Wednesday, August 4, 2010

Bain de Siège - Pelzli - März 2010

von Markus

Erstbegeher: S. Haffner, J.P. Minazzi, 1984

Anlässlich der letzten Top-Rope-Session in der Route am 27. Februar 2010, lernte ich Serge und Jean-Pierre kennen. Wir haben über die Route diskutiert und beide stufen sie als schwere 6c ein. Auch sie hätten sie als sehr schwer empfunden, sagten sie mir mit einem etwas schelmischen Lächeln auf den Lippen.

Mittwoch, 3. März 2010

Es ist 13:30 Uhr. Ich hole Christian an seinem Arbeitsort ab.

Bereits um 14:15 Uhr sind wir im Pelzli an der Grellinger-Wand. Die Sonne versteckt sich bereits erfolgreich hinter den Wolken. Trotzdem sind die Temperaturen ganz ok. Der Fels ist trocken. Auf dem Programm steht heute der Durchstieg der Route „Bain de Siège“. Christian sortiert die Express und in Nullkommanichts hängen diese in der Wand. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich beim Auschecken der Route komplett übersehen habe, mir Gedanken über das Einhängen des Seils zu machen. Das ist der Tribut der Top-Roperei, sage ich mir und mache mir ernsthafte Sorgen. Speziell Bolt Nummer 3 hat es in sich. Die Analyse ergibt, dass der 3. Bolt überstreckt auf Reibung stehend und sich an fast nichts haltend eingehängt werden muss. Gott sei Dank gibt es Christian – er zeigt mir eine wunderbare Lösung für dieses Problems. Wir diskutieren über das Vorgehen und sind uns einig: Markus – so gehts!

Nach einer "Sich-selber-finden-Pause" ziehe ich todesmutig und vollkommen unwissend das Seil ab. Fakten sind geschaffen. Ich binde mich ins Seil und bin „Ready for Take-Off“. 1. Bolt - No problem. Weiter zum 2. Bolt - No problem. 3. Bolt - Big problem. Ich muss sofort meine Griffabfolge ändern, viel zu wackelig ist alles. Ich finde endlich den guten Griff, von dem ich den 3. Bolt klippen kann. Da der Express schon hängt und ich über genügend Spannweite verfüge, kann ich das Seil nach gefühlten 24 Stunden an einem Griff hängend endlich einhängen. Ich werde sehr nervös und klettere zurück auf das Bödeli zwei Meter weiter unten. Ich diskutiere mich Christian und versuche mich zu beruhigen. Das geht mehr schlecht als recht, aber ein klein wenig bekomme ich die Nervosität in den Griff.

Die lange Pause tut gut und das Programm kann neu gestartet werden. Zu meinem Schrecken muss ich feststellen, dass die Kletterschuhe heute nicht gut auf dem Fels halten, alles rutscht. Das bedeutet sofort, dass ich die fehlende Reibung mit erhöhtem Krafteinsatz der Arme kompensieren muss. Irgendwie komme ich beim No-Hand-Rest an. Ich klippe den vierten Bohrhaken und schüttle meine Arme aus. Dann schaue ich nach oben und muss erschreckt feststellen, dass der fünfte Haken gerade so nicht zu klippen ist. Es fehlen mir 10 Zentimeter. Ich überlege hin und her, vorwärts und rückwärts. Irgendwie muss doch das gehen. Und dann geht es auch irgendwie. Zurück auf dem No-Hand-Rest bin ich stolz auf mich, dass ich nicht in den Express gegriffen und somit den Durchstiegsversuch frühzeitig abgebrochen habe.

Es gilt in den nächsten 5 Minuten folgendes Programm: Ausruhen, schütteln, schütteln, schütteln. Die Nervosität ist nicht mehr zu bändigen. Die Arme beginnen ohne Belastung darauf von alleine an zu zittern, die Knie werden langsam weich. Eigentlich, so geht es mir durch den Kopf, bin ich total verrückt an einen Durchstieg zu denken. Ich schaue nach oben und sehe 4 Express in der Luft baumeln. Und dann ist der Satz wieder da: da kommst du sowieso nicht hoch. Nicht mit diesen dicken Armen und mit diesen wackligen Knien. Das geht nie und nimmer. 1000 Gründe weshalb es nicht gehen soll brennen sich in mein Hirn. Aber wenn ich schon mal da bin, dann versuche ich es zumindest. Power on!

Und dann startet das einstudierte Programm automatisch. Die Moves gehen wunderbar, ich spüre die mit unendlich vielen Dauermethode-Session aufgebaute Kraft. Aber ich zitterte am ganzen Körper, das ist sehr beängstigend. Das berühmte Zweifinger-Loch treffe ich nicht auf Anhieb. Einfach weiter sage ich mir, die finale Schlüsselstelle ist bald vorbei. Beim baldigen Shut-Down des gesamten Systems wird mich Christian problemlos halten, jagt es mir immer und immer wieder durch den Kopf. Die beiden Moves über die Schlüsselstelle gehen locker und schon halte ich mich am grossen Griff, da kommt von irgendwoher die finale Krise. Ich schaue nach unten, wo denn der letzte Bolt steckt und realisiere den Abstand. Das hat dann schon was ganz Eindruckvolles. Mit zittrigen Händen klippe ich endlich den Bolt vor meinen Augen und dann geht schon fast gar nichts mehr. Ich bekomme die Füsse nicht mehr von den Tritten, die Armen werden immer dicker. Doch die Route ist noch nicht zu Ende. Ich weiss jedoch, dass die schwierigen Passagen hinter mir liegen. Klappt es doch noch mit einem Durchstieg? Hoffnung keimt auf, Emotionen werden wach, Adrenalin schiesst in die Adern. Von unten dringen hoffnungsvolle „Allez“-Rufe zu mir hoch. Da steht also einer, der an mich glaubt!

Weiter hoch zum grossen Loch links, alles zittert an mir. Diese Passage gelingt mir auf Anhieb sehr gut und ich ahne, dass es durchaus für den Durchstieg reichen könnte. Die Unterarme brennen lichterloh. Selbst die ganz grossen Griffe fordern ihren Tribut. Es brennt der ganze Körper. Die Beine zittern, die Arme zittern, ich keuche nur noch! Ich klippe den letzten Bolt. Der ganze Körper inklusive Bauch- und Rückmuskulatur beginnt zu zittern, die Füsse bleiben nicht mehr auf dem Fels stehen. Ich muss aktiv mit meinem Gewicht auf die Füsse draufstehen, damit das Zittern aufhört, da ich sonst den letzten Zug nicht machen kann. Körperspannung aufbauen, den Schmerz im Körper übersehen, eine letzte Anspannung und hoch zum Ausstiegshenkel. Der rechte Unterarm ist jetzt einfach durch. Ein letzter Move und ich kann das Top klippen. Völlig fertig sitze ich ins Seil und geniesse den Strom der Endorphine in mir. Herrlich! Beim Runterlassen nehme ich die Express mit. Bei den ersten beiden kann ich nicht einmal mehr den Steg öffnen. Ich brauche beide Hände dafür. Unten angekommen explodieren die Unterarme. Das Blut findet wieder den Weg zurück in die Muskeln und verursacht Höllenqualen. Und dann übermannt mich einfach das Gefühl, etwas für mich persönlich ausserordentlich Wichtiges erlebt zu haben.

Die Route wird sicher lange auf dem obersten Podestplatz in meiner ganz persönlichen Rubrik der „Kampfbegehungen“ stehen bleiben. Weder schön noch gut geklettert, aber erfolgreich darin gegen mich gekämpft.