Tuesday, December 20, 2016

Trilogie + 1: Zweiter Streich

von Markus

Der Wetterbericht kündigt Regen für den 1. Oktober 2016 an. Das ist mein samstäglicher Klettertag. Was ist zu tun? Ein Plan muss her! Es gibt einen Sektor an den Rochers du Midi, an dem auch bei starkem Regen geklettert werden kann. Der Sektor ist von einem grossen Dach geschützt und so fällt seit vielen Jahren kein Wasser über die Felsen. Es ist ein etwas staubiger Sektor.

Nun gut, besser sich an staubigen Felsen bewegen, als in der Magnesia-Hölle zu schmoren. Ich gehe sehr gerne ins B2, doch an einem Samstag versuche ich den Gang in eine Kletter-Halle so gut wie nur irgendwie möglich zu vermeiden. Am Samstag kann das Training warten.  Während der ganzen Woche sitze ich viel im Zug und im Büro. Einmal pro Woche tut auch mir frische Luft gut.

Wie vereinbart, treffe ich Richi in Oberwil und wir machen uns auf den Weg zu den Rochers du Midi. Das Auto kennt den Weg in der Zwischenzeit ganz von alleine, es fährt ruhig vor sich hin. Das Wetterradar verheisst nichts Gutes, es kündigt eine grosse Wolke auf 12 Uhr im Bereich Courrendlin an. Das ist mir jedoch völlig egal, denn es gibt ja diesen einen immer trockenen und staubigen Sektor. Kurz vor Courrendlin meint es Petrus sehr gut und öffnet die Schleusen. Es ist könnte ein lokaler Schauer sein - oder auch nicht. Es regnet so heftig, dass Klettern im Staub-Sektor auch nicht wirklich Freude machen wird. Kurzentschlossen sagt Richi: „Arête spéciale!“ „Oh ja! Das ist eine sehr gute Idee“ entgegne ich Richi. „Den Spez habe ich vor über 10 Jahren das letzte Mal geklettert. Juhui.“ Die Fahrt geht zügig weiter und schon bald sind wir in Moutier. Ein kritischer Blick an den Himmel verheisst weiter nichts Gutes und wir lassen den Spez links liegen. Wir fahren weiter Richtung Plagne. Es ist immer wieder schön, durch den Jura zu fahren, wären nur nicht diese dunklen Wolken am Himmel. Hmm... In Plagne angekommen beginnt es auch dort zu regnen. Oh Jesses! Mental mache ich mich auf eine lange Rückreise nach Pratteln ins B2 gefasst. Offenbar hat es nicht sein sollen, dass wir an diesem Samstag draussen klettern. Richi sieht sicher meinen etwas enttäuschten und verzweifelten Gesichtsausdruck. Er überlegt 5 Minuten, dann ist der Entscheid gefasst. Wenn wir schon ins B2 gehen, dann können wir von Plagne aus auch durchs Mittelland via Härkinger-Dreieck nach Pratteln fahren. Vielleicht ist das Wetter im Mittelland besser. You never know. No Risk – No Fun.

Und tatsächlich ist es so. Das Wetter im Mittelland ist deutlich besser. Es ist trocken, die Wolken hängen tief, sehr tief. Es wird jedoch sicher nicht in den nächsten 2 Stunden regnen. Plötzlich sagt Richi: „King Way!“ Und ich frage: „King Way?“ Richi antwortet: „King Way!“

Und dann rattert es ganz gehörig meinem Hirn. Ich grabe alle Informationen über die Route aus. Viel Gutes habe ich gehört und sehr viel Schlechtes. Das Schlechte zuerst: brüchig, brüchig, brüchig. Schwierig zu lesen, nicht gut gesichert, blöde Quergänge, unlohnend. Das Gute: traumhafte Route in gutem Fels, manchmal nicht ganz so kompakt, fantastische Linie hoch über Oensingen, sehr gut gesichert, sehr lohnend. Ich glaube an das Gute.

Wir parkieren das Auto und tigern zum Einstieg hoch. Ach, muss ich keuchen bis ich am Einstieg bin. Und dann sehe ich endlich den Bränten und erschrecke. Jesses – einen solchen  Bruchhaufen habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen geschweige denn daran geklettert. Wird der Fels mein Gewicht überhaupt tragen? Und dann der Einstieg, da komme ich nicht mal den ersten Meter hoch. Oh wei, da habe ich mich aber auf ein grosses und spezielles Abenteuer eingelassen.

Nach einer kurzen Stärkung schreiten wir zur Tat. Richi steigt vor und nach kurzer Zeit höre ich von weit oben „Stand“. Schnell binde ich mich ins Seil ein, rücke den Klettergurt zurecht, öffne das Säckchen mit dem Lügenpulver und ärgere mich einmal mehr über meine Kletterschuhe. Bis ich die jedes Mal geschnürt habe... Ich weiss, es gibt Alternativen. Die liegen zu Hause im Schrank und warten auf den Einsatz. Ein letzter Check, alles perfekt und los geht die Reise. Der erste Meter ist jetzt doch nicht so schwer, wie ich mir das vorgestellt habe. Und entgegen des ersten Eindrucks finde ich nicht einen losen Griff oder Tritt. Sollte das Gute tatsächlich siegen? Das Klettern macht richtig Freude, alles passt perfekt und nach gefühlt 30 Sekunden stehe ich am ersten Stand, einem sehr bequemen Standplatz. Eine wunderbare Seillänge liegt hinter mir. Was wird die zweite Seillänge bringen? Nach einem kurzen Quergang nach links stehe ich unter einer fantastischen Wand. Ich klettere wie in Trance über bombenfesten Fels und - shame on me - benutze die von einem engagierten Kletterer üppig verteilten Tickmarks. Das erleichtert das Leben ungemein. Wobei – die Tickmarks würde es gar nicht brauchen, so gross und ideal verteilt sind die Griffe. Gegen Ende der Seillänge treffe ich ein Kuriosum aus längst vergangener Kletterzeit an. Es ist eine grosse Schrauben-Mutter, durch deren Loch eine Schlinge gefädelt ist. Ich hätte nie gedacht, dass ich im Solothurner Jura eine Keilkonstruktion aus der frühesten Zeit des Freikletterns entdecken würde. Richi erklärt mir anschliessend, was es mit dieser Konstruktion auf sich hat. Und einmal mehr bewundere ich die Genialität des menschlichen Geistes Dinge zu erfinden, um dem liebsten Hobby nachgehen zu können. 

Richi im Quergang der 3. Seillänge (Danke Richi für das typähnliche Bild)
Seillänge 3 steht an. Das ist nun dieser legendäre Quergang. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet. Richi verschwindet nach wenigen Metern Querung aus meinem Blickfeld. Im gleich bleibenden Rhythmus gebe ich das Seil aus und geniesse den Ausblick ins Mittelland. Dunkle Wolken türmen sich immer höher auf. Das Meeresrauschen der Mittelland-Autobahn ist unüberhörbar. Ein stetes Rauschen, tagein und tagaus. Immerwährend...

Ein Pfiff signalisiert, dass Richi den Standplatz erreicht hat. Sofort mache ich mich bereit und freue mich auf das Klettern. Das Seil vor meinem Bauch spannt sich. Los geht’s. Der Quergang liegt nach einem etwas mutigen Handwechsel nach wenigen Sekunden hinter mir. Jetzt kommt die Schlüsselstelle. Wie klettert sich die? Keine Tickmarks weit und breit. Dann müssen halt wieder die Erfahrung und das Können herhalten. „Aha“ sage ich zu mir, „dort oben ist der Zielgriff“. Das wäre mal geklärt. Nur – wie komme ich dorthin? Ich sehe kleine Griffe und Tritte vor mir und dann plötzlich diesen Henkel! „Wow“ – so eine super Kletterstelle habe ich schon lange nicht mehr gelöst. Der Fels ist herrlich kompakt, Griffe und Tritte wohin das Auge reicht! Sensationell! Aha. Und nun kommt der zweite Quergang wiederum durch bombenfesten Fels. Hei, macht das Spass, diesen Quergang zu klettern. Die Griffe und die Tritte passen perfekt aufeinander. Die Erstbegeher hatten schon ein sehr gutes Näschen für die beste Routenführung am Bränten. Die letzten Meter lassen mich ganz vorsichtig klettern. Im Gegensatz zu den vorherigen Metern, ist die Brüchigkeit des Felsens nun real. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die vielen Bolts zur Absicherung dienen oder ob sie den Fels zusammenhalten sollen. Nun denn – 7 Meter etwas nicht ganz so stabiles Gelände tun dieser fantastischen Linie keinen Abbruch. Über Grasstufen erreichen wir den „Gipfel“ des Bränten. Von ganz oben geniessen wir die Aussicht über das Mittelland, das Meeresrauschen und den Blick auf die mittlerweile dunkelschwarzen Wolken. Wir steigen ab und kaum sind wir bei unseren Rucksäcken, beginnt es auch schon zu regnen. Perfektes Timing.

Dieses war der zweite Streich
Doch der dritte folgt sogleich

Wednesday, December 7, 2016

Trilogie + 1: Erster Streich

von Markus

Ich klettere sehr gerne in Mehrseillängen-Routen. Das gibt mir das Gefühl, etwas für mich Bedeutsames zu bewirken. Es ist wirklich wunderschön, gut gesichert an einem bequemen Stand zu stehen und den Kletterpartner entweder im Nachstieg zu sichern oder ihm im Vorstieg die volle Konzentration zuteilwerden zu lassen. Das Abenteuer ist allgegenwärtig, im Vorstieg ist alles onsight und immer ist Rechenschaft darüber abzugeben, ob alles okay und sicher ist. Es ist entscheidend zu erkennen, wie sich die Gesamtsituation darstellt.

In meinen bevorzugten Klettergebieten im Basler Jura gibt es nun nicht die Art von Mehrseillängen-Routen, die ich bisher suchte. Über Jahrzehnte war es klar für mich, dass es so etwas in unserer Gegend nicht gibt. Das sollte sich ändern, als ich mit Chris häufig in der Gorge du Court kletterte und er mir die Augen für tolle Anstiege öffnete. Ganz schnell türmten sich meine Kletterwünsche zu einem riesigen Berg, doch hatte ich keine Ahnung, nicht den Hauch einer Idee, wie ich denn diese Ziele je erreichen sollte. Alle Kletterer, die ich kenne, die klettern in einem Bereich, der im positiven Sinne so weit weg von mir ist, dass ich mich nicht traue, sie auf meine Pläne anzusprechen. Vielleicht ist das auch nur eine falsche Scheu von mir? Ich weiss es nicht. Ich liess die Zeit gewähren im vollen Vertrauen darauf, dass irgendwie und irgendwann sich alles ohne mein Zutun ergeben würde. Mein Vertrauen sollte sich auszahlen.

Am 24. September 2016 passte zum ersten und definitiv nicht zum letzten Mal alles zusammen. Mein erster Traum sollte in Erfüllung gehen.

Ein herrlicher Samstag sollte es werden, ein prächtiger Klettertag. Richi und ich verabreden uns für die „Joe Brown“ an den Rochers du Midi. Schon vor vielen Jahren wollte ich diese Route klettern, aber es passte einfach nie und so vergass ich sie einfach.

Wir treffen uns in Oberwil und auf der Fahrt nach Courrendlin unterhält mich Richi mit vielen Geschichten und Erlebnissen aus seinem ereignisreichen Leben. Die Fahrt vergeht im Nu und schon bald stehen wir auf dem Parkplatz unterhalb der Felsen. Wir packen die notwendigen Sachen und nehmen den Weg zur Route in Angriff. Dort angekommen sehen wir, wie bereits eine Seilschaft in der Route klettert. Wir können uns also alle Zeit der Welt nehmen. Wir diskutieren über Gott und die Welt und natürlich über das Klettern. Mich interessiert es brennend, wie denn die Geschichte des Kletterns im Basler Jura geht. Ich war seinerzeit aussen vor, Richi mittendrin. So erfahre ich viele spannende Einzelheiten aus der Anfangszeit des Freikletterns im Basler Jura. Eigentlich ist dies eine derart spannende Geschichte, dass darüber unbedingt ein Buch geschrieben werden sollte.

Doch irgendwann ist auch die schönste Geschichts-Stunde zu Ende und wir gehen die „Joe Brown“ an. Locker, leichtfüssig und elegant klettert Richi die erste Seillänge hoch. Ich kann keine Anstrengung erkennen, Richi ist in Top-Form. Ich binde mich ins Seil ein, schnüre die Schuhe und ab geht es. Herrliche Kletterei in einem für mich idealen Schwierigkeitsgrad darf ich erleben. Es macht derart viel Spass diese Route zu klettern, es ist ein unbeschreibliches Erlebnis. Beim ersten Stand angekommen ahne ich, dass nun ein richtig schwieriger Move das weitere Vorwärtskommen arg in Frage stellt.

Offenbar sieht Richi, wie ich diesen ersten Move mit Argwohn beäuge. Es sieht wirklich nicht einfach aus. Aber wie Richi halt so ist, erklärt er mir, wie die Situation zu lösen ist und demonstriert das gleich vor. Richi klettert weiter und immer wieder höre ich nur begeisternde Worte. Es müssen top Bedingungen herrschen. So stehe ich gut gesichert an einem sehr bequemen Stand, es ist herrlich ruhig, unter mir kreist geräuschlos ein Bussard und von oben höre und spüre ich reines Klettervergnügen. Richi beendet die zweite Seillänge und nun ist die Reihe wieder an mir. Gleich zu Beginn kopiere ich die mir gezeigte Bewegungsabfolge und siehe da, ich löse dieses Problem ohne irgendwelche Mühe. Meine Herangehensweise an das Problem hätte mich sehr viel Kraft gekostet und so richtig super wäre es auch nicht gewesen. Und wieder habe ich etwas gelernt! Die zweite Seillänge ist von unbeschreiblicher Schönheit. Mein Kletterkönnen passt wieder perfekt zum Schwierigkeitsgrad und ich geniesse jeden Zug der Seillänge. Schritt um Schritt klettere ich höher in bestem Fels mit Griffen wie ich es mag und Tritten wie ich sie nötig habe. Ein Move besser als der andere, tatsächlich herrschen beste Bedingungen mit trockenem Fels und idealen Temperaturen. Ich durchlebe ein einmaliges Klettererlebnis, ein wunderschönes Abenteuer.

Am Stand angekommen will ich mich festbinden. Doch Richi meint, dass ich sicher die letzte Seillänge im Vorstieg klettern könne. So mache ich mich auf den Weg. 1. Bolt, 2. Bolt, herrliche Kletterei im Bereich 5a. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich nicht so hetzen sollte, denn wenn ich oben angekommen bin, geht mein Traum in Erfüllung. Und eigentlich möchte ich doch noch lange träumen dürfen. Es führt jedoch kein Weg an der Wirklichkeit vorbei und schon bald stehe ich am Ende der „Joe Brown“. Wenige Minuten später steht Richi neben mir. Geschafft! Unsere erste gemeinsame Mehrseillängen-Tour ist damit Wirklichkeit geworden.


Dieses war der erste Streich,
Doch der zweite folgt sogleich.