Saturday, July 21, 2012

Direkte Nordwand im Bockmattli

von Markus

Eine nicht zu unterschätzende Crux beim Älterwerden ist die Neigung zur Glorifizierung der Vergangenheit. Das Hirn weiss exakt, welche Eindrücke vom täglichen Leben ins Reich des Vergessens geschickt und welche Taten für lange Zeit aufgehoben werden. Dass auch die Erlebnisse etwas geschönt abgespeichert werden, macht die Sache nicht gerade einfacher. Vieles geht schlicht und ergreifend vergessen. Aber ich glaube es ist schon gut, dass das Hirn so konstruiert ist. Denn dann hätte ich…

Grosser Bockmattli-Turm am frühen Morgen
Wir schreiben das Jahr 1981. Mein roter Golf GLS steht auf einer etwas vergammelten Forststrasse parkiert. Peter hat diesen Parkplatz abseits der Legalität gefunden. Ok, ich hatte seinerzeit keine Bedenken durch ein Fahrverbot zu fahren, wir waren noch jung und furchtlos. 1981 kostete diese Übertretung noch einen überschaubaren Betrag an Bargeld. Heute gilt das Übertreten eines solchen Verbotes schon beinahe als kriminelle Tat. Die Zeiten ändern sich halt. Von diesem Parkplatz aus sind es nur noch 45 Minuten bis zur Bockmattli-Hütte. Wir schultern die Rucksäcke, marschieren los. Peter zieht es an die Wand. Die „Direkte Nordwand“ ist das Ziel. Schon im 1980 sind wir durch diese Route gestiegen. An die Kletterei 1980 mag ich mich heute nicht mehr erinnern, nur noch an den Abstieg. Ich glaubte Peter seinerzeit, dass der Abstieg auch in EB machbar sei und deshalb nahmen wir nur einen ganz kleinen Rucksack ohne Ersatzschuhe mit. Sagen wir es mal so: ich habe es überlebt. Beim Abstieg bin ich auf einem Schneefeld ausgerutscht, habe rund 100 Meter Rutschfahrt auf dem Allerwertesten hinter mich gebracht und stoppte kurz bevor ich in einen grossen Stein geknallt wäre. Tipp: Abstieg in Kletterschuhen ist suboptimal.

Auf dem Gipfel
Apropos kleiner Rucksack: diejenigen, die mich kennen und schon mal im B2 getroffen haben, die kennen auch diesen Rucksack. Da soll mal einer sagen, ich gehe verschwenderisch mit Klettermaterial um.

Das Wetter beim Durchstieg 1981 lässt zu wünschen übrig, beim Anmarsch regnet es ganz leicht. Peter will aber unbedingt die Route klettern und lässt nicht los. Die Erinnerung an diese Begehung 1981 ist nur noch sehr bruchstückweise vorhanden. Ich mag mich erinnern, dass ich wegen dem Rucksack hoffnungslos in einem Kamin stecken geblieben bin. Ich mag mich auch erinnern, dass es ein paar Original-Rostgurken als Zwischensicherung gab. Auch erinnere ich mich, dass wir Standplätze selber bauen mussten. Und – Bockmattli-untypisch – es hatte bei diesem einen Dach seit 1981 einen Bohrhaken! Allerdings machte der auch Sinn, denn der Holzkeil aus dem Jahre 1956 war nun doch etwas in die Jahre gekommen und hätte einen Sturz an dieser Stelle wohl nicht mal gemerkt. Wie Peter rückblickend diese Stelle gemeistert hat ist mir ein Rätsel. Und wie ich dort hochgekommen bin ein noch viel grösseres. Erinnern mag ich mich allerdings sehr gut an die Seillängen oberhalb der Schlüsselstellen. Traumhafte Kletterei in bestem Fels, kaum Sicherungen und hochgefährlich. Ich hätte Peter bei einem Sturz nicht sichern wollen. Wir wären wohl beide im hohen Bogen in den Talgrund geflogen. Als Seilzweiter konnte ich allerdings das Klettern geniessen. Der Abstieg war noch das Sahnehäubchen. Nix Bolt, nix Muniringe wie heute. Vergammelte Seilschlingen der extradünnen Art, an denen wir uns mangels Alternativen abseilten. Es hat alles geklappt, sonst könnte ich diese Zeilen nicht schreiben. Zurück beim Auto sagte ich zu mir, dass das Bockmattli schon schön ist, aber einfach grauenhaft abgesichert und was für Männer mit Nerven aus Drahtseilen ist, d.h. also definitiv nichts für mich. Ich lasse den Motor an und wir fahren nach Hause.

Das Bockmattli
Zum Bockmattli gibt es noch eine weitere Geschichte von meinem Sandkasten-Freund Roland. Roland und Peter kletterten 1980 durch den Free Trip im Originalzustand. Die Absicherung der Route hat Roland noch mehr geschockt als Peter. Roland hörte nach dem Durchstieg sofort mit dem Klettersport auf, Peter machte es ihm ca. ein halbes Jahr später nach. Es ist aber genau diese Geschichte, die mich immer wieder ans Bockmattli denken lässt. Und ja, ich ginge über 30 Jahre später wieder gerne ins Bockmattli klettern. Wir erinnern uns: das Hirn lässt schlimme Erlebnisse auf Nimmerwiedersehen verschwinden und lässt nur die guten Erinnerungen Bestand wahren.

Der Wägitaler-See vom Bockmattli-Gipfel aus gesehen
Es ist der 30. Juni 2012, 05:00 Uhr. Ich treffe Jürgen am vereinbarten Punkt. Mein 1er will ins Bockmattli, ich spüre es. Also lasse ich seinen Pferdchen auf der freien Autobahn freien Lauf. Die Zürich-West-Umfahrung bringt sicher 45 Minuten Zeitersparnis. Bereits um 06:20 schultern wir die Rucksäcke und nehmen den Weg hoch zum Bockmattli unter die Füsse. Allein die Ambiance war die Fahrt hierher wert. Jürgen sieht einen Fuchs, der sich ganz schnell versteckt und ich fluche bereits über mich selber und frage mich, weshalb ich mir das denn nach über 30 Jahren nochmals antue. „Selber schuld“ kommt denn auch prompt als Antwort von der anderen Hirnhälfte zurück. Wir hören von Weitem das Kuhglockengebimmel, die Vögel zwitschern, der Aufstieg geht gut voran. Und - da ist doch die etwas vergammelte Forststrasse vor 30 Jahren! Allerdings ist es heute ein sehr gut ausgebauter Weg, auf dem ein normaler PKW problemlos hochfahren könnte. Die Zeiten ändern sich. Nach 1 1/2 Stunden sind wir bei dem grossen Felsbrocken, der 1980 und 1981 als Indikator für das Materialdepot herhalten musste. Jürgen meint, dass Traditionen gelebt werden sollen und so wird auch 2012 dieser Ort zum Materialdepot erkoren. Das Wetter könnte nicht besser sein, keine Wolke weit und breit. Die Wettervorhersage meint, dass es ein sehr warmer Tag wird und abends Gewitter die Luft abkühlen werden. Gewitter in den Bergen ist so eine Sache und so machen wir uns sofort auf den Weg. Zielsicher findet Jürgen den Aufstieg zum Einstieg zur Route. Und jetzt kommt die Erinnerung zurück, das war wirklich ausradiert. Das ist doch dieser vermaledeite sich-an-Grasbüschel-haltend-im-Superpflotsch-hocheiern-müssen-und-hoffentlich-nicht-in-den-Stacheldraht-reinknallen-Aufstieg. Den habe ich nun wirklich über die Jahre nicht vermisst!

Wir finden den Anfang der Route und Jürgen klettert gerade mal die ersten 70 Meter am Stück bis zum ersten Stand. Ich komme keuchend nach und auch hier setzt die Erinnerung ein. Das ist doch dieser wunderschöne Quergang bis zu einem Haken, an dem der Sichernde den Vorsteigenden ablässt. Wagemutig frage ich Jürgen, ob ich diese Seillänge führen darf. „Natürlich“, sagt er und so kann ich diese wundervolle Seillänge klettern. Nun geht es in rascher Folge von Standplatz zu Standplatz. Die Kletterei ist herrlich, die Absicherung zeitgemäss, die Standplätze perfekt. Und da ist er wieder: der Kamin, in dem ich stecken geblieben bin. Etwas mulmig im Magen gehe ich an die Arbeit. Auch dieses Mal habe ich den Rucksack auf. Aber meine Klettertechnik und meine brettharten 5.10 lassen nun ganz neue Möglichkeiten erkennen. Ich bleibe nicht mehr stecken, ganz im Gegenteil. Sorgfältig überlege ich mir die Griff- und Trittkombinationen und kann diese Seillänge problemlos klettern. „Hey“ denke ich so für mich, „das ist jetzt aber unheimlich gut gegangen. Bist also doch etwas besser geworden in den letzten 30 Jahren!“. Die nächste Seillänge ist dann der ultimative Kamin. Jürgen klettert vor, klemmt und stemmt sich die Seillänge hoch. Toll mit anzusehen, wie er diese Seillänge klettert. Mit Schrecken stelle ich fest, dass ich ja den Rucksack aufhabe. Das wird ja lustig werden, denke ich mir. Die Seillänge wird lustig. Es macht Spass, trotz Rucksack diese Seillänge zu klettern. Nur ganz oben wird mir dann bewusst, dass ich nicht mehr ganz schlank und rank bin und der Rucksack auch nicht gerade zu den dünnen Exemplaren gehört. Ich höre Jürgen von weitem lachen und auch ich kann mich eines Lachens nicht erwehren. Irgendwie schaffe ich es, die letzten 2 Meter doch noch zu klettern ohne nun definitiv im Riss stecken zu bleiben. Beim nächsten Standplatz denke ich mit Freude an mein Erlebnis in La Plagne zurück. Das war ein Schlingenstand. Das hat Spass gemacht, der war ja schon richtig gemütlich im Gegensatz zum dem Teil hier. Der Muniring hält Jürgen und mich sicher. Immer wieder schaue ich die Felswand hinunter. Ein fantastischer Tiefblick und in der Ferne sehen wir den Zürichsee glitzern. Ich bin gerne hier oben, ich bin glücklich und zufrieden. Die nächsten beiden Seillängen haben es dann in sich. Für Puritaner sei hier vermerkt, dass die völlig ausgebombten Original-Haken von 1956 noch in der Route vorhanden sind. Auch sie sind in den letzten 30 Jahren nicht unbedingt jünger geworden. Sie können aber auf jeden Fall eingesetzt werden und würden sich sicher freuen, dies wieder einmal tun zu dürfen. Denen ist langweilig hier oben, haben sie mir gesagt. Keiner brauche sie mehr, sie wollen auch wieder einmal mit einem Karabiner in Kontakt kommen. Etwas eifersüchtig schauen sie auf diese Jungs da draussen, die hübsch blitzenden Dinger. Für alle andern, also die Angsthasen und Gerne-von-einer-Klettertour-gesund-wieder-heimkommen-wollende, Jura-Dinosaurier und viele andere mehr sei hier angemerkt, dass Bohrhaken in richtiger Anzahl in richtiger Distanz zueinander platziert sind und auch gerne ihre Arbeit tun. Beim Dächli dann ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten! Hier ist er ja, dieser legendäre Bohrhaken. 1980 oder 1981 gebohrt  (ich mag mich wirklich nicht mehr genau erinnern), lächelt er seitdem jedem Kletterer entgegen und ich bin mir sicher, dass mancher Vorsteiger an diesem Bolt schon gerastet hat um Mut für den nächsten Move zu sammeln. Auch bin ich mir sicher, dass mancher Seilzweite bewusst und sehr gerne an diesem Bolt gezogen hat. Da sieht man mal wieder, dass ein Bohrhaken über 30 Jahre halten kann. Richtige Cracks allerdings, die lassen diesen Bohrhaken links liegen und haben die letzte Sicherung an einer etwas in die Jahre gekommene Schlinge an einer Rost- Gurke eingehängt. Allerdings ist es problemlos möglich, mit einem Friend die Stelle zu sichern. Vergleich: der Sturz mit Bolt ca. 3 Meter, mit Friend ca. 8 bis 10 Meter. Die ideale Kombination ist allerdings – gar nicht stürzen. Jürgen und ich entscheiden uns für das Letztere. Noch ein allerletzter Gedanke zu diesem Bohrhaken. Was macht wohl das Wasser, wenn es von oben über den Fels direkt an den Stift läuft. Metall + Wasser – das gibt doch diese interessante chemische Kombination aus Eisen(II)-oxid, Eisen(III)-oxid und Kristallwasser, Summenformel:
Wikipedia sei Dank! Chemische Formel von Rost
Und wie schon gesagt – vor 30 Jahren war ich auch noch viel jünger und gelenkiger.

Nach diesen beiden Seillängen erwartet uns nun wirklich traumhafte Kletterei, bestens abgesichert. Immer wieder schaue ich nach unten und suche verzweifelt nach einer zweiten Seilschaft in der Wand. Dieses Wetter, diese Absicherung, diese traumhafte Route – und nur Jürgen und ich sollen heute bei besten Bedingungen in der Wand unterwegs sein? Ich kann es einfach nicht glauben, ich will es einfach nicht glauben, es ist keine Menschenseele weit und breit zu sehen. Seillänge um Seillänge klettern wir problemlos und bereits nach 5 Stunden stehen wir auf dem Gipfel. Sagenhaft. So schnell war ich noch nie in dieser Route unterwegs, fast schon eine Art „Speed Attempt“. Das Gipfelbuch gibt uns dann die Gewissheit. Wir sind erst die siebte Seilschaft in der „Direkten“. Offenbar ist das Bockmattli ausser Mode geraten.

Auf dem Gipfel
Der Abstieg gestaltet sich dann wirklich einfach. Wo früher lose Steine und aberwitzig dünne Reepschnüre den Abstieg säumten, markieren Muniringe die Standplätze und Bohrhaken den Weg. Trotzdem ist immer noch Vorsicht geboten, aber den ultimativen Schrecken hat der Abstieg verloren. Gott sei Dank!

Die Kletterei durch der Nordwand war toll, auch weil die Sonne die Wand nicht beschienen hat. Erst ganz auf dem Gipfel hat dann sie ihren „Senf“ dazu gegeben. Den ganzen Abstieg vom Gipfel bis hinunter zum Auto knallte sie unerbittlich vom Himmel. Es war unbeschreiblich heiss, kaum ein Wind ging. Wir schwitzten uns fast die Seele aus dem Leib. Aber was macht man nicht alles für eine tolle Tour.

Es hat sich gelohnt und ich habe tief im Herzen auch Frieden mit dem Bockmattli geschlossen. Vor 30 Jahren verliess ich den Ort mit dem absoluten und definitiven Wissen, nie mehr hierher zu gehen. Zu schlimm waren die Erlebnisse in der Wand in den beiden schweren Seillängen. Das war damals und heute würde ich sogar noch ein viertes Mal durch die Route klettern. Die Seillängen vor und nach der Schlüsselstelle sind etwas vom Besten, was man sich vorstellen kann. Imposant auch der Abzweiger zu „Supertramp“ und „Free Trip“. Da fragte ich mich nun bereits zum dritten Mal, wie man da überhaupt den ersten Move hinbekommt. Das sieht alles arschglatt aus, aber es muss Griffe und Tritte geben. Überhaupt ist der Fels am Bockmattli etwas vom Besten, was ich je geklettert bin. So geht ein wunderbarer Tag zu Ende und bereits um 18:20 Uhr bin ich wieder zurück in Pratteln

Jürgen - ich möchte mich herzlich bei dir für dieses einzigartig schöne Klettererlebnis bedanken und freue mich auf ein nächstes Abenteuer mit dir.

Tuesday, July 10, 2012

Beim Klettern ist...

von Markus


Nein! In diese Route steige ich nicht mehr ein. Nein! Definitiv nein! Ich komme ja nicht mal über den 2. Bolt. So eine Katastrophe! Mein Ärger und mein Frust sind grenzenlos! Wir schreiben das Jahr 2011.

Knapp 100 Kilo Lebendgewicht...
Hinter mir liegt ein weiteres Falken-Fiasko der Extraklasse! Oh Mann, weshalb denn nur? Ich ärgere mich einmal mehr über meine Unfähigkeit und gebe, typisch, dem Fels die Schuld an der ganzen Misere. Einer muss ja schliesslich schuld sein und der Fels kann sich nicht wehren. Oder wehrt er sich eben doch? Nie hat es richtig gute Griffe, die auch ich halten kann. Tritte? Fehlanzeige. Dabei sollte in einer 6b+ doch noch irgendwas vorhanden sein, dass auch ich noch irgendwie verarbeiten kann. Weshalb nur klettere ich so elend schlecht in der Falken. Ich kann mich aber trösten. Noch schlechter klettere ich in der Tüfleten. Es ist fast wie ein Fluch. Die Höchstleistung in der Falkenfluh liegt bei der Route „Von einer die auszog, das Fürchten zu lernen, 6c“. Diese Route habe ich 2004 nach einem harten Dominik-Egloff-Training geklettert. Seither habe ich kaum mehr was richtig gebacken bekommen. Es ist immer die gleiche Story: Mein Dinosaurier-Gewicht drückt unendlich auf die kleinen (Reibungs-) Tritte . Der Fels ist relativ reibungsarm und hilft mir nicht sehr. Auch der Trick mit dem Winterklettern hilft nicht wahnsinnig viel weiter. Die Lösung gestaltet sich immer gleich: Kompensation des Körpergewichtes mit den Armen um den Druck von den Füssen zu nehmen, da ich immer abzurutschen drohe. Da in der Regel die Griffe nur gerade so gross sind, dass vielleicht mein erstes Fingerglied drauf Platz hat, hänge ich bereits nach wenigen Metern mit steinharten Unterarmen im ersten Block. Anschliessend gibt es die obligate „Blockparade“ bis zum Umlenker, falls ich denn überhaupt über die Schlüsselstelle komme. Ach, ist das immer mühsam, auch für den Sichernden. Vielleicht sollte ich wirklich mit dem Klettern aufhören und mir ein schweres Motorrad zutun. Männer ab 50 neigen zu diesem Verhalten.

Wenn der Jura-Dino tanzt, dann sieht es aus wie....
Und trotzdem ist die Falkenfluh ein wunderbarer Ort mit all den Klassikern im Basler Jura, ein Hotspot. Auch landschaftlich ist der Felsriegel etwas vom Besten in der näheren Umgebung von Basel. Dort nicht zu klettern kann schon als Sakrileg eingestuft werden. Wenn es denn doch nur nicht mit so viel seelischem Schmerz für mich verbunden wäre…

Vor der Schlüsselstelle
Für das gemeinsame Klettern am 7. Juli 2012 werde ich mit 3:1 für die Falken klar überstimmt. Bereits um 10:30 Uhr sind wir am Fels. Meine 3 Freunde Roland, Marc und Jürgen haben klare Ideen, wie sie ihren Klettertag bestreiten wollen. Ich? Ich gehe mal davon aus, dass man mir meinen Frust etwas ansieht und mich untypisch ruhig verhalte. „Und was machst du, Markus?“ fragt mich Jürgen.

Irgendwie plappere ich was von „6b an einem Tag in der Falken wäre halt schon unheimlich toll“. Das ist eine Ansage, die Jürgen sehr gefällt. Endlich macht der Jura-Dino etwas, was in Richtung „Leistung“ einzustufen ist. Die Wahl fällt auf „Meteor“. Ich bin schon zig-Mal unter dieser Route durchgelaufen und habe immer wieder nach oben geschaut und mich gefragt, ob ich denn diese Route je klettern können werde. 2011 habe ich mich schon einmal mit der Route beschäftigt und konnte sage und schreibe sturzfrei im Top-Rope bis zum zweiten Bolt klettern. Das wars. Das Abenteuer vom 30. Juni (Blog-Eintrag folgt) hat mich jedoch stark motiviert und ich fühle mich seither frisch und ausgeruht. Auch das Wissen, dass der junge Jura-Dino diese Route vor Jahren saniert hat gibt die Information, dass die Bolts wohl genau am absolut besten Ort platziert sind und ich mich nicht vor Run-Outs zu fürchten brauche.

Der 7.7. sollte wirklich gut werden. Jo klettert die „Meteor“ als Aufwärmtour und schon baumeln meine Express und mein Seil in der Route. Ich steige im Top-Rope ein und es endet fast in der gleichen Falken-Katastrophe wie immer. Nur dieses Mal schaffe ich es mit Ach und Krach über den zweiten Bolt und tatsächlich ohne ganz grosses Rumhängen bis zum Umlenker. Allerdings habe ich keinen  Plan für die Schlüsselstelle. Das übliche „Ich-hasse-das-Klettern-an-der-Falken“-Getöse geht mit lautem Gebrüll in mir los. Mein Hirn verkrampft sich vollkommen.

Marc erklärt mir seine Lösung für die Schlüsselstelle und das hört sich alles so unheimlich einfach an. Weshalb begreife ich denn das Falken-Klettern nicht. Vielleicht ist es meine „Deformation professionelle“? Ist es mein Alter? Doch lieber ein Motorrad? Ich weiss es nicht.

Ich steige ein zweites Mal mit der geistigen Konditionierung, dass ja sowieso nichts geht und ich sowieso da nie hochkommen werde in die Route ein. Einmal mehr wieder nur Sprüche geklopft, grosses Maul gehabt und dann null Leistung, kein Biss, so denke ich für mich selbst. Was denken wohl meine Freunde von mir? Ohne irgendwelche Ambitionen klettere ich zum zweiten Bolt und komme mit etwas Basteln bis zum dritten. „He?“ frage ich mich selber. Wie bist du jetzt da hochgekommen? Kein Brennen in den Unterarmen. Ist etwa heute doch mein Tag? Ich klettere locker weiter. Im zweiten Top-Rope-Durchgang kann ich fehlerfrei bis zur Schlüsselstelle klettern. Ich frage mich selber, weshalb ich vorher so rumgemacht habe. Es hat überall Griffe und Tritte. Die Schlüsselstelle analysiere ich exakt und baue Marc’s Lösung ein. Ich finde einen sehr kleinen Griff für links und kann die Schlüsselstelle extrem kraftsparend klettern. Ich bin völlig verdutzt. Dreimal probiere ich die Kombination, es funktioniert dreimal problemlos. 

Die Schlüsselstelle - Geht ganz einfach mit Ondra-Hilfe
Nach einer langen Pause ziehe ich das Seil ab, schaffe damit einmal mehr Tatsachen und binde mich ins Seil ein. Motiviert steige ich in die Route ein. Alles läuft problemlos und ohne Schwierigkeiten ab. An der Schlüsselstelle muss ich allerdings „auf Ondra“ machen. 

Die letzten Klettermeter in "Meteor"
Oder ist es einfach nur der Alte-Jura-Dino-Angstschrei vor einem 3 Zentimeter-Abflug? Höchstwahrscheinlich! Noch beim Ablassen frage ich mich, weshalb ich mich beim ersten Durchgang so schwer getan habe, finde aber keine Antwort. Ich hinterfrage nicht weiter und geniesse meinen ganz persönlichen Erfolg über mich selber. Ich habe den Sprüchen endlich Taten folgen lassen und bin sehr glücklich darüber. Einmal mehr zeigt sich bei mir ganz klar: Mind over Machine. Ich zitiere hier gerne Wolfgang Güllich, der vor vielen Jahren sagte: „Beim Klettern ist das Hirn der stärkste Muskel“.

Wie recht er doch hatte.