Saturday, January 23, 2016

Ein Weihnachtsgeschenk - Reise in die Vergangenheit

von Markus

Es war schon immer mein Traum, just am 24. Dezember bei uns in der Gegend klettern gehen zu können. Vor vielen Jahren traf ich knapp daneben. Zusammen mit Christof war ich am 23. Dezember an den Felsen von Todtnau unterwegs. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag.

Das Auto parkten wir auf dem Parkplatz beim Schwimmbad. Das Thermometer zeigte stolze -2 Grad an. Vom wolkenlosen Himmel schien die Sonne auf die Felsen und liess den Granit einzigartig leuchten. Es war schon etwas seltsam, den Weg unter die Füsse zu nehmen. Wir kleideten uns ein, als unternähmen wir eine Expedition an den Nordpol. Kurz nachdem der Weg einen steilen Schwenker nach rechts macht, standen wir vor dicken Eiszapfen, ein ideales Trainingsgebiet für den modernen Eiskletterer. Der ganze Weg war mit dickem Eis überzogen. Jeder normale Mensch hätte daraufhin die logische Entscheidung getroffen wieder umzukehren. Christof und ich gehören aber nicht zu den normalen Menschen und so rutschten und schlingerten wir den Weg hoch, immer kurz vor dem ultimativen Abgang hinunter in den noch jungen Bach mit Namen Wiese. Endlich gelangten wir in die Sonne und die Nordpol-Expeditions-Klamotten brachten uns zum Schwitzen. Wir kämpften uns hoch bis zum Fels, wo warme Luft, strahlende Sonne und angenehm temperierter Fels uns empfingen. An diesem Tag kletterten wir viele Routen und ich konnte es nicht lassen, nur mit einem T-Shirt bekleidet ein paar harte Moves zu unternehmen. Es war ein unvergesslicher Tag und voller Freude denken wir heute noch an jenen Tag zurück, wenn wir unsere gemeinsamen wilden Tage Revue passieren lassen und in der Kiste der gemeinsamen Abenteuern herumkramen.

Der schöne Herbst 2015 liess in mir diesen Wunsch wieder erwachen. Klappt es? Klappt es nicht? Die Zeichen stehen plötzlich sehr gut. Doch einfach nur draussen klettern, das ist das eine. Welche Route sollte es denn sein? Im Herbst war ich mit Roland nach langer Zeit wieder am Gempen unterwegs. Dabei wurde mir wieder bewusst, welch schönes Schmuckstück uns Mutter Natur vor die Haustüre gestellt hat! Lange Zeit war ich nicht mehr in der Ostgruppe unterwegs, da es für mich dort nur unkletterbare Routen gibt. Wobei – die leichten Routen habe ich alle geklettert! Zum Teil in „Adidas Rom“-Turnschuhen (ich konnte mir keine EB leisten und sie waren gar nicht so einfach zu bekommen), free solo, hoch und runter. Es hatte ja keine Haken in den Routen und Angst hatte ich auch keine. Das hat sich in der Zwischenzeit alles geändert. Alles! An den ersten Felsen ganz vorne sind die Routen „Acte sans parole“, „Casse pied“, „Scritti Politti“ und „M3“.
 
Die Route „Casse pied“ liegt mir seit den späten 70er Jahren schwer auf dem Magen. Was habe ich mich da abgemüht. Mit Bollerschuhen an den Füssen habe ich versucht, den Einstieg zu klettern. Gott sei Dank gab es diesen – in der Zwischenzeit etwas zurückgeschlagenen – Haken, an dem ich mein Leiterli einhängen konnte. So konnte ich im Top-Rope um den heute nicht mehr existierenden morschen Baum herum mit ganz viel Zug von Peter und Roland diese Route klettern. Am Samstag, 19. Dezember 2015 war ich nach über 35 Jahren endlich erfolgreich. Rotpunkt – wie es sich gehört und ohne Bollerschuhen, dafür mit in der Zwischenzeit sich zu Clown-Schuhen vergrösserten 5.10. Beim Durchstieg habe ich mich allerdings etwas über mich selber geärgert. Wenn ich die Route früher geklettert hätte, dann hätte ich mich nicht mit den bis auf Stufe „Marmor“ polierten Griffen und Tritten auseinandersetzen müssen. Es ist die übliche Story über das Wenn, Dann, Wäre. Konjunktiv. Nun denn, ist halt so. 

Es war dieser Tag im Dezember, der mir diesen einen lang gehegten Wunsch plötzlich in den Bereich aller Möglichkeiten rücken sollte. Die Route ist gleich links von „Casse pied“, heisst „Scritti Politti“ - benannt nach einer 1978 in Liverpool gegründeten New Wave Band - und wurde 1980 von Richi erstbegangen. Auch hier mag ich mich an meine ersten Versuche in der Route erinnern. Ganz weit oben war eine Schlinge als Sicherung angebracht. Bis dorthin gab es keine Sicherungspunkte - und weiter oben auch nicht. Natürlich wollten Peter, Roland und ich die Route 1980 auch klettern. Peter und Roland hatten bereits EB und waren nach absolvierter Panzergrenadier-RS topfit. Irgendwann schafften die beiden die Route im Top-Rope und im Vorstieg. Mir blieb es versagt, überhaupt die ersten 20 Zentimeter klettern zu können. So blieb die Route immer ein Projekt für mich. Auch in den 00er-Jahren, nachdem ich nach langer Pause wieder mit dem Klettern begonnen hatte, versuchte ich diese Route, kam aber nie über den ersten Meter hinaus. Seither habe ich die Route nicht mehr versucht und doch jedes Mal beim Vorbeigehen sehnsüchtig angeschaut und gedacht: „Ach, das wäre schon super, diese Route zu klettern. Aber ich schaffe das wohl einfach nie.“

Die Frage steht im Raum: ist es möglich, dass ich „Scritti Politti“ am 24. Dezember werde klettern können? Die Schwierigkeit ist mit 5c+ angegeben. Eine 5c+ aus den 80er Jahren hat so seine Tücken. Nach erfolgreichem Durchstieg von „Casse pied“ stand ich unter der Route, sah mir diese genauer an und wusste: „Ja, das kann ich“.

Es ist Donnerstag, der 24. Dezember 2015, Heiligabend. Morgens arbeite ich noch von 7 bis 10:45. Um 11 Uhr hole ich Roland ab. Um 11:30 stehen wir unter den Routen „Floh“, „Block links“ und „Block mitte“. Die Sonne scheint angenehm warm. Wir klettern uns in diesen 3 Routen ein. Alles ist bestens, alles ist gut. Um ca. 12:30 stehen wir unter „Scritti Politti“. Kurz darauf hängt das Top-Rope in der Route. Eigentlich sollte die Route gleich auf den ersten Go gehen, das Hirn spielt aber wieder einmal mehr verrückt. Mind over Machine! Roland checkt die Route aus, wir finden Lösungen. Nun bin ich dran. Ich steige in diese in meiner Erinnerung grauenhaften ersten Moves ein und wider Erwarten kann ich alle diese ganz schweren Züge auf den ersten 2 Metern auf Anhieb klettern. Etwas gepumpt aber überglücklich hänge ich im Seil. Ich weiss, ich kann diese für mich brettharten Züge klettern, keine Frage. Just in dem Augenblick kommt Richi um die Ecke geflitzt und ruft zu mir: „Klettere doch den Original-Einstieg! Der ist 1 Meter weiter links“. Völlig verdutzt über diese Information checke ich noch den oberen Teil der Route aus. Sollte alles plötzlich ganz viel einfacher gehen, jagt es mir durch den Kopf. Hätte ich die Route vielleicht schon viel früher klettern können?

Kaum auf dem Boden realisiere ich die Einmaligkeit der Situation. Da steht der Erstbegeher vor mir, gibt mir Tipps und erzählt die ganze spannende Story der Route und seiner damaligen Zeit. Erinnerungen! Einmal mehr werde ich mir bewusst, wie wertvoll Richi für das Klettern im Basler Jura war, ist und noch ganz lange bleiben wird und welches Glück ich habe, ihn zu kennen. Gibt es ein schöneres Weihnachtsgeschenk, als am 24. Dezember bei besten Bedingungen ein über 35 Jahre altes Projekt erfolgreich mit der Unterstützung des Erstbegehers abzuschliessen?

Ich checke den Original-Einstieg aus und tatsächlich wird die Route nun zum wunderbaren 5c+-Juwel. Herrliche Züge an grossen Griffen, genauso wie ich es mag. Richi verlässt uns und anschliessend klettern Roland und ich fehlerfrei durch die Route. Ein lang gehegter Wunsch wurde Wirklichkeit und es durchströmt mich nach erfolgreichem Durchstieg einmal mehr Glück und Zufriedenheit.

Wir packen die Rucksäcke und bringen das Material zum Auto. Für mich ist es obligatorisch, den wunderbaren Ausblick vom Gempen hinunter ins Laufental zu geniessen. Die Sonne trägt ihren Teil zu einem wunderschönen Klettertag bei. Mit einem herrlichen Sonnenuntergang verabschiedet sich der Tag an dem ich mir selber ein einmaliges Weihnachtsgeschenk selber schenken durfte. 

Und noch etwas lerne ich an diesem Tag. Die Route „Floh“ heisst deshalb „Floh“, weil dies der Name der Katze war, welche seinerzeit bei Richi an der Feldbergstrasse wohnte und – so meine ich mich richtig zu erinnern – von den Nachbarn vergiftet wurde. Früher war also auch nicht alles besser…