Sunday, November 27, 2016

Unverhofft - kommt oft

von Markus

Es geht alles ganz schnell, viel zu schnell. Ich bin mitten in einem Strudel von Kletterabenteuern! 

Samstag, 26. November. Wettervorhersage: es könnte Sonne geben. Treffpunkt: 11 Uhr in Oberwil. Kletterpartner: Richi. Plan: Rochers du Midi, Projekte abschliessen und beginnen

Die fantastisch schöne vierte Seillänge
Doch dann kam es anders. Als wir so auf dem Parkplatz bei den Rochers du Midi stehen und die Kälte und Feuchtigkeit des Nebels sich etwas unangenehm bemerkbar machen, erblickt Richi den Kletterführer "Berner Jura" im Auto liegen und schlägt zufälligerweise die Seite 274 auf. Auf der Seite 274 befindet sich das Topo vom "Pic de Grandval". "Oh!", sage ich. "Dahin wollte ich schon lange einmal gehen. Es muss ein tolles Gebiet mit einer tollen Mehrseillängen-Route sein". Richi antwortet spontan: "Dort war ich noch nie. Gehen wir dorthin".

2 Sekunden später fährt das Auto weiter in Richtung "Pic du Grandval". Schon bald parkieren wir das Auto und gelangen, nachdem wir noch einen grossen Schluck heissen Tee zu uns genommen und die etwas wärmere Kletterkleidung angezogen haben, auf einem bequemen Weg zum Einstieg der Route. Es ist uns nicht wichtig, wie schwer die Route ist.

Für uns ist es wichtig draussen in der Natur zu sein und eine schöne Mehrseillängen-Tour zu klettern. Wir klettern einfach die logische und damit leichteste Route. Das ergibt eine Kombination aus "La Balade", "Variante" und "Voie des Fourmis". Das sind 6 Seillängen herrliche und unschwierige Kletterei. Fantastisch! Erst auf der Heimfahrt realisieren wir, dass wir den oberen Teil der "Voie des Fourmis" geklettert haben, eine Route, die 1963 vom legendären Maurice Brandt zusammen mit R. Theytaz eröffnet wurde. 1963: da war ich gerade auf dem Weg, 3 Jahre alt zu werden... 

Ich liebe den Blick über die Jurahöhen. Es ist ein schönes Geschenk des Lebens, in dieser Gegend der Welt sein Dasein verbringen und die Schönheiten der Natur geniessen zu dürfen. Auf dem Pic de Grandval stehend, darf ich einmal mehr den Blick in die Weite schweifen und die unbeschreibliche Schönheit dieser Welt auf mich wirken lassen. Vielleicht ist das auch der tiefe Grund, weshalb ich gerne Klettern gehe. Raus aus dem Keller der Dörfer und Städte - hinauf in die Höhe, wo es keine Hindernisse für den Blick gibt, wo der Horizont das Ende bildet.

Ausblick vom Pic du Grandval über den Jura
Der Abstieg durch den Wald auf einem gut ausgebauten Wanderweg ist einfach und schon bald sind wir zurück beim Auto und stärken uns. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass wir noch etwas unternehmen können. Wir schauen uns an und es ist klar: Arête Spécial zu gut deutsch "dr Spez". Das letzte Mal habe ich diesen Grat vor etwa 15 Jahren geklettert und seither schlummert dieses Stück Fels in der Kammer "Abgehakt". Doch "dr Spez" hat eine lange Geschichte für mich. Diese zu erzählen, braucht wiederum gefühlt 400 Seiten. Darauf verzichte ich (im Moment).
Am Stand der letzten Seillänge
In wenigen Minuten fahren wir nach Moutier, parkieren das Auto und einmal mehr sehe ich diesen einzigartig schönen Grat. Anschauen ist das eine, daran klettern ist das andere. Innerlich werde ich etwas nervös, denn ich weiss, dass mir eine wunderschöne Klettertour bevorsteht . 5 Minuten später spazieren wir in voller Kletterausrüstung Richtung Einstieg zum "Spez". Als ich das (vor)letzte Mal hier war, durften wir noch auf den Gleisen zum Einstieg laufen. Häufig sahen wir die etwas aufgeregten Augen der Lokomotivführer, als sie uns auf dem Seitenkanal Richtung Einstieg laufend, viel zu spät für eine Bremsaktion sahen. Das gibt es nun nicht mehr. Ist vielleicht für beide Parteien besser. Es gibt eine herrlich und gut ausgebaute Via Ferrata zum Einstieg und lässt das Abenteuer "Spez" einen Tick intensiver werden. Wir geniessen das Klettern, die Natur gibt ihr Bestes mit einem knalligen Sonnenuntergang, und von ganz oben geniessen wir den Ausblick über die hell beleuchtete Stadt Moutier. Der Abstieg ist einfach und es ist schon Nacht, als wir beim Auto ankommen. 

Ich hätte es beim morgendlichen Kaffee nie und nimmer gedacht, dass ich noch am gleichen Tag 10 Seillängen klettern und dabei eine neue Route kennenlernen und die alte Liebe "Spez" wieder entdecken würde.

Unverhofft – kommt oft. Gott sei Dank ist das so!

Sunday, November 13, 2016

In die Vergangenheit und zurück

von Markus

Prolog: September 2016

Nun sitze ich auf der Terrasse bei mir zu Hause in Oberwil, die Sonne scheint mir ins Gesicht und wärmt angenehm den etwas müden Körper. Es ist ein Herbsttag wie aus dem Bilderbuch. Ich bin glücklich und zufrieden, denn ein erlebnisreicher Klettertag liegt hinter mir. Ich habe schon des Öfteren geschrieben, dass ich einen einzigartig schönen Tag beim Klettern erlebte, doch dieser Tag heute übertrifft nun einfach alles. Der heutige Tag ist der Beginn einer nie geahnten Trilogie + 1. 

Doch bevor ich die Trilogie + 1 beschreiben kann, muss ich - wie immer - weit in mein schon mit einer nicht zu unterschätzenden hohen Anzahl von Jahren bestücktes Leben in Gedanken zurückschweifen. Ja, bei mir beginnt das Alter langsam seine interessanten Seiten anzunehmen. Ich erinnere mich an längst vergangene Tage und Abenteuer, als wäre es erst gestern gewesen. Ich erinnere mich an glückliche und weniger glückliche Momente und ich erinnere mich gerne an meine Jugend, als langsam aber sicher das Klettern sich den Weg in mein Leben bahnte. Und ich erinnere mich an offene Projekte und Menschen aus jener Zeit, die ich noch unbedingt vor meinem persönlichen ganz grossen Finale abschliessen bzw. treffen möchte. Über die Projekte habe ich die Macht des Wollens, über das Treffen der damals wichtigen Menschen kann nur das Glück und der Zufall befinden.

Im zarten Alter von 13 Jahren schloss ich mich zusammen mit meinem Sandkasten-Freund Roland S. auf Empfehlung seines Vaters der JO Basel-Stadt, die Jugend-Organisation des SAC, an, denn wir sollten und wollten sehr gute Bergsteiger werden. Das Clublokal war seinerzeit am Nadelberg in Basel domiziliert, also an einer heutigen Top-Wohnadresse. Schnell wurde uns klar, wer denn die Protagonisten der JO waren. Klingende Namen wie Jürg Tenger, Jürg Meyer, Andreas Pfeuti, die Gebrüder Kaspar und Urs Renggli und Christian Jäggi gehörten aus unserer Sicht zu den Top-Kletterern dieser Welt und wir bewunderten sie über alle Massen. Wir wollten auch so stark und gut werden wie sie. Wenn ich heute von ihnen erstbegangene Routen klettere, dann bewundere ich sie immer noch. Seinerzeit kletterten sie den VI. Grad, sie konnten also gemäss der damals gültigen Skala die schwierigsten Routen klettern. Wie definierte sich seinerzeit VI+? Hier die Antwort:

Mit VI+ wird eine Freikletterstelle bezeichnet, deren Überwindung für die besten Felskletterer in Hochform, bei günstigen Verhältnissen (trockener Fels), unter optimaler Ausnutzung der Felsbeschaffenheit (Griffe, Tritte, Reibung) und beim heutigen Ausrüstungsstand (Profilgummisohle ) immer ein Gang an der Sturzgrenze bedeutet. Meist nur auf wenige Meter beschränkt. Im Hochgebirge seltener als in Klettergärten. Eine Passage im Schwierigkeitsgrad VI+ ist definitionsgemäss bei winterlichen Verhältnissen ohne zusätzliche Haken als Fortbewegungshilfen in der Regel unbezwingbar.

Es gab seinerzeit jedoch einen Menschen, den ich noch mehr bewunderte. Und hier folgt die dazugehörende Geschichte.

Es war irgendwann zwischen 1975 und 1977, als Roland S. und ich uns zu einer 2-Tages-JO Basel-Stadt-Tour an den Brüggler anmeldeten. Wir wussten weder wo das war, noch wie wir dorthin gelangen sollten noch was uns erwartete. Wir wussten nur, das der beste Kletterer der JO die Tour leiten würde. Das war Grund genug mitzugehen und gab uns die notwendige Sicherheit. Der Tag kam an den Himmel und wir gingen zum Brüggler. Die Tour war bestens organisiert. Wir kletterten in Bollerschuhen durch eine wunderschöne und aus heutiger Sicht nicht sehr schwere Route (Silvester?), immer gut beobachtet vom Tour-Organisator. Das war ja sowieso ein etwas bunter Vogel, ein feiner und sehr interessanter Mensch. Er trug, entgegen der damaligen Kletterer-Kleiderordnung, keine Kniebundhose und definitiv keine roten Socken. Und – das war das Faszinierendste überhaupt – er kletterte mit diesen modernen profillosen Kletterschuhen. Das machte den Mann noch spannender. Zudem trug er weisse Malerhosen beim Klettern! Die Haare trug er, wie ich auch (ja, ich hatte einst viel von den Dingern auf dem Kopf), lang. Revolution! Roland S. und ich fanden das absolut spannend. Da ich in einer gut bürgerlichen und gut behüteten Umgebung aufwuchs, interessierte mich Revolution doch sehr. Das war auch die Zeit, an dem ich zum Leidwesen meiner Umgebung zum leidenschaftlichen Liebhaber von Heavy Metal wurde und bis heute, trotz mehrmaliger lieb gemeinter Versuche der Neuorientierung, geblieben bin. So ein „Motörhead“ von Lemmy auf dem Album „No Sleep ‚til Hammersmith“ ist einfach nicht zu überbieten! In 3 Minuten ist alles gesagt! Und exakt wegen diesem Album heisst die Route „Motörhead“ am Eldorado Motörhead.

Die Tour an den Brüggler blieb in lebhafter und sehr guter Erinnerung. Der Tour-Organisator brachte uns alle wieder gesund und munter nach Hause und das Leben nahm seinen gewohnten Lauf mit viel interessanter Arbeit in meiner kaufmännischen Lehre bei den Basler Versicherungen. Irgendwann hörte ich, dass der Tour-Organisator nun definitiv über dem Limit von allen klettern solle, nun also noch besser als die Besten war. Ich wusste doch, dass Revolution etwas bewirkt und ich war sehr stolz, dass ich mit ihm am Brüggler unterwegs gewesen war.

Es vergingen Jahrzehnte, bis wir uns wieder sehen sollten. Es war an einem Silvesternachmittag im B2, Europas bester Boulderhalle. Ich erkannte ihn sofort und ich musste allen Mut zusammennehmen, um ihn anzusprechen. Das will bei mir ja schon etwas heissen! Er schwebte und schwebt für mich als Lichtgestalt des Freikletterns im Basler Jura über allem. Wir verabredeten uns, dass wir zusammen seine legendäre „Illusion“ an der Daumen Ostwand klettern wollen. Die „Illusion“ ist die erste Route, welche im Basler Jura mit VII- bewertet wurde, also höher als der damals gültige Maximalwert von VI+. Und wieder verloren wir uns etwas aus den Augen, allerdings wissend, dass wir noch dieses Projekt zu erledigen hätten.

Ich konnte dann doch nicht die Finger von der „Illusion“ lassen und kletterte sein Meisterstück im Februar 2014, so ziemlich auf den Tag genau 35 Jahre nach der Erstbegehung. Wir trafen uns immer wieder an verregneten Samstag-Nachmittagen im B2 und ich lernte enorm viel vom Meister des Bouldern. In der Zwischenzeit dürfte es den Locals in der Umgebung von Basel klar sein, um welchen Kletterer es sich handelt: Richi Signer

An einem heissen Samstag anfangs September 2016 ergab es sich, dass Roland U., Richi und ich zusammen an den Rochers du Midi unterwegs waren. Ich sicherte Richi in seiner Aufwärmtour. Erst als er wieder neben mir stand realisierte ich, was passiert war. Rund 40 Jahre nach dem Brüggler-Abenteuer und damit Jahrzehnte später kletterte ich zum ersten Mal zusammen mit meinem Idol aus jungen Jahren. Keiner realisierte Gott sei Dank, dass ich vor lauter Glück zwei kleine Tränen aus meinen Augen wischte.

So schloss sich der Kreis und es sollte der Beginn eines wunderbaren Herbstes 2016 mit der fantastischen Trilogie + 1 werden. Manchmal dauert es einfach etwas länger bis zur Première und zu einem guten Start in eine wunderschöne Zukunft.