Tuesday, December 20, 2016

Trilogie + 1: Zweiter Streich

von Markus

Der Wetterbericht kündigt Regen für den 1. Oktober 2016 an. Das ist mein samstäglicher Klettertag. Was ist zu tun? Ein Plan muss her! Es gibt einen Sektor an den Rochers du Midi, an dem auch bei starkem Regen geklettert werden kann. Der Sektor ist von einem grossen Dach geschützt und so fällt seit vielen Jahren kein Wasser über die Felsen. Es ist ein etwas staubiger Sektor.

Nun gut, besser sich an staubigen Felsen bewegen, als in der Magnesia-Hölle zu schmoren. Ich gehe sehr gerne ins B2, doch an einem Samstag versuche ich den Gang in eine Kletter-Halle so gut wie nur irgendwie möglich zu vermeiden. Am Samstag kann das Training warten.  Während der ganzen Woche sitze ich viel im Zug und im Büro. Einmal pro Woche tut auch mir frische Luft gut.

Wie vereinbart, treffe ich Richi in Oberwil und wir machen uns auf den Weg zu den Rochers du Midi. Das Auto kennt den Weg in der Zwischenzeit ganz von alleine, es fährt ruhig vor sich hin. Das Wetterradar verheisst nichts Gutes, es kündigt eine grosse Wolke auf 12 Uhr im Bereich Courrendlin an. Das ist mir jedoch völlig egal, denn es gibt ja diesen einen immer trockenen und staubigen Sektor. Kurz vor Courrendlin meint es Petrus sehr gut und öffnet die Schleusen. Es ist könnte ein lokaler Schauer sein - oder auch nicht. Es regnet so heftig, dass Klettern im Staub-Sektor auch nicht wirklich Freude machen wird. Kurzentschlossen sagt Richi: „Arête spéciale!“ „Oh ja! Das ist eine sehr gute Idee“ entgegne ich Richi. „Den Spez habe ich vor über 10 Jahren das letzte Mal geklettert. Juhui.“ Die Fahrt geht zügig weiter und schon bald sind wir in Moutier. Ein kritischer Blick an den Himmel verheisst weiter nichts Gutes und wir lassen den Spez links liegen. Wir fahren weiter Richtung Plagne. Es ist immer wieder schön, durch den Jura zu fahren, wären nur nicht diese dunklen Wolken am Himmel. Hmm... In Plagne angekommen beginnt es auch dort zu regnen. Oh Jesses! Mental mache ich mich auf eine lange Rückreise nach Pratteln ins B2 gefasst. Offenbar hat es nicht sein sollen, dass wir an diesem Samstag draussen klettern. Richi sieht sicher meinen etwas enttäuschten und verzweifelten Gesichtsausdruck. Er überlegt 5 Minuten, dann ist der Entscheid gefasst. Wenn wir schon ins B2 gehen, dann können wir von Plagne aus auch durchs Mittelland via Härkinger-Dreieck nach Pratteln fahren. Vielleicht ist das Wetter im Mittelland besser. You never know. No Risk – No Fun.

Und tatsächlich ist es so. Das Wetter im Mittelland ist deutlich besser. Es ist trocken, die Wolken hängen tief, sehr tief. Es wird jedoch sicher nicht in den nächsten 2 Stunden regnen. Plötzlich sagt Richi: „King Way!“ Und ich frage: „King Way?“ Richi antwortet: „King Way!“

Und dann rattert es ganz gehörig meinem Hirn. Ich grabe alle Informationen über die Route aus. Viel Gutes habe ich gehört und sehr viel Schlechtes. Das Schlechte zuerst: brüchig, brüchig, brüchig. Schwierig zu lesen, nicht gut gesichert, blöde Quergänge, unlohnend. Das Gute: traumhafte Route in gutem Fels, manchmal nicht ganz so kompakt, fantastische Linie hoch über Oensingen, sehr gut gesichert, sehr lohnend. Ich glaube an das Gute.

Wir parkieren das Auto und tigern zum Einstieg hoch. Ach, muss ich keuchen bis ich am Einstieg bin. Und dann sehe ich endlich den Bränten und erschrecke. Jesses – einen solchen  Bruchhaufen habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen geschweige denn daran geklettert. Wird der Fels mein Gewicht überhaupt tragen? Und dann der Einstieg, da komme ich nicht mal den ersten Meter hoch. Oh wei, da habe ich mich aber auf ein grosses und spezielles Abenteuer eingelassen.

Nach einer kurzen Stärkung schreiten wir zur Tat. Richi steigt vor und nach kurzer Zeit höre ich von weit oben „Stand“. Schnell binde ich mich ins Seil ein, rücke den Klettergurt zurecht, öffne das Säckchen mit dem Lügenpulver und ärgere mich einmal mehr über meine Kletterschuhe. Bis ich die jedes Mal geschnürt habe... Ich weiss, es gibt Alternativen. Die liegen zu Hause im Schrank und warten auf den Einsatz. Ein letzter Check, alles perfekt und los geht die Reise. Der erste Meter ist jetzt doch nicht so schwer, wie ich mir das vorgestellt habe. Und entgegen des ersten Eindrucks finde ich nicht einen losen Griff oder Tritt. Sollte das Gute tatsächlich siegen? Das Klettern macht richtig Freude, alles passt perfekt und nach gefühlt 30 Sekunden stehe ich am ersten Stand, einem sehr bequemen Standplatz. Eine wunderbare Seillänge liegt hinter mir. Was wird die zweite Seillänge bringen? Nach einem kurzen Quergang nach links stehe ich unter einer fantastischen Wand. Ich klettere wie in Trance über bombenfesten Fels und - shame on me - benutze die von einem engagierten Kletterer üppig verteilten Tickmarks. Das erleichtert das Leben ungemein. Wobei – die Tickmarks würde es gar nicht brauchen, so gross und ideal verteilt sind die Griffe. Gegen Ende der Seillänge treffe ich ein Kuriosum aus längst vergangener Kletterzeit an. Es ist eine grosse Schrauben-Mutter, durch deren Loch eine Schlinge gefädelt ist. Ich hätte nie gedacht, dass ich im Solothurner Jura eine Keilkonstruktion aus der frühesten Zeit des Freikletterns entdecken würde. Richi erklärt mir anschliessend, was es mit dieser Konstruktion auf sich hat. Und einmal mehr bewundere ich die Genialität des menschlichen Geistes Dinge zu erfinden, um dem liebsten Hobby nachgehen zu können. 

Richi im Quergang der 3. Seillänge (Danke Richi für das typähnliche Bild)
Seillänge 3 steht an. Das ist nun dieser legendäre Quergang. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet. Richi verschwindet nach wenigen Metern Querung aus meinem Blickfeld. Im gleich bleibenden Rhythmus gebe ich das Seil aus und geniesse den Ausblick ins Mittelland. Dunkle Wolken türmen sich immer höher auf. Das Meeresrauschen der Mittelland-Autobahn ist unüberhörbar. Ein stetes Rauschen, tagein und tagaus. Immerwährend...

Ein Pfiff signalisiert, dass Richi den Standplatz erreicht hat. Sofort mache ich mich bereit und freue mich auf das Klettern. Das Seil vor meinem Bauch spannt sich. Los geht’s. Der Quergang liegt nach einem etwas mutigen Handwechsel nach wenigen Sekunden hinter mir. Jetzt kommt die Schlüsselstelle. Wie klettert sich die? Keine Tickmarks weit und breit. Dann müssen halt wieder die Erfahrung und das Können herhalten. „Aha“ sage ich zu mir, „dort oben ist der Zielgriff“. Das wäre mal geklärt. Nur – wie komme ich dorthin? Ich sehe kleine Griffe und Tritte vor mir und dann plötzlich diesen Henkel! „Wow“ – so eine super Kletterstelle habe ich schon lange nicht mehr gelöst. Der Fels ist herrlich kompakt, Griffe und Tritte wohin das Auge reicht! Sensationell! Aha. Und nun kommt der zweite Quergang wiederum durch bombenfesten Fels. Hei, macht das Spass, diesen Quergang zu klettern. Die Griffe und die Tritte passen perfekt aufeinander. Die Erstbegeher hatten schon ein sehr gutes Näschen für die beste Routenführung am Bränten. Die letzten Meter lassen mich ganz vorsichtig klettern. Im Gegensatz zu den vorherigen Metern, ist die Brüchigkeit des Felsens nun real. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die vielen Bolts zur Absicherung dienen oder ob sie den Fels zusammenhalten sollen. Nun denn – 7 Meter etwas nicht ganz so stabiles Gelände tun dieser fantastischen Linie keinen Abbruch. Über Grasstufen erreichen wir den „Gipfel“ des Bränten. Von ganz oben geniessen wir die Aussicht über das Mittelland, das Meeresrauschen und den Blick auf die mittlerweile dunkelschwarzen Wolken. Wir steigen ab und kaum sind wir bei unseren Rucksäcken, beginnt es auch schon zu regnen. Perfektes Timing.

Dieses war der zweite Streich
Doch der dritte folgt sogleich

Wednesday, December 7, 2016

Trilogie + 1: Erster Streich

von Markus

Ich klettere sehr gerne in Mehrseillängen-Routen. Das gibt mir das Gefühl, etwas für mich Bedeutsames zu bewirken. Es ist wirklich wunderschön, gut gesichert an einem bequemen Stand zu stehen und den Kletterpartner entweder im Nachstieg zu sichern oder ihm im Vorstieg die volle Konzentration zuteilwerden zu lassen. Das Abenteuer ist allgegenwärtig, im Vorstieg ist alles onsight und immer ist Rechenschaft darüber abzugeben, ob alles okay und sicher ist. Es ist entscheidend zu erkennen, wie sich die Gesamtsituation darstellt.

In meinen bevorzugten Klettergebieten im Basler Jura gibt es nun nicht die Art von Mehrseillängen-Routen, die ich bisher suchte. Über Jahrzehnte war es klar für mich, dass es so etwas in unserer Gegend nicht gibt. Das sollte sich ändern, als ich mit Chris häufig in der Gorge du Court kletterte und er mir die Augen für tolle Anstiege öffnete. Ganz schnell türmten sich meine Kletterwünsche zu einem riesigen Berg, doch hatte ich keine Ahnung, nicht den Hauch einer Idee, wie ich denn diese Ziele je erreichen sollte. Alle Kletterer, die ich kenne, die klettern in einem Bereich, der im positiven Sinne so weit weg von mir ist, dass ich mich nicht traue, sie auf meine Pläne anzusprechen. Vielleicht ist das auch nur eine falsche Scheu von mir? Ich weiss es nicht. Ich liess die Zeit gewähren im vollen Vertrauen darauf, dass irgendwie und irgendwann sich alles ohne mein Zutun ergeben würde. Mein Vertrauen sollte sich auszahlen.

Am 24. September 2016 passte zum ersten und definitiv nicht zum letzten Mal alles zusammen. Mein erster Traum sollte in Erfüllung gehen.

Ein herrlicher Samstag sollte es werden, ein prächtiger Klettertag. Richi und ich verabreden uns für die „Joe Brown“ an den Rochers du Midi. Schon vor vielen Jahren wollte ich diese Route klettern, aber es passte einfach nie und so vergass ich sie einfach.

Wir treffen uns in Oberwil und auf der Fahrt nach Courrendlin unterhält mich Richi mit vielen Geschichten und Erlebnissen aus seinem ereignisreichen Leben. Die Fahrt vergeht im Nu und schon bald stehen wir auf dem Parkplatz unterhalb der Felsen. Wir packen die notwendigen Sachen und nehmen den Weg zur Route in Angriff. Dort angekommen sehen wir, wie bereits eine Seilschaft in der Route klettert. Wir können uns also alle Zeit der Welt nehmen. Wir diskutieren über Gott und die Welt und natürlich über das Klettern. Mich interessiert es brennend, wie denn die Geschichte des Kletterns im Basler Jura geht. Ich war seinerzeit aussen vor, Richi mittendrin. So erfahre ich viele spannende Einzelheiten aus der Anfangszeit des Freikletterns im Basler Jura. Eigentlich ist dies eine derart spannende Geschichte, dass darüber unbedingt ein Buch geschrieben werden sollte.

Doch irgendwann ist auch die schönste Geschichts-Stunde zu Ende und wir gehen die „Joe Brown“ an. Locker, leichtfüssig und elegant klettert Richi die erste Seillänge hoch. Ich kann keine Anstrengung erkennen, Richi ist in Top-Form. Ich binde mich ins Seil ein, schnüre die Schuhe und ab geht es. Herrliche Kletterei in einem für mich idealen Schwierigkeitsgrad darf ich erleben. Es macht derart viel Spass diese Route zu klettern, es ist ein unbeschreibliches Erlebnis. Beim ersten Stand angekommen ahne ich, dass nun ein richtig schwieriger Move das weitere Vorwärtskommen arg in Frage stellt.

Offenbar sieht Richi, wie ich diesen ersten Move mit Argwohn beäuge. Es sieht wirklich nicht einfach aus. Aber wie Richi halt so ist, erklärt er mir, wie die Situation zu lösen ist und demonstriert das gleich vor. Richi klettert weiter und immer wieder höre ich nur begeisternde Worte. Es müssen top Bedingungen herrschen. So stehe ich gut gesichert an einem sehr bequemen Stand, es ist herrlich ruhig, unter mir kreist geräuschlos ein Bussard und von oben höre und spüre ich reines Klettervergnügen. Richi beendet die zweite Seillänge und nun ist die Reihe wieder an mir. Gleich zu Beginn kopiere ich die mir gezeigte Bewegungsabfolge und siehe da, ich löse dieses Problem ohne irgendwelche Mühe. Meine Herangehensweise an das Problem hätte mich sehr viel Kraft gekostet und so richtig super wäre es auch nicht gewesen. Und wieder habe ich etwas gelernt! Die zweite Seillänge ist von unbeschreiblicher Schönheit. Mein Kletterkönnen passt wieder perfekt zum Schwierigkeitsgrad und ich geniesse jeden Zug der Seillänge. Schritt um Schritt klettere ich höher in bestem Fels mit Griffen wie ich es mag und Tritten wie ich sie nötig habe. Ein Move besser als der andere, tatsächlich herrschen beste Bedingungen mit trockenem Fels und idealen Temperaturen. Ich durchlebe ein einmaliges Klettererlebnis, ein wunderschönes Abenteuer.

Am Stand angekommen will ich mich festbinden. Doch Richi meint, dass ich sicher die letzte Seillänge im Vorstieg klettern könne. So mache ich mich auf den Weg. 1. Bolt, 2. Bolt, herrliche Kletterei im Bereich 5a. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich nicht so hetzen sollte, denn wenn ich oben angekommen bin, geht mein Traum in Erfüllung. Und eigentlich möchte ich doch noch lange träumen dürfen. Es führt jedoch kein Weg an der Wirklichkeit vorbei und schon bald stehe ich am Ende der „Joe Brown“. Wenige Minuten später steht Richi neben mir. Geschafft! Unsere erste gemeinsame Mehrseillängen-Tour ist damit Wirklichkeit geworden.


Dieses war der erste Streich,
Doch der zweite folgt sogleich.

Sunday, November 27, 2016

Unverhofft - kommt oft

von Markus

Es geht alles ganz schnell, viel zu schnell. Ich bin mitten in einem Strudel von Kletterabenteuern! 

Samstag, 26. November. Wettervorhersage: es könnte Sonne geben. Treffpunkt: 11 Uhr in Oberwil. Kletterpartner: Richi. Plan: Rochers du Midi, Projekte abschliessen und beginnen

Die fantastisch schöne vierte Seillänge
Doch dann kam es anders. Als wir so auf dem Parkplatz bei den Rochers du Midi stehen und die Kälte und Feuchtigkeit des Nebels sich etwas unangenehm bemerkbar machen, erblickt Richi den Kletterführer "Berner Jura" im Auto liegen und schlägt zufälligerweise die Seite 274 auf. Auf der Seite 274 befindet sich das Topo vom "Pic de Grandval". "Oh!", sage ich. "Dahin wollte ich schon lange einmal gehen. Es muss ein tolles Gebiet mit einer tollen Mehrseillängen-Route sein". Richi antwortet spontan: "Dort war ich noch nie. Gehen wir dorthin".

2 Sekunden später fährt das Auto weiter in Richtung "Pic du Grandval". Schon bald parkieren wir das Auto und gelangen, nachdem wir noch einen grossen Schluck heissen Tee zu uns genommen und die etwas wärmere Kletterkleidung angezogen haben, auf einem bequemen Weg zum Einstieg der Route. Es ist uns nicht wichtig, wie schwer die Route ist.

Für uns ist es wichtig draussen in der Natur zu sein und eine schöne Mehrseillängen-Tour zu klettern. Wir klettern einfach die logische und damit leichteste Route. Das ergibt eine Kombination aus "La Balade", "Variante" und "Voie des Fourmis". Das sind 6 Seillängen herrliche und unschwierige Kletterei. Fantastisch! Erst auf der Heimfahrt realisieren wir, dass wir den oberen Teil der "Voie des Fourmis" geklettert haben, eine Route, die 1963 vom legendären Maurice Brandt zusammen mit R. Theytaz eröffnet wurde. 1963: da war ich gerade auf dem Weg, 3 Jahre alt zu werden... 

Ich liebe den Blick über die Jurahöhen. Es ist ein schönes Geschenk des Lebens, in dieser Gegend der Welt sein Dasein verbringen und die Schönheiten der Natur geniessen zu dürfen. Auf dem Pic de Grandval stehend, darf ich einmal mehr den Blick in die Weite schweifen und die unbeschreibliche Schönheit dieser Welt auf mich wirken lassen. Vielleicht ist das auch der tiefe Grund, weshalb ich gerne Klettern gehe. Raus aus dem Keller der Dörfer und Städte - hinauf in die Höhe, wo es keine Hindernisse für den Blick gibt, wo der Horizont das Ende bildet.

Ausblick vom Pic du Grandval über den Jura
Der Abstieg durch den Wald auf einem gut ausgebauten Wanderweg ist einfach und schon bald sind wir zurück beim Auto und stärken uns. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass wir noch etwas unternehmen können. Wir schauen uns an und es ist klar: Arête Spécial zu gut deutsch "dr Spez". Das letzte Mal habe ich diesen Grat vor etwa 15 Jahren geklettert und seither schlummert dieses Stück Fels in der Kammer "Abgehakt". Doch "dr Spez" hat eine lange Geschichte für mich. Diese zu erzählen, braucht wiederum gefühlt 400 Seiten. Darauf verzichte ich (im Moment).
Am Stand der letzten Seillänge
In wenigen Minuten fahren wir nach Moutier, parkieren das Auto und einmal mehr sehe ich diesen einzigartig schönen Grat. Anschauen ist das eine, daran klettern ist das andere. Innerlich werde ich etwas nervös, denn ich weiss, dass mir eine wunderschöne Klettertour bevorsteht . 5 Minuten später spazieren wir in voller Kletterausrüstung Richtung Einstieg zum "Spez". Als ich das (vor)letzte Mal hier war, durften wir noch auf den Gleisen zum Einstieg laufen. Häufig sahen wir die etwas aufgeregten Augen der Lokomotivführer, als sie uns auf dem Seitenkanal Richtung Einstieg laufend, viel zu spät für eine Bremsaktion sahen. Das gibt es nun nicht mehr. Ist vielleicht für beide Parteien besser. Es gibt eine herrlich und gut ausgebaute Via Ferrata zum Einstieg und lässt das Abenteuer "Spez" einen Tick intensiver werden. Wir geniessen das Klettern, die Natur gibt ihr Bestes mit einem knalligen Sonnenuntergang, und von ganz oben geniessen wir den Ausblick über die hell beleuchtete Stadt Moutier. Der Abstieg ist einfach und es ist schon Nacht, als wir beim Auto ankommen. 

Ich hätte es beim morgendlichen Kaffee nie und nimmer gedacht, dass ich noch am gleichen Tag 10 Seillängen klettern und dabei eine neue Route kennenlernen und die alte Liebe "Spez" wieder entdecken würde.

Unverhofft – kommt oft. Gott sei Dank ist das so!

Sunday, November 13, 2016

In die Vergangenheit und zurück

von Markus

Prolog: September 2016

Nun sitze ich auf der Terrasse bei mir zu Hause in Oberwil, die Sonne scheint mir ins Gesicht und wärmt angenehm den etwas müden Körper. Es ist ein Herbsttag wie aus dem Bilderbuch. Ich bin glücklich und zufrieden, denn ein erlebnisreicher Klettertag liegt hinter mir. Ich habe schon des Öfteren geschrieben, dass ich einen einzigartig schönen Tag beim Klettern erlebte, doch dieser Tag heute übertrifft nun einfach alles. Der heutige Tag ist der Beginn einer nie geahnten Trilogie + 1. 

Doch bevor ich die Trilogie + 1 beschreiben kann, muss ich - wie immer - weit in mein schon mit einer nicht zu unterschätzenden hohen Anzahl von Jahren bestücktes Leben in Gedanken zurückschweifen. Ja, bei mir beginnt das Alter langsam seine interessanten Seiten anzunehmen. Ich erinnere mich an längst vergangene Tage und Abenteuer, als wäre es erst gestern gewesen. Ich erinnere mich an glückliche und weniger glückliche Momente und ich erinnere mich gerne an meine Jugend, als langsam aber sicher das Klettern sich den Weg in mein Leben bahnte. Und ich erinnere mich an offene Projekte und Menschen aus jener Zeit, die ich noch unbedingt vor meinem persönlichen ganz grossen Finale abschliessen bzw. treffen möchte. Über die Projekte habe ich die Macht des Wollens, über das Treffen der damals wichtigen Menschen kann nur das Glück und der Zufall befinden.

Im zarten Alter von 13 Jahren schloss ich mich zusammen mit meinem Sandkasten-Freund Roland S. auf Empfehlung seines Vaters der JO Basel-Stadt, die Jugend-Organisation des SAC, an, denn wir sollten und wollten sehr gute Bergsteiger werden. Das Clublokal war seinerzeit am Nadelberg in Basel domiziliert, also an einer heutigen Top-Wohnadresse. Schnell wurde uns klar, wer denn die Protagonisten der JO waren. Klingende Namen wie Jürg Tenger, Jürg Meyer, Andreas Pfeuti, die Gebrüder Kaspar und Urs Renggli und Christian Jäggi gehörten aus unserer Sicht zu den Top-Kletterern dieser Welt und wir bewunderten sie über alle Massen. Wir wollten auch so stark und gut werden wie sie. Wenn ich heute von ihnen erstbegangene Routen klettere, dann bewundere ich sie immer noch. Seinerzeit kletterten sie den VI. Grad, sie konnten also gemäss der damals gültigen Skala die schwierigsten Routen klettern. Wie definierte sich seinerzeit VI+? Hier die Antwort:

Mit VI+ wird eine Freikletterstelle bezeichnet, deren Überwindung für die besten Felskletterer in Hochform, bei günstigen Verhältnissen (trockener Fels), unter optimaler Ausnutzung der Felsbeschaffenheit (Griffe, Tritte, Reibung) und beim heutigen Ausrüstungsstand (Profilgummisohle ) immer ein Gang an der Sturzgrenze bedeutet. Meist nur auf wenige Meter beschränkt. Im Hochgebirge seltener als in Klettergärten. Eine Passage im Schwierigkeitsgrad VI+ ist definitionsgemäss bei winterlichen Verhältnissen ohne zusätzliche Haken als Fortbewegungshilfen in der Regel unbezwingbar.

Es gab seinerzeit jedoch einen Menschen, den ich noch mehr bewunderte. Und hier folgt die dazugehörende Geschichte.

Es war irgendwann zwischen 1975 und 1977, als Roland S. und ich uns zu einer 2-Tages-JO Basel-Stadt-Tour an den Brüggler anmeldeten. Wir wussten weder wo das war, noch wie wir dorthin gelangen sollten noch was uns erwartete. Wir wussten nur, das der beste Kletterer der JO die Tour leiten würde. Das war Grund genug mitzugehen und gab uns die notwendige Sicherheit. Der Tag kam an den Himmel und wir gingen zum Brüggler. Die Tour war bestens organisiert. Wir kletterten in Bollerschuhen durch eine wunderschöne und aus heutiger Sicht nicht sehr schwere Route (Silvester?), immer gut beobachtet vom Tour-Organisator. Das war ja sowieso ein etwas bunter Vogel, ein feiner und sehr interessanter Mensch. Er trug, entgegen der damaligen Kletterer-Kleiderordnung, keine Kniebundhose und definitiv keine roten Socken. Und – das war das Faszinierendste überhaupt – er kletterte mit diesen modernen profillosen Kletterschuhen. Das machte den Mann noch spannender. Zudem trug er weisse Malerhosen beim Klettern! Die Haare trug er, wie ich auch (ja, ich hatte einst viel von den Dingern auf dem Kopf), lang. Revolution! Roland S. und ich fanden das absolut spannend. Da ich in einer gut bürgerlichen und gut behüteten Umgebung aufwuchs, interessierte mich Revolution doch sehr. Das war auch die Zeit, an dem ich zum Leidwesen meiner Umgebung zum leidenschaftlichen Liebhaber von Heavy Metal wurde und bis heute, trotz mehrmaliger lieb gemeinter Versuche der Neuorientierung, geblieben bin. So ein „Motörhead“ von Lemmy auf dem Album „No Sleep ‚til Hammersmith“ ist einfach nicht zu überbieten! In 3 Minuten ist alles gesagt! Und exakt wegen diesem Album heisst die Route „Motörhead“ am Eldorado Motörhead.

Die Tour an den Brüggler blieb in lebhafter und sehr guter Erinnerung. Der Tour-Organisator brachte uns alle wieder gesund und munter nach Hause und das Leben nahm seinen gewohnten Lauf mit viel interessanter Arbeit in meiner kaufmännischen Lehre bei den Basler Versicherungen. Irgendwann hörte ich, dass der Tour-Organisator nun definitiv über dem Limit von allen klettern solle, nun also noch besser als die Besten war. Ich wusste doch, dass Revolution etwas bewirkt und ich war sehr stolz, dass ich mit ihm am Brüggler unterwegs gewesen war.

Es vergingen Jahrzehnte, bis wir uns wieder sehen sollten. Es war an einem Silvesternachmittag im B2, Europas bester Boulderhalle. Ich erkannte ihn sofort und ich musste allen Mut zusammennehmen, um ihn anzusprechen. Das will bei mir ja schon etwas heissen! Er schwebte und schwebt für mich als Lichtgestalt des Freikletterns im Basler Jura über allem. Wir verabredeten uns, dass wir zusammen seine legendäre „Illusion“ an der Daumen Ostwand klettern wollen. Die „Illusion“ ist die erste Route, welche im Basler Jura mit VII- bewertet wurde, also höher als der damals gültige Maximalwert von VI+. Und wieder verloren wir uns etwas aus den Augen, allerdings wissend, dass wir noch dieses Projekt zu erledigen hätten.

Ich konnte dann doch nicht die Finger von der „Illusion“ lassen und kletterte sein Meisterstück im Februar 2014, so ziemlich auf den Tag genau 35 Jahre nach der Erstbegehung. Wir trafen uns immer wieder an verregneten Samstag-Nachmittagen im B2 und ich lernte enorm viel vom Meister des Bouldern. In der Zwischenzeit dürfte es den Locals in der Umgebung von Basel klar sein, um welchen Kletterer es sich handelt: Richi Signer

An einem heissen Samstag anfangs September 2016 ergab es sich, dass Roland U., Richi und ich zusammen an den Rochers du Midi unterwegs waren. Ich sicherte Richi in seiner Aufwärmtour. Erst als er wieder neben mir stand realisierte ich, was passiert war. Rund 40 Jahre nach dem Brüggler-Abenteuer und damit Jahrzehnte später kletterte ich zum ersten Mal zusammen mit meinem Idol aus jungen Jahren. Keiner realisierte Gott sei Dank, dass ich vor lauter Glück zwei kleine Tränen aus meinen Augen wischte.

So schloss sich der Kreis und es sollte der Beginn eines wunderbaren Herbstes 2016 mit der fantastischen Trilogie + 1 werden. Manchmal dauert es einfach etwas länger bis zur Première und zu einem guten Start in eine wunderschöne Zukunft.

Sunday, October 9, 2016

Schiefer Traum, Handeck

von Markus

Brrrrrooooooaahhhhhhhhh!!!!! Heiligs Blechle. Was ist denn jetzt passiert? Brummm. Brummm. Brrrrrooooooaahhhhhhhhh!!!!!! Brrrrrooooooaahhhhhhhhh!!!!!! Ja, du meine Güte! Da scheint es einer aber ganz eilig zu haben. Ich schaue auf die Uhr. 06:00 Uhr. Die Rennstrecke hoch zum Grimselpass ist eröffnet.

Ein wolkenloser Himmel kündigt einen weiteren wunderschönen und wettersicheren Tag am Grimsel an. Der Motorrad-Fahrer hat dies wohl auch gesehen und wird sicher in 2 Stunden und nach 4 Pässen spätestens um 7:30 Uhr bei seiner Familie sitzen und Gipfeli aus dem Tessin mitbringen, welche er nach einem Cappuccino in Ascona erstanden hat.

Heute ist der grosse Tag, der zweite Tag des Handeck-Trips zusammen mit Jürgen. Auf dem Programm steht die Route „Schiefer Traum“ an der Spiegelwand. Weshalb die Wand diesen Namen erhalten hat, ist klar ersichtlich. Die Route muss wohl spiegelglatt sein. Auf der Filidor-Website habe ich vor einiger Zeit das Topo zu „Schiefer Traum“ entdeckt. Die Route sei nun auf „plaisir“-Standard saniert. Jeder der schon mal die Spiegelwand gesehen hat und Plattenkletterei liebt wird den Wunsch verspüren, durch diese Wand zu schleichen. Die Schwierigkeiten werden mit bis 6a+ angegeben. Eine Platte mit Bewertung 6a+ wird es dann wohl schon in sich haben, da wird das Adrenalin wieder in den Ohren rauschen! Das ist doch das, was wir alle wollen: Adrenalin

Die Spiegelwand wird von der Sonne direkt beschienen

Die Route wurde in den späten 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts eingerichtet und ich wollte die Route um 1980 klettern. Doch ich fand niemanden, der mit mir dieses Abenteuer angehen wollte und in der Retrospektive muss ich sagen, dass das wohl sehr gut so war.

Es macht keinen Sinn, vor 11 Uhr in die Route zu steigen, denn von oben zieht ein nasser Wasser-Streifen direkt über die Route. Dies steht in allen Kletterführern so drin und dem kann ich nur beipflichten. Ich frage mich allerdings, von wo das Wasser denn herkommt. Es hat seit Tagen nicht geregnet.

Hochmotiviert machen wir uns auf den Weg zum Einstieg. Wir finden das angegebene Fixseil und klettern daran hoch. Der Weg führt durch mannhohes Gras und wärmt unangenehm intensiv unsere noch etwas steifen Knochen und bringt zumindest mich zum Keuchen. Gemäss Topo suchen wir einen „markanten Block“. Wir stehen nun im Bachbett unter der Route und suchen den „markanten Block“, finden ihn aber nicht. Mich haut es dann noch „auf den Latz“ und deshalb spüre ich noch Tage später meine linke Fudi-Backe. Wir überlegen lange hin und her und plötzlich sehe ich eher zufällig ein Irniger-Plättli an einem ganz anderen Ort in der Sonne glänzen. Sofort ist der Weg klar. Der „markante Block“ muss etwas oberhalb sein. Wir klettern zum Irniger-Plättli hoch. Stand. Jürgen klettert weiter nach rechts, ungesichert durch hohes Gras und nie wissend, ob das Zeug worauf er steht hält oder nicht. Bei mir ist jetzt schon der Adrenalin-Pegel ganz oben. Jürgen findet einen neuen Bohrhaken, die Route kann also nicht mehr weit weg sein. Doch er findet den „markanten Block“ einfach nicht und auch nicht neue Bohrhaken. Die Zeit verfliegt, die Nerven sind gespannt. Wir suchen intensiv die Spiegelwand nach neuen Bohrhaken ab, finden aber nichts. Die Sonne blendet uns und macht uns fast blind. Es ist auch nicht verwunderlich, dass wir nichts finden. Denn steht man unter der Wand, dann wird diese riesengross, sodass sich Bohrhaken in der Weite der Wand einfach verlieren. Was ist zu tun? Seit 2 ½ Stunden sind wir nun unterwegs und haben den Einstieg immer noch nicht gefunden. Die Nervosität steigt, Müdigkeit macht sich breit, auch etwas Enttäuschung. Sind wir wirklich zu doof um den Einstieg in die Route zu finden? Es muss so sein! Schweren Herzens brechen wir die Übung ab und kehren zu unseren Rucksäcken am Wandfuss zurück. Enttäuscht steigen wir ab, finden das Fixseil wieder und sitzen anschliessend in der heissen Sonne.

Jetzt schon nach Hause gehen? Nein, das dann schon nicht. Es bleibt nur eine Route übrig, welche wir noch klettern können. Es ist dies der „Quarzriss“, gleich rechts der Handeck-Verschneidung. Wir schauen uns an und entscheiden uns sofort, diese Route anzugehen. Noch tags zuvor habe ich mir geschworen, diesen äusserst mühsamen Aufstieg zur Handeck-Verschneidung nie mehr anzugehen. Keine 24 Stunden kämpfe ich mich wieder durch das hohe Gras, schnaufe wie ein Ross und schwitze wie in der Sauna. Was man doch nicht alles für eine schöne Klettertour tut! Den „Quarzriss“ kenne ich bereits, ich bin diese Route schon drei- oder viermal geklettert. Am Abend vorher haben wir noch erfahren, dass ein Bergsturz ein paar Haken demoliert haben soll. Näheres sei aber nicht bekannt. Ja gut, gestern haben wir ja die tschechische Familie in der Route klettern sehen, dann wird es schon noch Bohrhaken haben. Es wird schon gut gehen.

Jürgen bindet sich ins Seil ein und klettert die erste Seillänge locker hoch. Ich folge ihm, es macht unheimlich viel Spass diese Seillänge zu klettern. Wechsel. Ich bin nun am scharfen Ende des Seils. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiss läuft mir in die Augen, die Waden brennen, die Zehen sind taub vor Schmerz. Ich beginne mit der zweiten Seillänge. Der erste Bohrhaken sieht schon etwas mitgenommen aus, der würde mich aber auf jeden Fall halten. Beim zweiten Bohrhaken erlebe ich intensive Momente. Der letzte Bohrhaken ist jetzt rund 4 Meter weiter unten und diesen vor mir kann ich nicht einhängen. Weshalb? Den hat der Bergsturz tatsächlich ramponiert. Irgendwie hat diesen Haken jemand wieder hoch gebogen, doch die Öse ist nicht mehr rund, sondern oval. Da geht der Karabiner des Express nicht mehr durch. Alle Tricks helfen nicht. Dafür rutscht langsam mein Fuss vom Tritt und der Reibungsgriff hält auch nicht mehr so richtig. Der Schweiss strömt jetzt noch mehr. Ich sehe mich schon 8 Meter runtersegeln. Alternativ könnte ich nun einfach weiterklettern. Doch schon allein bei diesem Gedanken rutscht mein Herz in die Hose. Plötzlich höre ich Jürgen vom Standplatz rufen, dass ich noch schmalere Express dabei habe. An die habe ich in der Hitze des Gefechtes gar nicht mehr gedacht. Sofort packe ich einen der schmalen Express und kann den Bolt klippen. Jesses, war das knapp. Der Rest der Seillänge ist dann wieder traumhaft zu klettern und die etwas ramponierten Bolts weiss ich ja jetzt wie zu klippen. Jürgen cruised anschliessend durch Seillänge 3 und mich kocht die letzte Seillänge vollends gar. Die Hitze, die Müdigkeit, die Anstrengung, die schmerzenden Zehen hinterlassen deutliche Spuren. Am Ende der Route angekommen, bin ich überglücklich aber auch ziemlich fertig.

Irgendwie wurmt es mich, dass wir den Einstieg zu „Schiefer Traum“ nicht gefunden haben. Ich stelle mir vor, dass Leute unterwegs waren und mit ganz viel Liebe und noch viel mehr Mühe und enormen Zeitaufwand eine Route in der kaum begangenen Spiegelwand sanieren und dann klettert sie keiner. Es lässt mir keine Ruhe und so schreibe ich dem Filidor-Verlag. Wenige Tage später spreche ich mit Knut über die Sanierung der Route und wie der Einstieg zu finden ist. Ich persönlich bewundere Knut und seine Sanierungs-Freunde, denn es braucht enorm viel Engagement, Wille und wohl noch mehr Enthusiasmus um eine Route wie den „Schiefer Traum“ zu sanieren. Wir telefonieren lange zusammen, lachen viel und Knut lässt mich an seinen Erlebnissen während der Sanierung teilhaben. Ich sage dazu nur: „Chapeau“. Und was auch klar wird: das, was Hans Howald Ende der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts an der Spiegelwand geleistet hat, das kann gar nicht hoch genug bewertet werden. 30 Meter von Stand zu Stand ohne Zwischensicherung, bei einer Schwierigkeit von dazumal 6-. Da fällt mir nichts mehr ein! Eigentlich sollte Knut selber schreiben, was er bei der Sanierung erlebt hat. Vielleicht bringe ich ihn noch dazu, seine Eindrücke zu Papier zu bringen. Und noch besser wäre, die Eindrücke von Hans während der Erschliessung der Route zu kennen. Die Geschichte hinter der Route interessiert mich sehr. Werde ich sie je erfahren?

Kurz nachdem ich mit Knut gesprochen habe, erhalte ich von ihm das überarbeitete Topo. Dieses ist auch auf der Filidor-Website zu finden oder nun auch hier auf verticalsoul. Ich selber werde versuchen, die Route nächstes Jahr zu klettern. Plaisir, 6a+ und Platte – das muss einfach toll sein. Und die Erzählungen von Knut werden mich bei jedem Move in der Route begleiten.

Hier kann das aktuelle Topo von "Schiefer Traum" heruntergeladen werden (Danke Knut).

Thursday, August 18, 2016

Handeck

von Markus

Entgegen der ersten Annahme, ist die Bräune der Unterarme einem satten rot gewichen. Der Handflächen grosse blaue Fleck auf der linken Fudibacke  ist klar und deutlich spürbar. Die Sonne wärmt auch Tage später noch meinen Nacken. Die Fingerkuppen sind dran. Definitiv. Denn bei jedem Tippen auf der Tastatur trifft ein kleiner Schmerzindikator im Hirn ein. Die Zehen – wie nicht anders zu erwarten – auch die Zehen schmerzen und geben unmissverständlich bekannt, dass ein einzigartig schönes und wunderbares Wochenende in den Bergen hinter mir liegt.

Vorbereitung und Anreise

Am Freitagmorgen packe ich mein Kletterzeug zusammen. Das Auto füllt sich bis unters Dach. Doch bevor es an den Fels geht, darf ich am Sommer Team-Event unserer Firma teilnehmen. Pünktlich um 09:45 Uhr treffe ich in Sarnen ein. Es ist kalt, neblig und es regnet ganz leicht. Doch der Wetterbericht ist einzigartig gut für das Wochenende. Es wird klappen und ich werde nach 5 Jahren wieder einmal die Motorräder auf der Grimselpass-Strasse geniessen können. Zu allem Überdruss ist der Team-Event ein richtig guter Event und ich lerne die Vor- und Nachteile der agilen Softwareentwicklung kennen. Mit diesem Vorgehen wird auch in der  Informatik alles gut. Oder zumindest  - anders. Die Wettervorhersage stimmt und um 16:30 Uhr, pünktlich zum Meeting-Ende, lacht die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Es wird deutlich wärmer. Abends wird uns im Jugendstil-Hotel Paxmontana in Flüeli-Ranft ein wunderbares mehrgängiges Menü serviert. Mann, geht es mir gut, alles ist bestens und der Ausblick auf eine tolle Klettertour lässt das Herz höher schlagen.

Am nächsten Morgen sitze ich um 9 Uhr (endlich mehr als 6 Stunden Schlaf) am Frühstückstisch und geniesse den wunderschönen kühlen Morgen. Alle um mich herum bibbern vor lauter Kälte, ich fühle mich pudelwohl in meinem Biopren-Anzug. Um 09:55 Uhr „sharp“ verabschiede ich mich mit quietschenden Reifen Richtung Grimsel. Ich habe mich um 11 Uhr zum Kaffee mit Jürgen im Hotel Handeck verabredet. Zusammen planen wir an diesem Wochenende für uns Grosses zu vollbringen. Vor ein paar Monaten habe ich das Topo der Route „Schiefer Traum“ an der Spiegelwand am Handeck auf Filidor gefunden. Saniert sei die Route und toll. Den „Schiefen Traum“ wollte ich 1980 klettern, kurz nachdem die Route eröffnet wurde. Doch fand ich keinen Kletterpartner, der dieses ambitionierte Vorhaben mit mir angehen wollte. So blieb es beim Wollen und jedes Mal, wenn ich an der Handeck unterwegs war, jedes Mal schaute ich sehnsüchtig die Spiegelwand hoch. Das Alter macht neben mir auch an den Bohrhaken nicht halt und so wurde aus dem Traum ein ewiger Traum, ein verpasstes Ziel. Deshalb freute ich mich umso mehr, als ich mit Jürgen einen mir lieben Freund fand, der mich durch die Linie begleiten wollte. Der Sonntag sollte der grosse Tag sein!

Doch zunächst geht es darum, den Samstag optimal zu nutzen. Wir beiden sind noch nie durch die Handeckverschneidung geklettert und so war sofort klar, dass diese Tour das Tagesziel sein sollte. Auch mussten wir uns wieder an die Kletterei im Granit gewöhnen und ganz speziell ich ans Klettern in Mehrseillängen-Routen. Das ist halt schon anders, als nach einem ultimativen Go in einer harten Route im Basler Jura mit müden Armen im kühlen Wald zu sitzen und dumme Sprüche zu klopfen. In einer Mehrseillängen-Route darf die Konzentration nie abreissen, Körper und Geist sind immer auf „On“. Diese Anspannung braucht viel Energie. Etwas Sorgen bereitet mir der Umstand, dass die Route vollständig von der Sonne beschienen wird und es definitiv keinen Schatten hat. Ich kenne meine Kletterschwäche bei warmen Temperaturen nur zu gut. Doch an diesem Tag muss die Sonne unbedingt in die Route scheinen, denn ein breiter Wasserstreifen verläuft ganz knapp neben der Route über die Wand. Werden wir die Route klettern können?

Anstieg

Es gibt nur einen Weg dies herauszufinden. Wir schultern die Rucksäcke und nehmen den Aufstieg unter Schusters Rappen. Schon bald sind wir beim Einstieg zum „Engeliweg“ und sind schweissnass. Kein Wind weht und die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel. Zu allem Überdruss liegt der Einstieg zur Route nochmals rund 50 Meter höher und etwa 200 Meter weiter rechts. Jürgen pflügt sich locker durch das mannshohe Gras und bei mir meldet sich die übliche Schwierigkeit mit meiner Fehlsichtigkeit. Ich kann relativ schlecht einschätzen, ob der Fuss nun auf dem richtigen Tritt ist und so kann es immer wieder vorkommen, dass das Auge und das Gefühl sagen „Ja, alles ok“ und die Wahrheit heisst „Abrutschen“. Jeder Brillenträger kennt dieses Problem, welches ganz speziell bei Gleitsichtgläsern auftritt. Aber ohne die Teile auf meiner Nase geht es halt nicht mehr. Nach gefühlt 1 Stunde Kampf mit den Elementen (es waren in Tat und Wahrheit 15 Minuten) komme ich endlich auf dem Band gleich unterhalb des Einstieges an. Der Schweiss tropft von der Stirn, die Augenbrauen vermögen das Wasser nicht aufzuhalten und so läuft mir der Saft direkt in die Augen. Kampfpause. Der Wind frischt auf und nach 10 Minuten fühle ich mich wieder fit. Ein Blick in die Route zeigt, dass die Chance für einen Durchstieg bei 50:50 liegt. In der dritten Seillänge reicht das Wasser bis auf wenige Zentimeter verdächtig nah an die Route. Was tun? Wir entscheiden uns, eine lange Pause einzulegen und die Sonne ihren Job machen zu lassen. Will heissen, sie soll das Wasser aus der Route dampfen.

Eine Familie aus Tschechien startet in ihr Vergnügen im gleich neben der Handeckverschneidung liegenden Quarzriss. Wobei ich dann doch ganz verdutzt bin, dass der Vater und die Mutter eine Seilschaft bilden und die beiden Jungs die andere. „Chapeau“ denke ich und „hoffentlich kommt das alles gut“. Denn aus Erfahrung kenne ich den Quarzriss und weiss, dass da der eine oder andere Runout lauert.

Wir losen aus, wer mit der Route beginnen soll. Ich darf wählen und so entscheide ich mich sofort für die erste Seillänge. Über meine Entscheidungsschnelligkeit bin ich noch heute überrascht.
 
Blick in die Handeckverschneidung
Die Route

1. Seillänge, 4c

Da stehe ich nun, fully loaded mit high professional gear an meinem Gurt, angeseilt, der Chalkbag offen, den ersten Bolt habe ich auch schon im Blickwinkel, ready to go. Es gibt eine klitzekleine und unbedeutende Anfangsschwierigkeit: wie bekomme ich es fertig, meine Kletterschuhe so anzuziehen, dass ich nicht grad im Schlamm versinke? Ich wähle die Saurier-Version, d.h. einfach mal direkt los. Nach langem Hin und Her sind dann die Schuhe an den Füssen und der Gummi total nass. Das kann ja noch heiter werden…. Etwas hilflos versuche ich den Gummi irgendwie trocken zu bekommen – geht einfach nicht. Dann hilft halt nur noch eines: Mut. Mit pitschnassen Sohlen stehe ich nun auf dem ersten Tritt. Mit noch etwas mehr Mut setze ich mich in Gang und komme beim ersten Bolt an. Endlich kann ich die Sohle trocknen und unbeschwert weiterklettern. Die Seillänge ist herrlich zu klettern, das Herz jubelt. Nach 40 Metern komme ich an einen bequemen Stand und sichere Jürgen.

2. Seillänge, 5a

Jürgen klettert locker durch die Seillänge, die an Genialität kaum zu überbieten ist. Es ist grossartige und wunderschöne Verschneidungskletterei, die es zu bewältigen gilt.



3. Seillänge, 5c

Bewährungsprobe! Das Wasser läuft ganz nah an der Verschneidung über die Platten. Hhmmm….. das wird nun ganz spannend! Am Stand flachsen wir rum und Jürgen meint, dass wir mit unseren dicken Bäuchen nun absolut im Vorteil seien. Denn Gewicht bringt Reibung und davon bräuchte es hier nun umso mehr. So starte ich wohlgemut in die Seillänge und kämpfe mich in fast schon perfekter Verschneidungstechnik immer höher. Geniale Züge reihen sich nahtlos aneinander. Wie immer suche ich den nächsten Bolt, finde ihn auch und frage mich ernsthaft, ob ich nun jetzt einen „Buck in der Linse“ habe. Anstatt eines Bohrhaken-Plättli sehe ich einfach eine kleine Schlinge im Wind baumeln. „Aha“, denke ich mir so, „ja wenn es nur so eine Schlinge gibt, dann gibt es halt nur so eine Schlinge und die wird schon halten“. Sie muss mich aber nicht halten, denn das Klettern macht derart viel Freude, ich fühle mich absolut sicher. Aus einer guten Kletterposition heraus sehe ich, dass exakt dort, wo eigentlich der Kletterschuh für die notwendige Reibung stehen sollte, exakt dort läuft das Wasser über die Platten. Das lässt nun die Sache nicht einfacher werden. Ich weiche dem Wasser so gut es geht aus, bis zum dem einen Tritt. Den rechten Fuss platziere ich so, dass das Wasser exakt 1 cm rechts und links vom Schuh herunterläuft, denn es gibt wider Erwarten eine kleine Stelle ohne Wasser. Ich suche nach Griffen, es hat aber keine. Nun ja, der Bolt ist auch etwa 3 Meter weiter unten, das lässt das Herz höher schlagen. Sofort erinnere ich mich an Jürgens Satz und dann gilt es. Beherzt positioniere ich mein etwas erhöhtes Gewicht auf den Fuss, mit dem Körper lehne ich mich stark an die Wand links von mir und erhöhe die Reibung enorm. Ich erhöhe sie so sehr, dass ich weder runterfliege, noch dass ich höher komme. Irgendwo finde ich einen winzigen Griff und kann mich aus dieser etwas unbequemen Situation befreien. Herrlich! Am Stand freue ich mich riesig, diese super Seillänge fehlerfrei begangen zu haben.

4. Seillänge, 4a

Wo Wasser ist, ist auch Leben. Wo Wasser ist, gedeiht auch Gras. Jürgen hat das etwas spezielle Vergnügen, sich durch das Gras zu kämpfen. Das ist nicht lustig und zu allem Übel ist der Standplatz auch nicht angenehm. Nun denn, ist halt so.

5. Seillänge, 5c+

Ich stehe am Beginn der letzten Seillänge der Handeckverschneidung. Der zweite Bolt gibt die Richtung vor: nach rechts auf die Platte ohne Griffe und Tritte. Langsam und konzentriert gehe ich die Seillänge an. Alles ist bestens, die Konzentration ist da, die Power ist da. Ich fühle mich wirklich gut und stark. Ich klinke den zweiten Bolt und weiss, dass jetzt eine wirklich schwierige Stelle kommt. Schnell finde ich die Lösung. Es gilt, mit dem rechten Fuss in die Platte zu stehen und den Körper ganz langsam gegen rechts zu verlagern um zu einem hoffentlich guten Griff zu kommen. Sofort beginne ich mit der Umsetzung meines Planes. Der Griff ist doch etwas weiter weg, als was ich geschätzt habe! Mit der linken Hand finde ich einen winzig kleinen runden Griff, eher eine Unebenheit. Konzentration! Der rechten Fuss steht perfekt, der linke Fuss ist in der Luft, mit der linken Hand ziehe ich den Körper etwas nach rechts und gelange mit der rechten Hand zu einem recht guten Griff. Mann, das war ein super Move. Yes! Konzentriert klettere ich weiter und gelange in die Schlussverschneidung. Es warten schwarzer, griffiger Granit mit guter Reibung und für die Hände der perfekte Riss auf mich! Ein Blick nach rechts zum Stand des Quarzrisses lässt mir ein „oh Jesses“ entfahren. Ein Seilpuff der Güteklasse 1a sehe ich dort. Ich klettere weiter in der Verschneidung bis ich nach rechts zum Stand abzweigen muss. Es gilt nochmals eine heikle Stelle zu meistern und dann stehe ich am Stand des Quarzrisses! Yes! Geschafft! Genial! Schnell hole ich Jürgen an den Stand hoch. Eine geniale Route liegt hinter uns!

Abstieg

Das Seilpuff beschäftigt uns sicher 20 Minuten und die Mutter ist froh, dass wir ihr helfen. Bevor die Kids sich abseilen, kontrolliere ich alles etwa 5x um sicher zu sein, dass auch alles ok ist. Endlich wird es ruhiger und bequemer am Standplatz. Natürlich trage ich den Durchstieg ins Routenbuch ein. So etwas muss notiert werden! Das Abseilen geht flott vonstatten und schon bald stehen wir wieder am Wandfuss.

Abspann

37 Jahren Warten. 37 Jahre hat es gedauert, bis ich diese wunderschöne Route klettern konnte, bis alle Puzzleteile perfekt zueinander gepasst haben. Den mühsamen Abstieg durch das mannshohe Gras realisiere ich nicht mehr. Ich kann das Glück kaum fassen, dass mir/uns die Route gelungen ist. Zur Krönung gibt es das beste Abendessen und die beste Flasche Wein, die man sich vorstellen kann. Glücklich, zufrieden und müde gehe ich ins Bett und schlafe tief und fest.

Jürgen, erst du hast mir dieses Abenteuer ermöglicht und mich einen meiner grössten Träume verwirklichen lassen. Dafür möchte ich mich bei dir aufs Herzlichste bedanken. Danke!

Wednesday, April 20, 2016

Top-Rope

von Markus

Eine unwahrscheinlich harte Arbeitswoche liegt hinter mir. Als ich im Zug sitzend in Basel ankomme, freue ich mich jedoch sehr auf das nun kommende Fest. Es ist der 1. April (kein Scherz), Freitagabend und kurz vor halb acht Uhr treffe ich in der Wohnung von Marc ein. Er feiert seinen Gebrutstag und ich darf sein Gast sein. Es kommt exakt so, wie es nicht anders zu erwarten war. Es wird ein durch und durch fröhliches und gelungenes Fest und hier nochmals ein herzliches Dankeschön, dass ich diesen wunderbaren Abend zusammen mit dir und deinen Freunden verbringen durfte.

Entgegen den Erwartungen komme ich am Samstagmorgen gut aus den Federn und ich freue mich auf einen Klettertag an der Falkenfluh. Die Falkenfluh gehört nun nicht zu meinen Lieblingsgebieten. Zu oft hat mir der Fels sprichwörtlich die Krallen gezeigt und mich auch in einfachen Routen abblitzen lassen. Doch allein die Aussicht nach einer Woche ohne Fels- oder Plastikberührung endlich wieder Klettern gehen zu können, löst in mir Glücksgefühle aus.

Der Fels ist trocken, beste Bedingungen. Ich habe nicht den Hauch einer Idee, was ich denn nun an der Falkenfluh unternehmen will. Der Kopf ist leer und es ist kaum Energie vorhanden, in irgendeine schwere Route einzusteigen. Ich bin einfach nur glücklich hier zu sein und es braucht nicht einmal Felskontakt um vollkommen zufrieden zu sein. Doch einfach nur hier sein und nichts machen - das ist nun auch nicht mein Ding. Wenn schon - denn schon. Ideen müssen her und schon bald werde ich fündig: „Feierabendriss“ - in der Fluebible mit 5a bewertet. Diesen Riss habe ich schon vor Jahrzehnten geklettert, ich muss mich aber sehr anstrengen um herauszufinden wann das war. Ich mag mich noch an folgende Kombination erinnern:

- Rotes Karohemd der Marke Ultradick (es musste ja lange halten!)
- Beigefarbene Manchester-Kniebundhose Marke „Eigenbau“ (es durfte nicht teuer sein)
- Schwarze und äusserst schwere Bergschuhe (die mussten ewig halten)
- Schwarz-rote Socken (definitiv nicht rote!)
- Ein grauenhaft langer Anstieg (von Duggingen hoch...)
- Schweissnass
- Sonne, Hitze
- Höllenrespekt
- 2-Gang Töffli der Marke Condor Puch, Farbe blau
- Roland S. (Töffli Marke Ciao, Farbe Orange), Peter (Velo) und Olivier (Velo)
- grünes 40 Meter Seil, 11 Millimeter dick
- Sonntag

Voller Freude tigere ich zum „Feierabendriss“ und werde allein schon beim Anblick des Risses einmal mehr sehr ehrfürchtig. Da bin ich hochgeklettert? Sagenhaft! Ich war seinerzeit schon ein mutiger Kerl! Und heute? Bin auch mutig?

Ich bin sehr glücklich, dass Jüschi mir in seiner gewohnt lockeren und souveränen Art die Express in die Route hängt und ich mich mit einem Seil von oben in die Route wagen kann. Top-Rope, herrlich, angenehm! Herrliche Kletterei erwartet mich bis....exakt bis zu diesem einen nun umgebogenen Hartstahl-Haken, an dem ich seinerzeit mit meinen Leiterli gehangen bin und von dort auch in perfekter A1-Manier mich bis zum Ausstieg hochgezittert habe.

Mich fasziniert immer und immer wieder die Fähigkeit unseres Gehirns. Da stehe ich nun auf einem heutzutage richtig grossen Tritt (seinerzeit muss das eine äusserst schmale Leiste gewesen sein) und erinnere mich innert Millisekunden an die Zeit von vor 40 Jahren. Da ich in der Computer-Industrie arbeite und mir die Leute immer wieder erzählen, dass die Computer sehr bald so gut sind wie unser Gehirn (Stichwort: autonomes Fahren) ziehe ich in solchen Momenten immer Vergleiche – leider mit dem Computer immer als grossem Verlierer. In solchen Momenten stelle ich mir immer wieder vor, wie viel Aufwand es wäre, solche Erinnerungen, auf irgendeinem Medium aufgezeichnet, wieder abzurufen. Die Antwort ist ganz einfach: Schlicht unmöglich. Es geht ja noch weiter. Ich stehe so auf dem Band und erinnere mich an die Hitze, ich spüre die Wärme der Sonne auf dem viel zu dicken Hemd, ich spüre wie die Füsse in den Wollsocken im Schweiss ertrinken, ich spüre, wie der Durst die Kehle austrocknet und ich spüre auch die Angst, die ich seinerzeit hatte. Unser rund 1500 Gramm schweres hochentwickeltes Organ im Kopf wird noch über Jahrhunderte jedem Computer dramatisch überlegen sein. Das ist zumindest zu hoffen.

Es gelingt mir, die Rätsel der Route zu entschlüsseln um sie rotpunkt klettern zu können. Doch ein zweiter Top-Rope-Durchgang muss zwingend sein, um die gefundenen Lösungen nochmals überprüfen zu können. Für die für mich nicht ganz so einfache Schlüsselstelle (Risskletterei – meine „Spezialität“) finde ich eine mir passende Lösung mit einem traditionellen Beinklemmer. Das gibt Sicherheit. Noch im zweiten Top-Rope-Durchgang entscheide ich mich, dass ich einen Vorstieg in dieser Route definitiv vertagen werde um mit einem dritten sehr guten Top-Rope-Durchgang die Erkenntnisse zu sichern und um zufrieden nach Hause gehen zu können.

Wie ich so mit Jüschi rede und das Seil so im Top-Rope hängen sehe, erinnere ich mich an eine klare Aussage von Marc. Ich als Top-Rope Fanatiker kann der Aussage zwar zustimmen, aber wo Marc recht hat, da hat er recht. Die Aussage erinnert mich irgendwie an die Emotionslosigkeit des Terminators von 1984. Der sagte nicht viel. Doch was er sagte, das war dann schon sehr relevant. Wir alle kennen den Satz "I'll be back" und was danach geschah. So verhält es sich auch mit den zwei Sätzen. Die sind ganz einfach, kompromisslos und glasklar

Es gibt keine guten Top-Rope-Versuche. Top-Rope ist immer eine Niederlage.

Oha! Was ist zu tun? Mit einer Niederlage nach Hause gehen? Irgendwie regt sich nur ganz schwacher Widerstand gegen die sich abzeichnende Niederlage. Eine solche Niederlage ist jederzeit problemlos verkraftbar. Oder doch nicht? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich dem ersten Satz zustimmen. Es kann wirklich keine gute Top-Rope Versuche geben. Es kann nur gute richtige Versuche geben! Ich überprüfe nochmals die Sicherheits-Situation in der Route und entscheide mich für einen Vorstieg. Noch beim Gang zum „Feierabendriss“ wird mir mulmig im Magen. Doch da kommt aus einer anderen Ecke des gleichen Gehirns der Satz „sei doch nicht immer so ein elender Schisshas“

Ein letzter Sicherheits-Check, die Schuhe machen sich angenehm schmerzhaft bemerkbar und los geht die Reise. Ja, und es kam, wie es kommen musste. Ich konnte alle neu gelernten Bewegungen erfolgreich und fehlerfrei aneinandersetzen und den „Feierabendriss“ nach rund 40 Jahren auch rotpunkt klettern. Beim Durchstieg wird mir bewusst, welch wunderschöne Linie der „Feierabendriss“ ist - um Jüschi zu zitieren: eine echte „King Line“

Wie immer, war Richi der Erste, welcher diese Route rotpunkt durchsteigen konnte. Dies war im Jahr 1976 und er bewertete die Route richtig mit 5a. Weshalb 5a oder besser mit V? Seinerzeit war klar, dass ein Riss nie mehr als V sein kann. Und aus V wurde dann 5a. Aber dieses 5a aus dem Jahre 1976 hat nicht viel mit dem 5a aus dem Jahre 2016 gemeinsam.

1 Woche später bin ich wieder mit meinen Freunden an der Falkenfluh unterwegs. Immer noch hallt der Satz „Top-Rope ist immer eine Niederlage“ nach und so entscheide ich mich nach über 40 Jahren auch den Santa-Maria-Riss direkt im Vorstieg ohne vorheriges Top-Rope zu klettern. Einmal mehr schwappen die Erinnerungen aus längst vergessener Zeit zurück in mein Leben, als ich bei der Schlüsselstelle statt in einem Leiterli stehend, diese grossen Tritte und Griffe für das Weiterkommen benütze. Es ist herrlich, durch den Santa-Maria-Riss zu surfen und einfach nur geniessen zu können.

So hat die Saison 2016 für mich bestens begonnen und ich freue mich auf ein paar interessante und spannende Abenteuer. Der Pläne und Ideen sind viele… 

Und vielleicht gibt es ein paar gute Top-Rope Durchgänge weniger. Ich arbeite daran. Versprochen.