Monday, October 1, 2012

Läged Windgällen - Zentralpfeiler

von Markus



Der Zentralpfeiler im Morgenlicht
Der Wetterbericht sagt schönes Wetter für Samstag, 8. September 2012 voraus. Es stellt sich nur noch eine Frage: wohin? Eine Tour in den Alpen? Hintisberg? Bockmattli? Cheselenflue? Oder doch Basler Jura? Es gibt so viel zu tun und doch so wenig Zeit. Meine scheue Anfrage an Jürgen, ob wir zusammen etwas unternehmen wollen und vor allem was, wird prompt beantwortet und die Wahl fällt auf den "Zentralpfeiler, 6a" im Schächental. Schon viel habe ich vom Klausenpass gehört, aber ich war noch nie vor Ort und so konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, worauf ich mich denn da eingelassen habe. Nachdem es nun klar war, wohin die Reise gehen würde, wurde ich auf dem Internet aktiv und suchte nach Informationen über die Route. Da konnte ich dann lesen, dass die Standplätze etwas gar in die Jahre gekommen seien und die Zwischensicherungen eher knapp bemessen sind. Auch soll der Fels nicht über alle Zweifel erhaben sein. Bei einem Eintrag stand sogar, dass sie nach der dritten Seillänge die Nase von der schlechten Felsqualität und der schlechten Absicherungen voll gehabt und zum Rückzug geblasen hätten. Nun denn, so dachte ich mir, was ein richtiger Jura-Dinosaurier ist, den können doch solche Informationen nicht erschrecken. Und mit Jürgen als Seilpartner ist sowieso alles geritzt.

Wir treffen uns um 05:30 am vereinbarten Ort. Es ist noch dunkel, die Sterne glitzern am Himmel. Meinen 1er drängt es zum Klausenpass. Es ist so wie immer: in unserer Gegend ein wolkenloser Himmel und kaum haben wir den Belchentunnel verlassen, begrüsst uns dicker Nebel. Aber das ist kein Hinderungsgrund das Tempo zu reduzieren. Einmal mehr wird Luzern seinem Ruf als Monsterbaustelle gerecht. Mitten im Tunnel bleiben wir stehen und müssen uns anschliessend mühsam durch Luzern kämpfen. Da frage ich mich manchmal schon, ob es wirklich keine bessere Lösung gibt, als den gesamten Nord-Süd-Verkehr quer durch Luzern zu leiten. An diesem Baustellen-Gewürge können sich nur Traffic-Jam-Junkies ergötzen. Wir gehören nicht zu dieser speziellen Spezies.

Den 1er zieht es weiter zum Klausenpass und als er diese Kurven sieht, zieht es ihn einfach nur hoch. Ist das eine tolle Strecke zu fahren. Die Pferdchen wiehern vor lauter Freude! Und Jürgen wird es wohl schlecht… Tschuldigung… Nur der Temperaturanzeige geht es noch schlechter. Die zeigt 8 Grad an. Oha, so denke ich mir, im Winter eine Super-Temperatur aber heute scheint mir das doch etwas kühl zu sein. Ich habe nur einen Fleece-Pulli mit dabei und meinen immer umgeschnallten Biopren- (nicht zu verwechseln mit Neopren) Anzug im Wert von mehreren zehntausend Franken. Das muss reichen!

Und ewig lockt der Fels...
Wir tigern los, kommen gut voran und schon bald blitzt die oberste Stufe des Zentralpfeilers in der Sonne. Ganz langsam ahne ich, auf was ich mich da eingelassen habe. Das ist ja ein Riesending, dass wir heute klettern wollen. Ein Superriesending! Doch bevor wir Hand an den Fels legen können gilt es, diesen steilen Anstieg zu bewältigen. Wir kommen nicht mehr so schnell voran. Jürgen entdeckt ein Tier, dann noch eines und dann noch eines. Wir sind also nicht alleine hier oben. Offenbar wohnt eine Schafherde beim Einstieg und wir zwei müssen da durch. Schafe, he, das ist doch kein Problem. Schafe. Die haben ja nicht mal Hörner und Menschen essen sie auch nicht. So tigern wir weiter und dann - zack - aus dem Hinterhalt - grauenvoll - gefährlich - Zähne fletschend - sehen wir uns im Alpenklassiker "Angriff der Killerschafe". Sofort erkennen wir, dass die Herde und vor allem deren Chefin überhaupt nicht einverstanden damit sind, dass wir mitten durch ihr Revier laufen. 

Der Angriff der Killerschafe
Das Blöcken ist laut und es hört nicht mehr auf. Wir werden sogar angegriffen (wohl eher ein paar Meter begleitet). Offenbar ist schon seit längerer Zeit niemand mehr hier oben gewesen. Wäre ich jetzt ein Wolf und nicht ein Dinosaurier, dann wüsste ich jetzt.... Lassen wir das Thema.
Am Einstieg der Route

Nach 1 3/4 h sind wir endlich beim Einstieg. Die Sonne wärmt wunderbar. Wir sind guten Mutes. Ready, Steady, Go! Beim Einstieg in die Route sehen wir blitzende Bohrhaken. Nicht viele, aber ein paar sind da schon in der Wand. Ich starte mit der ersten Seillänge. Vorsichtig belaste ich die Griffe und Tritte. Der Fels ist wirklich nicht über alle Zweifel erhaben. Aber es hat immer an der richtigen Stelle einen Bohrhaken. Ist die Route saniert worden? Ich mache mich am Standplatz auf Rostgurken gefasst. Aber da lacht mich ein wunderbarer Klebeanker an. Gleich nebenan in richtiger Distanz ist ein neuer und solider Bohrhaken platziert. Saniert! Die Route ist definitiv saniert. Sensationell! Die zweite Seillänge startet gleich mit einer 6a Stelle. Toll zu klettern und so viel Luft unter den Sohlen. Jürgen klettert ohne erkennbare Schwierigkeiten hoch. Ich will ihm es gleich tun, stosse aber an meine Limiten. Die 6a Stelle ist dann nicht von schlechten Eltern und ich bin sehr froh, dass ich die Seillänge im Nachstieg klettern kann. Am Standplatz angekommen muss ich eine Entscheidung treffen. Klettere ich die nächste Seillänge im Vorstieg? Meine bereits müden Unterarme machen mir Kummer. Nach etwas ringen mit mir selber ist es aber dann klar. Ich lasse Jürgen den Vortritt und richte mich auf einen tollen Klettertag als Seilzweiter ein. SL3, 5c - Idealerweise hält sich der Kletterer nicht mit beiden Händen am gleichen Block fest. Trotzdem eine fantastische Seillänge. SL4, 5c - Sensationell! Bester Fels, etwas vom Besten, dass ich je geklettert bin! SL5, 6a - Die Schlüsselsequenz verlangt herzhaftes Zupacken in leicht überhängendem Fels. Den rettenden grossen und guten Griff nimmt jeder Kletterer gerne an. 

Bester Fels - was will ich mehr?
SL 6, 5c – Wieder eine traumhafte Seillänge mit enorm viel Luft unter den Sohlen. Einfach super! SL 7, 3a – Wacklig mit viel Wind um den Ohren geht’s über eine schmalen Grat zu kaum sichtbarem Stand. SL7, 4a - Schöne und kurze Seillänge. SL8, 6a – Jürgen nutzt die Möglichkeit des 70-Meter-Seils und verbindet SL7+8. Wenn Jürgen klettert, dann sieht alles ganz einfach aus. Ich sehe nicht, wo es irgendwie schwer sein könnte. Was ich allerdings sehe ist, dass es fantastische Moves in bestem Fels sind. Schon bald heisst es „Nachkommen“ und dann geht es auch für mich wieder los. Die 4a Stelle stellt kein Problem dar und schon stehe ich unter diesem kleinen Überhang, den es nun zu meistern gilt. Ich lege mir eine Bewegungsabfolge zurecht, motiviere mich und dann „Attacko“. Füsse links und rechts perfekt platziert, rechte Hand ein Super-Untergriff, für die linke Hand ein guter Griff und jetzt die Kletterbewegung einleiten um mit links zum nächsten fast guten Griff zu gelangen. In der nächsten Zehntelsekunde knalle ich mit voller Wucht in den Überhang. An alles habe ich gedacht nur nicht daran, dass ich den Kopf etwas nach links hätte halten sollen. Aber ich lasse nicht los und etwas belämmert klettere ich weiter. In der Zwischenzeit merke ich die Anstrengung und so brauche ich doch 3 Performance-Blocks bis ich diese traumhafte Seillänge geklettert habe. SL9, 4c – Ein schönes Schmankerl zum Abschluss. Die Aussicht ist traumhaft, keine Wolke am Himmel. Wir sind glücklich und zufrieden.

Von weitem höre ich ein tiefes Brummen. Ist das wohl? Ist das wirklich wahr? Jawohl! Und schon kommt die gute alte Ju52 daher geflogen, etwa auf unserer Höhe. Auch das ist ein unvergesslicher Anblick.
Das Abseilen geht flott voran und schon bald stehen wir wieder beim Einstieg der Route. Eine weitere Stunde später sind wir wieder beim Auto und den 1er zieht es nun nach Hause.
Zuerst mühsam hoch, dann locker runter
Wir treffen kurz nach 20 Uhr in Pratteln ein. Die Sonne versinkt in einem glühenden Rot über Basel. Wir haben den Tag optimal genutzt. Wir sahen die Sonne aufgehen. Wir sahen die Sonne untergehen. Dazwischen durften wir einen traumhaften und einen weiteren unvergesslichen Tag zusammen im Schächental verleben.

Herrlich. Was braucht es denn mehr um restlos glücklich zu sein? Eben…

Thursday, August 30, 2012

Update - August 2012

von Markus

Schauenburg

1.8.2012 / mit Heike und Roland

Der Nationalfeiertag sollte mir wieder einmal ein Erlebnis der speziellen Art bescheren. Nach rund 12 Jahren konnte ich endlich den "Schrägriss" klettern und damit wieder eine Route von der S-Liste streichen. Als zweite Route und als Projekt für diesen Tag hatte ich mir die Route "Das kommt vom vielen Saufen" ausgesucht. Diese Route wird mit 6b bewertet und nach meinen etwas hart erkämpften Erfolgen in der Falken wollte ich testen, ob ich auch an der Schauen in einem Tag eine Route in diesem Schwierigkeitsgrad klettern konnte. Im richtigen Augenblick traf Heike bei Roland und mir ein und überredete mich zu einem Versuch ohne vorheriges Auschecken. Gott sei Dank hat sie das gemacht und so konnte ich eine mit 6b bewertete Route flash klettern. Mann, war ich glücklich und der Tag war damit eigentlich schon gerettet. Es schien, als ob sich das harte Falken-Training sich ausbezahlt hätte.

In einem Anflug von Wahnsinn stieg ich anschliessend gleich im Vorstieg in eine 6a ein. Wer 6b im flash kann, der kann doch auch eine 6a onsight klettern. Oder? Die ersten Züge gingen super. Ich fühlte mich gut und sah mich schon den Umlenker klippen. Genauso habe ich mir diesen Tag vorgestellt. 2 Routen an einem Tag sauber punkten. Aber ich hatte das Fell des Bären schon verkauft bevor ich ihn erlegt hatte. Will heissen, dass ich bei der sackharten Schlüsselstelle jämmerlich versagte. So jämmerlich, dass ich mich nicht einmal bis zum nächsten Bolt hochklettern traute. Roland brachte das Kunststück fertig, das Top-Rope einzuhängen, inklusive auch etwas schwächeln an der Schlüsselstelle. So viel Ehrgeiz habe ich noch in mir, dass ich eine 6a an einem Tag klettern möchte und wollte natürlich diese Route noch an diesem Tag "heimbringen". So kämpfte ich mich nochmals bis zur Schlüsselstelle hoch. Nach ewig und 2 Tagen hatte ich eine für mich kletterbare Lösung ausgebouldert, extrem wacklig und mental etwas herausfordernd. Einmal mehr musste ich feststellen, dass 6a an der Schauen irgendwas zwischen 5c bis 6c sein kann. Die Schlüsselstelle ist um einiges härter als in „Top Dog“ oder in „Meteor“. Die Lösung des Rätsels fand ich darin, dass diese Route bereits 1986 geklettert wurde. Einmal mehr bestätigt sich, dass auch früher unheimlich stark geklettert wurde. Beim 2. Go scheiterte ich allerdings ein zweites Mal. Und Geissbock Kari sorgt auch nicht mehr für Unterhaltung. Schade.

Und so entsteht locker vom Hocker ein Projekt für den Herbst.

Le Paradis

4.8.2012 / mit Markus

Bereits im letzten Jahr war ich zweimal in diesem wunderschönen Gebiet. Die super eingerichteten leider etwas kurzen Mehrseillängen-Routen sind immer ein Hochgenuss. Die Sonne meinte es gut und sandte ihre wärmenden Strahlen schon früh am Morgen zur Erde hinab. Wir kletterten durch die wunderschöne "Metatarses" und wurden gut gebacken, eher schon gebraten. Als zweite Route kletterten wir "La Degreubée". Diese Route bereitete uns ganz viel Spass auch deshalb, weil ich onsight eine 6a+ klettern konnte. Zum Abschluss gönnte ich mir noch eine klassische Platten-Route im Schwierigkeitsgrad 6a.

Escalera

11.8.2012 / mit Andrea

Ich klettere für mein Leben gern durch Mehrseillängen-Routen. Eigentlich kann ich davon nicht genug bekommen. Zusammen mit Jürgen stieg ich dieses Jahr bereits durch die "Direkte" im Bockmattli und bescherte mir so ein schönes Abenteuer. Auch mit Andrea verbindet mich diese schöne Leidenschaft für Mehrseillängen-Touren. Andrea sicherte mich ein einziges Mal in meinem "Drama zu Schauenburg" als ich diese sauschwere 6a nicht hochkam. Wir verabredeten, dass wir doch dieser Leidenschaft nachgehen sollten. Allerdings wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass alles so schnell gehen sollte.

Aufstieg zum Hintisberg (Danke Andrea)
Bereits um 8 Uhr trafen wir uns in Egerkingen. Wie schon letztes Jahr dauerte es rund 20 Hundertstel-Sekunden bis alles umgeladen war und das Auto weiter fahren konnte. Die Fahrt ging flott voran und schon sehr bald sassen wir im Rest. Stalden bei Sommer, Sonne, Kaffee und dem Ticket hoch zum Hintisberg. Es gab kein Halten mehr, wir mussten weiter. Andrea kannte bis dahin den Hintisberg nicht und so war es für sie sicher das grössere Abenteuer als für mich. Wir parkieren das Auto, optimieren das Gewicht der Rucksäcke und tigern in 30 Minuten hoch zum Einstieg. Die Sonne lacht vom Himmel, für Basel sind für diesen Tag Temperaturen über 30 Grad angesagt. Hier oben, auf knapp 2300 Meter ist es angenehm warm aber nicht heiss. Wir binden uns ins Seil und Andrea klettert die 1. Seillänge in ihrer eleganten Art fehlerfrei hoch. Die anschliessende Seillänge ist mir überlassen und ist jetzt nicht gerade der absolute Bringer. Über lose Grasbüschel kämpfe ich mich zum Fels hoch und freue mich auf die dritte Seillänge. Andrea hat sich auf meinen Rat hin für die bequemen Schuhe entschieden. Ich konnte allerdings nicht ahnen, dass die bequemen Schuhe etwas gar bequem geraten sind. So blieb ihr nichts anderes übrig, als in Clown-Schuhen eine etwas doof zu kletternde 5c+ Stelle zu meistern. Die restlichen Meter der dritten Seillänge sind sagenhaft. Fantastische Kletterei treffen wir an, es ist herrlich. Die vierte Seillänge steige ich wieder vor, Seillänge fünf wird wieder die Beute von Andrea. So klettern wir gemütlich bei strahlendem Sonnenschein und allein in der Route dem "Gipfel" entgegen. Die Aussicht hinüber zu Eiger, Mönch und Jungfrau tut das Übrige um ein tolles Klettererlebnis zu haben. Seillänge 6 steht nun an. Es ist dies die Schlüsselseillänge. Etwas überrascht über die Steilheit mache ich mich ans Werk. Die Abstände der Bohrhaken verunsichern mich etwas und zudem kann ich die Schlüsselstelle nicht einsehen. Ich starte mit dem Klettern. Konzentriert und völlig fokussiert steige ich höher. Griffe, Tritte wohin ich schaue. Der Fels verlangt interessante Kletterbewegungen und viel zu schnell stehe ich vor der super gesicherten Schlüsselstelle. Wie klettere ich da bloss hoch? Sorgfältig überlege ich mir verschiedene Möglichkeiten, denn ich will unbedingt diese Seillänge onsight klettern. Die erste zurecht gelegte Bewegungsabfolge muss ich bereits nach wenigen Zügen abbrechen. Ich habe die falsche Taktik gewählt. Also abklettern  zum Ausgangspunkt und Alternativen suchen. Ich erinnere mich in dem Moment intensiv an das Erlebnis in La Plagne. Dort zeigte mit der YJD, dass es immer eine Alternative gibt. Ich nehme mir viel Zeit, schüttle meine Arme gut aus, erhole mich sehr gut. Nach einer langen Pause fühle ich mich fit um Plan B in die Tat umzusetzen. Ich habe alles richtig analysiert und kann die Schlüsselstelle ohne irgendwelche Probleme klettern. Nach weiteren 7 Meter stehe ich am Umkehrpunkt der Route „Escalera“. Andrea klettert die Seillänge fehlerfrei in wenigen Minuten im Nachstieg durch und schon ist es wahr: wir haben zusammen unsere erste Mehrseillängen-Tour geklettert.

Geschafft (Danke Andrea)
In dreimal Abseilen erreichen wir unsere Rucksäcke und gönnen uns erst mal einen richtig grossen Schluck Wasser. Gemütlich packen wir unsere Siebensachen zusammen und kehren zum Auto zurück. Auf der Alp genehmige ich mir noch ein eiskaltes Bier – herrlich und Entspannung pur!

Somit endet für mich die "Trilogie der Leichten" am Hintisberg. Aber wo ein Ende ist, ist auch ein Anfang. Ich freue mich auf den Beginn der „Sinfonie der Schweren“.


Sunneplättli

18.8.2012 / mit Andrea

Der Jura-Dino halt. Der geht bei jeder Temperatur klettern. Da mag es etwas kalt sein wie dieses Jahr im Februar, er geht draussen klettern. Da mag es etwas warm sein, er geht draussen klettern. Für den 18. August sind die höchsten Temperaturen im Sommer 2012 angesagt. Andrea hat die Idee, am „Sunneplättli“ hoch über dem Vierwaldstättersee klettern zu gehen. "Sunneplättli" heisst es sicher deshalb, weil es a) vollkommen gegen Süden ausgerichtet ist, b) die Sonne sicher voll draufknallt und c) sicher nicht im Sommer dort geklettert wird. Aber man soll ja alles einmal ausprobieren und antizyklisch Klettergebiete aufsuchen. Auf der Fahrt nach Gersau stelle ich einmal mehr fest, wie einzigartig schön die Schweiz doch ist. Ich gebe gerne zu, dass ich wirklich sehr gerne in die Ferne fahre und fremde unbekannte Länder bereise, aber ich freue mich immer wieder auf die Rückkehr in die Schweiz. Aber ich muss ja hier auf diesem Blog keine Werbung für die Schweiz machen.

Blick vom Sunneplättli auf den Vierwaldstättersee (Danke Andrea)
Zurück zum „Sunneplättli“. Bereits um 10:30 sind wir am Fels. Die Sonne lacht einmal mehr vom Himmel und das Licht glitzert auf dem dunkelblauen Vierwaldstättersee. Das Klettern am „Sunneplättli“ ist wunderschön und sehr abwechslungsreich. Es gelingen mir mehrere Routen onsight.

Kampfbegehung (Danke Andrea)
Welch eine Freude für mich und jetzt weiss ich, dass das beinharte Falken-Training einen harten Kerl aus mir gemacht hat, der auch winzig kleine Griffe voll durchblockieren kann. Gott sei Dank wurde ich in letzter Zeit häufig zum Gang in die Falken überstimmt. Um 15 Uhr rinnt uns der Schweiss bachweise über den Körper und selbst ich habe für heute genug geklettert. Das will ja schon was heissen. Aber es lockt ja noch eine andere Attraktion am heutigen Tag: das Schwimmen im Vierwaldstättersee.

Zürich

25.8.2012 / mit Chris

In den ganz frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts fand ich den Weg zur Musik. Wer mich kennt weiss, dass ich eher die etwas unsanftere Kombination von Tönen mag. Musik muss lebendig sein, muss von innen kommen, muss ansprechen, muss provozieren und kantig sein. Mainstream, dieses „alles gleich klingen und machen“, das liegt mir einfach weniger. Angesprochen wurde ich 1974 von einem ganz neuen Soundstil. Bis dato hörte ich vor allem Deep Purple (das Meisterwerk „Made in Japan“ höre ich heute noch regelmässig), Emerson, Lake & Palmer (Brain Salad Surgery) und natürlich Pink Floyd (wir warteten auf den Release von „Wish you were here“). Dieser neue Sound faszinierte mich unheimlich auch vor dem Hintergrund, dass ich endlich einmal verstand, was die Jungs denn so sangen. Gesungen wurde in deutscher Sprache und der Titel hiess „Autobahn“. Die Band „Kraftwerk“ verzauberte mich vom ersten Augenblick an, doch hatte ich nicht genügend Geld um mir ihre Scheiben kaufen geschweige denn eines ihrer so seltenen Konzerte besuchen zu können. So vergingen die Jahrzehnte und mein Traum blieb. Dieser Traum hiess: „Einmal Kraftwerk live sehen und hören“. Am Zürich OpenAir vom 25. August 2012 um exakt 23:45 Uhr standen Chris und ich mit offenem Mund vor der Bühne und kamen nicht mehr aus dem Staunen heraus. Das Wort „sensationell“ genügt nicht um zu beschreiben, was wir gesehen und gehört haben. Es war schon fast überirdisch, genial, mit Worten nicht zu beschreiben. Die 3D-Animationen sind unbeschreiblich. Dass wir allerdings an diesem Tag mehrere Stunden von Petrus intensiv mit Wasser versorgt wurden, das ist reine Nebensache. Ein Traum ging in Erfüllung und manchmal braucht es einfach seine Zeit, bis der richtige Moment im Leben für das richtige Ereignis kommt. Geduld ist einer der Schlüssel zum Glück.

Friday, August 24, 2012

Update - Juli 2012

von Markus

Tannenfluh
14.7.2012 / mit Heike und Roland

Auf meiner ganz persönlichen S-Liste stehen jede Menge Routen in der Tannenfluh. Ich machte jahrelang einen grossen Bogen um die Routen. Völlig zu Unrecht muss ich in der Zwischenzeit sagen. An diesem Tag gelingen mir 2 Routen. Wieder ist die S-Liste kürzer geworden. Aber diese Liste ist wirklich lang, extrem lang!

Nein - das ist nicht im Basler Jura. Mehr im Update August

 

Falkenfluh: Top Dog, 6b 


21.7.2012 / mit Roland, Jürgen und Marc)

Einmal mehr wurde ich überstimmt und so fand ich mich in der Falken wieder. Nachdem ich das Komplett-Desaster in der Route „Meteor“ gerade noch abwenden konnte, wollte ich einen weiteren "Sack" auf meiner persönlichen S-Liste eliminieren. Als Entscheidungsgrundlage diente mir „Meteor“. Gemäss der im Klettersport gültigen und breit abgestützten Notation ist 6b+ höher einzustufen als 6b. Welchem Irrtum bin ich denn da wieder erlegen! Gott sei Dank war ein wirklicher Spitzenkletterer vor Ort, der ein paar Tage vorher eine 8b+ klettern konnte und sich nicht zu schade war, das Top-Rope einzuhängen. Bei meinem kläglich gescheiterten Versuch endlich einmal "von unten" eine Route ohne Clipstick-Einsatz auszuchecken verknotete sich mein Hirn derart, dass ich ganz knapp vor dem definitiven Aus mit dem Klettersport stand.

Das Auschecken dauerte nicht lange. Ich konnte mit einer schon fast als innovativ geltenden Lösung die Crux sehr schnell entschlüsseln. Sorgen bereitete mir allerdings die Länge der Route und ich hegte grosse Zweifel, alle Züge erfolgreich bis zum Ausstieg fehlerfrei aneinanderreihen zu können. Es hat dann alles gleich im ersten Go geklappt, aber meine Unterarme waren anschliessend total übersäuert. Es dauerte eine lange Zeit bis ich den Anseilknoten wieder öffnen konnte. Prädikat: Kampfbegehung der Güteklasse I. Top Dog ist eine traumhaft schöne Route in bestem Fels und perfekt abgesichert. Ich bin sehr glücklich, sie geklettert zu haben. Und wieder ein Routennamen weniger auf der S-Liste.


Tannenfluh


28.7.2012 / mit Markus

Wir wurden komplett verschifft.

Saturday, August 4, 2012

das einzig konstante im Leben ist die Veränderung......

 von Alex

das gilt wohl auch für Kletterrouten:-).So sind mir doch einige, z.t nicht gerade unwichtige Griffe und Tritte, in folgenden Routen abgebrochen:
-Höllenfahrt Eptingen die gute linke Leiste am Ende der Crux (schon vor einem Jahr)...macht die Route doch nochmal ca. 3 Züge schwerer wo die Crux davor zu Ende war.
-Dune Chuenisberg....selbst der doch so kompakt erscheinende Fels im oberen Teil verabschiedet sich mit ganzen Schuppen die abbröseln....Abbruch guter Tritt und Griff in der Crux
-Alle 6cs im ersten Cheunisberg Sektor....brösel brösel...sowie Satisfaction und Blaue Rebe

 bis bald.....liebe Grüsse Alex

Saturday, July 21, 2012

Direkte Nordwand im Bockmattli

von Markus

Eine nicht zu unterschätzende Crux beim Älterwerden ist die Neigung zur Glorifizierung der Vergangenheit. Das Hirn weiss exakt, welche Eindrücke vom täglichen Leben ins Reich des Vergessens geschickt und welche Taten für lange Zeit aufgehoben werden. Dass auch die Erlebnisse etwas geschönt abgespeichert werden, macht die Sache nicht gerade einfacher. Vieles geht schlicht und ergreifend vergessen. Aber ich glaube es ist schon gut, dass das Hirn so konstruiert ist. Denn dann hätte ich…

Grosser Bockmattli-Turm am frühen Morgen
Wir schreiben das Jahr 1981. Mein roter Golf GLS steht auf einer etwas vergammelten Forststrasse parkiert. Peter hat diesen Parkplatz abseits der Legalität gefunden. Ok, ich hatte seinerzeit keine Bedenken durch ein Fahrverbot zu fahren, wir waren noch jung und furchtlos. 1981 kostete diese Übertretung noch einen überschaubaren Betrag an Bargeld. Heute gilt das Übertreten eines solchen Verbotes schon beinahe als kriminelle Tat. Die Zeiten ändern sich halt. Von diesem Parkplatz aus sind es nur noch 45 Minuten bis zur Bockmattli-Hütte. Wir schultern die Rucksäcke, marschieren los. Peter zieht es an die Wand. Die „Direkte Nordwand“ ist das Ziel. Schon im 1980 sind wir durch diese Route gestiegen. An die Kletterei 1980 mag ich mich heute nicht mehr erinnern, nur noch an den Abstieg. Ich glaubte Peter seinerzeit, dass der Abstieg auch in EB machbar sei und deshalb nahmen wir nur einen ganz kleinen Rucksack ohne Ersatzschuhe mit. Sagen wir es mal so: ich habe es überlebt. Beim Abstieg bin ich auf einem Schneefeld ausgerutscht, habe rund 100 Meter Rutschfahrt auf dem Allerwertesten hinter mich gebracht und stoppte kurz bevor ich in einen grossen Stein geknallt wäre. Tipp: Abstieg in Kletterschuhen ist suboptimal.

Auf dem Gipfel
Apropos kleiner Rucksack: diejenigen, die mich kennen und schon mal im B2 getroffen haben, die kennen auch diesen Rucksack. Da soll mal einer sagen, ich gehe verschwenderisch mit Klettermaterial um.

Das Wetter beim Durchstieg 1981 lässt zu wünschen übrig, beim Anmarsch regnet es ganz leicht. Peter will aber unbedingt die Route klettern und lässt nicht los. Die Erinnerung an diese Begehung 1981 ist nur noch sehr bruchstückweise vorhanden. Ich mag mich erinnern, dass ich wegen dem Rucksack hoffnungslos in einem Kamin stecken geblieben bin. Ich mag mich auch erinnern, dass es ein paar Original-Rostgurken als Zwischensicherung gab. Auch erinnere ich mich, dass wir Standplätze selber bauen mussten. Und – Bockmattli-untypisch – es hatte bei diesem einen Dach seit 1981 einen Bohrhaken! Allerdings machte der auch Sinn, denn der Holzkeil aus dem Jahre 1956 war nun doch etwas in die Jahre gekommen und hätte einen Sturz an dieser Stelle wohl nicht mal gemerkt. Wie Peter rückblickend diese Stelle gemeistert hat ist mir ein Rätsel. Und wie ich dort hochgekommen bin ein noch viel grösseres. Erinnern mag ich mich allerdings sehr gut an die Seillängen oberhalb der Schlüsselstellen. Traumhafte Kletterei in bestem Fels, kaum Sicherungen und hochgefährlich. Ich hätte Peter bei einem Sturz nicht sichern wollen. Wir wären wohl beide im hohen Bogen in den Talgrund geflogen. Als Seilzweiter konnte ich allerdings das Klettern geniessen. Der Abstieg war noch das Sahnehäubchen. Nix Bolt, nix Muniringe wie heute. Vergammelte Seilschlingen der extradünnen Art, an denen wir uns mangels Alternativen abseilten. Es hat alles geklappt, sonst könnte ich diese Zeilen nicht schreiben. Zurück beim Auto sagte ich zu mir, dass das Bockmattli schon schön ist, aber einfach grauenhaft abgesichert und was für Männer mit Nerven aus Drahtseilen ist, d.h. also definitiv nichts für mich. Ich lasse den Motor an und wir fahren nach Hause.

Das Bockmattli
Zum Bockmattli gibt es noch eine weitere Geschichte von meinem Sandkasten-Freund Roland. Roland und Peter kletterten 1980 durch den Free Trip im Originalzustand. Die Absicherung der Route hat Roland noch mehr geschockt als Peter. Roland hörte nach dem Durchstieg sofort mit dem Klettersport auf, Peter machte es ihm ca. ein halbes Jahr später nach. Es ist aber genau diese Geschichte, die mich immer wieder ans Bockmattli denken lässt. Und ja, ich ginge über 30 Jahre später wieder gerne ins Bockmattli klettern. Wir erinnern uns: das Hirn lässt schlimme Erlebnisse auf Nimmerwiedersehen verschwinden und lässt nur die guten Erinnerungen Bestand wahren.

Der Wägitaler-See vom Bockmattli-Gipfel aus gesehen
Es ist der 30. Juni 2012, 05:00 Uhr. Ich treffe Jürgen am vereinbarten Punkt. Mein 1er will ins Bockmattli, ich spüre es. Also lasse ich seinen Pferdchen auf der freien Autobahn freien Lauf. Die Zürich-West-Umfahrung bringt sicher 45 Minuten Zeitersparnis. Bereits um 06:20 schultern wir die Rucksäcke und nehmen den Weg hoch zum Bockmattli unter die Füsse. Allein die Ambiance war die Fahrt hierher wert. Jürgen sieht einen Fuchs, der sich ganz schnell versteckt und ich fluche bereits über mich selber und frage mich, weshalb ich mir das denn nach über 30 Jahren nochmals antue. „Selber schuld“ kommt denn auch prompt als Antwort von der anderen Hirnhälfte zurück. Wir hören von Weitem das Kuhglockengebimmel, die Vögel zwitschern, der Aufstieg geht gut voran. Und - da ist doch die etwas vergammelte Forststrasse vor 30 Jahren! Allerdings ist es heute ein sehr gut ausgebauter Weg, auf dem ein normaler PKW problemlos hochfahren könnte. Die Zeiten ändern sich. Nach 1 1/2 Stunden sind wir bei dem grossen Felsbrocken, der 1980 und 1981 als Indikator für das Materialdepot herhalten musste. Jürgen meint, dass Traditionen gelebt werden sollen und so wird auch 2012 dieser Ort zum Materialdepot erkoren. Das Wetter könnte nicht besser sein, keine Wolke weit und breit. Die Wettervorhersage meint, dass es ein sehr warmer Tag wird und abends Gewitter die Luft abkühlen werden. Gewitter in den Bergen ist so eine Sache und so machen wir uns sofort auf den Weg. Zielsicher findet Jürgen den Aufstieg zum Einstieg zur Route. Und jetzt kommt die Erinnerung zurück, das war wirklich ausradiert. Das ist doch dieser vermaledeite sich-an-Grasbüschel-haltend-im-Superpflotsch-hocheiern-müssen-und-hoffentlich-nicht-in-den-Stacheldraht-reinknallen-Aufstieg. Den habe ich nun wirklich über die Jahre nicht vermisst!

Wir finden den Anfang der Route und Jürgen klettert gerade mal die ersten 70 Meter am Stück bis zum ersten Stand. Ich komme keuchend nach und auch hier setzt die Erinnerung ein. Das ist doch dieser wunderschöne Quergang bis zu einem Haken, an dem der Sichernde den Vorsteigenden ablässt. Wagemutig frage ich Jürgen, ob ich diese Seillänge führen darf. „Natürlich“, sagt er und so kann ich diese wundervolle Seillänge klettern. Nun geht es in rascher Folge von Standplatz zu Standplatz. Die Kletterei ist herrlich, die Absicherung zeitgemäss, die Standplätze perfekt. Und da ist er wieder: der Kamin, in dem ich stecken geblieben bin. Etwas mulmig im Magen gehe ich an die Arbeit. Auch dieses Mal habe ich den Rucksack auf. Aber meine Klettertechnik und meine brettharten 5.10 lassen nun ganz neue Möglichkeiten erkennen. Ich bleibe nicht mehr stecken, ganz im Gegenteil. Sorgfältig überlege ich mir die Griff- und Trittkombinationen und kann diese Seillänge problemlos klettern. „Hey“ denke ich so für mich, „das ist jetzt aber unheimlich gut gegangen. Bist also doch etwas besser geworden in den letzten 30 Jahren!“. Die nächste Seillänge ist dann der ultimative Kamin. Jürgen klettert vor, klemmt und stemmt sich die Seillänge hoch. Toll mit anzusehen, wie er diese Seillänge klettert. Mit Schrecken stelle ich fest, dass ich ja den Rucksack aufhabe. Das wird ja lustig werden, denke ich mir. Die Seillänge wird lustig. Es macht Spass, trotz Rucksack diese Seillänge zu klettern. Nur ganz oben wird mir dann bewusst, dass ich nicht mehr ganz schlank und rank bin und der Rucksack auch nicht gerade zu den dünnen Exemplaren gehört. Ich höre Jürgen von weitem lachen und auch ich kann mich eines Lachens nicht erwehren. Irgendwie schaffe ich es, die letzten 2 Meter doch noch zu klettern ohne nun definitiv im Riss stecken zu bleiben. Beim nächsten Standplatz denke ich mit Freude an mein Erlebnis in La Plagne zurück. Das war ein Schlingenstand. Das hat Spass gemacht, der war ja schon richtig gemütlich im Gegensatz zum dem Teil hier. Der Muniring hält Jürgen und mich sicher. Immer wieder schaue ich die Felswand hinunter. Ein fantastischer Tiefblick und in der Ferne sehen wir den Zürichsee glitzern. Ich bin gerne hier oben, ich bin glücklich und zufrieden. Die nächsten beiden Seillängen haben es dann in sich. Für Puritaner sei hier vermerkt, dass die völlig ausgebombten Original-Haken von 1956 noch in der Route vorhanden sind. Auch sie sind in den letzten 30 Jahren nicht unbedingt jünger geworden. Sie können aber auf jeden Fall eingesetzt werden und würden sich sicher freuen, dies wieder einmal tun zu dürfen. Denen ist langweilig hier oben, haben sie mir gesagt. Keiner brauche sie mehr, sie wollen auch wieder einmal mit einem Karabiner in Kontakt kommen. Etwas eifersüchtig schauen sie auf diese Jungs da draussen, die hübsch blitzenden Dinger. Für alle andern, also die Angsthasen und Gerne-von-einer-Klettertour-gesund-wieder-heimkommen-wollende, Jura-Dinosaurier und viele andere mehr sei hier angemerkt, dass Bohrhaken in richtiger Anzahl in richtiger Distanz zueinander platziert sind und auch gerne ihre Arbeit tun. Beim Dächli dann ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten! Hier ist er ja, dieser legendäre Bohrhaken. 1980 oder 1981 gebohrt  (ich mag mich wirklich nicht mehr genau erinnern), lächelt er seitdem jedem Kletterer entgegen und ich bin mir sicher, dass mancher Vorsteiger an diesem Bolt schon gerastet hat um Mut für den nächsten Move zu sammeln. Auch bin ich mir sicher, dass mancher Seilzweite bewusst und sehr gerne an diesem Bolt gezogen hat. Da sieht man mal wieder, dass ein Bohrhaken über 30 Jahre halten kann. Richtige Cracks allerdings, die lassen diesen Bohrhaken links liegen und haben die letzte Sicherung an einer etwas in die Jahre gekommene Schlinge an einer Rost- Gurke eingehängt. Allerdings ist es problemlos möglich, mit einem Friend die Stelle zu sichern. Vergleich: der Sturz mit Bolt ca. 3 Meter, mit Friend ca. 8 bis 10 Meter. Die ideale Kombination ist allerdings – gar nicht stürzen. Jürgen und ich entscheiden uns für das Letztere. Noch ein allerletzter Gedanke zu diesem Bohrhaken. Was macht wohl das Wasser, wenn es von oben über den Fels direkt an den Stift läuft. Metall + Wasser – das gibt doch diese interessante chemische Kombination aus Eisen(II)-oxid, Eisen(III)-oxid und Kristallwasser, Summenformel:
Wikipedia sei Dank! Chemische Formel von Rost
Und wie schon gesagt – vor 30 Jahren war ich auch noch viel jünger und gelenkiger.

Nach diesen beiden Seillängen erwartet uns nun wirklich traumhafte Kletterei, bestens abgesichert. Immer wieder schaue ich nach unten und suche verzweifelt nach einer zweiten Seilschaft in der Wand. Dieses Wetter, diese Absicherung, diese traumhafte Route – und nur Jürgen und ich sollen heute bei besten Bedingungen in der Wand unterwegs sein? Ich kann es einfach nicht glauben, ich will es einfach nicht glauben, es ist keine Menschenseele weit und breit zu sehen. Seillänge um Seillänge klettern wir problemlos und bereits nach 5 Stunden stehen wir auf dem Gipfel. Sagenhaft. So schnell war ich noch nie in dieser Route unterwegs, fast schon eine Art „Speed Attempt“. Das Gipfelbuch gibt uns dann die Gewissheit. Wir sind erst die siebte Seilschaft in der „Direkten“. Offenbar ist das Bockmattli ausser Mode geraten.

Auf dem Gipfel
Der Abstieg gestaltet sich dann wirklich einfach. Wo früher lose Steine und aberwitzig dünne Reepschnüre den Abstieg säumten, markieren Muniringe die Standplätze und Bohrhaken den Weg. Trotzdem ist immer noch Vorsicht geboten, aber den ultimativen Schrecken hat der Abstieg verloren. Gott sei Dank!

Die Kletterei durch der Nordwand war toll, auch weil die Sonne die Wand nicht beschienen hat. Erst ganz auf dem Gipfel hat dann sie ihren „Senf“ dazu gegeben. Den ganzen Abstieg vom Gipfel bis hinunter zum Auto knallte sie unerbittlich vom Himmel. Es war unbeschreiblich heiss, kaum ein Wind ging. Wir schwitzten uns fast die Seele aus dem Leib. Aber was macht man nicht alles für eine tolle Tour.

Es hat sich gelohnt und ich habe tief im Herzen auch Frieden mit dem Bockmattli geschlossen. Vor 30 Jahren verliess ich den Ort mit dem absoluten und definitiven Wissen, nie mehr hierher zu gehen. Zu schlimm waren die Erlebnisse in der Wand in den beiden schweren Seillängen. Das war damals und heute würde ich sogar noch ein viertes Mal durch die Route klettern. Die Seillängen vor und nach der Schlüsselstelle sind etwas vom Besten, was man sich vorstellen kann. Imposant auch der Abzweiger zu „Supertramp“ und „Free Trip“. Da fragte ich mich nun bereits zum dritten Mal, wie man da überhaupt den ersten Move hinbekommt. Das sieht alles arschglatt aus, aber es muss Griffe und Tritte geben. Überhaupt ist der Fels am Bockmattli etwas vom Besten, was ich je geklettert bin. So geht ein wunderbarer Tag zu Ende und bereits um 18:20 Uhr bin ich wieder zurück in Pratteln

Jürgen - ich möchte mich herzlich bei dir für dieses einzigartig schöne Klettererlebnis bedanken und freue mich auf ein nächstes Abenteuer mit dir.

Tuesday, July 10, 2012

Beim Klettern ist...

von Markus


Nein! In diese Route steige ich nicht mehr ein. Nein! Definitiv nein! Ich komme ja nicht mal über den 2. Bolt. So eine Katastrophe! Mein Ärger und mein Frust sind grenzenlos! Wir schreiben das Jahr 2011.

Knapp 100 Kilo Lebendgewicht...
Hinter mir liegt ein weiteres Falken-Fiasko der Extraklasse! Oh Mann, weshalb denn nur? Ich ärgere mich einmal mehr über meine Unfähigkeit und gebe, typisch, dem Fels die Schuld an der ganzen Misere. Einer muss ja schliesslich schuld sein und der Fels kann sich nicht wehren. Oder wehrt er sich eben doch? Nie hat es richtig gute Griffe, die auch ich halten kann. Tritte? Fehlanzeige. Dabei sollte in einer 6b+ doch noch irgendwas vorhanden sein, dass auch ich noch irgendwie verarbeiten kann. Weshalb nur klettere ich so elend schlecht in der Falken. Ich kann mich aber trösten. Noch schlechter klettere ich in der Tüfleten. Es ist fast wie ein Fluch. Die Höchstleistung in der Falkenfluh liegt bei der Route „Von einer die auszog, das Fürchten zu lernen, 6c“. Diese Route habe ich 2004 nach einem harten Dominik-Egloff-Training geklettert. Seither habe ich kaum mehr was richtig gebacken bekommen. Es ist immer die gleiche Story: Mein Dinosaurier-Gewicht drückt unendlich auf die kleinen (Reibungs-) Tritte . Der Fels ist relativ reibungsarm und hilft mir nicht sehr. Auch der Trick mit dem Winterklettern hilft nicht wahnsinnig viel weiter. Die Lösung gestaltet sich immer gleich: Kompensation des Körpergewichtes mit den Armen um den Druck von den Füssen zu nehmen, da ich immer abzurutschen drohe. Da in der Regel die Griffe nur gerade so gross sind, dass vielleicht mein erstes Fingerglied drauf Platz hat, hänge ich bereits nach wenigen Metern mit steinharten Unterarmen im ersten Block. Anschliessend gibt es die obligate „Blockparade“ bis zum Umlenker, falls ich denn überhaupt über die Schlüsselstelle komme. Ach, ist das immer mühsam, auch für den Sichernden. Vielleicht sollte ich wirklich mit dem Klettern aufhören und mir ein schweres Motorrad zutun. Männer ab 50 neigen zu diesem Verhalten.

Wenn der Jura-Dino tanzt, dann sieht es aus wie....
Und trotzdem ist die Falkenfluh ein wunderbarer Ort mit all den Klassikern im Basler Jura, ein Hotspot. Auch landschaftlich ist der Felsriegel etwas vom Besten in der näheren Umgebung von Basel. Dort nicht zu klettern kann schon als Sakrileg eingestuft werden. Wenn es denn doch nur nicht mit so viel seelischem Schmerz für mich verbunden wäre…

Vor der Schlüsselstelle
Für das gemeinsame Klettern am 7. Juli 2012 werde ich mit 3:1 für die Falken klar überstimmt. Bereits um 10:30 Uhr sind wir am Fels. Meine 3 Freunde Roland, Marc und Jürgen haben klare Ideen, wie sie ihren Klettertag bestreiten wollen. Ich? Ich gehe mal davon aus, dass man mir meinen Frust etwas ansieht und mich untypisch ruhig verhalte. „Und was machst du, Markus?“ fragt mich Jürgen.

Irgendwie plappere ich was von „6b an einem Tag in der Falken wäre halt schon unheimlich toll“. Das ist eine Ansage, die Jürgen sehr gefällt. Endlich macht der Jura-Dino etwas, was in Richtung „Leistung“ einzustufen ist. Die Wahl fällt auf „Meteor“. Ich bin schon zig-Mal unter dieser Route durchgelaufen und habe immer wieder nach oben geschaut und mich gefragt, ob ich denn diese Route je klettern können werde. 2011 habe ich mich schon einmal mit der Route beschäftigt und konnte sage und schreibe sturzfrei im Top-Rope bis zum zweiten Bolt klettern. Das wars. Das Abenteuer vom 30. Juni (Blog-Eintrag folgt) hat mich jedoch stark motiviert und ich fühle mich seither frisch und ausgeruht. Auch das Wissen, dass der junge Jura-Dino diese Route vor Jahren saniert hat gibt die Information, dass die Bolts wohl genau am absolut besten Ort platziert sind und ich mich nicht vor Run-Outs zu fürchten brauche.

Der 7.7. sollte wirklich gut werden. Jo klettert die „Meteor“ als Aufwärmtour und schon baumeln meine Express und mein Seil in der Route. Ich steige im Top-Rope ein und es endet fast in der gleichen Falken-Katastrophe wie immer. Nur dieses Mal schaffe ich es mit Ach und Krach über den zweiten Bolt und tatsächlich ohne ganz grosses Rumhängen bis zum Umlenker. Allerdings habe ich keinen  Plan für die Schlüsselstelle. Das übliche „Ich-hasse-das-Klettern-an-der-Falken“-Getöse geht mit lautem Gebrüll in mir los. Mein Hirn verkrampft sich vollkommen.

Marc erklärt mir seine Lösung für die Schlüsselstelle und das hört sich alles so unheimlich einfach an. Weshalb begreife ich denn das Falken-Klettern nicht. Vielleicht ist es meine „Deformation professionelle“? Ist es mein Alter? Doch lieber ein Motorrad? Ich weiss es nicht.

Ich steige ein zweites Mal mit der geistigen Konditionierung, dass ja sowieso nichts geht und ich sowieso da nie hochkommen werde in die Route ein. Einmal mehr wieder nur Sprüche geklopft, grosses Maul gehabt und dann null Leistung, kein Biss, so denke ich für mich selbst. Was denken wohl meine Freunde von mir? Ohne irgendwelche Ambitionen klettere ich zum zweiten Bolt und komme mit etwas Basteln bis zum dritten. „He?“ frage ich mich selber. Wie bist du jetzt da hochgekommen? Kein Brennen in den Unterarmen. Ist etwa heute doch mein Tag? Ich klettere locker weiter. Im zweiten Top-Rope-Durchgang kann ich fehlerfrei bis zur Schlüsselstelle klettern. Ich frage mich selber, weshalb ich vorher so rumgemacht habe. Es hat überall Griffe und Tritte. Die Schlüsselstelle analysiere ich exakt und baue Marc’s Lösung ein. Ich finde einen sehr kleinen Griff für links und kann die Schlüsselstelle extrem kraftsparend klettern. Ich bin völlig verdutzt. Dreimal probiere ich die Kombination, es funktioniert dreimal problemlos. 

Die Schlüsselstelle - Geht ganz einfach mit Ondra-Hilfe
Nach einer langen Pause ziehe ich das Seil ab, schaffe damit einmal mehr Tatsachen und binde mich ins Seil ein. Motiviert steige ich in die Route ein. Alles läuft problemlos und ohne Schwierigkeiten ab. An der Schlüsselstelle muss ich allerdings „auf Ondra“ machen. 

Die letzten Klettermeter in "Meteor"
Oder ist es einfach nur der Alte-Jura-Dino-Angstschrei vor einem 3 Zentimeter-Abflug? Höchstwahrscheinlich! Noch beim Ablassen frage ich mich, weshalb ich mich beim ersten Durchgang so schwer getan habe, finde aber keine Antwort. Ich hinterfrage nicht weiter und geniesse meinen ganz persönlichen Erfolg über mich selber. Ich habe den Sprüchen endlich Taten folgen lassen und bin sehr glücklich darüber. Einmal mehr zeigt sich bei mir ganz klar: Mind over Machine. Ich zitiere hier gerne Wolfgang Güllich, der vor vielen Jahren sagte: „Beim Klettern ist das Hirn der stärkste Muskel“.

Wie recht er doch hatte.



Wednesday, April 18, 2012

Ein Tag in der Tüfleten im März 2012


von Markus

Sicher hegen die regelmässigen Leser dieses Blogs den leisen Verdacht, dass das eine Exemplar der Spezies Jurasaurier sich vom Acker gemacht hat und sich jetzt in den Ewigen Jagdgründen tummelt. Es gibt einfach keine Neuigkeiten vom Jura-Dino. Ist er vielleicht doch noch nach seinem Trip an den Bärenfels erfroren? Wohl möglich.

Das andere Exemplar dieser wirklich vom Aussterben bedrohten Art hat eine Reise in südliche Gefilde unternommen und dort mal gezeigt, was denn so ein Jurasaurier in Topform zu leisten vermag! Die Liste der gekletterten Routen ist sehr beeindruckend! Chapeau!

Ich kann alle Freunde des Jura-Dinos beruhigen. Es geht ihm gut, er ist gesund und wie immer gefrässig und geht regelmässig dem Klettersport nach. Soviel zum Comeback als Blog-Schreiber.

Ich kann nachdenken so viel ich will, aber da ist einfach nichts Erwähnenswertes zu berichten. Im Zeitalter der „8b+ by 10 years old in fith go“ verdient mein heroisch geführter Heldenkampf gegen mich selbst und die betonharten Unterarme nach(!) der Schlüsselstelle von „Force tranquille, 6b+“ in La Jacoterie keine Erwähnung. Was ist denn schon mein „Poltergeist“ in der Tüfleten gegen die „8c+ by a 17 years old“. Am gleichen Tag habe ich mein über 30 Jahre altes Projekt geklettert - „Banana Republic“, eine lächerliche 6a. Baah, wen interessiert das schon. Die Route verblasst komplett neben der Headline „Tree 8b’s onsight by…“. 

Somit könnte dieser Blog-Eintrag eigentlich bereits fertig sein, ist er aber dank meiner Geschwätzigkeit nicht. Ich kann es nicht lassen, doch noch mehr über meine Erlebnisse in der Tüfleten in den vergangenen Wochen zu berichten. Wie immer gibt es zu jeder meiner Kampf-Begehungen eine kleine Anekdote, die ich mit euch gerne teilen möchte:

Spacecake

Es war November 2011, als ich zusammen mit Jürgen nach langer Zeit wieder einmal die Tüfleten besuchte. Meine bisherige Höchstleistung in der Tüfleten steht bei einer astreinen 6a+ mit Namen „Spielwiese“. Mein Plan war, diese Höchstleistung zu pulverisieren und eine 6b anzugehen. Ich sah die Linie von „Spacecake“ und wollte den Plan in die Tat umsetzen. Bald war mir klar, weshalb die Route so heisst. Ein anderer Name wäre einfach falsch. Ich hatte jedes Mal einen grossen Respekt vor den hohl klingenden Felspartien. Die Schlüsselstelle konnte ich einmal in gefühlten 50 Versuchen klettern. Beim Üben in der Route ruinierte ich den rechten Schuh meiner ach so geliebten Anasazi Blanco. Damit erhielt die Route die grösstmögliche Strafe: Liebesentzug und Projektende

Poltergeist

Wieder in der Tüfleten wollte ich in „Spacecake“ Nägel mit Köpfen machen und die Route doch trotz Liebesentzug und Projektende klettern. Basta! Doch Gott sei Dank war die Schlüsselstelle nass und so fand ich in „Poltergeist“ eine wunderbare Alternative. Der Fels trocken, gut gesichert, powerig und wirklich schön lang. Der Geist der Route polterte lange in meinem Hirn herum. Es war ein etwas grösseres und zeitlich intensiveres Unternehmen „Poltergeist“ zu klettern. Seither schaut der Poltergeist kritisch von seinem Platz aus dem Kletterer scharf in die Augen und lässt absolut keinen Zweifel über die Routenführung zu!

Tüfleten - Poltergeist (Danke Tom)
Banana Republic

Es gab sie noch nicht, die vielen nützlichen, gern gesehenen und häufig benutzten Umlenker auf dem langen Weg zum Ausstieg, da hing ich schon in der Route. Teufelskerl und Klettergott Richi hat seinerzeit die Route eröffnet und wir standen mit offenem Mund beim Einstieg und fragten uns, wie denn das möglich ist, dort oben so völlig crazy und spacy eine Route einzurichten. Es gab nicht viele Haken bzw. Bohrhaken auf dem Weg nach oben….

Irgendwie schafften wir es bis zum ersten Stand unter dem Schlussaufschwung zu kommen. Dieser Stand war notwendig, da es seinerzeit noch keine 70 Meter-Seile gab. Heute wird locker an diesem wirklich schönen und luftigen Standplatz vorbei geklettert ohne die traumhafte Aussicht zu geniessen. Im Nachstieg mit fast neuen EB (Edouard Boucher, meine ersten profillosen Kletterschuhe) ausgerüstet, durchlebte ich die Höllenangst, dass ich ausrutsche und wie eine menschliche Abrissbirne hinüber in die „Teure Route“ knalle und ganz langsam dem Fels entlang dem Boden entgegen rutsche. Ganz so wie der berühmte Cartoon-Schakal auf der Jagd nach seinem Essen.

Die zweite Seillänge konnte ich nie klettern. Völlig plan- und orientierungslos hing ich im Seil und Peter, Olivier und Roland hatten ihre liebe Mühe, mich aus der Situation zu befreien. Es war grauenhaft. Auch der Einstieg hat es in sich. Eigentlich nicht so schwer, erinnere ich mich jedes Mal an mein schrecklichen Ereignis vor dem 2. Bolt mit einer nicht ganz so lustigen Landung auf dem Boden.  Das hat wirklich weh gemacht, ich kann das so bestätigen.

Es sind diese Informationen zur Route, die mich veranlassten über Jahrzehnte hinweg dieses Stück Fels ebenfalls mit definitivem Liebesentzug und purer Verachtung zu strafen. Es brauchte wieder einmal Jürgen um mich mit einer alten Sache aus längst vergangenen Tagen zu beschäftigen. Er meinte, dass ich „Banana“ sicher klettern könne und ermunterte mich, doch mal die Route anzugehen. Meine Bedingung war, dass ich wieder im Top-Rope einsteigen dürfe, wohl wissend was mich erwarten würde.

Jürgen klettert zügig und ohne irgendwelche Probleme durch die Route und schon nach wenigen Minuten hängt das Top-Rope. Ich ziehe meine besten Schuhe an, bereite mich so optimal wie möglich vor. Ich versuche das in der Route Erlebte beiseite zu schieben. Das gelingt mir gut und so starte ich gut gelaunt und zuversichtlich. Die ersten Meter gehen gut. Und dann kommt sie mit brachialer und nie erwarteter Gewalt: die Erinnerung an den Absturz vor über 30 Jahren! Ich bekomme die Angst nicht weg. Alles zittert, alles ist hektisch, ich kann weder vorwärts noch rückwärts. Nichts geht mehr, ich zittere noch mehr, Fehler reiht sich nahtlos an Fehler, die Kraft schwindet, alles dreht sich und ehe ich mich versehe hänge ich bereits im Seil und stehe Dank der Seildehnung so ziemlich genau dort, wo ich vor vielen Jahren etwas heftiger aufgeschlagen bin. Völlig demotiviert und überfordert mit der Situation stehe ich da. Wie weiter? Mit einer brutalen Wut im Bauch klettere ich wieder hoch zur Stelle, dann der mutige Griff an den Express und weiter über die schwere Stelle hoch zu einer guten Rastposition. Das Herz rast, die Angst ist greifbar, alles zittert, ich bin völlig ausser Kontrolle. Langsam bewege ich mich in der Route weiter und mit jedem Move erinnere ich mich mehr an die schreckliche Angst. Mit ganz viel Hängen und Würgen schaffe ich dann die Route im Top-Rope. Noch beim Herunterlassen sage ich zu mir, dass ich „Banana“ zwar klettern könnte, aber die Angst wird das für immer verunmöglichen. Ich war aber trotzdem ein bisschen stolz auf mich, dass ich mich noch ein letztes Mal durch „Banana“ gequält habe. 

Jürgen in Action

Kurze Zeit später sind wir wieder in der Tüfleten. Wir freuen uns auf einen schönen Klettertag. Jürgen klettert wieder die „Banana“ hoch und hängt beim Ablassen die Express in seine Route ein. Anschliessend stellt sich nur noch die Frage, wie die Express aus „Banana“ wieder herauskommen. Für mich ist der Fall klar: Alle, nur nicht ich – never ever again! Plötzlich realisiere ich, dass das Seil abgezogen ist und die Express noch hängen. Idee: ich könnte ja trotz allem was geschehen ist einen Vorstieg wagen! Wird aus dem „Never again“ ein „vielleicht doch“? Zwei Herzen schlagen in meiner Brust und ich kämpfe hart mit einer Entscheidung. Nach einiger Zeit keimt so der Gedanke, dass ich es doch wagen sollte. Wild entschlossen die Angst in dieser Route definitiv zu besiegen binde mich ins Seil ein und los geht’s. Die ersten Moves gehen gut, alles passt perfekt, „meine ganz private Schlüsselstelle“ kommt und ich fliege im hohen Bogen raus. Wie immer spielt sich das genau gleiche Spiel mit der Angst am genau gleichen Ort ab und blockiert mich komplett. Die Angst ist offenbar nicht zu besiegen, zumindest bekomme ich das nicht hin. Einmal mehr bewahrheitet sich der Satz: Mind over Machine!

Vom Beruf her ist es mein tägliches Brot, einen Workaround für ein bestehendes Problem zu suchen und zu finden. Deshalb greife ich zum offensichtlichen Workaround und gestehe hiermit offiziell, dass ich den 2. Bolt vorgeklippt habe. Beim 2. Go funktioniert alles tadellos und ich erkenne, welche Kletter-Perle Richi seinerzeit geschaffen hat. Herrliche und abwechslungsreiche Moves reihen sich aneinander, der Fels ist perfekt, die Absicherung auch. Die Angst ist weg und lässt ein tolles Kletterabenteuer wahr werden.

2 Stunden später klettere ich fehlerfrei durch Poltergeist.

Ein herrlicher Tag in der Tüfleten geht zur Ende!

P.S.-1: Ich lasse nicht los und werde die Route auch ohne 2. Bolt vorgeklippt klettern. Stay tuned!

P.S.-2: Die Route wurde nach dem Album Banana Republic  von Lucio Dalla und Francesco De Gregori aus dem Jahre 1979 benannt.

Monday, March 5, 2012

Klettern im Winter


Von Markus

Das erste wunderbare März-Wochenende mit herrlichen Temperaturen ist bereits wieder Geschichte. Der Winter ist vorbei. Eigentlich kommt der nachfolgende Bericht wie die Alte Fasnacht daher. Aber irgendwie steckt schon soviel Gehirnschmalz in den Sätzen, dass ich diese nicht einfach löschen mag und euch an einer kleinen Episode in meinem Leben teilnehmen lassen möchte.

Basler Jura - Bärenfels
Seit Tagen gestaltet ein riesiges Sibirien-Hoch das Wetter in der Schweiz. Seit Tagen zeigt uns das Thermometer die kalte Schulter, will heissen die Zahlen unterhalb der Null-Grad-Grenze. Die Bise hält den Himmel klar und die Sonne scheint von einem wunderschönen blauen Himmel. Das Winterwetter ist doch noch zu uns gekommen und hat die Landschaft mit Schnee überzuckert und der Frost hält die weisse Pracht kühl genug um nicht zu schmelzen. „Herrlich“ denken die einen, „Saukälte“ die andern. Nun, es ist Winter und da sind die Temperaturen naturgemäss in unseren Breitengraden nicht mehr ganz so hoch und wir Kletterer müssen uns etwas in Geduld üben, bis wir wieder unserer Leidenschaft nachgehen dürfen. Geduld ist gefragt - nicht gerade eine ausgeprägte Tugend vieler Kletterer, so auch von mir. Aber müssen wir uns wirklich in Geduld üben? Schon seit vielen Jahren klettere ich auch im Winter, sofern das Wetter es zulässt, draussen in Gottes freier Natur. Jüschi hat mich seinerzeit zu diesem gelungenen Experiment überredet. Der bisherige eher fragwürdige Rekord liegt bei -2 Grad in Soyhières. Die Vorhersage meinte seinerzeit, dass es keine Wolke gäbe und die Sonne vom Himmel lachen würde. Nun, die Sonne versteckte sich hinter einer dicken Wolke und die besagten plus 4 Grad resultierten in minus 2 Grad. Wir realisierten diese unbedeutende Temperaturschwankung erst bei der Rückkehr vom Klettern beim Einsteigen ins Auto. Weshalb es nicht trotzdem versuchen, wenn wir schon nach Soyhières gefahren sind? Irgendwie wird es schon gehen, dachten wir uns alle. An diesem Tag gelang mir eine wunderbare 6b und ich fühlte mich super. Selbst Ilona hatte an diesem Tag ihren Spass!

Ja, es bedarf der vielleicht nicht ganz so sexy aussehenden langen Unterhose um nicht mit Frostbeulen heimzukehren. Auch die Anzahl der Kleiderschichten kennt nach oben kaum eine Grenze. Handschuhe und Mütze sind natürlich obligatorisch mitzunehmen. Eine gute Jacke ist auch angebracht. Auch schadet etwas Kälteresistenz durchaus nicht. Es braucht zudem auch etwas Mut den Rucksack zu packen, die dicken Schuhe anzuziehen und frohen Mutes an die Felswand zu gehen. Und das Wichtigste überhaupt: einen Kletterpartner, der mitmacht

Schuhe bis -32 Grad und 9 Schichten Kleider...
So auch an einem eher kühlen Samstag anfangs Februar 2012. Die Vorhersage versprach Klettern im Eisschrank. Der kälteste Tag der aktuellen Kälteperiode soll es werden, so der Wetterdienst. Aber der Himmel soll auch wolkenlos sein und somit, so meine Überlegung, kann die Sonne ihre bereits wärmenden Strahlen zu uns schicken. 

Wolkenloser Himmel, Sonne, Schnee - was will man mehr?
Heikes Frage traf per E-Mail am Mittwoch ein. Die Frage war ganz einfach: wann im B2? Ich überlegte nicht lange und erklärte meinen Plan. Es brauchte nicht viel Überredungskunst um Heike von einem Klettertag am Bärenfels zu überzeugen. Am Samstag parkte ich das Auto auf dem Parkplatz Angenstein. Das Thermometer zeigte stolze -13 Grad an. „Eigentlich ist es ja schon sehr gewagt, jetzt draussen klettern zu gehen“ sage ich zu Heike. Sie nickt nur und steht schon mit ihren für ihren Husky-Trip in Finnland eingekauften neuen bis -32 Grad die Füsse warm haltenden Stiefel zum Abmarsch bereit. Unser Plan: wenn es nicht geht, dann können wir ja immer noch umkehren, haben einen schönen Spaziergang im Schnee erlebt und können immer noch im B2 die Finger lang ziehen. 

Altmetall in der Schlusssequenz der Route
 Wir haben uns viel zu erzählen, haben wir uns doch schon sehr lange nicht mehr gesehen. Nach kurzweiligen 20 Minuten stehen wir zur Abzweigung an die Felsen. Der Schnee ist schön pulvrig. Es hatte schon jemand vor uns die Idee, einen Ausflug an den Bärenfels zu unternehmen. Wir steigen in dessen Fussstapfen hoch zu den Felsen, nicht ohne dass ich eine Komplettladung Schnee abbekomme. Da stehe ich, sehe beinahe aus wie ein Schneemann und schaufle mir den Schnee aus dem Nacken. Nach wenigen Minuten stehen wir unter der „Via Kathrin“. Wir schauen die Wand hinauf und kommen übereinstimmend zum Schluss: „Ja, heute können wir in dieser Route klettern“. 

Altmetall in der Schlüsselzone
Bald schon hängen meine Express (Jüschi meint, es sei eher Altmetall) und ich gehe die Route im Top-Rope an. So ganz ohne Schnee ist dann die Route doch nicht und es braucht zweimal den mutigen Griff in die weisse Pracht um die Stellen im unteren Teil klettern zu können. Die Schlüsselstelle und der obere Teil der Route präsentieren sich dann aber in bester Verfassung. Gut, ok, ich geb's ja zu. Beim ersten Durchgang hatte auch ich kalte Finger und das Klettern ging nur „auf Sicht“, denn ich spürte den Fels nicht. Sobald aber das Blut wieder die Fingerspitzen wärmte, war das Klettern ein Hochgenuss. So verbringen Heike und ich einen herrlichen Tag beim Outdoor-Klettern am Bärenfels und können den einzigartig guten Grip, die Ruhe, Stille und Schönheit der Gegend in vollen Zügen geniessen. Erst auf dem 20-minütigen Nachhause-Marsch spüren wir die Kälte. Die Bise nagt an der Haut und geht durch Mark und Bein. Gott sei Dank hat das Auto eine Sitzheizung. Die nehmen wir gerne in Anspruch.

Alles Gute kommt von oben