Wednesday, April 20, 2016

Top-Rope

von Markus

Eine unwahrscheinlich harte Arbeitswoche liegt hinter mir. Als ich im Zug sitzend in Basel ankomme, freue ich mich jedoch sehr auf das nun kommende Fest. Es ist der 1. April (kein Scherz), Freitagabend und kurz vor halb acht Uhr treffe ich in der Wohnung von Marc ein. Er feiert seinen Gebrutstag und ich darf sein Gast sein. Es kommt exakt so, wie es nicht anders zu erwarten war. Es wird ein durch und durch fröhliches und gelungenes Fest und hier nochmals ein herzliches Dankeschön, dass ich diesen wunderbaren Abend zusammen mit dir und deinen Freunden verbringen durfte.

Entgegen den Erwartungen komme ich am Samstagmorgen gut aus den Federn und ich freue mich auf einen Klettertag an der Falkenfluh. Die Falkenfluh gehört nun nicht zu meinen Lieblingsgebieten. Zu oft hat mir der Fels sprichwörtlich die Krallen gezeigt und mich auch in einfachen Routen abblitzen lassen. Doch allein die Aussicht nach einer Woche ohne Fels- oder Plastikberührung endlich wieder Klettern gehen zu können, löst in mir Glücksgefühle aus.

Der Fels ist trocken, beste Bedingungen. Ich habe nicht den Hauch einer Idee, was ich denn nun an der Falkenfluh unternehmen will. Der Kopf ist leer und es ist kaum Energie vorhanden, in irgendeine schwere Route einzusteigen. Ich bin einfach nur glücklich hier zu sein und es braucht nicht einmal Felskontakt um vollkommen zufrieden zu sein. Doch einfach nur hier sein und nichts machen - das ist nun auch nicht mein Ding. Wenn schon - denn schon. Ideen müssen her und schon bald werde ich fündig: „Feierabendriss“ - in der Fluebible mit 5a bewertet. Diesen Riss habe ich schon vor Jahrzehnten geklettert, ich muss mich aber sehr anstrengen um herauszufinden wann das war. Ich mag mich noch an folgende Kombination erinnern:

- Rotes Karohemd der Marke Ultradick (es musste ja lange halten!)
- Beigefarbene Manchester-Kniebundhose Marke „Eigenbau“ (es durfte nicht teuer sein)
- Schwarze und äusserst schwere Bergschuhe (die mussten ewig halten)
- Schwarz-rote Socken (definitiv nicht rote!)
- Ein grauenhaft langer Anstieg (von Duggingen hoch...)
- Schweissnass
- Sonne, Hitze
- Höllenrespekt
- 2-Gang Töffli der Marke Condor Puch, Farbe blau
- Roland S. (Töffli Marke Ciao, Farbe Orange), Peter (Velo) und Olivier (Velo)
- grünes 40 Meter Seil, 11 Millimeter dick
- Sonntag

Voller Freude tigere ich zum „Feierabendriss“ und werde allein schon beim Anblick des Risses einmal mehr sehr ehrfürchtig. Da bin ich hochgeklettert? Sagenhaft! Ich war seinerzeit schon ein mutiger Kerl! Und heute? Bin auch mutig?

Ich bin sehr glücklich, dass Jüschi mir in seiner gewohnt lockeren und souveränen Art die Express in die Route hängt und ich mich mit einem Seil von oben in die Route wagen kann. Top-Rope, herrlich, angenehm! Herrliche Kletterei erwartet mich bis....exakt bis zu diesem einen nun umgebogenen Hartstahl-Haken, an dem ich seinerzeit mit meinen Leiterli gehangen bin und von dort auch in perfekter A1-Manier mich bis zum Ausstieg hochgezittert habe.

Mich fasziniert immer und immer wieder die Fähigkeit unseres Gehirns. Da stehe ich nun auf einem heutzutage richtig grossen Tritt (seinerzeit muss das eine äusserst schmale Leiste gewesen sein) und erinnere mich innert Millisekunden an die Zeit von vor 40 Jahren. Da ich in der Computer-Industrie arbeite und mir die Leute immer wieder erzählen, dass die Computer sehr bald so gut sind wie unser Gehirn (Stichwort: autonomes Fahren) ziehe ich in solchen Momenten immer Vergleiche – leider mit dem Computer immer als grossem Verlierer. In solchen Momenten stelle ich mir immer wieder vor, wie viel Aufwand es wäre, solche Erinnerungen, auf irgendeinem Medium aufgezeichnet, wieder abzurufen. Die Antwort ist ganz einfach: Schlicht unmöglich. Es geht ja noch weiter. Ich stehe so auf dem Band und erinnere mich an die Hitze, ich spüre die Wärme der Sonne auf dem viel zu dicken Hemd, ich spüre wie die Füsse in den Wollsocken im Schweiss ertrinken, ich spüre, wie der Durst die Kehle austrocknet und ich spüre auch die Angst, die ich seinerzeit hatte. Unser rund 1500 Gramm schweres hochentwickeltes Organ im Kopf wird noch über Jahrhunderte jedem Computer dramatisch überlegen sein. Das ist zumindest zu hoffen.

Es gelingt mir, die Rätsel der Route zu entschlüsseln um sie rotpunkt klettern zu können. Doch ein zweiter Top-Rope-Durchgang muss zwingend sein, um die gefundenen Lösungen nochmals überprüfen zu können. Für die für mich nicht ganz so einfache Schlüsselstelle (Risskletterei – meine „Spezialität“) finde ich eine mir passende Lösung mit einem traditionellen Beinklemmer. Das gibt Sicherheit. Noch im zweiten Top-Rope-Durchgang entscheide ich mich, dass ich einen Vorstieg in dieser Route definitiv vertagen werde um mit einem dritten sehr guten Top-Rope-Durchgang die Erkenntnisse zu sichern und um zufrieden nach Hause gehen zu können.

Wie ich so mit Jüschi rede und das Seil so im Top-Rope hängen sehe, erinnere ich mich an eine klare Aussage von Marc. Ich als Top-Rope Fanatiker kann der Aussage zwar zustimmen, aber wo Marc recht hat, da hat er recht. Die Aussage erinnert mich irgendwie an die Emotionslosigkeit des Terminators von 1984. Der sagte nicht viel. Doch was er sagte, das war dann schon sehr relevant. Wir alle kennen den Satz "I'll be back" und was danach geschah. So verhält es sich auch mit den zwei Sätzen. Die sind ganz einfach, kompromisslos und glasklar

Es gibt keine guten Top-Rope-Versuche. Top-Rope ist immer eine Niederlage.

Oha! Was ist zu tun? Mit einer Niederlage nach Hause gehen? Irgendwie regt sich nur ganz schwacher Widerstand gegen die sich abzeichnende Niederlage. Eine solche Niederlage ist jederzeit problemlos verkraftbar. Oder doch nicht? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich dem ersten Satz zustimmen. Es kann wirklich keine gute Top-Rope Versuche geben. Es kann nur gute richtige Versuche geben! Ich überprüfe nochmals die Sicherheits-Situation in der Route und entscheide mich für einen Vorstieg. Noch beim Gang zum „Feierabendriss“ wird mir mulmig im Magen. Doch da kommt aus einer anderen Ecke des gleichen Gehirns der Satz „sei doch nicht immer so ein elender Schisshas“

Ein letzter Sicherheits-Check, die Schuhe machen sich angenehm schmerzhaft bemerkbar und los geht die Reise. Ja, und es kam, wie es kommen musste. Ich konnte alle neu gelernten Bewegungen erfolgreich und fehlerfrei aneinandersetzen und den „Feierabendriss“ nach rund 40 Jahren auch rotpunkt klettern. Beim Durchstieg wird mir bewusst, welch wunderschöne Linie der „Feierabendriss“ ist - um Jüschi zu zitieren: eine echte „King Line“

Wie immer, war Richi der Erste, welcher diese Route rotpunkt durchsteigen konnte. Dies war im Jahr 1976 und er bewertete die Route richtig mit 5a. Weshalb 5a oder besser mit V? Seinerzeit war klar, dass ein Riss nie mehr als V sein kann. Und aus V wurde dann 5a. Aber dieses 5a aus dem Jahre 1976 hat nicht viel mit dem 5a aus dem Jahre 2016 gemeinsam.

1 Woche später bin ich wieder mit meinen Freunden an der Falkenfluh unterwegs. Immer noch hallt der Satz „Top-Rope ist immer eine Niederlage“ nach und so entscheide ich mich nach über 40 Jahren auch den Santa-Maria-Riss direkt im Vorstieg ohne vorheriges Top-Rope zu klettern. Einmal mehr schwappen die Erinnerungen aus längst vergessener Zeit zurück in mein Leben, als ich bei der Schlüsselstelle statt in einem Leiterli stehend, diese grossen Tritte und Griffe für das Weiterkommen benütze. Es ist herrlich, durch den Santa-Maria-Riss zu surfen und einfach nur geniessen zu können.

So hat die Saison 2016 für mich bestens begonnen und ich freue mich auf ein paar interessante und spannende Abenteuer. Der Pläne und Ideen sind viele… 

Und vielleicht gibt es ein paar gute Top-Rope Durchgänge weniger. Ich arbeite daran. Versprochen.

Saturday, April 16, 2016

Salamander, Ingelstein

von Markus

Der alte Jurasaurier an der Schlüsselstelle (Danke Richi)
...und jetzt mit der rechten Hand weiter zu gutem Griff, mit links an das offensichtliche Einfinger-Loch, den Körper näher an die Wand ziehen und es fällt mir nur noch ein literarisches Meisterwerk ein:

Hier steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.

Faust. Eine Tragödie von Johann Wolfgang von Goethe. Eine andere Tragödie wiederholt sich bei mir ein weiteres Mal. Planlos hänge ich an der Schlüsselstelle und wünsche mir sehnlichst mein Leiterli zurück. Leiterli zählen seit 1977 in dieser Route nicht mehr! Die vorausgesagten Regentage werden mir helfen, im B2 die notwendige Fingerkraft für diesen Zug anzutrainieren. Aber – was ist passiert?

Ja, es ist eine nicht zu unterschätzende Crux. Soll ich nun über das Erlebte etwas schreiben? Ist es  nur für mich spannend? Ist es für die Allgemeinheit spannend? Soll ich einfach dieses Abenteuer für mich behalten? Jedoch ist es so, dass sich verticalsoul immer mehr zu meinen Memoiren entwickelt und die Geschichte vom "Salamander" gehört nun einfach einmal dazu, zu intensiv ist die Beziehung zu dieser Route.

Es ist Samstag, der 6. Februar 2016 um ca. 12 Uhr. Roland U. und ich stehen unter der Route "Salamander" an der Ingelstein. Bereits im Herbst 2015 hatte ich die Idee, nach Jahrzehnten wieder die Route anzuschauen um meinem seinerzeitigen Scheitern noch tiefer in die Augen sehen zu können. Aber – so frage ich mich – war die Route immer schon so hoch? Da habe ich mir aber wieder ein schönes Projekt angelacht...

Salamander an der Ingelstein
Auf meine eigentümliche Art wird das Top-Rope installiert. Erst beim Ablassen wird mir bewusst, dass das 70-Meter-Seil eventuell nicht reichen könnte - eine neue Dimension der Herausforderung. Bis dato hatte ich immer das Vergnügen, mit meinen Gspänli auf einem bequemen Band mitten in der Route einen wohlverdienten Standplatz zu geniessen und mich zu verpflegen, bevor die zweite Seillänge in Angriff genommen wurde. Ich hatte immer den Job gefasst, den Rucksack mit an den Stand zu bringen.

Der "Salamander" hat für mich eine unglaublich intensive Geschichte. 1978 – Richi hatte die Route bereits rotpunkt geklettert und den damals üblichen roten Punkt an der Wand angebracht - wollten Roland S., Peter, Olivier und ich auch die Route klettern. Rotpunkt – natürlich. State of the Art! Meine Freunde waren mir in Sachen Klettern deutlich überlegen. Jetzt weiss ich einfach nicht mehr, ob sie die Route je rotpunkt klettern konnten oder nicht. Jedoch weiss ich ziemlich genau, dass ich nie, aber auch überhaupt nie irgendwas in der Route zustande brachte. Ich kletterte sie immer im Nachstieg, mit ganz viel Seilzug und immer mit Leiterli bewaffnet. Das gab mir ein gutes und sicheres Gefühl, machte mich zum Favoriten des Rucksacktragens (aka Sherpa) und ich kam auch immer bis ganz oben.

So stehen Roland U. und ich unter der Route und fragen uns, wie denn überhaupt in die Route eingestiegen werden soll. Gemäss meinen Erinnerungen geht die Post gleich ganz unten ab. Heute jedoch sehe ich die Route mit andern Augen. Getreu der Information von Richi – "wir wollten einfach hochkommen, die Schwierigkeit war uns egal" – sehe ich links den offensichtlichen Einstieg. So klettern wir locker flockig bis zum 3. Bolt und dann ist für beide erst mal Schluss. Irgendwie wursteln wir uns über die Schlüsselstelle um den oberen Teil dieser wunderschönen Route klettern zu können. Es wird Rissklettern verlangt – meine absolute Spezialität. Einmal mehr bleibe ich mitten in diesem vermaledeiten Riss stecken und komme weder hoch noch fliege ich raus. Blockade total. Irgendwie gelingt es mir dann doch der Befreiungsschlag und ich kann weiterklettern. Kurz vor dem Umlenker kommt eine knackige aber faszinierend schöne Stelle. Beim Ablassen ist für mich klar: diese Route ist absolut genial, da bleibe ich auf jeden Fall dran.

Aus free climbs im Basler Jura 1979 (Danke Richi)
In der Zwischenzeit ist auch Richi bei uns und erzählt die ganze spannende Geschichte der ersten freien Begehung der Route. Fasziniert höre ich ihm zu. Er erzählt so lebendig und lustig, sodass ich mich ganz einfach in diese längst vergangene Zeit zurückversetzen kann. Wir lachen viel. Er nimmt die Fluebible in die Hand und liest aus Seite 261 vor:

Erster Nachtrag: Bei der ersten Freibegehung wurde tatsächlich irgendwie "beschissen": Um den entscheidenden Tritt an der Schlüsselstelle besser fassen zu können, entledigte sich der Begeher eines Schuhs, um mit dem grossen Zeh...

Richi bestätigt, dass der Schuh einfach zu gross war und die einzige Lösung tatsächlich darin bestand, den Schuh nicht zu gebrauchen. Er meint auch, dass es sehr schmerzhaft gewesen sei. Seeehr schmerzhaft. Äusserst schmerzhaft. Ich schaue mir den Tritt genauer an und allein schon der Gedanke, mit dem blossen Zeh.....Jesses nei....!

Ich steige ein weiteres Mal im Top-Rope in die Route ein und finde für alle schwierigen Stellen gute Lösungen. Auch bleibe ich nicht mehr im Riss stecken, sondern klettere – wie sich das eigentlich immer schon angeboten hat – ausserhalb des Risses hoch. Einzig die Schlüsselstelle will mir nicht sauber gelingen, da fehlt es schlicht und einfach an roher Kraft.

Ein wunderbarer Tag mit vielen Eindrücken und weit über 100 Klettermeter in den Knochen geht zu Ende und ich freue mich jetzt schon riesig, bis ich wieder an der Route arbeiten kann.