Sunday, October 24, 2010

Der Geschichtenerzähler - Teil 3

von Markus

Es ist Samstag. Ich schaue aus dem Fenster und muss realisieren: es hat in der Nacht geregnet. Nun gut, damit muss ich leben. Der Wetterbericht sagt aber auch, dass nach dem Regen besseres Wetter sein wird. Nur, was heisst denn "besseres Wetter"? Der Wind frischt auf und so hege ich die leise Hoffnung, dass es mit dem Outdoor-Klettern etwas wird. Um 13 Uhr hole ich Roland in Basel ab. Der Himmel wird von dicken und dunklen Wolken bedeckt. Wir entscheiden uns, an den Gempen zu fahren. Gempen aus dem Grund, dass wenn vielleicht ein wenig Sonne zwischen den Wolken hervorschauen sollte, dann wird das Klettern am Gempen sicher am meisten Freude bereiten. Nach der kurzen Fahrt parken wir das Auto, schultern einmal mehr unsere Rucksäcke und gehen zielstrebig zum "Négligé", meinen Projekt. Roland ist, wie ich auch, ein nachhaltig Sandührli-Wand Geschädigter. Mit den falschen Löchern in den Händen, kann in der Wand eine 5c sofort zu einer 6c mutieren. Der Wind meint es gut mit uns und hat die Wand bereits komplett abgetrocknet. Die Erfahrung sagt mir, dass bei solchen Bedingungen der Grip enorm gut ist.

Ich hänge die Express ein nicht ohne meine Schlüsselstellen auszubouldern. Der Grip ist sagenhaft, die Moves gehen alle problemlos. Allein die Sohlendicke meiner Schuhe macht mir etwas Sorgen. Die Felsstruktur kommt doch sehr intensiv durch. Das hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Wieder am Boden zurück, bereitet sich Roland für seinen ersten Top-Rope Durchgang vor. Ich erkläre ihm die untere Schlüsselstelle. Er kletterte sie auf Anhieb. Auch die zweite Schlüsselstelle klettert er ohne Mühe. Er meint, es sei eine tolle und sehr abwechslungsreiche Route. Ab sofort sind wir keine nachhaltig Sandührli-Wand Geschädigte! Nun bin ich an der Reihe und mein Tages-Ziel ist es, die Route endlich im Top-Rope durchzusteigen.

Wie ich so meine Kletterschuhe anziehe muss ich feststellen, dass beim rechten Schuh eine starke Tendenz zum Krokodil besteht. „Vergiss es, vergiss es einfach. Mit den Schuhen geht das nie und nimmer.“ Der Geschichtenerzähler – er ist wieder da. Von wo kommt denn der wieder her? Ich beachte ihn nicht weiter, steige in die Route ein und alles geht problemlos. Der Top-Rope Durchgang hat gezeigt: Markus, es passt alles. Unten angekommen höre ich: „Vergiss es. Mit den Schuhen geht das nie und nimmer. Hättest halt vorher schauen müssen. Mit dem Krokodil vorne rechts? Mit dieser dünnen Sohle? Nein, nein, das funktioniert nie!“. Nochmals steigt Roland durch die Route und dann muss ich mich entscheiden. Gebe ich dem Geschichtenerzähler recht, so hat er gewonnen. Eigentlich ist das sein Ziel. Aber ich will ihm nicht recht geben, nein. Aber er könnte ja doch wirklich recht haben. Mit den Schuhen – oha – das wird dann schon noch ein Versuch der speziellen Art! Aber ich mag einfach nicht mehr an all die Wenn und Aber glauben, denn der Top-Rope Durchgang hat gezeigt, dass alles geht. Ich ziehe das Seil ab, einmal mehr sind Fakten geschaffen. Beim Einstieg lächelt mich das Krokodil nett an. Es wird schon klappen, sage ich mir und steige ein. Es passt denn alles auch haargenau und so erreiche ich nach wenigen Minuten den Ausstieg und bin überglücklich.

Négligé. Das ist so eine uralte Geschichte aus meinem Kletterleben. Zum ersten Mal angeschaut habe ich die Route im Jahre 2000. 2 Jahre später bin ich zum definitiven und unumkehrbaren Entscheid gekommen, dass die Route nie im Leben geht, denn die Löcher werde ich nie halten können. Im Oktober 2010 dann der Durchstieg bei allerbesten Kletterbedingungen. Manchmal braucht es Hartnäckigkeit und Wille um etwas Einzigartiges zu erleben. Oder wie sagt der Volksmund treffend: Gut Ding will Weile haben.

Saturday, October 16, 2010

Schöne Aussichten


von Markus

Am Sonntag nehme ich die Zeitung aus dem Briefkasten und mein Blick fällt sofort auf die Wetterprognosen für die kommende Woche. Es ist ruhiges und schönes Wetter in den Bergen vorausgesagt - unten grau und oben blau. Ich habe schon von vielen Unternehmungen im Oktober in den Alpen gehört, es soll wunderbar sein. Schon seit vielen Jahren möchte ich im Herbst eine Mehrseillängen-Tour in den Alpen realisieren. Aber die Arbeit und mindestens 1000 Ausreden liessen das Unterfangen über viele Jahre hinaus immer wieder im Keime ersticken.

Als ich so die Wetterprognose lese, ist es plötzlich da. Es ist das Gefühl, dieses Mal alles besser zu machen und einen Traum umzusetzen. Der Traum ist sehr einfach. Ich möchte eine Route im Herbst am Hintisberg klettern. Der Einstieg zu den Routen am Hintisberg liegt auf 2'200 Meter und dort oben kann es im Oktober schon ganz schön kalt werden. Da ich aktuell komplett ausser Form bin, sollte es eine einfache Route sein. Die Wahl fällt auf „Schöne Aussichten“.


Aus dem Antwortmail an Markus lese ich helle Begeisterung. Wir verabreden uns für Donnerstag, 14. Oktober zusammen dieses Unternehmen anzugehen. Wir beiden standen schon im Sommer unter der Route, doch das Wasser lief in Bächen über den Fels. So mussten wir unverrichteter Dinge wieder auf die Alp Hintisberg absteigen. Dieses Mal wird es auf jeden Fall besser. Markus wird seine erste Mehrseillängen-Tour in den Alpen klettern und ich einfach nur den Tag geniessen und einen Traum umsetzen.

Wir starten am Donnerstag bereits um 7:15 Uhr. Es ist noch dunkel. Das Grau des Nebels hält zuverlässig jedem Sonnenstrahl stand. Die Wettervorhersage meint, dass die Nebelgrenze bei 1'800 Meter liegt. Folglich müsste die Alp Hintisberg nebelfrei sein. Bereits nach 2 Stunden sind wir beim Restaurant Stalden und lösen die Taxe. Wir fahren die Strasse hoch und der Nebel wird dicker und dicker. Die Temperaturanzeige zeigt 2 Grad an. Der Nebel wird noch dicker, Sichtweite rund 10 Meter. Wir kommen auf der Alp an und parken das Auto. Wir stehen mitten im dichtesten Nebel. Zuversichtlich sagen wir uns – ja, es wird gut. Wir schultern die Rucksäcke und machen uns auf den Weg. Der Nebel wird langsam lichter, aber es ist noch immer kalt und neblig. Wir hoffen einfach, dass wir irgendwann die Nebelobergrenze erreichen. Nach 20 Minuten ruft mir Markus zu: „Schau mal dort oben links“. Ich schaue hoch und erkenne die ersten Zacken des Hintisberg. Nach weiteren 2 Minuten Marsch stehen wir oberhalb der Nebelgrenze und das ganze Prachtpanorama mit Eiger, Mönch und Jungfrau steht im strahlenden Weiss vor uns. Wir sehen nicht eine Wolke und wir wissen, dass der ganze Tag nie eine Wolke sich vor die Sonne schieben wird. Bald sind wir am Einstieg der Route. Ich überlasse Markus den Vortritt und er klettert mit ruhigen und sicheren Kletterbewegungen bis zum ersten Stand. Die zweite Seillänge gehört mir und so klettern wir im Überschlag bis ganz oben durch. Allerdings rennen wir nicht durch die Route, sondern geniessen die gute Absicherung, den bombenfesten Fels und natürlich die einzigartig schöne Aussicht. Den ganzen Tag über klettern wir in der Sonne mit einem unvergesslichen und traumhaften Blick auf das Nebelmeer und die Berner Eisriesen. Die Route ist ungemein schön und elegant zu klettern. Wir werden von zwei Dohlen begleitet. Sie zeigen uns immer wieder, wie gut sie sich in der Thermik hoch schweben lassen können und wir loben sie immer und immer wieder. So hatten die beiden Vögel offenbar einen Riesenspass an uns und wir an ihnen.

Das Abseilen verläuft problemlos und kurz vor 16 Uhr sind wir bei unseren Rucksäcken am Wandfuss. Dort ist aber auch der Nebel angekommen. Eine kurze Rast, die warmen Sachen anziehen und nach 30 Minuten sind wir beim Auto. Beim anschliessenden sehr guten Abendessen in Faulensee lassen wir den Tag nochmals Revue passieren und sind uns einig: besser geht einfach nicht!

Tuesday, October 12, 2010

Der Geschichtenerzähler - Teil 2

von Markus

Die Sonne lacht vom Himmel. Ich sitze im Büro und frage mich, was ich hier eigentlich tue. Arbeiten, ja natürlich. Aber das Herz möchte doch so unwahrscheinlich gerne Klettern gehen, der wahren Natur von mir selbst nachgehen. Eine für den späteren Nachmittag geplante Sitzung wird am Morgen abgesagt. Juhui - ich kann klettern gehen. Schnell organisiere ich einen Kletterpartner. Wir freuen uns riesig, abends noch ein paar Meter klettern gehen zu können. Um 14:30 Uhr dann der Hammer: zu früh gefreut, die Sitzung wird doch abgehalten. So ein Mist, so ein elender Mist. Aber ich kann es halt nicht ändern. Ganz zum Schluss bekomme ich ja von meinem Arbeitgeber mein Geld und dafür sollte ich schon noch etwas tun. Ich annulliere schweren Herzens das abendliche Klettern. Nun gut, da muss ich halt durch. 15:55 Uhr: Die Sitzung findet nun doch nicht statt. Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Um 16:50 stehe ich am Einstieg des Négligé. Big Brother Geschichtenerzähler ist auch mit von der Partie. Ich erlebe einen katastrophalen Start. Die einstudierten Züge beim Einstieg - sie gehen nicht. Sie wollen nicht gehen, Ärger steigt in mir auf. Der Geschichtenerzähler ist bereits wieder gross in Fahrt und lacht mich höhnisch aus. Sein Gelächter ärgert mich noch mehr. Es geht immer weniger und das gemeine Lachen blockiert mich total. Nach geschätzten 10 und gefühlten 100 Versuchen ist dann auch meine Kraft am Ende, die Haut auf den Fingerkuppen fast weg. Ich gebe auf, nicht ohne nochmals alles zu analysieren. Ok, ich gebe mich geschlagen, ich kann halt diese Stelle nicht klettern. Soll es geben. Akzeptiert. Der Geschichtenerzähler hat gesiegt. Die Sache ist abgehakt, aber es ärgert mich masslos!

Es ist wieder die unendliche Geduld und der Ideenreichtum von Dominic, welche mich die Stelle nochmals versuchen lassen. Komplett neue Zugabfolge, die gleichen Tritte. Und - zack - es geht. Es passt alles. Aus einer absoluten Murks-Variante ist jetzt ein wunderschön zu kletternder Halb-Dynamo geworden. Herrlich. Die obere Schlüsselstelle geht auch, alles ist wacklig, aber es geht. Nach einer kurzen Pause steige ich die Route im Top-Rope mit einem Hänger durch. Es wird ein gutes Ende geben, dessen bin ich mir ganz sicher. Der Geschichtenerzähler? Der ist beleidigt temporär ausgezogen und überlegt sich bereits eine neue Story für das nächste Projekt.

Stay tuned.

Und noch eine kleine Info an alle, die es interessiert. Kurz nach dem 1. Leben hat er wieder zugeschlagen. Roland konnte sein 7a-Projekt in der Falken am Sonntag klettern. Vor so viel Engagement und Willen kann ich nur den Hut ziehen! Bravo, Roland! Welcome back!