Thursday, December 31, 2015

Goldener Herbst

von Markus

Phänomenal. Einfach phänomenal. Besser geht nicht. Es kann nicht besser werden, nein. Damit meine ich natürlich nicht meine Leistungen beim Klettern. Beim Klettern gibt es bei mir noch ganz viel Steigerungspotenzial. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut und so hege ich die leise Hoffnung, dass bis ganz zum Schluss doch noch etwas aus mir wird. Das B2-Abo habe ich in der Zwischenzeit auch wieder verlängert. So schnell gebe ich nicht auf.
 
Falkenfluh
Phänomenal ist das Wetter, sind die Bedingungen am Fels. Trocken, sehr angenehm und ganz viel Grip. Ich erinnere mich noch gut an meine Ferien von Anfang Oktober. Nass, kalt, windig, der Herbst kündigte sich an und ich hatte schon den Trainingsplan fertig entwickelt. Normalerweise feiere ich meinen Geburtstag anfangs Dezember bei Regen, Schnee oder sonstigem Sauwetter und das Training dauert von Mitte Oktober bis zu dem Moment, an dem ich dann definitiv überhaupt keine Lust mehr für ein Training entwickeln kann. Das ist irgendwann im Februar, spätestens jedoch im März. Dann treibt es mich auch bei Regenwetter raus. Das ist die gute Sache, wenn man sein eigener Trainer ist. Da kann der Trainer ganz spontan entscheiden, was sein Schüler zu tun hat und kann noch spontaner den Trainingsplan umgestalten. Der Trainer hört sehr gerne auf seinen Schützling.

Und just zu dem Tag, als ich mich wieder mit der Arbeit beschäftigen durfte, startet der Herbst sein Feuerwerk.

So gibt es von mir nicht viel zu berichten, die grossen Projekte habe ich vor einiger Zeit abgeschlossen. Jetzt geht es darum, das Leben und das Klettern in seiner ganzen Fülle und Einmaligkeit zu geniessen. 

Wenn der 5b-Kletterer dem 8b-Kletterer...
Ich verbrachte manch schönen Nachmittag in der von mir nicht gerade bevorzugten Falkenfluh, durfte Simon unterstützen und zusammen mit ihm einmal mehr die unglaubliche Faszination Sportklettern in Reinkultur erleben. Zusammen mit Roland ging ich ein paar Herausforderungen an, die nun auf dem Scheiterhaufen der gescheiterten Projekte vor sich hinbrennen. Erfolgreich war ich bei ein paar Uralt-Projekten aus meiner Anfängerzeit. An den Südwänden der Santelhöchi konnte ich bei schönstem Wetter und prächtigsten Herbstfarben unter anderem die wunderschöne Route „Traumtanz“ klettern. Am Gempen, an einem strahlend schönen Mittwochnachmittag, konnte ich endlich die Route „Rock shames“ gleich rechts von „Sen“ durchsteigen. Ein Geburtstagsgeschenk, welches ich mir selber machen konnte.

Faszination Sportklettern. Simon in "Le paradis sur terre"
 
Farbenflash auf dem Nachhauseweg von der Santelhöchi

La Jacoterie - Sektor Marco
Einen weiteren wunderbaren und fast schon sommerlich warmen Tag in „La Jacoterie“ (oder doch Charcuterie?) konnte ich mit „Ici et maintenant“ abschliessen. Das ist eine traumhaft schöne Route mit dem richtigen Namen. Es wird immer gesagt, man soll das Hier und Jetzt leben. An diesem super Tag zusammen mit Chris gelang mir dies vorzüglich.
 
Auch der Muggeberg war ein Ziel in diesem Herbst. Zusammen mit Martina und Chris durfte ich einmal mehr herrliche Stunden verbringen und mein Projekt – die leichteste Route am Mugge – weiter bearbeiten. Ich gebe die Hoffnung nicht auf – diese 6a werde ich dann auch noch irgendwann schaffen. Und sei es nach einem stahlharten Training und monatelangem Extrem-Stretching. Diesbezüglich müssten sich der Trainer und der zu Trainierende endlich einmal an einen Tisch setzen und sich einigen.

Ich könnte jetzt noch lange über das schöne Wetter, super Trainingspläne, gekletterte Routen und Projekte schreiben, interessieren tut das ja eigentlich niemanden. 

Doch dann begann eine für mich wunderbare Geschichte ihren einzigartig schönen Lauf zu nehmen. Dazu demnächst mehr...

Wednesday, October 21, 2015

Zufriedenheit

von Markus

"Schreibst du noch etwas über den Albatros?" fragte mich letzten Samstag Marc, als wir zusammen an einem grauen, nebligen und kalten Tag einmal mehr an der Schauenburg waren. Ganz spontan antwortete ich "Ja". Dabei wusste ich, dass ich nichts zu schreiben hatte. Dass nun dieser Aufsatz auf verticalsoul zu lesen ist, ist einzig Marc zu verdanken. Denn eigentlich wollte ich nichts über "Albatros" schreiben. Was war an dieser Begehung denn so speziell? Nichts. Es fällt mir nichts dazu ein, was den wirklichen Unterschied ausmachte.

Es war kein Heavy Metal nötig. Es waren keine Räucherstäbchen für das Abdriften in höhere Sphären, keine weissen Linien, auch keine Aufputschmittel im Tee notwendig. Ich musste keine extraharte Diät durchziehen. Selbst über die Temperaturen konnte ich mich nicht beklagen. Es war einfach ein schönes und intensives Projekt, dass ein gutes Ende gefunden hatte. Damit wäre alles gesagt.

Und doch gibt es diesen einen ganz grossen Unterschied zum Durchstieg von "Fehlalarm". In der Retrospektive und beim Schreiben dieser Zeilen wird mir klar, was den Unterschied ausmachte. Dafür muss ich nun doch etwas über den „Albatros“ schreiben und die Lösung kann ich (leider) erst viel weiter unten verraten.

Etwas jammern muss sein, auch dieses Mal. Bald feiere ich wieder meinen Geburtstag und dieses Mal mit einer Doppelzahl auf dem Zähler. Langsam aber ganz sicher realisiere ich, dass mir zwar noch Zeit bleibt, jedoch nicht mehr so viel, um all die Dinge zu tun und zu erledigen, die ich noch zu tun gedenke. Jetzt ist nicht mehr Quantität angesagt, sondern Qualität. Die Erholungszeit zwischen den Einsätzen, sei es am Fels oder am Plastik, sie dauert einfach länger. Ich bin mir auch bewusst, dass diese Tendenz eher zu- als abnehmen wird.

Qualität ist das Stichwort für 2015 und wird es weiterhin bleiben. Fokussierung auf Qualität, auf Routen, die ich selber als sehr schön empfinde und auch meinem Kletterkönnen entsprechen, keine mühsamen und unlohnenden Hausaufgaben mehr. Ich zitiere hier gerne Dominik, welcher ganz zu Beginn meiner Kletterkarriere über das Projektklettern in etwa folgendes gesagt hat: "Du muesch di fascht e bitzeli in e Route verliebe. Das wird dir helfe, immer wieder an die Route z gho."

Dieses Verlieben geschah vor vielen Jahren bei "Via Kathrin", die ich endlich in diesem Jahr erfolgreich klettern konnte (sh. "Durststrecke"). Dazu gehörte auch "Gummiadler", eine Route, welche ich vor ziemlich genau 1 Jahr kletterte (sh. "Gummiadler"). Natürlich gehört "Fehlalarm“ (sh. „The Good, the Bad and the Ugly“) zu diesen Routen, jedoch hat mir exakt diese Linie in aller Deutlichkeit wieder ins Bewusstsein gerufen, dass Liebe eine Rose mit ganz vielen Dornen sein kann, die sich schmerzhaft ins Fleisch bohren können. Als ob ich das nicht schon vorher gewusst hätte.

Nach dem Durchstieg von "Fehlalarm", war bei mir die „Luft draussen“. Ich war geistig müde und ich war auch körperlich sehr, sehr müde. Zudem begann ein schöner und warmer Sommer seinen Anfang zu nehmen und für mich war klar, dass ich so schnell nicht mehr werde schwer klettern können und müssen. Nach "Fehlalarm" war Roland und mir bewusst, dass im Herbst nun "Der Flug des Albatros" als nächstes Projekt anstand. "Der Flug des Albatros" zieht dort in direkter Linie hoch, wo "Fehlalarm" leicht nach links ausschwenkt (exakt nach The Good). "Der Flug des Albatros" ist eine atemberaubende rund 34 Meter hohe Route an der Schauenburgerfluh, bestens gesichert, kaum Begehungsspuren und mit 6c+ bewertet. Dieses + nach dem c liess uns beide etwas nervös werden, doch in unserem Übermut wussten wir gleich zu Beginn, dass wir die Route werden klettern können. Vor über 4 Jahren kletterte ich zum letzten Mal eine Route in diesem Schwierigkeitsgrad, wobei die damalige Route nicht höher als 12 Meter ist und ich die +-Stelle immer noch suche. Die neu zwingende Auslegeordung bezüglich Qualität ergab: schön und lang, nicht steil, schönes und einfach zu erreichendes Klettergebiet, bestens gesichert, Schwierigkeitsgrad: Limit

Es ist wie immer: ich habe keinen blassen Dunst, wie ich denn je die Schlüsselstelle werde klettern können und Roland kommt mit einer fix fertigen Lösung zurück. Dennoch, es ist da. Dieses gute Gefühl an einer Route zu arbeiten, die wirklich gefällt. In ungewohnt kurzer Zeit haben wir die Lösung für alle Problemstellungen gefunden. Unvergleichlich schnell gehen wir in den Vorstieg. Ich mag mich noch gut an meinen ersten Go am 3. Tag in der Route erinnern. Alles klappt perfekt. Ich sehe mich schon den Umlenker klippen. Dann kommt die Schlüsselstelle und dort straft mich mein Top-Ropen in der Route brutal. Ich weiss genau, wie ich den nächsten Zug machen muss, der fehlende minimale Zug des Top-Rope durchströmt mich mit einer ganz grossen Unsicherheit und lässt mich scheitern. Ganz im Gegensatz zu „Fehlalarm“ hadere ich nicht mit meinem Unvermögen. Ein seltsames Vergnügtsein verdrängt den unbedingten Durchstiegs-Willen. Alles fühlt sich gut an. An diesem Tag bouldere ich eine komplett neue Sequenz aus und eines muss ich definitiv feststellen: meine Kraft und mein Können reichen gerade, dass ich mich an der Schlüsselstelle halten kann. Es geht weder aufwärts, noch geht es abwärts. Die Lösung: mehr Power. Auch bei der Ausrüstung muss ich feststellen, dass meine heiss geliebten Five Ten Blanco das End of Lifecycle erreicht haben. Damit meine ich, dass der Schuh zwar noch absolut ok ist, jedoch seit Neuestem schneidet mir der Schuh derart in die Ferse, dass ich absolut gefühllose Füsse bekomme. Selbst wenn ich die Schuhe nicht binde, werden meine Füsse taub. Im Nachhinein weiss ich, dass die tauben Füsse während des Durchstieges von „Fehlalarm“ das Hauptproblem waren. Nachher ist man immer schlauer...

Petrus meint es gut mit uns und so können wir die Schwäche der fehlenden Kraft im B2 wegtrainieren. Schon bald spüre ich Fortschritte. Der Tennis-Ellbogen schmerzt mich immer noch, rede mir jedoch ein, dass der Schmerz der Indikator dafür ist, dass der Arm noch am Körper ist - sonst wären es ja Phantom-Schmerzen. Auf der Hardware-Seite tut sich auch sehr Erfreuliches. Der Five Ten Blanco wird nicht mehr hergestellt, also greife ich zum neuen Pinky von Five Ten, der für mich beste Schuh aller Zeiten!

Bei nächstmöglichen Mal stehen wir wieder unter der Route. Dieses Mal haben wir mehr PS im Gepäck und auch neue Schuhe. Die Express hängen nach kurzer Zeit wieder in der Route und kurz darauf klettere ich mit den neuen Schuhen durch die Wand. Sagenhaft, was sich da abspielt! Ich weiss, es wird ein wundervoller Go durch die Route werden. Es stellt sich einzig noch die Frage, wann ich das Kunststück schaffen werde. Vielleicht bereits beim nächsten Besuch?

Es ist Samstag, der 3. Oktober 2015. Wie immer hole ich Roland in Basel ab und ziemlich genau 45 Minuten später stehen wir unter der Route. Die Bedingungen könnten nicht besser sein. Noch liegt die Route in der Sonne, deshalb ist an ein Go nicht zu denken. Ich hänge die Express in die Route und überprüfe nochmals die Schlüsselsequenz. Noch mehr Power ist da!

Roland klettert ein letztes Mal im Top-Rope durch die Route und dann gibt es keine Ausreden mehr. Angriff! Ich steige ein, klettere locker bis zur Schlüsselstelle. Ich bin seltsam ausgeruht. Einmal mehr verkaufe ich das Fell des Bären, bevor er erlegt ist. Ich beginne mit der einstudierten Lösung, alles passt perfekt, doch dann passiert mir exakt der gleiche unnötige Fehler wie in "Fehlalarm". Ich treffe mit dem linken Fuss den vorgesehenen Tritt nicht, schwanke daher etwas und aufgrund der sehr schlechten Griffe, kann ich diesen Fehler nicht korrigieren. Sanft vom Seil aufgefangen lache ich voller Vergnügen über diesen Fehler. Denn ich darf noch mindestens einmal durch diese fantastische Route klettern. Es kehrt keine Unzufriedenheit ein, alles ist perfekt und ich bin glücklich.

Um 16:55 des gleichen Tages steige ich nochmals in die Route ein, mein 2. Go. Hatte ich bei "Fehlalarm" noch richtig souveräne Cheerleader bei mir und beim heutigen 1. Go herrliche Ruhe, so habe ich jetzt lediglich 4 schreiende kleine Kinder um mich herum. Das ist jetzt nicht gerade meiner Konzentration förderlich. Normalerweise hätte ich giftig nach unten gerufen endlich mal die Klappe zu halten, dieses Mal nicht. Klar und deutlich höre ich das Gequengle und normalerweise müsste jetzt Heavy Metal die Lärmsituation korrigieren. Ich brauche keinen Heavy Metal. Schon bald bin ich bei meinem zweiten No-Hand Rest und schaue hinunter zu Roland. Ich schaue in verzweifelte Augen, denn ein freundlicher Kletterer hat sein Seil einfach über unser Seil geschmissen und kümmerte sich nicht darum, was denn da oben bei mir so abläuft und wie mühsam Roland plötzlich sichern muss. Ignoranz at its best, völlige Respektlosigkeit. Doch seltsamerweise beunruhigt mich auch dieser Umstand überhaupt nicht. Ich rufe Roland zu, er solle doch bitte einfach das Seil so hinlegen wie es perfekt für ihn passe und er solle sich alle Zeit der Welt nehmen.

Denn ich stehe an einem Ort an der Schauenburgerfluh, den ich nie mehr vergessen werde. Hoch über den Bäumen sehe ich weit ins Land. Ganz weit hinten sehe ich einen sehr grossen Vogel ruhig seine Kreise ziehen. Auf den Baumwipfeln gleich nebenan sehe ich Raben, die sich zwar nicht sonderlich für mich interessieren, jedoch mich klar und deutlich ansehen. Die Raben krächzen miteinander und erzählen sich wohl einen Witz über Menschen, die an Felsen hochklettern. In meinen Gedanken erlebe ich nochmals den Moment vor wenigen Minuten, an dem im absoluten Tiefflug die Super-Conny quer vor der Schauenburgerfluh durchflog. Ein wundervolles Flugzeug mit ganz viel Stil und Klasse und dem entzückendem Sound von 4 Sternen-Motoren. Ich stehe da, ruhe mich aus bis der Puls wieder ganz normal ist und überlege mir, welche Bedeutung Fliegen für uns Menschen hat. Vielfältig sind die Antworten. Es wird mir auch ganz klar, weshalb diese Route "Der Flug des Albatros" heissen muss *). Ganz oben, man kann schon fast in den Umlenker beissen, gibt es nur noch Seitgriffe. Als Kletterer stehst du da, ziehst gleichzeitig mit der linken und der rechten Hand in maximaler Griffdistanz - ähnlich einem Albatros mit weit aufgeschlagenen Schwingen – an Minigriffen, nur um das Gleichgewicht zu halten. Ein winzig kleiner Fehler, ein Bruchteil einer Sekunde ohne Körperspannung und der Name der Route wird zum Programm.

So könnte ich noch lange dastehen und mich dem wundervollen Sein hier oben widmen und meinen Gedanken nachhängen. Von Bad Schauenburg her erklingen plötzlich Alphörner. Wenn das nicht der ideale Auftakt zum Weiterklettern ist? Sorgfältig kontrolliere ich die Situation, hole bei Roland das OK ab und klettere weiter. Zug um Zug passt nahtlos zueinander. Vor der Schlüsselstelle ruhe ich nochmals ganz kurz um frisch und ausgeruht die Schlüsselsequenz klettern zu können. Alles geht erschreckend einfach und nach wenigen Sekunden hänge ich - einem Albatros gleich - kurz vor dem Umlenker. Konzentration auf die Körperspannung! Die Moves sind einfach, bricht jedoch die Körperspannung ab, dann ist Flugwetter. Eine letzte Anstrengung und ich bin beim Umlenker. Geschafft. Ich bin in dem Moment der glücklichste Mensch auf dieser Welt. Um 17:22 habe ich wieder festen Boden unter den Füssen. Die vergangenen knapp 30 Minuten sind in ihrer Brillanz und Klarheit nicht zu überbieten und werden immer in bester Erinnerung bleiben.

Doch, was ist nun der Unterschied zwischen "Fehlalarm" und "Der Flug des Albatros"? Sind es die zusätzlich antrainierten PS? Sind es die Schuhe? Sind es die besseren Bedingungen? Nein, es ist etwas, was ich so noch nie erlebt habe und vielleicht zu den guten Dingen des Alterns gehören. Eines Morgens wachte ich auf und es war einfach plötzlich da: das gute Gefühl der tiefen Zufriedenheit. Mit dieser Zufriedenheit tief in mir drin entwickelte ich eine ganz andere Herangehensweise an das Projekt. Die mir eigene Verkrampfung während der Projektarbeit wich einer Freude, sich mit dem schönsten Sport zu beschäftigen. Die Freude wiederum war die Basis für eine noch nie gekannte Leichtigkeit, Fröhlichkeit und Lockerheit. Es ist wie bei einem Puzzle. Plötzlich fügen sich alle vorher wild verstreuten Teile nahtlos und ohne Anstrengung zusammen. Es liegt nun an mir ganz allein, diese Zufriedenheit nicht mehr zu verlieren.

Der Blutmond vom 28. September (Danke Basil)
Oder waren es doch die Auswirkungen des Blutmondes vom 28. September? Die letzte Supermondfinsternis fand 1982 statt und ich habe sie irgendwie verpasst. Das nächste Mal ist es 2033 soweit. Dann bin ich schon 8 Jahre in Pension und es wird wohl Wolken haben. Ich bin mir ganz sicher: der Blutmond war's.

Für den Chronisten: Roland kletterte am herrlichen Mittwochnachmittag des 8. Oktober bei besten Bedingungen ebenfalls fehlerfrei durch die Route. Herzliche Gratulation!



*) Es wäre sehr schön zu erfahren, weshalb die Route gerade so "Der Flug des Albatros" benannt wurde. Die Interpretation des Namens in diesem Blog ist meiner Fantasie entsprungen.



Monday, October 12, 2015

Kontrastprogramm

von Alex

Schon lange liegen diese Bilder bei mir herum. Bilder von Werner Knüsel.

Bilder vom Klettern aus einer anderen Zeit.

Bilder aus unserem schönen Jura von Basel bis Moutier. Bilder von kämpfenden Kletterern bei Erstbegehungsversuchen.

Werner du hast früher viel geklettert?

"Ja, mal hier mal da, in den 50er Jahren"

Wo warst du unterwegs ?

"Wilder Kaiser, auf den drei Zinnen, Erstbegehungen im Jura, Pelzli, Tüfleten"

Mein Interersse war geweckt :-)

So finde ich Werners Name/Erstbegehungen sogar noch heute in unserer Flue-Bibel und im Jura Führer.
Pelzli:     Alte Route 30.4.1961
Tüfleten: Juniperus communis 1959
Moutier : Face de Moutier 1959
Werner, ich probiere mir das Jura, Klettern, Material in den 50ern vorzustellen.

Erzähl mir etwas davon ?

"Meistens sind wir zu dritt oder viert los, ich war viel mit W.Weibel unterwegs"

Material ? Sicherungen?

"Die meisten Leitern und Haken haben wir selber hergestellt, gabs ja damals nicht viel zu kaufen"

Wo im Jura warst du damals unterwegs ?

"Ich habe höhere Wände bei Delemont/Moutier, sowie einiges in der Region
  Basel erstbegangen."

Als ich Werner das letztemal getroffen habe, war er über 80 Jahre alt.
Mittlerweile ist er zu seiner letzten grossen Reise aufgebrochen.


An die genaue Lokalität der Bilder konnte Werner sich nicht mehr erinnern.
Aufgenommen wurden die Bilder alle im Jura von Basel bis Moutier.

Es existieren noch mehr Bilder, ich will unseren Blog jedoch nicht sprengen :-).

In unserem heutigen Medienzeitalter von EpicTV, 8a.nu, Smartphones und all den anderenTurboinformationsquellen drücken diese Bilder den gewissen Müssiggang bzw. Ruhe aus, die man heute - auch am Fels - als etwas vermisst.




Friday, July 17, 2015

The Good, the Bad and the Ugly

von Markus

Verticalsoul präsentiert den Blockbuster: „Zwei glorreiche Halunken an der Schauenburg“

In den Hauptrollen: Roland und Alter Jura-Saurier
Regie: Kalk Fels
Kamera: Nie Mand
Drehbuch: Na Tur

Nachdem mir am bitterkalten Frühlingsanfang der Durchstieg durch die „Via Kathrin“ gelang, fühlte ich mich natürlich wieder so richtig gut. Selbst das Wetter fühlte sich gut und blieb konstant - schlecht. Es klingt ja wie ein Hohn, denn aktuell durchschwitzen wir alle die wohl heisseste Zeit des Jahres mit ungeahnt hohen Temperaturen. Doch im Zeitraum April bis Juni hat es häufig an den für mich so wichtigen Samstagen geregnet. Das schlechte bzw. instabile Wetter hat mir schon einen dicken Strich durch meine Jahresplanung gemacht. Nun denn, es ist halt so und Gott sei Dank kann das Wetter noch nicht gekauft werden.

Nun aber zu den wirklich wichtigen Ereignissen der vergangenen Wochen. Nachdem ich mein Uralt-Projekt geklettert hatte, ging das Spiel „Nach dem Projekt ist vor dem Projekt“ in eine neue Runde. Irgendwie verspürte ich die Lust, es nochmals mit einer 6c zu versuchen. Würde es nochmals  klappen? Hier geht es weiter zum Tagebuch und zur Antwort:


Samstag, 18. April 2015:

Es könnte gehen. Aber es könnte auch nicht gehen. Die Wettervorhersage ist nicht gerade optimal für den Samstag. Es regnet den ganzen Freitag, aber vielleicht hat ja Petrus ein Einsehen? Und – er hat ein Einsehen. Am Samstagmorgen zeigt sich wunderbar blauer Himmel, alles ist trocken. Keine Frage, heute wird geklettert. Schauenburg ist das Ziel, denn die Sonnenstrahlen werden sicher angenehm wärmen. Es wird ein schöner Klettertag werden. Trotzdem nehme ich die dicke Jacke mit – man weiss ja nie.

Einmal mehr marschieren Roland und ich den Weg zur Schauenburg hoch. Der Weg war letztes Jahr definitiv nicht so steil - und auch nicht so lang! Oben angekommen sehen wir, dass der Fels komplett trocken ist. Die Frage stellt sich nun: welches Projekt gehen wir an? Auf meiner S-Liste stehen noch ein paar leichtere Routen, aber ich habe keine Lust, meine Hausaufgaben weiter zu erledigen. Schon in der Schule hatte ich sehr grosse Mühe damit, mich für Hausaufgaben zu motivieren. Das hat sich bis ins heutige hohe Alter nicht verändert.

Letztes Jahr, als ich mich im „Gummiadler“ abmühte, fiel mein Blick immer wieder auf eine fantastische Linie. Die Route heisst „Fehlalarm“. Bei näherer Inspektion sehe ich, dass die Route ganz neu mit Klebehaken saniert wurde. Dann hat es hoffentlich keine Schauen typischen Runouts mehr drin, so hoffe ich. Heute kann ich beruhigt bestätigen, dass es keine Runouts drin hat, aber immer noch zwingend schwere Züge über dem schon etwas leicht entfernten Bolt zu klettern sind. Das ist auch ein Teil des Spiels mit Namen „Sportklettern“.

Ich hänge die Express auf meine ganz eigene Art und damit erfolgversprechende Weise in die Route und einmal mehr sehe ich weder Tritte noch Griffe. Da hat es ja nichts! Wie soll das gehen? Es sind immer die gleichen Fragen zu Beginn eines Projektes. Roland klettert durch die Route und findet hin und wieder etwas, worauf man stehen und was als Griff im entferntesten Sinne definiert werden kann. Meine erste Erkundungsfahrt durch die Route lässt erste ganz grosse Zweifel am Gelingen aufkommen.

Der Wind bläst seit Stunden unerbittlich. Die Bise reinigt zwar den Himmel von lästigen Wolken, doch die Temperatur ist doch etwas sehr tief geraten. Den zweiten Durchgang durch die Route muss ich in der Routenhälfte abbrechen: tiefgefroren.

Aber – die Route gefällt uns. Wir bleiben dran und hoffen, dass wir uns bald wieder mit unserer selbstgestellten Hausaufgabe beschäftigen können. Selbstgestellte Hausaufgaben löse ich von Herzen gern. Für mich besteht die Route im Moment aus einer 32 Meter hohen Schlüsselstelle mit den etwas schwierigeren Stellen mit Namen „The Good“, „The Bad“ and „The Ugly“.


Mittwoch, 22. April

Es herrscht herrlichstes Kletterwetter, beste Bedingungen. Nach einem etwas anstrengenden Morgen mit gefühlt 1‘000 bearbeiteten E-Mails, habe ich nachmittags frei. Es zieht mich an die Schauen, zu meinem Projekt. Andreas begleitet mich dieses Mal. Für mich wird ein Traum wahr. Andreas und ich kennen uns schon sehr viele Jahre. Doch zu einem gemeinsamen Gang an den Fels hat es bis dato nicht gereicht.

Der Weg hoch an die Schauenburg ist immer noch steil und weit. Wir klettern uns im „Efeu-Riss“ ein. Der „Efeu-Riss“ ist eine Hausaufgabe auf der S-Liste und natürlich mental mit dem Prädikat „Unclimbable“ versehen. Andreas hängt mir das Top-Rope in die Route ein. Dann beginnt mein Kampf mit den Elementen. Zu meinem Erstaunen komme ich recht gut mit der Route zurecht und bleibe nicht – wie bisher immer – im Riss stecken. Ich realisiere, dass ich neben meinem Projekt noch zusätzlich eine meiner Hausaufgaben abarbeiten werde können. Hoffentlich, vielleicht. Ich freue mich darauf.

Das Top-Rope hängt nun in „Fehlalarm“. Ich steige ein und adaptiere Andreas Lösungen. Es gelingt mir, den unteren Teil zu optimieren und komme fast schon frisch an meine erste Schlüsselstelle „The Good“. Auch hier adaptiere ich Andreas Lösung, muss aber feststellen, dass ich dafür einfach viel zu schwach bin. An der zweiten Schlüsselstelle, „The Bad“, finde ich nach langem Suchen eine gute Lösung. Versteckte Griffe und Reibungs-Tritte sind der Schlüssel zum Erfolg. Es sollte gehen. Die dritte Schlüsselstelle, „The Ugly“, stellt mich weiterhin vor Rätsel. Ist es wirklich so, dass dieses Ein-Fingerloch der Schlüssel zum Erfolg sein soll?

Der zweite Umgang lässt mich sehr gut bis zu „The Ugly“ gelangen. Die gefundenen Lösungen müssen noch weiter optimiert werden, das ist mir klar. Aber ein ganz neues Phänomen stellt sich ein. Die Füsse schmerzen höllisch. Noch am Tag danach spüre ich die Überlastung des rechten grossen Zeh.

Aber ich bleibe dran – das wird noch was mit dem „Fehlalarm“!


Samstag, 25. April

Auf dem grossen Picknick-Platz entsteht etwas Grosses, etwas ganz Grosses. Wir werden von den Protagonisten des Events für 14 Uhr zum Bier eingeladen. Bei der Route angekommen, lauern neue unbekannte Gefahren. Unmittelbar rechts von „Fehlalarm“ findet eine Abseilübung statt. Wir kommen in den Genuss, interessant grossen Stein-Geschossen aus dem Weg gehen zu dürfen. Um 14 Uhr startet das Notstromaggregat. Die Musik jault auf, laut und nicht speziell interessant. Die fliegenden Steine werden kleiner. Die Konzentration für die Route ist allerdings dahin. Und ob das alles nicht schon gereicht hätte, beginnt es noch zu regnen. Es soll auch schlechte Tage am Fels geben.


Donnerstag, 14. Mai 2015

Herrlichstes Kletterwetter. Roland und ich sind alleine am Fels. Aber es ist auch Auffahrt und das bedeutet, dass auch Banntag im Kanton Basel-Landschaft ist. An diesem Tag wird der Gemeindebann abgeschritten und bei jedem gefundenen Grenzstein ein Böller abgeschossen. Nun, es muss so sein, dass Frenkendorf mehrere hundert dieser Grenzsteine hat. Bis spät nach 17 Uhr wird geböllert, was das Zeug hergibt. Ruhe im Wald geht anders. Oder wollten uns die Banntägler etwa den Fels hochtreiben? Sozusagen Treibjagd mit den „zwei glorreichen Halunken“?

Heute ist Schlüsselstellen-Training angesagt. Ich habe mir geschworen, dass ich den Fels erst dann verlasse, wenn ich die „The Good“ sauber klettern kann. Nach gefühlt 30 Minuten habe ich endlich die auch von alten Jura-Sauriern kletterbare Version entdeckt. Es ist eine kräftige, gute und stabile Lösung – anschliessend bin ich total ko.


Samstag, 16. Mai 2015

Die Muskeln fühlen sich noch etwas gebraucht vom Donnerstag an. Die gefundene Lösung für „The Good“ können wir sehr gut klettern. Deshalb steht heute Schlüsselstellen-Training für „The Bad“ auf dem Programm. Es ist tatsächlich so, dass die Mikroleisten und die kleinen Reibungstritte in der richtigen Reihenfolge abgespult die Lösung für sind. Juhui. Auf geht's zu „The Ugly“. Bei „The Ugly“ findet Roland die Lösung für den legendären Utzinsky-Riss. Eine allerletzte ungewöhnlich schwierige Stelle bleibt am Ende des Risses übrig. Aber wir sind sicher, dass wir auch diese Stelle werden meistern können. Irgendwie wird das sicher gehen. Irgendwie....


Donnerstag, 21. Mai 2015

Heute steht auf dem Tagesbefehl: Angriff. Einmal mehr ist das Wetter sehr instabil und unsicher. Wir sind aber so auf Angriff programmiert, dass wir unbedingt an die Schauen gehen. Allerdings haben wir die Rechnung ohne Petrus gemacht. Der meint nämlich, dass die Natur wieder einmal etwas Regen bräuchte. Er lässt es allerdings erst regnen, nachdem die Express in der Route hängen. Beim Abbau der Route werde ich total nass, Roland erwischt es etwas weniger. Schnell packen wir unsere Rucksäcke und wollen uns von dannen machen, schon lacht die Sonne wieder vom Himmel. Wir entscheiden uns, die Express wieder in die Route zu bringen und weiter nach Optimierungen zu suchen, denn an einen Durchstieg ist jetzt nicht mehr zu denken. Die Route ist im ersten Drittel zu feucht. Wir nutzen die Zeit und finden weitere Optimierungen. Roland und mir gelingt der Durchstieg im Top-Rope - beinahe. Wir haben noch einen Hänger bei „The Ugly“ gleich nach dem Utzinsky-Riss. Irgendwie wird das dann schon gehen.


Pfingst-Samstag, 23. Mai 2015

Das Wetter ist gut, der Tagesbefehl lautet wieder: Angriff. Wir klettern uns seriös in einer leichten Route ein und sind voller Zuversicht. Es liegt an mir, den Reigen der gescheiterten Versuche zu eröffnen. Es gelingt mir, mich gut zu konzentrieren und ich weiss, dass die Stelle kurz vor dem Umlenker schon „irgendwie“ gehen wird. „The Ugly“ wird gehen, das ist klar. Es beginnt gut, ich komme gut voran. „The Good“ geht problemlos. Meine Unterarme sind etwas gepumpt, doch vor „The Bad“ gibt es einen perfekten No-Hand-Rest und ich kann mich sehr gut erholen. „The Good“ liegt hinter mir, vor mir nun „The Bad“. Ich klettere die Stelle ungern. Volle Konzentration, alles läuft perfekt. Ich stehe gut, die Griffe kann ich gut halten und jetzt sollte ich den Bolt klippen. Das geht aber nicht, denn sollte ich nur ein kleines Detail an meiner Kletterstellung ändern, werde ich dem Gesetz der Schwerkraft folgen. Als geübter Kletterer kommt jetzt Plan B zum Zug – Abklettern zum No-Hand-Rest. Noch einmal ruhe ich mich gut aus, überlege mir neue Lösungsmöglichkeiten und starte ein zweites Mal in die Stelle nur um wenige Sekunden später festzustellen, dass ich nun an der Stelle entweder verhungern oder einen Sturz hinlegen kann. Ich entscheide mich gegen das Verhungern und rufe ein angstvolles „Block“ zu Roland. „The Bad“ hat gesiegt, aus der Traum vom Durchstieg. Auch das gehört zum Spiel „Sportklettern“.

Nun ist Roland an der Reihe. Ungeahnt schnell steht er unter „The Good“. Locker klettert er über die Stelle, ein kleiner Verhauer nach rechts und im Spiel steht es 1:1.

Wir müssen nun eine Künstlerpause einlegen, denn Roland fährt für 10 Tage in die Ferien und mich legt hohes Fieber komplett flach. Es dauert rund 2 Wochen bis ich wieder einigermassen fit bin. Zudem ärgert mich seit Monaten ein hartnäckiger Tennis-Ellbogen. Ich dehne und achte auf die richtigen Bewegungen, aber die Schmerzen verschwinden nicht. Beim Klettern spüre ich nichts, doch in der Nacht mache ich kaum ein Auge zu. Wie lange das wohl dauern wird? Noch während ich diese Zeilen schreibe, meldet sich der Arm. Aber ein Indianer kennt keinen Schmerz!

Wird das noch was in diesem Frühjahr mit dem „Fehlalarm“? Langsam aber sicher läuft uns die Zeit davon, denn im Frühsommer kann die Sonne schon intensiv die Felsen bescheinen, was das Klettern schlicht verunmöglicht. Wir müssen uns langsam aber sicher mit dem Gedanken anfreunden, das Projekt auf den Herbst verschieben zu müssen. Das wäre sehr schade, denn die komplexen Bewegungsabläufe müssten wir sicher wieder neu entdecken.


Samstag, 6. Juni 2015:

Es war zu erwarten! Glühende 30 Grad werden gemeldet. Es macht keinen Sinn, einen Angriff zu wagen. Ein Alternativprogramm muss her: Abkühlung im Wasser.


Samstag, 13. Juni 2015:

Wiederum wird es ein heisser Tag werden. Zu heiss zum Klettern? Wir wollen es trotzdem versuchen. Etwas später als gewöhnlich stehen wir unter der Route. Die Sonne brennt erbarmungslos in die Wand. Eigentlich ist es völlig sinnlos auch nur daran zu denken, einen Go zu wagen. Doch der Wunsch die Route klettern zu können treibt uns an. Wir klettern uns einmal mehr seriös in einer leichten Route ein. Wir werden bei lebendigem Leib gebraten. Noch selten haben wir derart geschwitzt. Trotz allem wollen wir es versuchen. Wir müssen uns etwas gedulden, bis die Wand im Schatten liegt.

Heute beginnt  Roland mit dem Reigen der Versuche. Wir haben die Crème de la Crème der Kletterer als Cheerleader engagiert. Die positive Energie können wir förmlich mit Händen greifen. Alles ist perfekt vorbereitet, jedes Staubkorn aus der Route entfernt, die letzten Gräser in der Route mussten auch ihr Leben opfern. Ein Formel 1-Team würde neidisch in unsere Box schauen - alles sauber, proper, clean. Es ist alternativlos: Heute muss es klappen!

Roland schnürt seine Schuhe, setzt den Helm auf und ab geht's. Er spult das einstudierte Programm perfekt ab und steht nach wenigen Minuten unter „The Good“. Locker und flockig klettert er über die Stelle um kurz darauf „The Bad“ ebenfalls problemlos zu meistern. Fehlerfrei und fast schon engelsgleich klettert er weiter zu „The Ugly“. Auch „The Ugly“ klettert er perfekt und meistert die Stelle oberhalb des Utzinsky-Risses „irgendwie“. Ohne nennenswerte Anstrengung ist er durch die Route geflogen und klippt den Umlenker. Wow! Sowas habe ich noch nicht oft gesehen. Herzliche Gratulation zum Durchstieg!

Roland hat perfekt vorgelegt. Nun liegt es an mir nachzuziehen. „The Good“ geht sehr gut. „The Bad“ zeigt mir die Zähne. Ich brauche enorm viel Kraft um einen Fehler zu korrigieren. Zuviel Kraft? Nach „The Bad“ gibt es sehr gute Ruhepunkte, aber wenn die Kraft mal draussen ist, dann ist sie draussen. Etwas ärgerlich ist die Situation und eigentlich könnte ich jetzt auch aufhören, denn es wird nicht mehr für die nächsten Meter reichen. Schade.

Doch die Cheerleader-Truppe motiviert mich und lässt die Hoffnung an mich selber wieder steigen. Sie alle glauben an mich. Ich darf sie jetzt nicht enttäuschen. Roland impft mir Mut ein.

Ich klettere mit ausgepressten Unterarmen weiter und prompt passiert mir der nächste Fehler. Ich gebe nicht auf, kämpfe weiter. An allen möglichen und unmöglichen Stellen versuche ich zu ruhen. Die Entspannung will nicht einkehren. Der Utzinsky-Riss gelingt mir mehr schlecht als recht. Ich keuche und nehme dieses Signal der Überforderung klar und deutlich wahr. „The Ugly“ will mir den Meister zeigen, ich kontere und komme gut an den letzten Aufleger. Reality-Check vor dem letzten Move, vor der Stelle, die dann schon „irgendwie“ geht:

  • Die Unterarme ausgepresst wie eine Zitrone
  • Die Atmung so schnell wie auf einem 8000er ohne Sauerstoff-Gerät
  • Die Oberschenkel brennen
  • Die Zehen schmerzen
  • Die Füsse komplett überlastet

Das ist der Befund meines Körpers. Hoffnungslos. Und trotzdem: Mind over Machine. Ich will es versuchen. Der Umlenker ist zum Greifen nah, fast könnte ich ihn mit den Zähnen fassen. Go!

Den linken Fuss platziere ich am richtigen Ort. Mit der linken Hand erwische ich den richtigen Griff, so auch mit der rechten. Nun den Move einleiten. Der Körper bewegt sich in die vorgesehene Richtung. Ich hebe den rechten Fuss und merke sofort, dass sich die Belastung enorm steigert. Nochmals die Kontrolle, alles ist richtig. Ich spüre, wie die Atmung immer schneller wird. Die Belastung zerrt am ganzen Körper und an den Nerven. Vorsichtig platziere ich den rechten Fuss, erwische den Tritt aber nicht richtig. Sofort ist mir klar, dass ich diesen Fehler nur mit einem enormen Kraftaufwand in den Armen korrigieren kann. Dieser Versuch scheitert allerdings grandios. Der Sturz endet sanft und den Tränen nahe hänge ich im Seil. Der ganze Körper schreit, alles schmerzt. Aber gegen den Schmerz der Enttäuschung ist das alles null und nichts. Roland muntert mich auf und nach 10 Minuten beginne ich wieder zu klettern. Die Stelle, die dann „irgendwie“ schon gehen wird, hat es in sich. Eine komplett neue Sequenz bringt den Schlüssel zum Erfolg. Etwas enttäuscht komme ich wieder am Boden an. Der Plan ist, einen zweiten Go zu wagen. Aber selbst nach über 1 Stunde des Ruhens tun mir noch die Unterarme weh. So entscheide ich mich für einen Top-Rope Umgang und kann meine Problemzone nicht mehr „irgendwie“ klettern, sondern so wie es sich gehört: ohne Murks und kontrolliert

Wir bauen die Route ab, verstauen alles im Rucksack und marschieren zum Auto. Ich freue mich enorm für Roland, dass er die Route in diesem sauberen und überlegenen Stil geschafft hat. Das anschliessende Sieger-Bier bei ihm in der Küche schmeckt trotz meines Misserfolges wirklich gut. Für mich stellt sich nur noch eine Frage: muss ich das Projekt in den Herbst verschieben?


Samstag, 20. Juni 2015:

Aus heutiger Sicht (17. Juli 2015) unglaublich aber wahr: Regen. Die ganze Schauenburg ist pitschnass und Petrus hat kein Einsehen. Enttäuscht keinen Go machen zu können gehe ich ins B2 bouldern. Es wird eine gute Session und nach 2 Stunden guten Trainings mache ich mich auf den Heimweg. Während ich so etwas müde, enttäuscht und verträumt meine Sachen zusammenpacke, kommt Richi auf mich zu. Wir haben uns schon sehr lange nicht mehr gesehen und haben uns viel zu erzählen. Wir reden und reden und Richi erzählt mir von seinen Abenteuern aus frühen Jahren. Es ist so spannend und interessant was er erzählt, sodass ich die Zeit vergesse. Richi erzählt von Dingen, die er in den Dolomiten gemacht hat. Er erzählt von den Anfängen des Sportkletterns. Fasziniert höre ich ihm zu und weiss, dass ich den besten Sport aller Sportarten ausübe: Sportklettern.

Sehr glücklich und sehr zufrieden fahre ich nach Hause und weiss, dass der richtige Zeitpunkt für den Durchstieg ganz von alleine kommen wird.


Samstag, 27. Juni 2015:

Es ist klar, wohin die Reise geht. Es ist klar, was zu erledigen ist.

Ich steige in die Route ein und komme sehr gut zu „The Good“. Nachchalken und ab geht’s – zum ersten Fehler. Gopferdeggel! Ich klettere wieder zurück und überlege mir nochmals die Sequenz. Alles klar – Go! „The Good“ geht nun und ich stehe wenig später unter „The Bad“. No-Hand-Rest. Sequenz  abrufen, alles durchchecken – Go! „The Bad“ liegt hinter mir. Die Körperkontrolle meint, dass der Motor im grünen Bereich vor sich hinschnurrt. Meine persönliche Schlüsselstelle ist nun an der Reihe. Fehler reiht sich nahtlos an Fehler. Mit ganz viel Krafteinsatz gelingt es mir, den nächsten Bolt zu klippen und klettere wieder zum letzten Ruhepunkt zurück. Psychisch angeschlagen, nutze ich den Rastpunkt intensiv. Ich muss mir etwas einfallen lassen, sonst endet mein heutiger Angriff in einem Desaster. Lange rede ich mit Roland, die Konzentration ist weg und ich frage mich, was ich denn hier oben soll. Ich erlebe eine Motivationskrise mitten in der Route. So etwas habe ich nun auch noch nie erlebt. Irgendwie fühle ich mich, als ob ich nach „The Bad“ ins Tal der Gleichgültigkeit abgebogen bin und mich dort pudelwohl fühle. Es gibt keinen Grund, diesen Ort zu verlassen. Es ist herrlich hier.

Nach mehreren Minuten an der gleichen Stelle stehend melden sich ungerecht intensiv die Zehen. Sie erinnern mich daran, dass das Tal der Gleichgültigkeit in den nächsten Sekunden zu verlassen ist. Die Zehen meinen ultimativ, es ist Zeit aufzubrechen. Nur – wie kann ich mich motivieren? Die Gleichgültigkeit hat mich voll in ihrem Würgegriff. Die Zehen rufen: „Aufbruch“. Das Hirn sagt: „Block. Route abbauen und auf den Scheiterhaufen der gescheiterten Projekte werfen. Ist doch alles egal!“

Aus dem tiefen Dunkel meines Hirns dringt plötzlich ein unüberhörbarer Lärm in mein Bewusstsein. Es ist es extrem laut und schrill. Sofort erkenne ich, worum es sich handelt. Dieses Mal ist es nicht Ronnie James Dio, dieses Mal ist es Rob Halford von Judas Priest mit seiner gewöhnungsbedürftigen Stimme.  Es ist diese eine Strophe aus dem Song Metal Meltdown vom Album „Painkiller“, die mich aus der Gleichgültigkeit herausholt.

Raging fury
Wired for sound
Nitro bombshell
Shakes the ground

High and mighty
Rips the air
Piercing lazer
Burning glaze

Out of control
About to explode
It's coming at ya

Die Konzentration ist wieder da. 

Körper und Reality-Check: 

  • Unterame: platt wie eine Flunder und ausgepresst wie eine Zitrone
  • Zehen: am obersten Punkt der Quälskala angekommen. 10 von 10 möglichen Schmerzpunkten

Es gibt keinen Weg zurück, ich muss aus dem Tal verschwinden, so rasch wie es nur irgendwie geht.

Nitro bombshell
Shakes the ground

Immer und immer wieder rasselt dieser Satz durch mein Hirn, während ich mich mehr sehr schlecht als schlecht durch jeden einzelnen Move quäle. Interessant ist allerdings, dass sich neben dem Heavy-Metal von Judas Priest im gleichen Augenblick auch der Refrain von „Autobahn“ von „Kraftwerk“ abspielt. "Wir fahr'n fahr'n fahr'n auf der Autobahn." Drehe ich nun durch oder spinne ich bereits?

Nun stehe ich am unteren Ende des Utzinsky-Risses. Alles schmerzt.

Nitro bombshell
Shakes the ground
High and mighty
Rips the air

...immer und immer wieder! Irgendwie schaffe ich den Riss und stehe vor der Stelle, die „schon irgendwie“ geht.

Nitro bombshell
Shakes the ground
High and mighty
Rips the air

Voller Körpereinsatz!!
Es hämmert und dröhnt. So muss es in einem Stahlwerk ohne Kopfhörer klingen. Ich leite die einstudierte Sequenz ein. Aber bereits der erste Teil stimmt nicht. Alles ist schief, alles ist falsch. Aber ich weiss, dass ich die Stelle klettern kann. Ich klettere die Stelle „irgendwie“ und stehe nun 30 Zentimeter unter dem Umlenker. Noch kann ich ihn nicht einhängen. Die Füsse sind in der Zwischenzeit gefühllos. So stehe ich nun auf einem guten Tritt und muss Stück um Stück meines völlig überlasteten Körpers und meiner Psyche auf Normalmass herunterfahren. Roland wird wohl in Schweiss gebadet und froh sein, wenn ich endlich den Umlenker einhänge.

Der Lärm wird leiser. Leben kehrt in die Zehen zurück.

Wenige Sekunden später hänge ich den Umlenker ein. Geschafft! Ich kann es kaum glauben. Die Freude ist riesengross, ich bin unbeschreiblich glücklich.

Die „Zwei glorreichen Halunken“ (so die deutsche Übersetzung des internationalen Filmtitels „The Good, the Bad and the Ugly“) haben beide „Fehlalarm“ geklettert. Ein grosses Abenteuer ist zu einem guten Ende gekommen, gemeinsam haben wir gelitten, gefochten, gekämpft und zum Schluss Erfolg gehabt.

„Fehlalarm“ ist die härteste Route, die ich je geklettert habe. Dies nicht aus der Sicht des Schwierigkeitsgrades, sondern aus der Sicht der mentalen und physischen Anstrengung. Die Schönheit der Route faszinierte mich sehr lange. Der überraschend mühsame Weg zum Erfolg hat mir neue und unbekannte Herausforderungen geschenkt. An diesen Herausforderungen wäre ich beinahe gescheitert.

Es ist wie immer. Alleine hätte ich diese Aufgabe nicht stemmen können. Es brauchte einmal mehr meinen lieben Freund Roland, der mich immer wieder motivierte und mich mit seiner Freude an der Route zu Höchstleistungen motivierte und nicht von diesem Projekt abzubringen war. Das nenne ich Fokussierung auf das Wichtige im Leben. Es brauchte Andreas um mir aufzuzeigen, dass ich eine Chance in der Route habe. Und es brauchte – natürlich – den jungen Jura-Saurier, der mir immer wieder Mut zusprach und an mich glaubte.

Euch allen – herzlichsten Dank, denn ohne die Unterstützung von euch, wäre mir dieses Kunststück nie gelungen.
Und das Spiel „Nach dem Projekt ist vor dem Projekt“ geht in eine neue Runde.