Wednesday, June 22, 2011

Septumania

von Markus

Sonntagmorgen, 11 Uhr. Ich hole Jürgen in Basel ab und zusammen fahren wir über Bern, Thun, Interlaken, Innertkirchen und Guttannen ins Grimsel-Gebiet. Schon bald stehen wir am Ölberg beim Einstieg des „Engeliweg“. Obwohl wir uns schon Jahre kennen, sind wir noch nicht ein einziges Mal zusammen klettern gegangen. So ist es für uns beide wichtig, die Kommandos in Mehrseillängen zu üben und generell das Feeling für den Granit zu bekommen. Nur kurz sehe ich, dass im aktuellen Kletterführer die erste Seillänge mit 5b bewertet ist. In meinem zugegeben etwas veraltetem Kletterführermaterial wird die erste Seillänge mit 4+ angegeben. Wir binden uns ins Seil ein und wenige Minuten später steige ich in die erste Seillänge ein. Es ist für uns Jura-Kletterer schon ein etwas bizarres Gefühl, nur auf Reibung zu stehen und die Platten hochzulaufen. Nach ein paar wenigen Metern kommt das gute Gefühl zurück. Sofort merke ich, dass heute ein ganz guter Tag werden könnte. Ich fühle mich super, mental stark und das ganze Equipment ist perfekt abgestimmt. Das Klettern macht derart viel Spass, dass wir beinahe den „Engeliweg“ hochrennen. Und dann ist sie wieder da – die erste Seillänge vom „Siebenschläfer“. Jürgen ist an der Reihe und für mich ist es ein wunderbares Schauspiel, wie er sich sicher über diese sehr schwer lesbare Platte nach oben kämpft. Klettern der Spitzenklasse, einfach super. Da die nächste Seillänge vom „Siebenschläfer“ komplett nass ist, entscheiden wir uns für die erste Seillänge von „Eile mit Weile“. Ich bin an der Reihe und ich kenne die Seillänge noch in etwa. Selbst nach 25 Jahren weiss ich noch, wie ich keine der heiklen Stellen klettern konnte und wie mich Peter fast schon hochgezogen hat. Nun, dieses Mal bin ich am scharfen Ende des Seils. Etwas mulmig ist mir schon, weiss ich doch, dass beim vierten Bolt eine fürchterlich schwere Stelle kommt und der Weg von dort bis zum Stand ohne Seil von oben nicht kletterbar ist. Ich weiss, dass Jürgen perfekt im Falle eines Falles sichern wird. Diese Gewissheit lässt mich mit der Seillänge beginnen. Ich komme gut voran, die Runouts sind beachtlich und schon bald stehe ich beim vierten Bolt. Toll, denke ich mir, bis hierher ging doch alles recht gut. Aber jetzt ist guter Rat teuer. Da hat es keine Griffe, keine Tritte, der Bolt ist auch etwa 50 Zentimeter weiter unten und wenn ich stürze, dann wird das richtig wehtun. Alternativen? Keine. Und jetzt? Ich überlege hin und her, aber die einzige Lösung sehe ich darin, den Gummi meiner Sharma-Überhang-Schuhe optimal zu setzen und dann einfach keine hektischen Bewegungen zu tun und in kleinen Schritten nach links zu etwas strukturiertem Fels zu gelangen. Das ist einfacher gesagt als getan, aber es scheint mir die einzige Lösung zu sein. Langsam beginne ich mit der vorgesehenen Kletterbewegung. Und sehr schnell stehe ich einfach mit den Füssen zu 100% auf Reibung auf der Platte, keine Griffe, einfach nichts und kann weder vorwärts noch rückwärts. Und für runter habe ich dann überhaupt keine Lust. Eine Lösung muss her, ganz schnell und so sehe ich, dass linkerhand in meiner Reichweite so etwas wie ein Griff sein könnte. Vorsichtig strecke ich mich aus und erwische diesen – GERETTET. Die anschliessenden Meter, in meinem Hirn als unkletterbar abgespeichert, bieten schönste Kletterei, sind aber überaus sportlich abgesichert. Glücklich und zufrieden komme ich am Standplatz an und weiss jetzt, was mir über viele Jahre gefehlt hat: Plattenschleichereien. Zurück im Hotel genehmigen wir uns ein grosses Bier und sind guter Dinge für den Montag, 20. Juni 2011. Wir sind guter Dinge für den Durchstieg der „Septumania“.

Es ist Montag, 20. Juni 2011 in der Früh. Bereits um 6 Uhr gibt es Frühstück. Das Wetter sieht nicht ganz so verheissungsvoll aus. Dicke Wolken hängen über dem Grimsel, doch alles ist trocken. Wir sitzen ins Auto und fahren vom Hotel Handeck hoch zum Grimsel. Kurz nach dem 11% Steigung aufweisenden Tunnel sehe ich auf der Strasse grosse Steine liegen. Wie kommen denn diese Steine mitten auf die Strasse frage ich mich. Ich verlangsame die Fahrt und dann realisiere ich, dass sich die Steine bewegen. Ein paar Meter später begegnen wir einer ganzen Murmeltierfamilie mitten auf der Strasse auf ihren Morgenausflug. Als sie das Auto hören huschen sie flink die Hänge hinauf und wir können problemlos bis zum Hospiz fahren. Die Temperaturanzeige im Auto zeigt immerhin 4 Grad an. Für einen Sommertag doch ziemlich frisch, doch wir haben keine Zeit uns darüber Gedanken zu machen. Wir schultern die Rucksäcke und nehmen den 1 1/2 Stunden langen Zustieg zum Eldorado unter die Füsse. Wir sind allein unterwegs und ziemlich genau in der angegebenen Zeit stehen wir beim Eldorado. Ui, denke ich mir, das ist seit dem letztem Mal etwas höher geworden. Das Eldorado hat eine sehr beeindruckende Höhe. Schnell sind wir beim Einstieg der Septumania. Ein grosses rotes S zeigt den Einstieg an. Wir vereinbaren, dass wir im Vorstiegswechsel klettern und dass ich die erste Seillänge übernehme. Jürgen gibt mir Hardware und mein Klettergurt wird immer schwerer. Er drückt mir auch Keile und Friends in die Hand. Und dann schaue ich zum ersten Mal in die erste Seillänge und erschrecke ganz gehörig. Als Bohrhaken verwöhnter Basler Jura Kletterer vermisse ich diese silbern glänzenden Inseln der Rettung. Weit oben, nach vielleicht 20 Metern sehe ich den ersten Bohrhaken glänzen. Ich sehe auch einen Riss links von der ausgewaschenen Wasserrille. So muss es gehen, absichern mit mobilen Sicherungsgeräten bis zum Haken und dann ist ja bald der Stand erreicht. Das ist der Plan.


Das Bild zeigt mich Momente vor dem Einstieg in die Route.

In meiner schon fast als Antiquariat zu bezeichnenden Kletterführersammlung habe ich "Schweiz extrem" aus dem Jahre 1989 gefunden. Ich konnte es nicht sein lassen und habe die Bewertungen und die Anzahl der Bohrhaken verglichen. Daran möchte ich auch die Leserschaft teilhaben lassen:

1. Seillänge (1989: 5-; 0 Bh / 2004: 5c+; 2 Bh)

Ich starte etwas eirig die ausgewaschene Rinne hoch. Es geht alles gut, nach 10 Metern lege ich meinen ersten Friend seit Jahren. Er hält. Weiter geht es zum ersten Bolt. Super, denke ich, jetzt ein etwas schwierigerer Move und oben bist du. Da habe ich aber die Rechnung voll ohne meinen Mut gemacht. Der hatte sich gerade mal von dannen gemacht. Die Stelle stellt sich als tricky heraus aber lösbar. Weiter zum zweiten Bolt und schon sehe ich den 1. Standplatz. Es sind ewig lange Meter bis dorthin. Der Bolt so weit unten, der Fels etwas feucht zum Teil auch nass und keine Möglichkeit irgendwie abzusichern. Es wird schon irgendwie gehen, denke ich, strapaziere meine Nerven zum ersten Mal bis zum Anschlag und schon stehe ich beim 1. Stand.

2. Seillänge (1989: 5; 1 Bh / 2004: 5c; 2 Bh)

Ich erinnere mich an einen Satz von Domi. Er sagte: "Lass dich nicht von der 2. Seillänge erschrecken, es wird alles besser." Jürgen steigt vor. Ich weiss heute noch nicht, wie er über diese knackige und vor allem nasse Stelle geklettert ist. Wahnsinn. Die ganze Seillänge ist feucht, so richtig Spass kommt nicht auf. Heute weiss ich, was Domi mit seinem Satz gemeint hat.

3. Seillänge (1989: 5; 1 Bh / 2004: 5b; 3 Bh)

Ich bin wieder an der Reihe und irgendwie schaffe ich es auf dieser rutschigen 5b Platte bis zum zweiten Bolt zu gelangen. Die Nerven sind schon richtig gut angespannt. Dann beginnt das Fiasko par excellence. Die ausgewaschene Rinne wird zu einem halben Bachbett und ist nass. Keine Rettungsinsel weit und breit. Mit viel Gottvertrauen klettere ich weiter. Nach vielleicht 8 Meter sehe ich endlich die Möglichkeit, einen Friend zu legen. Er hält super. So gesichert klettere ich weiter, lege einen Stopper. Langsam gewöhne ich mich an die etwas urtümliche Kletterei und nach gefühlten 3 Stunden stehe ich am Stand. Die Selbstsicherung hält und dann schaue ich nach unten und sehe, dass sich sowohl der Friend wie auch der Stopper zum Bohrhaken hinunter verabschiedet haben. Da hat es also noch viel Room for Improvement.

4. Seillänge (1989: 4+; 0 Bh / 2004: 5b; 2 Bh)

Jürgen steigt eine wunderbare Seillänge vor. Seine Friends halten.

5. Seillänge (1989: 5+; 1 Bh / 2004: 5b; 3 Bh)

Ich bin wieder an der Reihe und frage mich, wie ich es denn je schaffen werde, diesen Quergang bis zum ersten Bolt zu meistern. Das ist einfach eine Granitplatte ohne Sicherungsmöglichkeit und der dazu gehörende Runout. Dass ich mit Jürgen mit einem Superpartner in der Route unterwegs bin gibt mir die Sicherheit, dass auch im Falle eines Falles alles mit rechten Dingen zugeht. Etwas zögerlich geht es die ersten Meter hoch und typischerweise verklettere ich mich. Also die ganzen Meter wieder runter und 2 Meter weiter rechts nochmals das gleiche Spiel von vorne. Endlich gelange ich zum ersten Bolt und sofort fühle ich mich sicher. Die nächsten Meter sind Granitkletterei in Perfektion, reiner Genuss. Eine herrliche Seillänge mit viel Grip, Griffen und bester Kletterei.

6. Seillänge (1989: 6/6+; 3 Bh / 2004: 6a; 4 Bh)

Bevor Jürgen den ersten Bolt klinken kann, darf er schon mal ganz fein auf seinen Zehenspitzen tanzen und ohne Griffe 6 Meter klettern. Die schwere Stelle ist nun geschafft, meinen wir. Wir meinen falsch. Später in der Seillänge kommt nochmals so eine trickreiche Stelle, die jeden Basler Jura Kletterer eigentlich überfordern müsste. Nicht aber Jürgen. Chapeau!

7. Seillänge (1989: 5+; 1 Bh / 2004: 5c; 2 Bh)

Und dann stehen wir am Stand und schauen uns fragend an. Wo geht die Route durch? Hat es irgendwo einen Hinweis, wohin die Reise gehen soll. Wir sehen nur weit oben den Stand. Hoffentlich ist es der von der Septumania. Nun gut, da müssen wir durch, da muss ich durch. Das ganze Material hängt an meinem Klettergurt und nach ein paar Meter sehe ich dann endlich, wo die 2 eingezeichneten Rettungsinseln stecken. Aber die sind unheimlich weit auseinander. Da hilft nur eines: Konzentration und durch. Eine wunderbare Plattenschleicherei nimmt nach rund 45 Metern ihr Ende.


Da ist mir das Lachen bereits etwas vergangen.... (Bild nach der 7. Seillänge)

8. Seillänge (1989: 6/6+; 3 Bh / 2004: 6a-; 4 Bh)

Jürgen klettert im Vorstieg diese etwas komische Verschneidung hoch und ist bald aus meinem Sichtfeld. Eine typische Septumania-Seillänge: Kletterei wechselt unvermittelt mit Schleicherei. Und die Schleicherei hat es halt immer so in sich und ist immer von einem Runout begleitet.


9. Seillänge (1989: 5+; 1 Bh / 2004: 5c; 2 Bh)

Vom Stand schaue ich die nächsten Meter hoch. Es stellt sich wie eigentlich immer die gleiche Frage: wo geht die Route lang? Nach einigem Suchen finde ich den ersten Wegweiser. Aber bis dorthin klettern? Wieder so ein Runout der Extraklasse. Die ersten Meter sind wieder so wahnsinnig hart. Sobald aber der Rhythmus gefunden ist, wird alles deutlich leichter. Bald erreiche ich den 1. Bolt und klinke diesen erleichtert ein. Herrliche Kletterei bis zum Stand ist nun zu bewältigen. Eine Traumseillänge!

10. Seillänge (1989: 6+; 3 Bh / 2004: 6a+; 5 Bh)

Jürgen klettert die Schlüssel-Seillänge. Vom Stand geht es rechts weg unter einem kleinen Dach hindurch. Das wird wieder so ein Wahnsinns-Gebastel mit dem Rücksack auf dem Rücken, denke ich. Bald ist Jürgen über das kleine Dach geklettert und verschwindet aus meinem Blickfeld. Langsam aber stetig muss Jürgen klettern, denn so muss ich das Seil ausgeben. Meter um Meter gleiten so durch meine Hände. Es gibt keine ruckartigen Bewegungen, nichts. So hänge ich am Standplatz und sichere Jürgen. Endlich kommt das Kommando, dass ich mich auch auf die Reise machen kann. Es wird wirklich ein Gebastel unter dem Dach durch. Ein schöner Move über das Dach und schon stehe ich am Anfang dieser Wahnsinns-Seillänge. Einfach gehen und nicht stehen bleiben, so bellt es in meinem Kopf. Nie stehen bleiben, einfach nicht stehen bleiben, sonst bekommst du den Schwung nie mehr hin und es wird grauenhaft werden, schrillt die Alarmglocke. Die Runouts sind mehr als sportlich! Es besteht keine Möglichkeit, irgendeinen Keil oder Friend zu platzieren. Einfach gehen, gehen, gehen und auf keinen Fall stehen bleiben. Das ist die Lösung für diese Seillänge!

11. Seillänge (1989: 4+; 2 Bh / 2004: 5b; 3 Bh)

Nach einem etwas dummen Verhauer, finden wir wieder auf die richtige Linie zurück. Die Seillänge ist übersichtlich mit 3 Bolts gesichert, wobei der 3. Bolt kurz vor dem Stand platziert ist. Dort macht er auch Sinn, denn der Abstand zum 2. Bolt ist derart gross, dass ein Fehler an dieser Stelle zu einer ganz schlimmen Sache führen könnte. Aber Runouts sind wir in der Zwischenzeit gewohnt und so kann mich diese Seillänge nicht mehr schockieren. Was ich in Seillänge 10 gelernt habe, kann ich hier umsetzen: gehen, gehen, gehen und den Rhythmus behalten!

12. Seillänge (1989: 4; 0 Bh / 2004: 4c; 2 Bh)

Jürgen klettert die nächste Seillänge, wieder eine typische Seillänge für die Septumania: Seillänge 11 ist eine pure Granitplatte ohne Griffe und Tritte. Seillänge 12 bietet herrliche Kletterei mit guten Griffen und Tritten.

13. Seillänge (1989: 6-; 3 Bh / 2004: 5c; 3 Bh)

Ui, ui, ui. Da steht mir aber ein ganz gewaltiges Stück Arbeit bevor. Nervlich bereits ziemlich strapaziert habe ich das seltene Glück, diese im trockenen Zustand sicher ganz tolle Seillänge heute mit breiten Wasserstreifen verziert angehen zu dürfen. Bereits der Anfang der Seillänge bis zum 1. Bolt bereitet mir grosse Schwierigkeiten. Der Kopf ist alles andere als bereit. Ich lege noch einen guten Friend wohl wissend, dass die nächsten 10 Meter mit diesen Bedingungen richtig schwierig werden. Ich zögere und finde den Anfang einfach nicht. Der Kopf macht total zu. Immer wieder höre ich den Satz: es geht nicht. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Alles ist im Off-Modus. Und ganz plötzlich kommt von irgend woher mit einem Riesentumult der Song Motörhead. Es gibt eigentlich fast keinen passenderen Ort, als genau in dem Moment Motörhead abzuspielen.

Besser als erwartet, komme ich auf die Schuppe hoch und kann mich mit dem linken Fuss zwischen zwei Wasserspuren gut abstützen. Wenn die Seillänge jetzt zu Ende wäre, hätte ich gewonnen. Aber ich muss ja weiter, viel weiter. Ein unendlich harter Kampf tobt in meinem Hirn und endlich gelange ich zu diesem guten Griff. Ich habe gekämpft wie ein ganz Grosser, mein linker Unterarm ist völlig ausgepumpt. So stehe auf einem guten Tritt und bekomme fast nicht mehr den Bolt gleich vor meinen Augen geklippt. Mein Atem rasselt, der Unterarm ist völlig durch aber eine ganz grosse Freude überkommt mich, dass ich diese Stelle geschafft habe. Nach einer langen Pause klettere ich etwas wacklig die Seillänge fertig. In der Zwischenzeit bin ich mir ziemlich sicher, dass ich meinem Traum verwirklichen kann. Motörhead hämmert unablässig weiter. Pausenlos.

14. Seillänge (1989: 4+; 2 Bh / 2004: 5b; 3 Bh)

Jürgen ist wieder dran und klettert eine wunderbare Seillänge mit grossen Griffen und Tritten. Unsere Sorgenfalten werden aber immer grösser. Seit der 10. Seillänge hält sich das Wetter überhaupt nicht mehr an die Wettervorhersage. Dicke Wolken hängen über unseren Köpfen und manchmal spüren wir den einen oder anderen Tropfen Regen.

15. Seillänge (1989: 5+/6-; 3 Bh / 2004: 5c; 4 Bh)

Aus dem Stand geht es in herrlicher Kletterei mit Griffen und Tritten über in eine Granitplatte. Einmal mehr muss ich den Weg suchen, die Runouts können mich überhaupt nicht mehr erschrecken. Alles läuft wie im Film ab. Mein Traum, einmal die Septumania klettern zu können wird langsam Wirklichkeit. Langsam realisiere ich, dass dies meine letzte Seillänge im Vorstieg gewesen ist und ganz langsam kommt eine ganz grosse Freude auf. Jürgen kommt nach und wir wechseln zum letzten Mal das Material.

16. Seillänge (1989: 4+; 0 Bh / 2004: 4a; 1 Bh)

Jürgen zieht los. Es ist ja nur noch 1 Seillänge mit einem Bolt. Aber den finden wir nicht mehr. Nach 60 Metern ist das Seil aus, Jürgen holt mich nach und nach wenigen Minuten bin ich mir absolut sicher. Mein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich bin so unwahrscheinlich glücklich! Ein unbeschreibliches Gefühl überkommt mich. Herrlich!

Geschafft!

Und jeder, der schon mal den Abstieg zu Fuss vom Ausstieg hinunter zum Einstieg durchlebt hat weiss, was jetzt kommt. Mühsam kämpfen wir uns nach unten um dort die Rücksäcke zu schultern und wieder 1 1/2 Stunden zurück zum Hospiz zu laufen. Mir tut bereits nach 30 Minuten Marsch alles weh. Aber irgendwie schaffen wir es um 21 Uhr im Hotel Handeck frisch geduscht mit einer sehr guten Flasche Wein auf den erfolgreichen Tag anzustossen.

Und so endet ein knapp 30-jähriger Traum. Lange, sehr lange musste ich warten, bis alle Puzzle-Teile perfekt aufeinander abgestimmt waren. Beim Schreiben dieser Zeilen wird mir einmal mehr wieder bewusst, welch wunderbares Geschenk Mutter Natur uns Kletterern mit diesem einzigartigen Eldorado beschert hat und mit welchem Mut und Können die Gebrüder Claude und Yves Rémy ein einzigartiges Schmuckstück des Klettersports erschaffen haben.

Septumania - Vorbereitung

von Markus

Es war das Jahr 2002, als ich wiederum im Nachstieg mit Silvio durch die „Motörhead“ am Eldorado kletterte. Ich erinnere mich noch gut an dieses Unterfangen, war ich doch bei Seillänge 8 völlig fertig und ausgebrannt. Irgendwie schaffte ich es noch die restlichen Seillängen bis zum Ausstieg zu klettern und dann wieder hinunter zum Materialdepot zu gelangen. „Der Abstieg – oh nein - den will ich nie mehr durchleiden müssen, ich will nie mehr in meinem Leben so fertig sein wie heute“ sagte ich mir damals und so verabschiedete mich von der „Septumania“. Für mich war die Sache stimmig. Der Verstand sagte ok, das war’s, das Herz dagegen litt Höllenqualen.

Soll ein Traum nicht ein Traum bleiben, so braucht es Taten. Erst im 2010 war es wieder soweit, dass ich mich ernsthaft mit der „Septumania“ auseinandersetzen konnte. Ich wollte es nicht bei meinem Traum belassen und so fragte ich sehr engagiert in der Kletterszene, wer mich denn durch die „Septumania“ begleiten möchte. Viele Leute haben die Route bereits geklettert und eine Wiederholung stand für sie ausser Frage. „Septumania“, das ist dann doch ein ganz anderes Kaliber. Zwar wird die Route als „Plaisir“ gehandelt, aber die Absicherung ist mit „so…so“ bewertet und der Einsatz von Friends und Keilen muss sitzen. Dazu kommen die Gebirgslage, das in der Gegend unbeständige Wetter und dann die schiere Länge von 16 Seillängen mit insgesamt 500 Meter Klettermetern. 1 1/2 Stunden Anmarsch vom Hospiz zum Einstieg und diesen selbstverständlich nach getaner Arbeit wieder zurück. Mindestens 3 Stunden wandern steht auf der Aufgabenliste. Der Abstieg ist auch nicht so wahnsinnig toll und es braucht dann halt schon etwas „Beissen“ um eine Route von einer solchen Dimension angehen zu wollen beziehungsweise zu können.

Die vielen Absagen haben mich nicht gerade zuversichtlich gestimmt. Ich habe mir auch schon überlegt, mir diese Route einfach zu „kaufen“. Das geht ja heute problemlos. Es gibt viele Bergführer, die für etwas Geld ihren Kunden durch eine solche Wand führen. Aber eine Route „kaufen“, das war dann doch nicht das, was ich wollte. Es muss die gute alte Version des gemeinsamen Kletterns sein. Es soll jemand sein, zu dem ich volles Vertrauen habe, welchen ich als Menschen schätze. Denn ich weiss mit 100%-iger Sicherheit, dass ich exakt ein einziges Mal durch diese Route klettern werde. Zusammen sollten wir eine Route von Weltruf klettern, zusammen sollten wir Glück und Freude erleben, zusammen sollten wir dieses Abenteuer durch- und bestehen. So war meine Vorstellung.

Es war an einem wunderschönen Samstagnachmittag im März 2011, als sich eine bunte Truppe in Soyhières beim Klettern traf. Ich wusste, dass Domi im 2010 „Septumania“ geklettert hat. Natürlich fragte ich ihn über die Route aus und eine heitere Diskussion mit viel Lachen begann. Er sagte mir, ich solle mich nicht von der zweiten Seillänge erschrecken lassen. Der Rest sei einfach gut. So standen wir da, lachten über die interessanten Ausführungen von Domi über die Route und Christian pflichtete ihm überall bei. Langsam aber mit einer ganz besonderen Bestimmtheit beschlich mich das dumpfe Gefühl, dass die „Septumania“ wohl doch eine Nummer zu gross sein könnte. Just in dem Augenblick sagte Jürgen beim Auspacken seines Rucksackes, dass er auch gerne durch die „Septumania“ klettern wolle. Ich war sprachlos und Judith rettete sofort die Situation: Jürgen und Markus – klettert doch zusammen durch die „Septumania“! Schnell tauschten wir die Handy-Nummern aus und schon ein paar Tage später stand fest, dass wir am 20./21. Juni 2011 zusammen dieses Abenteuer angehen werden. Ab diesem Augenblick war ich nur noch nervös, wenn ich an das Eldorado dachte. Was in unendliche Ferne abzudriften drohte, erfuhr plötzlich eine ganz neue Dimension. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass ich meinen Traum verwirklichen konnte? Sollten die ganze jahrelange Warterei, der ganze Verdruss, der ganze Frust über die vielen Absagen und verpassten Chancen ein Ende haben? Ist es wirklich wahr, dass Jürgen und ich zusammen durch die „Septumania“ klettern? Erlebe ich das wirklich oder ist das alles nur ein Traum?

Septumania - Wie alles begann

von Markus

Eine etwas komische Seillänge liegt hinter mir. Ein kleiner, leicht zu kletternder Aufschwung führt direkt in eine Platte. Etwas verloren stehe ich da und suche den nächsten Bolt und sehe nur 10 Meter weiter links den Standplatz. Ohne Anstrengung geht’s über die wie immer absolut tritt- und grifflosen Platten hinüber zu den beiden Bolts. Das übliche Ritual beginnt. Wenige Minuten später steht Jürgen neben mir am Standplatz. Wir wechseln einmal mehr die Hardware und er geht weiter. Weit und breit ist kein Bohrhaken zu sehen, es besteht aber auch nicht die Möglichkeit ein mobiles Sicherungsgerät anzubringen. Jürgen klettert sicher, alles ist im grünen Bereich. „Noch 2 Meter“ rufe ich ihm zu in der Hoffnung, dass er es hört. „Stand“ kommt als Antwort zurück und ich mache mich an meine Arbeit. Standplatz abbauen, Rucksack schultern, alles geht wie im Traum. Ich klettere Meter um Meter und dann plötzlich sehe ich Jürgen mit einem breiten Lachen auf dem Gesicht und ohne Helm mich sichern. Wenige Schritte sind es noch bis zu ihm und dann ist es soweit. Eine unendlich grosse Freude überkommt mich. Ich bin nun völlig sicher, dass ich die „Septumania“ am Eldorado geklettert habe. Ein langer fast 30-jähriger Traum geht in diesem Moment in Erfüllung! Noch heute, 2 Tage nach diesem Moment schwirrt mir der Kopf vor lauter Freude und ich kann mein Glück bis heute noch nicht so richtig in seiner ganzen Tragweite begreifen.

Wie immer, gibt es zu diesem Event eine kleine Geschichte, die ich der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Dazu, es sei mir bitte erlaubt, muss ich etwas tief in die Vergangenheit ausholen aber ich hoffe, dass es sich lohnt. Die Geschichte geht wie folgt:

Die Grimsel-Gegend und im Speziellen die von der Handegg hat mich schon immer fasziniert. Bereits 1980, kurz nach dem Startschuss zur Erschliessung des Ölbergs, gingen wir dort klettern. Allein der Zustieg von 15 Minuten vom Parkplatz zum Einstieg machte den Ölberg zu einem lohnenden Ziel für uns Basler. Wir kletterten den „Engeliweg“, der mit insgesamt 13 Bohrhaken gesichert war bis zum „Siebenschläfer“ hoch. Die erste Seillänge des „Siebenschläfers“ ist bis heute eine andere Liga. Wo heute 5 Bolts stecken, lachte gerade mal ein etwas rostiges Exemplar aus der Platte. Ich habe es bis heute nicht geschafft, diese Seillänge fehlerfrei zu klettern. Zu klein sind die Tritte und meine Augen sind in der Zwischenzeit auch nicht mehr die besten… In den frühen 80er Jahren kletterte ich mit Peter Rüger durch „Eile mit Weile“. Die Schlüsselstelle kletterten wir mit je einem Hänger, wir kamen aber die anschliessende heutige 6c-Platte nicht hoch. So wechselten wir in den „Siebenschläfer“ und kletterten diesen fertig. Peter erzählte mir ein paar Wochen später, dass er durch die „Septumania“ geklettert sei. Diese Route sei wunderschön und die müsse ich unbedingt klettern, aber er würde sie nicht nochmals klettern. Die Gebrüder Rémy sollen dort viele schöne Routen eröffnet haben und er möchte eine andere klettern.

Als ich im Jahre 2000 nach einer fast 20-jährigen Pause wieder mit dem Klettern begonnen habe, spukte natürlich sofort wieder die „Septumania“ in meinem Kopf herum. Aber es sollten noch ein paar Jahre mehr durchs Land ziehen…

Erst anfangs der Nuller-Jahre, ca. 2002 oder 2003 kehrte ich an den Ölberg zurück. Zusammen mit Silvio kletterte ich im Nachstieg durch den „Siebenschläfer“. Dabei musste ich aber realisieren, dass mir Plattenschleichereien überhaupt nicht mehr liegen. Erst im 2006 ging ich nochmals an den Ölberg um festzustellen, dass Plattenschleichen das Schlimmste überhaupt ist. Für mich war meine ehemalige Paradedisziplin zur Strafaufgabe geworden. Doch der Traum ist geblieben: Septumania.

Wednesday, June 1, 2011

Der fliegende Jura-Dino

von Markus

Es geschah an einem wunderschönen Samstagnachmittag im Mai 2011.

Eine kleine aber nicht minder heitere Truppe versammelte sich am Chuenisberg beim untersten Sektor. Zusammen mit Markus und Patrick wollte ich in der neuen Route links von "The Sick" die Geheimnisse der Bewegungsabfolgen für eine Begehung entschlüsseln. So zumindest war der Plan. Die Route heisst "Projekträuber" und checkt auf der nach oben geschlossenen Chuenisberg-Skala bei 6b+ ein. Ein lösbares Projekt, so dachte ich mir und schon bald baumelten die Express in den 5 Bohrhaken. Der Erschliesser der Route hat sich wirklich viel Arbeit gemacht und sehr viel Mühe gegeben. Herausgekommen ist eine wunderschöne und athletische Route. Die Bolts sind super gesetzt, alles perfekt, ein toller Nachmittag mit Sportklettern kündigte sich an.

Den "Projekträuber" versuche ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit plus 2 Tagen und ich kenne die Route auswendig. Der herrliche Kreuzzug, der direkt in die Schlüsselstelle führt ist traumhaft. Und dann ist da die Schlüsselstelle. Wenn ich zum x-ten Mal im Seil hänge realisiere ich immer wieder, dass ich nicht zu den magersüchtigen Hallenbewohnern gehöre. Dass dies so ist, dafür gibt es nun auch den definitiven Videobeweis.




Alles live, nichts gestellt, pure Realität. Klettern kann gefährlich sein. Selbst der Kameramann hatte grösste Angst vom Jura-Dino erschlagen zu werden, sonst hätte er sicher mit der Kamera nicht so gewackelt. Oder?