zug an und schon stehe ich beim Umlenker. Erleichtert klinke ich diesen ein.

Tears from his eyes
Eyes of fire
And the Devil cried
 

Ob nun der Teufel weint, das weiss ich nicht. Ich bin es auf jeden Fall nicht, der weint, sondern sich unendlich freut. Ein unbeschreiblich schönes Gefühl durchflutet mich. Ich habe die „Illusion“ geklettert, fehlerfrei alle Puzzle-Teile richtig zusammengesetzt. Entgegen meiner allerersten Einschätzung gehöre ich nun doch nicht zur Generation 70+ und werde definitiv auch nicht die Express zum Kilopreis auf ricardo.ch verkaufen. Nein, ich werde mich völlig losgelöst an neue Projekte wagen und wissen – it's all in your mind. 

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich richtig erinnere. Der Routenname basiert nicht auf der normalen umgangssprachlichen Illusion,  sondern auf einem Buch(?) von Carlos Castaneda. Ich frage mal Richi, wenn ich ihn dann wieder einmal im B2 sehe. 

Bewertung der Illusion (Foto aus der Fluebible)

Wenn ich mich ins Jahr 1979 zurückversetze und nachdenke, was, wie und warum ich seinerzeit geklettert bin, so stellt für mich heute die „Illusion“ ein wirklicher Meilenstein dar. An dieser Stelle möchte ich Richi für seine Weitsicht im 1979 danken, uns Kletterern ein solches Denkmal zu schaffen und dem seinerzeitigen Establishment schlicht den Vogel zu zeigen! Super.

Herzlichsten Dank auch an meine Mitstreiter Markus, Roland, Jüschi, Heike und Andrea, welche mich mit ihrer unendlichen Geduld diesen Traum haben wahr werden lassen. Und nicht zu vergessen der junge Jura-Saurier, der mich mental bei unseren gemeinsamen Trips an die Parois des Romains wieder auf Vordermann gebracht hat!

Sunday, January 12, 2014

1979 - Teil 2

von Markus


Richi meinte, dass der sicher nach erfolgreichem Durchstieg der "Illusion" zu erwartende etwas lange Blog-Eintrag mit einem „Yes“ genügend dokumentiert wäre. Es kam bzw. es ist alles ganz anders.

1977 war ein für den Klettersport geschichtsträchtiges Jahr. In diesem Jahr kletterten Helmut Kiene und Reinhard Karl durch die „Pumprisse“ im Wilden Kaiser und bewerteten die Route mit VII. Einen wunderbaren Artikel über die Zweitbegehung, der so im September 1977 in der Zeitschrift Alpinismus erschienen ist, kann hier gelesen werden.


Bis zu diesem Zeitpunkt galt 6+ als das Höchste der Gefühle im Klettersport. Die Definition von 6+ liest sich atemberaubend:

„Mit 6+ wird eine Freikletterstelle bezeichnet, deren Überwindung für die besten Felskletterer in Hochform, bei günstigen Verhältnissen (trockener Fels), unter optimaler Ausnutzung der Felsbeschaffenheit (Griffe, Tritte, Reibung) und beim heutigen Ausrüstungsstand (Profilgummisohle) immer einen Gang an der Sturzgrenze bedeutet. Meist nur auf wenige Meter beschränkt. Im Hochgebirge seltener als in Klettergärten. Eine Passage im Schwierigkeitsgrad 6+ ist definitionsgemäss bei winterlichen Verhältnissen ohne zusätzliche Haken als Fortbewegungshilfen unbezwingbar.“ (Danke Jürgen…)

6+ ist immer noch schwer zu klettern, auch wenn heute die Skala viel weiter nach oben geht. Ich selber merke, dass einmal Klettertraining pro Woche zwingend notwendig ist, um 6a halbwegs klettern zu können.

Am 5.2.1979 klettert Richi Signer erfolgreich durch die Illusion und bewertet die Route mit -7. Es ist die erste Route im Basler Jura, welche mit diesem Grad bewertet wird, eine der ersten Routen überhaupt in der Schweiz in diesem Grad.
Pelzli - Daumen
Tag 1: 8. Juni 2013 

An diesem Samstag stehe ich das erste Mal seit 35 Jahren wieder unter der Daumen Ostwand. Sie ist immer noch gleich steil wie in meiner Erinnerung, sie hat immer noch diesen einen markanten Riss und nun hat sie auch wunderschöne Bohrhaken. Eine Linie davon ist die legendäre „Illusion“ von Richi. Es ist ein warmer Tag, fast schon heiss, also das wohl falscheste Wetter für eine Tour im Pelzli. Der Wunsch, diese Tour zu klettern ist aber so gross, dass ich diese Tatsache einfach ignoriere. Nach etwas Kampf hängen meine Express, die ich trotz aller meiner deutlich vernehmbaren Worte immer noch nicht auf ricardo.ch zum Kilopreis versteigert habe, in den Bolts und mir ist klar – wenn ich die Route geschafft habe, dann höre ich mit Klettern auf, denn dann bin sicher schon in der Generation 70+, gehöre also zur Gattung der Uralt-Jura-Saurier. Sollte ich denn die Route je schaffen.

Markus sichert mich bei meinem ersten Top-Rope-Durchgang. Beim ersten Bolt sind Tritte und Griffe in homöopathischen Dosen vorhanden. Beim zweiten Bolt ist dann ganz fertig. Keine Ahnung wie das geht und so bin ich froh, dass das Seil von oben kommt und ich es irgendwie schaffe mich über die schwere Stelle zu würgen. Bolt Nummer 3 geht ganz locker und bis zu Bolt 4 sind keine Probleme sichtbar. Jetzt stehe ich am Anfang der Schlüsselstelle. Richi hat mir seinerzeit genau erklärt, wie die Stelle zu klettern ist. Ich mache genau das, was er mir gesagt hat und kann mich genau 5 Zentimeter bewegen. „Das wird ein Murks der Obermegaklasse“ denke ich mir bitte Markus, mich abzulassen. Markus ist nun an der Reihe. Er findet überall Tritte und Griffe. Er klettert ohne erkennbare Schwierigkeiten bis zur Crux. Ein klein wenig Üben und – zack – schon ist er am grossen Henkel.

Mein entscheidender Fehler an diesem Tag ist, dass ich in der prallen Sonne durch die Route klettere. Es war einmal mehr meine Gier, eine Route „umsveregge“ klettern zu wollen, koste was es wolle, die mich das machen liess. Es kostete mich derart viel Haut an meinen Fingern, dass sie jetzt extrem berührungsempfindlich sind. Wir alle kennen das. Deine Hand geht zum nächsten Griff und du weisst schon vorher, wie dich die Schmerzen peinigen werden. Die Folge ist, dass das Klettern eigentlich eher einem Schmerzverhinderungs-Gang durch die Hölle ähnlich ist, denn einem guten Boulder-Durchgang. Weich gekocht gebe ich nach einem doch überraschend guten Boulder-Durchgang auf und ich konnte erkennen, dass die homöopathischen Dosis an Griffen und Tritten doch nicht stimmt.


Tag 2: 15. Juni 2013

1 Woche später stehe ich wieder unter der Illusion. Markus und Roland klettern in der Illusion, ich aber beherzige einen Tipp von meinem Mental-Trainer Jürgen und begebe mich hoch zur Daumen Westwand um den Normalweg zu klettern. Es ist phänomenal, woran sich das Hirn innerhalb von Sekunden wieder erinnert, obwohl ich vor 35 Jahren das letzte Mal dort oben gestanden bin. Der Normalweg ist mit 4a bewertet und heute bestens abgesichert. Seinerzeit hatte es eine Rostgurke und irgendwann hatte jemand ein Einsehen und platzierte einen wunderschönen Bolt. Den gibt es immer noch und verrichtet still und geduldig seinen Job. Ich schaue die Route an, hänge mir die Express an den Klettergurt und klettere in wenigen Zügen auf den Gipfel. 
Daumen - Normalweg
Ein wunderbares Gefühl durchströmt mich, als ich mich rittlings wie das letzte Mal vor vielen Jahren auf den Gipfel setze. Frei, losgelöst, einzigartig schön, hoch über den Baumwipfeln und in diesem Ausmass nur auf dem Daumen in Pelzli zu haben. Immer wenn ich hier oben sitze verstehe ich alle Base-Jumper bestens. Es muss ein atemberaubendes Gefühl sein, sich nun in die Luft zu werfen und einem Adler gleich der Erde entgegen zu segeln, eins sein mit den Elementen der Natur, Adrenalin pur, höchste Präzision, eine andere Dimension. 
Als weiteres Nebenprojekt zur Illusion klettere ich an diesem Tag durch die Nordwand des Daumen. Vor vielen Jahren habe ich diese Route noch mit Leiterli bewaffnet geklettert. Heute ist das eine nette Route mit einem etwas schwereren Zug in der Routenmitte und ist bestens gesichert. An diesem Tag, es ist wiederum ein schöner warmer und damit viel zu warmer Tag für das Klettern im Pelzli, bouldere ich nochmals durch die Illusion. Bis auf die Schlüsselstelle gehen alle Züge. Nun heisst es, Geduld zu haben und auf kühle Tage warten.


Tag 3: 11. Januar 2014

Die Wettervorhersage meint, es werde 12 Grad. Es wurden nur 8. Der Wetterbericht meinte, es sei den ganzen Tag trocken. War es nicht!

Zusammen mit meiner guten Freundin Heike verabrede ich mich für einen Tag im Pelzli. Ich möchte testen, ob das Training im B2, welches ich nun schon seit einigen Wochen betreibe, schon etwas fruchtet. An Silvester gelang mir die Route "Grauzone, 6b" in der Tüfleten, also sollte ich nun eine bessere Figur in der Illusion abgeben. Wir sind ganz allein im Pelzli, sagenhaft. Offenbar verirren sich wirklich nur noch die wirklichen Jura-Saurier ins Pelzli. Die Bedingungen könnten nicht besser sein. Wir klettern via den Normalweg auf den Daumen und ich hänge beim Ablassen über die Ostwand das Top-Rope in die Route. 
Daumen Ostwand
Bei der Inspektion muss ich konstatieren, dass es definitiv keine weiteren Griffe und Tritte in der Route gegeben hat. Heike steigt als Erste in die Route ein. Fantastisch wie sie auf Anhieb alle richtigen Griffe und Tritte ohne meine Hilfe findet und schon bald steht sie bei der verflixten Schlüsselstelle. Sie probiert dies, sie probiert das und nach 3 Minuten hat sie eine offensichtlich ganz einfache Lösung gefunden. Nun liegt der Ball bei mir. Ich steige ein. Es ist der Hammer. Ich finde überall Griffe, die ich letztes Jahr nicht annähernd halte konnte und an denen ich mich heute ausruhen kann. Auch das Tritt-Training im B2 zeigt seine Wirkung und so finde ich bessere Tritte als bisher und kann diese deutlich besser belasten. Die Moves gehen richtig gut und nach wenigen Minuten bin ich bei der Schlüsselstelle. Das Gebastel geht wieder los. Heike erklärt mir ihre Lösung, welche ich sofort adaptiere. Und – welch Wunder – einem Engel gleich schwebe ich über die Schlüsselstelle. Vielleicht sind aber auch nicht näher erklärbare Mächte zugange und haben ein Einsehen mit einem alten Jura-Saurier. Es beginnt kurz zu regnen und wir wissen nicht, wie nass denn die Route wird. So entscheidet sich Heike nochmals durch die Illusion zu cruisen und kann sie problemlos im Top-Rope klettern. Ich kämpfe mich auch nochmals durch die Route, rutsche auf den nassen Reibungstritten aus und mache den üblichen Fehler an der Schlüsselstelle und hänge im Seil. Als Antwort auf das erneute Scheitern stelle ich die ganze Bewegungssequenz an der Schlüsselstelle einfach um und siehe da, auch ohne ausserirdische Hilfe kann ich die Stelle klettern.

Wir klettern auf den Kleinen Daumen und Heike begutachtet die Anarchia. Auch hier – fantastisch wie sie nach ein klein wenig Üben die richtigen Griffe und Tritte findet. Ich mag mich noch gut an meinen Trip mit dem jungen Jura-Saurier durch die Anarchia erinnern. Ohne Flaschenzug-Hilfe wäre ich vom Überhang nie weggekommen und wäre höchstwahrscheinlich des Hungers verstorben. 
Anarchia an der Südwand des Kleinen Daumens

Ich entscheide mich, einen Vorstiegsversuch in der Illusion zu unternehmen. Aber - da macht mir die einbrechende Dämmerung einen Strich durch die Rechnung. Alte Jura-Saurier sehen in der Dämmerung nicht mehr so scharf und deshalb entscheide ich mich schweren Herzens nochmals für einen Top-Rope-Durchgang. Alles läuft perfekt. Die Unterarme sind vor der Schlüsselstelle schwer gepumpt, trotzdem ziehe ich durch und kann das erste Mal die Route im Top-Rope durchsteigen.