Friday, December 20, 2013

One of these days...

von Markus 

Das sind sie, diese Tage, die nicht so schnell vergessen gehen. 

Der Wetterbericht sagt für die ganze Woche schönes Wetter voraus. Bereits am Dienstag vereinbaren Chris und ich, dass wir am Samstag zusammen klettern gehen werden. Die Sonne scheint die ganze Woche von einem wolkenlosen Himmel, aber nur bis Freitagnachmittag. Dann ziehen die Wolken auf. Das ist ja noch nicht weiter schlimm. Am Samstagmorgen kommt für alle die grosse Bescherung. Regen fällt auf den gefrorenen Boden und vereist sofort. Blitzeis entsteht. Zudem hängen dicke fette dunkelgraue Regenwolken am Himmel. Zu früh gefreut, denke ich mir und bin sehr enttäuscht. Als Alternativprogramm gehen wir zusammen ins B2 um unsere Muskeln zu stählen. Wir vereinbaren nur ganz wenig zu trainieren, damit wir am Sonntag fit sind. Es gibt eine fantastische Session mit ganz viel Spass, interessanten Diskussionen über Gott und die Welt und unbeschwertem Rumhängen an Boulders und an der Reckstange. Nach 2 Stunden verlassen wir das Capitol of Power und wissen, Sonntag wird ein guter Tag. So zumindest war einmal mehr der Plan.

Wir treffen uns um 10:30 wieder auf P Angenstein. Wir spüren das Training vom Tag zuvor. Es war also doch zu viel und auch die Rechnung haben wir ohne Petrus gemacht. Alles ist nass. Die Strasse ist nass, der Wald ist nass, es hängt ganz viel Feuchtigkeit in der Luft. Das sind jetzt nicht gerade die idealen Voraussetzungen für einen gelungenen Klettertag. Sorgenfalten zieren unsere Gesichter. Beim Umladen des Gepäcks in meinen Wagen erschrecke ich fast zu Tode. Was ist passiert? Ich habe mein Seil zu Hause vergessen! So ein Mist, so ein elender Mist, ärgere ich mich. Wir überlegen hin und her was wir tun sollen und übermütig wie ich bin, sage ich: „Das ist kein Problem. Das wird schon irgendwie gehen.“ Unser Ziel ist klar: Gorges du Court. Chris hat dort wieder so ein Megaprojekt und ich klettere einfach gerne dort. Nach rund 50 Minuten Fahrt parkieren wir das Auto, steigen aus und klappern innerhalb von Sekunden mit den Zähnen. Jesses nei, ist das eine Saukälte. Der Wind pfeift uns um die Ohren. Wir ziehen alles an Kleider an, was wir mit dabei haben und tigern hoch an den Fels. Der Vorteil der Kälte der letzten Tage ist der, dass der Schotterweg wunderbar gefroren ist. Das erleichtert das Höhersteigen enorm, aber ich ahne Schlimmes für den Abstieg. Wir gehen in einen mir bekannten Sektor, aber ich habe dort noch keine Route geklettert. Als wir so beim Fels stehen realisieren wir, wie warm es doch ist. Schnell sind die dicken Kleider abgelegt und wir geniessen die wärmenden Sonnenstrahlen. Es ist der absolute Wahnsinn. Keine Feuchtigkeit in der Luft, Sonne pur, total trockener Fels, wolkenloser Himmel – was begehrt des Kletterers Herz mehr? Klettern im T-Shirt ist heute angesagt. Das ist einfach wahnsinnig toll, super, schlicht genial. Chris zeigt mir die Routen und kennt natürlich auch die Schwierigkeitsgrade. Ich entscheide mich spontan für eine 6a+ und Chris sagt schlicht nein und zeigt mir eine ganz imposante Linie. 

Gorges du Court - oberer Sektor
Space Flake heisst diese faszinierende Linie und die Flake ist wirklich spacey. Werde ich da je hochkommen? Grosse Zweifel. Das gleiche Spiel wie immer beginnt. Nach wenigen Minuten hängen meine Express in der Route und ich kann meinen ersten Top-Rope Umgang durchkämpfen. Gott sei Dank hängen die Express schon und so kann ich mich an der einen oder anderen schweren Stelle genüsslich über diese hochziehen. Aber dann kommt ein ganz schwerer Moment für mich. Wir wechseln zu Chris Projekt und dafür braucht er sein Seil. Nun ist nichts mehr mit Top-Rope für mich. Ui, ui, ui. Das wird ja noch eine ganz spannende Sache! 

Chris klettert einmal mehr in einer ungemein schwierigen Route mit für mich nicht nachvollziehbaren Zügen. Er bereitet die Route für einen Durchstieg vor. Wie er die Schlüsselstelle klettert, bleibt für mich ein Rätsel. Da hat es einen sichtbaren Griff für die rechte Hand und einen Foothook für das rechte Bein und dann ist Schluss und trotzdem kommt er über die Stelle. Phänomenal. Das ist Klettern der Extraklasse und ist auch ungeheuer intensiv für mich als Sicherer. 

Wir wechseln wieder zurück zu Space Flake. Es wird mir bewusst, dass ich meinem Top-Rope-Hobby dieses Mal nicht frönen kann. Ich weiss nicht wie lange es her ist, seit ich meinen letzten Routen-Boulder-Durchgang hingelegt habe. Es müssen wohl Jahre sein. Nun, es bleibt mir nicht anderes übrig, als mich am scharfen Ende des Seiles durch die Route zu kämpfen. Express 1 und 2 stellen kein Problem dar. Bei Express 3 habe ich dann zum ersten Mal Angst und mache Fehler um Fehler. Das ärgert mich ungemein. Trotzdem kämpfe ich mich weiter nach oben bis zur Schlüsselstelle. Das ist aber eine luftige Sache hier oben, muss ich feststellen. Der Bolt ist etwas gar weit weg und wenn ich den guten Griff nicht erwische, dann tut es anschliessend fürchterlich weh. Uuuuuuhhhh! Mit ganz viel Krampf und noch mehr Kampf schaffe ich es dann doch noch, eine Lösung für die Stelle zu finden. Die letzten Meter bis zum Umlenker sind relativ einfach. Nach ein paar wenigen Sekunden stehe ich wieder neben Chris und ich ärgere mich intensiv, dass ich Trottel mein Seil zu Hause vergessen habe. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich unbedingt noch 2 Top-Rope-Durchgänge abhalten müsste um diese Route klettern zu können. 

Szenenwechsel. Chris steigt in sein Projekt ein und kommt gut voran. Ein schwerer Zug reiht sich nahtlos an den nächsten schweren Zug, die Performance stimmt, alles bestens. Jetzt kommt die Schlüsselstelle. Chris hängt ganz komisch in der Wand, gibt Gas und – zack – ich spüre Zug am GriGri. Schade. 

Gorges du Court - oberer Sektor
Wieder Szenenwechsel. Kein Top-Rope in der Space Flake, was muss ich also wieder tun? Genau, ein Routenboulder steht an. Aber dazu habe ich keine rechte Lust und ich denke: "Versuche es doch einfach einmal. Gib alles und vielleicht klappt es ja auch. Wäre doch noch ein brillanter Abschluss von 2013." Die Route liegt jetzt auch im Schatten und ich kann die Griffe und Tritte viel besser sehen. Die Bedingungen könnten nicht besser sein, allerbestes Kletterwetter und das mitten im Dezember. Sensationell! 
 
So stehe ich da in meiner Kampfmontur mit viel zu weiten Trainerhosen und im T-Shirt, meinen heiss geliebten Five Ten blanco, schaue nach oben und kann mich plötzlich extrem gut konzentrieren. Nichts lenkt mich ab. Express 1 und 2 gehen wieder wunderbar einfach. Express 3 – weshalb hatte ich vorher Probleme? Geht doch ganz einfach! Weiter zu Express 4, den ich besser den je anklettere. Mein Körper funktioniert perfekt, nichts schmerzt mich. Wenn ich Kraft brauche, dann ist sie sofort da. Die Performance ist auch gut, ich renne sprichwörtlich die Route hoch bis zur Schlüsselstelle und realisiere erst jetzt, wie gut ich unterwegs bin. Das wird heute noch was, ich weiss das. Die Rastposition ist nicht ganz so ideal, trotzdem kann ich mich gut ausruhen. Ich weiss, dass ich nun alles geben muss, damit ich die Schlüsselstelle klettern kann. Noch einmal konzentriere ich mich und klettere bis zur Ausgangslage unmittelbar vor der schweren Stelle. Mit der linken Hand greife ich an einen grossen und richtig guten Griff. Nun fängt die Bastelei mit den Füssen an. Die einstudierte Lösung wird nicht zum Erfolg führen, merke ich sofort. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als umzustellen. Ich brauche relativ lange dafür, der linke Unterarm ist schon arg gepumpt. Endlich passt alles zusammen und dann springe ich an einen grossen Griffen, den ich gut erreiche. Der ganze Körper schwingt jetzt natürlich nach und so hänge ich fast wie Stefan Glowacz auf seinem berühmten Bild an einer Hand mich haltend in der Luft. Ein Supergefühl! Schnell greife ich mit der linken Hand nach, kontrolliere die Situation und klettere sicher über die Schlüsselstelle. Yes! Das war's. Der Rest der Route geht im Rausch der Endorphine unter. Sensationell. 

Nach dem Einsammeln der Express sitzen wir noch kurz in der langsam untergehenden Sonne und geniessen deren letzte Strahlen. Wir wechseln wieder zu Chris Projekt. Dieses Mal funktioniert alles fehlerfrei. 

Das war wieder einer dieser Tage, an dem man mit flauen Gefühl und ohne Erwartungshaltung an den Fels geht und es sich dann als der perfekte Tag herausstellt. Einfach etwas Mut haben, an den Fels gehen und versuchen. Den Verstand ausschalten und dem Herz gehorchen und schon geht manches besser. 

Wenn mir Mitte Jahr jemand gesagt hätte, dass ich Ende Jahr wieder eine 6b an einem Tag klettere, dem hätte ich schlicht nicht geglaubt. Ich fand im Frühjahr nicht zu meinem Rhythmus, auch hat sich das Fernbleiben von einem regelmässigen Training nicht optimal auf die Performance ausgewirkt. Alles ging ganz langsam aber sicher den Bach runter und das Klettern interessierte mich nicht mehr sonderlich. Es war der Weckruf im Frankenjura, intensive Diskussionen über Sinn und Unsinn des Kletterns und die unglaublich wertvollen, motivierenden und überaus lustigen Trips mit Chris in die Gorges du Court, welche mich wieder hungrig auf mehr gemacht haben. Es macht wieder unendlich viel Spass im B2 hart zu trainieren und fit zu werden. Deshalb freue ich mich sehr auf das kommende Jahr und es geistern wieder viele, wohl wieder viel zu viele Projekte in meinem Hirn herum.

An dieser Stelle möchte ich mich bei all meinen Mitstreitern und Mitkämpfern für ihre wertvolle Unterstützung bedanken. Ohne euch wäre es mir nicht möglich gewesen, 2013 so positiv abschliessen zu können. Danke.
Allen Blog-Leserinnen und Blog-Lesern wünsche ich frohe Festtage und einen guten Start ins 2014!

Sunday, October 27, 2013

Jura-Saurier in der Gorges du Court

von Markus


Drrrr. Was war denn das? Ich schaue auf mein Büropult und sehe nichts. Drrrr hat es aber klar und deutlich vernehmbar gemacht. Wenn der Laptop durchzudrehen droht, dann dreht zunächst nur der Ventilator in ungeahnte Drehzahlen und macht nicht Drrrr. Was war denn dieses Drrrr? Ach ja, das könnte ja auch mein Handy gewesen sein, fällt es mir ein. Ich nehme es in die Hand und tatsächlich, ein SMS ist eingetroffen. Es ist die Anfrage zum gemeinsamen Klettertag in der Gorges du Court. Unschwer errate ich den Absender der SMS, es ist der junge Jura-Saurier.

Sofort ist klar worum es geht und ich freue mich unglaublich, nach über einem Jahr wieder zusammen mit Chris klettern gehen zu können. Begeistert sage ich zu und auf der Zugfahrt von Bern zurück nach Basel überlege ich, wann wir zum letzten Mal zusammen klettern waren und im ganz Speziellen, wo wir das letzte Mal zusammen am Fels unterwegs waren.

Der Leser dieses Blog erinnert sich vielleicht noch an meinen Eintrag von letztem Jahr mit dem Titel Update - April bis Juni 2012, welchen ich anfangs Juli 2012 ins Netz stellte. Damals notierte ich, dass der junge Jura-Saurier repariert werden müsse. Dies ist schon lange geschehen und die etwas an der lokalen Kletterszene interessierten Mitkämpfer wissen natürlich längst, dass der junge Jura-Saurier zu alter Stärke zurückgefunden hat. Ein Blick auf den Liveticker lässt dies unschwer erkennen.

Es ist kein Zufall, dass wir wieder zusammen an den Ort unseres letzten Abenteuers zurückkehren, zu schön ist die Kletterei in der Gorges du Court und unglaublich hart das Projekt von Chris. Es verschlägt mir wirklich jedes Mal den Atem, wenn ich am Standplatz stehe und Chris seine perfektionierten Kletterzüge absolviert.

Paroi des Romains
So sensationell gut die Routen in der Gorges du Court sind, für mich hat es dort nicht so unheimlich viel zu tun. Gut, es gibt einige elegante und schöne Routen im 6b/6c-Bereich, aber 6b ist halt schwer und ich bin noch schwerer. Allerdings, das gebe ich offen zu, der Trip in den Frankenjura hat mich schon wieder hungrig auf mehr gemacht. In der Fränkischen war ich wieder knapp an 6b dran und vielleicht liegt ja mit etwas mehr Training auch wieder eine 6b+ oder gar 6c drin.

Die Wettervorhersage für den 12. Oktober 2013 ist alles andere als gut. Es soll ein Gut-Wetter-Fenster zwischen 12 Uhr und 18 Uhr geben. Wir treffen uns um 11:15 Uhr auf P Angenstein und wenige Sekunden später führt uns der Weg in die Gorges du Court. Auf dem Weg wischen die Scheibenwischer literweise Regen von der Windschutzscheibe. Wir fahren einfach weiter und tun so, als ob uns der Regen überhaupt nichts angeht. Die Fahrt vergeht in gefühlten 10 Sekunden. Wir haben uns viel zu erzählen und speziell die Geschichten die Chris über seine Trips nach Flatanger zum Besten gibt sind so faszinierend, ich könnte stundenlang zuhören.

Farbenpracht im Herbst (Danke Chris)
Just in dem Moment als Chris das Auto parkiert, hört es auf zu regnen und die Sonne lacht vom Himmel. Schnell packen wir trotzdem unsere ganz warmen Sachen in den Rucksack und machen uns auf den Weg. Ein erster Blick hoch zu den Felsen lässt das Herz tanzen. Zumindest die projektierte Linie von Chris ist absolut trocken. Es gibt nicht eine nasse Stelle in der ganzen Wand. Aber das ist leider nur ein Teil des heutigen Plans und wir hoffen einfach, dass im auch für mich kletterbaren Teil des Klettergebietes alles ok ist. Bald schwitzen wir in unseren warmen Kleidern, denn die Regenwolken sind alle verschwunden und die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel. Plötzlich ist es fast schon heiss, denn angenehm kühl. Nach 10 Minuten stehen wir beim Pilier Le Grec. An diesem Pfeiler befindet sich eine 6a+, welche ich schon einmal im Top-Rope geklettert habe. Die Hakenabstände erfordern doch etwas Mut und ich fühle mich mental noch nicht bereit, diese Schwäche anzugehen. Gerade links davon gibt es laut Chris eine schöne 6b+. Von unten sehe ich, dass es jura-untypisch in regelmässigen Abständen Bohrhaken in der Route hat. Wenn ich mich also entscheiden sollte, diese Route zu projektieren, dann müsste ich mental nicht ans Limit gehen. Chris steigt die Route in seiner gewohnt souveränen und ruhigen Art vor und schon bald hängt das Top-Rope für mich. Das ist das grosse Problem, wenn ich mit derart guten Kletterern unterwegs bin. Ich erkenne nicht, wo die Schlüsselstelle in einer Route ist. Bei Spitzen-Kletterern wie Chris sehen die Bewegungen in einer 8b exakt gleich ruhig, überlegt und konzentriert aus wie einer 5b. Das wird ja noch eine spannende Sache werden, so denke ich mir.

Marc sichert - Jurasaurier bastelt (Danke Chris)
Nun gut, ich binde mich ins Seil ein und Chris meint, dass ich beim ersten Durchgang keine grosse Freude an der Route haben werde. So kam es dann auch, denn schon nach wenigen Metern wusste ich weder ein noch aus. Aber mit der puren Freude im Herzen überwand ich auch diese erste für mich komplexe Stelle auf irgendeine Art und schon bald stand ich vor der Abschluss-Wand. Die Moves gehen gut, bis auf den mutigen Griff in einen patschnassen Griff und entsprechend flauem Gefühl im Magen. Wenige Sekunden später stehe ich wieder am Anfang von der Route und sage: "Das ist jetzt mein Projekt". Endlich, nach vielen Monaten habe ich mich durchgerungen und für mich ein Projektziel definiert. Chris ist überglücklich, denn er weiss nun, dass er jemanden hat, den ihn in die Gorges du Court begleitet.

Chris klettert standesgemäss durch "Smoke and Fly" und anschliessend bin ich mit einem weiteren Besichtigungs-Rundgang an der Reihe. Ein paar Fragen bleiben noch, aber es bleibt dabei: Ja, diese Route werde ich bald klettern können, dafür brauche ich nicht 5 Tage!

Wir wechseln hinüber zur Paroi des Romains und damit zu Chris Projekt. Einmal mehr klettere ich diese etwas spezielle 5b-Seillänge und hangle mich anschliessend am Seilgeländer zum Stand. Schon wenige Minuten später ist Chris für einen weiteren Versuch in La Cathédrale L3 bereit. Ready, Steady, Go. Was ich dann sehe, verschlägt mir den Atem und die Sprache. Statt auf irgendwelchen mit viel Aufwand produzierten HD-Filmli den Protagonisten unseres Sport zusehen zu müssen, sehe ich echtes und ehrliches Hochleistungs-Klettern in Reinkultur. Sensationell! Chris erreicht einen neuen Höhenrekord in der Route, doch leider stürzt er am allerletzten aber unglaublich schweren Zug. 

Perfektes Klettern in perfektem Fels

Eine lange Pause wird gut tun, also seilen wir uns wieder mitten aus der Wand ab und wechseln zu meinem Projekt. Ich bin zwar schon etwas müde, kann aber die Route im Top-Rope mit einem Hänger klettern. Ein gutes Gefühl überkommt mich. Ja, die Route geht. Noch einmal darf ich Sportklettern der Extraklasse, vorgeführt in einer grandiosen Umgebung, geniessen und schon bricht langsam die Nacht herein. Im letzten Tageslicht erreichen wir das Auto und es beginnt wieder zu regnen. Diesen Tag haben wir optimal ausgenützt.

Für Samstag, den 19. Oktober ist schönes Herbstwetter und bestes Kletterwetter angesagt. Wir treffen uns wieder auf P Angenstein. Dieses Mal begleitet uns Marc in die Gorges du Court. Es wird ein guter Tag werden, beste Bedingungen. Ich hege die Hoffnung, zumindest einen guten Versuch in meiner Route hinzulegen. Nach 45 Minuten Fahrt parkiert Chris seinen Wagen und wenige Minuten später sind wir am Fels. Einmal mehr darf ich vorzüglichen Formel-1 Service der Extraklasse geniessen, denn Marc klettert, wie sich das für ein Balmchopf-Triologist gehört, onsight durch meine Route und schon hängt das Top-Rope.

Der Balmchopf-Triologist in Action (Danke Chris)
Schnell bereite ich mich für einen letzten Sightseeing-Durchgang vor und los gehts. Das Alter schlägt zu und so habe ich doch meines Erachtens zuviele ausgeboulderte Stellen schlicht vergessen. Chris surft durch die Route und ich kann mir noch ein paar bessere Lösungen für meine Problemzonen ansehen und merken. Dann geht es Schlag auf Schlag. Marc erlebt Türkische Wochen im Jura und ich stürze beim allerletzten Move im ersten Go. Ich bin schon etwas enttäuscht, gleichzeitig aber auch stolz. Denn zum ersten Mal seit 15 Monaten klettere ich wieder 6b+ und zum ersten Mal seit Jahren fliege ich aus einer Route. Ich bin nun motiviert und weiss, dass ich diese Route klettern kann, noch am gleichen Tag! Nach einer guten Pause bin ich wieder an der Reihe. Ich steige ein, aber die Nervösität hat mich schwer im Griff. Alles zittert ein klein wenig und ich bin unkonzentriert. Es kommt natürlich genau so, wie es kommen muss bei solchen Voraussetzungen. In der Mitte der Route ist alles aufgebraucht, die Moral, die Kraft, das Wollen. Ich greife mit der falschen Hand an einen guten Griff, realisiere diesen Fehler und kann ihn nicht mehr korrigieren. Es geht einfach nicht. Oder will ich einfach nicht? Enttäuscht von mir selber setze ich mich ins Seil und Marc lässt mich wieder zurück auf den Boden. Ja, etwas sehr viel Motivation hat dieser Fehlversuch schon gekostet.

Unmittelbar vor der Abschlusswand (Danke Chris)
Nach einer weiteren guten Pause binde ich mich zum dritten Mal ins Seil für einen Vorstiegsversuch ein. Alles ist wieder ok. Die Batterien sind wieder etwas aufgeladen, das Wollen ist wieder zurück und die Route liegt jetzt auch im Schatten. Langsam mache mich mich auf den Weg. Die ersten 3 Bohrhaken klippe ich ohne grosse Anstrengung. Jetzt kommt die schwierige und unübersichtliche Stelle, meine ganz persönliche Problemzone. Etwas mulmig ist mir schon, als ich den ersten Move hinlege, doch dann plötzlich läuft es wie von selbst. Die ganzen einstudierten Sequenzen reihen sich erfolgreich aneinander. Das Klettern macht höllisch Spass. Seit Monaten habe ich mich nicht mehr so wohl am Fels gefühlt. Super. Schon bald bin ich bei der Abschlusswand. Ich weiss, da muss ich nochmals tüchtig Gas geben. Wie von meinem Trainer vor über 10 Jahren gelernt, nehme ich die bestmögliche Ruheposition ein und warte so lange, bis mein Puls wieder ok ist und ich nicht mehr keuche wie ein Ochse auf dem Feld.

Nach geschätzten 5 Minuten fühle ich mich für den Gipfelsturm bereit. Die Konzentration ist da, der Wille, die Route zu schaffen ist da. Das einstudierte Programm läuft ab. Zuerst mit der rechten Hand ein 2-Finger-Loch blockieren. Sauber hinstehen, Gewicht auf die Füsse bringen. Express klippen. Mit dem Mittelfinger der linken Hand ein scharfes 2-Finger-Loch und mit dem Ringfinger "auffüllen". Belastung halten. Mit der rechten Hand nun an einen etwas abschüssigen Griff. Mit dem linken Fuss auf einen kleinen Tritt, mit rechts auf einen noch kleineren Tritt. Nun mutig mit der linken Hand hoch an einen weiteren abschüssigen aber guten Griff. Gewichtsverlagerung einleiten, damit das Gewicht sauber auf beide Füsse weggestanden wird. Mit der rechten Hand hoch zur linken Hand. Mit der linken Hand weiter an einen runden Griff. Mit der rechten Hand nun hochgreifen an einen Griff für das erste Fingerglied. Körperspannung halten. Nicht mit den Armen ziehen. Mit den Beinen hochdrücken. Nun mit rechts über Kreuz an sehr guten Griff, anschliessend mit der linken Hand an nicht ganz so guten Griff knapp oberhalb der rechten Hand. Die Füsse auf bessere Tritte etwas weiter oben stellen, Körperspannung halten und doch flexibel bleiben, Körper durchdrücken und nun mit rechter Hand an Abschlussgriff. Umlenker klippen. YES! Das war für mich eine der besten Routen seit sehr langer Zeit.

Ohne die so positive Aura, den Formel-1 Support und die selbstlose Art von Chris und Marc wäre aber dieser Erfolg nie möglich gewesen. Daran erkennt man die wahren Freunde. Euch beiden herzlichsten Dank!

Monday, September 16, 2013

Frankenjura: Ein Jura-Saurier auf Abwegen - Freitag

von Markus

Freitag, 13.9.2013

Neuigkeiten zum Wetter? Ja, da war was. Aber was war genau? Nun, die Regenwolken haben sich gleichmässig über das Land gelegt und ein stundenlanger Landregen hat schon lange in der Nacht eingesetzt. Somit kann ich bestätigen, dass an den insgesamt 13 Tagen, an denen ich in meinem Leben im Frankenjura war, an 11 Tagen das Land gut begossen wurde. Nun denn, die Natur braucht das Wasser, wir alle brauchen das Wasser.

Nichtsdestotrotz konnten Jürgen und ich an insgesamt 7 Tagen klettern gehen. Jürgen fand immer eine Wand, die selbst bei diesen unwirtlichen Bedingungen trocken war und wir unserem Sport frönen konnten. Schwierig war einzig, die richtige Kombination von schweren und leichten Routen zu finden. Ich bringe halt nicht mehr als eine 6a+ am Tag wenn mir die Route liegt. Das ist halt so und gilt es zu akzeptieren.

Diese Route liegt nicht mehr in einem Tag drin - Action directe
Wir wollen klettern gehen, auch heute am Freitag dem Dreizehnten. Wir fahren nochmals an die Wolkensteiner Wand, da wir wissen, dass diese Wand absolut regensicher ist. Schon nach wenigen Minuten hängt Jürgen das Seil in sein Projekt und die einzigen, die wirklich richtige Freude ausstrahlen sind die Schwalben, die Jürgen in luftiger Höhe umkreisen. Vom Boden aus sehe ich Jürgen kaum, eine Dampfwolke hat sich elegant an die Wand geschlichen.

Ich bin übermütig und gehe onsight in die Route "Schupps mich, 6". Einen 6er sollte ich doch nun endlich nach soviel Training klettern können. Aber bei der einen etwas schwereren Stelle in der Route streikt alles in mir. Das Hirn ist ein einziger Betonblock, der Körper zittert vor lauter Überlastung. Es gibt für mich nur eine Entscheidung: so schnell wie möglich wieder nach unten, alles zusammenpacken und einfach nicht mehr klettern. Heute geht definitiv nichts mehr. Die Minuten und Stunden vergehen und ich erhole mich ganz langsam. Das Seil hängt noch in der Route und so lasse ich mich auf das Experiment eines Top-Rope Durchganges zu Trainingszwecken ein. Ich klettere ohne nennenswerte Schwierigkeiten hoch, die Kraft ist da und auch das Hirn funktioniert. Bei meiner letzten Umkehrstelle angekommen, schaue ich mir die Sache genauer an und stelle verdutzt fest, dass ich ja nur einen einzigen nicht mal schweren Zug hätte machen müssen. Oh je, da habe ich mir nun aber ein schönes Geschenk gemacht, so denke ich mir. Ein Zug mehr und ich hätte eine tolle Route onsight geklettert gehabt. So muss ich nun aber nochmals ganz von vorne und von unten beginnen. Als ich wieder auf dem Boden stehe merke ich aber, dass Flasche schon gewaltig leer ist. Sofort tritt Plan B mit einer langen, langen Pause in Kraft. Jürgen klettert eine Route nach der andern und ich hoffe einfach, dass mich noch kosmische Energiestrahlen treffen würden, damit ich wieder zu Kräften komme. Die Hoffnung stirbt zuletzt heisst es ja, aber auch die Hoffnung stirbt. Die kosmischen Energiestrahlen treffen nicht ein und so bleibt mir nichts anderes übrig, als meine allerletzten Reserven zu mobilisieren. Oh je, das wird ein Kampf geben. Das übliche Prozedere geht los und ich bin zu müde um noch nervös zu werden. Das sind gute Voraussetzungen, denn so komme ich richtig gut über die schwierigste Stelle der Route gleich zu Beginn. Völlig verdutzt über die Leichtigkeit des Moves und des Vorhandenseins von Kraft mache ich mich auf den Weg zum Umlenker. Alles passt perfekt, alles ist gut und so stehe ich wenig später sturzfrei beim Umlenker.

Gebiet: Wolkensteiner Wand

Schupps mich, 6 / rotpunkt
 
Wir sind jetzt beide etwas angezählt. Ich fühle mich wie ein Boxer in der achten Ründe, schon zweimal angezählt, nahe am KO. Doch es ist noch früher Nachmittag und so entschliessen wir uns noch zu einem Gang an den Weissenstein. Jürgen klettert einmal mehr Route um Route und auch ich komme in den Genuss von zwei traumhaft schönen und kurzen Routen. Beide schaffe ich im Flash. Die letztere von beiden ist eine der schönsten Routen, die ich je in diesem Schwierigkeitsgrad geklettert habe. Typisch Frankenjura stecken auch nur 2 Bühlerhaken in der Route. Bin ich froh, dass Jürgen eine Verlängerung eingebaut hat, sonst hätte ich wirklich passen müssen. Ein Sturz oberhalb des zweiten Hakens hätte wohl mein persönliches Grounding bedeutet. So aber konnte ich diese Route klettern und anschliessend zusammen packen. Nichts geht mehr. Flasche ist leer, komplett. Aber das war auch der Sinn dieser Kletterwoche.

Gebiet: Weissenstein

Muffengang, -6, Flash
Don't worry be happy, -6, Flash

Zusammen mit Jürgen habe ich einen traumhaft schönen Kletterurlaub erleben und in so kurzer Zeit noch nie so viele schöne Routen klettern dürfen. An dieser Stelle möchte ich den Terminator zitieren: I'll be back

Meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank geht an Jürgen, der mich mit einer nie gekannten Präzision durch diesen wunderschönen Kletterurlaub geführt hat und mir eines der besten Klettergebiete (der Welt?) gezeigt hat. Es ist unbeschreiblich toll, einen solch motivierten und engagierten Kletterer kennen zu dürfen. Jürgen, herzlichen Dank für alles!

Jürgen
Und hoffentlich dauert es nicht nochmals 20 Jahre, bis ich in den Frankenjura klettern gehe. Dann wäre ich schon über 70 Jahre alt und in dem hohen Alter verreisen Jura-Saurier höchst ungern...

Frankenjura: Ein Jura-Saurier auf Abwegen - Donnerstag

von Markus

Donnerstag, 12.9.2013

In der Nacht auf Donnerstag wache ich immer und immer wieder auf. Es weckt mich der niederprasselnde Regen. Hört denn das wirklich nicht mehr auf, so frage ich mich. Nun denn, es ist halt so, am Wetter können wir Menschen Gott sei Dank noch nicht viel ändern. Auf der anderen Seite - wir Menschen haben ja vielleicht schon viel daran geändert. Aber das ist ein anderes Thema.

Nach über neun Stunden Schlaf weckt mich heute Morgen erneut der Regen. Nun denn, ist halt so. Rasch unter die Dusche und ab an den Frühstückstisch. Jürgen hat seinen berühmten Büffel-Weck-Kaffee gebraut, der mich in die Gänge kommen lässt. Und was sehe ich denn da? Blauer Himmel? Sonne? Ist das ein Hirngespinst? Nein, es ist wahr. Wird heute endlich gutes Wetter zum Klettern sein? Jürgen trifft präzis wie das Uhrwerk einer mehreren zehntausend Franken teuren schweizer Edeluhr den Entscheid: Wolkensteiner Wand. Er meint, ich solle den "Oberförster Pudlich" klettern. Nun ja, ich kann mir darunter überhaupt nichts vorstellen, aber eine gute Tour in bestem Fels ist ja nie zu verachten. Bisher waren Jürgens Empfehlungen immer fantastische Touren in bestem Fels und so wird es wohl auch dieses Mal sein. Wir fahren an die Wolkensteiner Wand und einmal mehr klappt mir der Kiefer einfach runter. Eine fantastische, irrwitzige hohe Wand begrüsst uns. Jürgen hängt mir meine Express in die "Oberförster Pudlich". Einmal mehr merke ich einfach nicht, wo es in der Route denn schwer ist. Nach gefühlten 30 Sekunden steht Jürgen wieder neben mir mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er meint, das sei eine schöne Aufgabe für mich. Ich bin natürlich gespannt und bereite mich für den ersten Top-Rope Durchgang vor. Die ersten Meter gehen gut, die weiteren auch, ich realisiere langsam, dass diese Route wirklich richtig super ist. An der Schlüsselstelle überfällt mich die blanke Angst und schon ist der Traum des Durchstieges ausgeträumt. Ich bekomme die vermaledeite Griff-/Trittkombination einfach nicht hin. Wie hat das Jürgen einfach nur so locker flockig gelöst? Ich verzweifle, mein Hirn verkrampft sich total. Ein Desaster kündigt sich an. Jürgen klettert nun in seinem Projekt "Wolkenschloss", eine ästhetisch kaum zu überbietende aber unheimlich schwere Route. Ich sichere ihn geduldig und mache mir Gedanken darüber, wie ich denn die Express wieder aus der Route bekomme. Nun gut, da das Seil von oben kommt, steige ich nochmals ein, nicht aber ohne ein neues paar meiner brettharten Kletterschuhe anzuziehen. Bis zur Schlüsselstelle geht alles gut, es ist ja auch nicht schwer. Doch dann kommt wieder diese verflixte Stelle. Irgendwie muss es doch gehen, sage ich zu mir. Irgendwie! Ich probiere dies, ich probiere das, nichts hilft. Dann greife ich eher lustlos ein weiteres Mal an diesen runden Griff und plötzlich realisiere ich, dass da ganz versteckt eine zusätzliche Mulde zu greifen ist. Sofort realisiere ich, dass ich mit dem Daumen diesen Griff voll auf Zange nehmen kann. Das ist die Lösung, die Angst ist weg, der Durchstieg wird gelingen.
 
Die ersten Meter im "Oberförster Pudlich
Wieder auf dem Boden bei Jürgen bin ich überglücklich, die für mich richtige Lösung gefunden zu haben und freue mich nach einer guten Pause den Durchstieg angehen zu können. Ich sichere Jürgen in seiner Tour und dann passiert es. Freunde treffen ein, nicht zu überhörende und übersehende Freunde. Aus dem ruhigen und beschaulichen Plätzchen wird innert Sekunden eine lärmige Innenstadt-Strasse. Und, wie es denn offenbar heutzutage üblich ist, wird einfach ohne zu fragen oder dergleichen überhaupt Anstalten zu treffen locker flockig durch "meine" von mir für mich präparierte Route geklettert. Die Freunde haben richtig Freude an meinen Express. Sie sind ja auch wirklich schöne Exemplare, wirklich! Solche kennen die in Spanien halt nicht! Als wenn das nicht schon einfach respektlos genug gewesen wäre, kommen weitere Freunde an den Fels und das gleiche Spiel geht von vorne los. Da wird einfach ohne zu fragen in meiner Route geklettert, mein Material verwendet. Ich würde ja nichts sagen bzw. schreiben, wenn das Leute gewesen wären, die ja nach der Meinung der Alten sowieso zu nichts taugen und nur frech sind. Nein, es waren Freunde im fortgeschrittenen Erwachsenenalter, also genau diejenige Generation, die doch immer auf den Jungen rumhauen. Erschreckend, schlimm! Es ist genau die Art von Leuten, die morgens ab 05:30 Uhr das Badetuch auf ihren Liegestuhl am Swimming-Pool legen. Oder - es kann natürlich sein, dass diese Freunde aus meiner Sicht gesehen vielleicht eben genau zu den nichts taugenden Jungen zu zählen sind. Aber das kann fast nicht sein, denn die hatten alle Falten im Gesicht, so wie ich. Aber meine Falten sind Lachfalten, garantiert! Höchstwahrscheinlich gehören diese Menschen, so habe ich sie auf jeden Fall wahrgenommen, zu der humorlosen Unterart des Homo sapiens und gehen wohl zum Lachen in den Keller. Apropos alt und jung. Wir trafen immer wieder junge Kletterer in den Gebieten an und hatten kein einziges Mal etwas ähnliches zu erleben wie mit dieser Gruppe Humorlos! Ich stelle mir dann immer vor, dass ich mit solchen Leuten in einer Berghütte, z. B. der Engelhornhütte übernachten muss. Dagegen ist wohl Guantanamo auf Kuba ein stilles und erholsames Plätzchen...

Nun gut - siebenmal ein Om mani padme hum für mich ganz alleine und schon war der Ärger verflogen. Statt nach einer geplanten 45 Minuten Pause bis zum Go musste ich so halt 2 Stunden warten. Gegenüber Jürgen würde ich also nie die Ausrede haben können, dass ich zu wenig Erholung gehabt hätte. So stand ich nun gewaltig unter Erfolgsdruck. Ich binde mich ins Seil ein, Schuhe anziehen, Nerven beruhigen, die Finger chalken und auf geht's in die Tour. Die ersten Meter gehen gut, ich fühle mich nun ruhig und wirklich stark. Ich klettere weiter, ohne dass mich die weiten Hakenabstände verunsichern würden. So stehe ich nach kurzer Zeit vor der Schlüsselstelle, als der Himmel einmal mehr an diesem Tag seine Schleusen öffnet. Ich klippe die Express und mache mich nun auf den Weg an die Schlüsselstelle. Ich muss zweimal nachgreifen, bis ich den Schlüsselgriff richtig in der Hand habe. Dann spult sich das einstudierte Programm ab und schon bin ich über der Stelle und weiss, dass jetzt nichts mehr schiefgehen kann. Der Runout zum Umlenker ist dann auch keiner mehr und - YES!!! - ich habe den "Oberförster Pudlich" geklettert. Rasch baue ich die Route ab, verstaue das Material im Rucksack und dann suchen wir eiligen Schrittes das Weite. Einfach ganz schnell weg von hier!

Anschliessend besuchen wir den Kletterladen Rockstore in Betzenheim. Viele interessante Dinge sehe ich dort und Jürgen und ich wechseln viel Geld gegen Gegenstände ein. In Obertrubbach angekommen, besuchen wir das Grab von Wolfgang Güllich. Es ist ein sehr schwieriger Moment für mich.

Die letzte Ruhestätte von Wolfgang Güllich in Obertrubbach
Das "Postgeheimnis" in der Beiz "zur Alten Post" rundet einen weiteren Super-Tag im Frankenjura ab. Wir haben es einfach aufgegessen! Herrlich, so lässt es sich leben!


Gebiet: Wolkensteiner Wand

Route: Oberförster Pudlich, -7 / rotpunkt

Frankenjura: Ein Jura-Saurier auf Abwegen - Mittwoch

von Markus

Mittwoch, 11.9.2013

Nachdem es gestern in Strömen geregnet hat, muss sich der Himmel was einfallen lassen. Und tatsächlich. Was ich nicht gewagt habe zu hoffen, trifft ein. Der Himmel öffnet nun definitiv die letzten Schleusen und bestätigt somit mein Wissen über das Wetter im Frankenjura. Nein, das macht nun wirklich keinen Spass, bei solchen Konditionen klettern zu gehen. Aber was ein Jura-Saurier und ein richtiger Jürgen ist, den vertreiben ein paar dunkelschwarze Regenwolken sicher nicht vom Fels. Es gibt bei solchen Bedingungen nur ein Gebiet: Weissenstein. Dort angekommen sehe ich sie nun leibhaftig vor mir: die epochemachende Route "Dampfhammer, 8", "Entsafter, 8", die "Wilde 13" und "Panische Zeiten". Beim Anblick von Dampfhammer wird mir ganz schwindlig von der Vorstellung, dass diese Route von Kurt Albert solo geklettert wurde. Oh Mann, Kurt muss nicht nur stark an Muskeln gewesen sein, sondern auch ganz stark im Hirn. 

Epochemachende Kletterrouten am Weissenstein


Mit soviel Kurt Albert und Wolfgang Güllich im Hirn ist meine gestrige Müdigkeit schon fast weg und es gelingen mir 4 wunderschöne Routen am Weissenstein bei strömendem Regen.

Gebiet: Weissenstein

1. Mon Marie, 6 / Flash
2. R9, 6+ / rotpunkt
3. Eieruhr, 6+ / rotpunkt
4. Buchenleiter, 6 / onsight

Anschliessend geht ein noch geheimerer Wunsch in Erfüllung. Jürgen und ich fahren an den Waldkopf und nach wenigen Minuten stehe ich unter dem Masterpiece der Klettergeschichte: "Action directe, 9a/11". Kein Bild zeigt nur annähernd, wie steil die Route ist und wie klein die Griffe. Dank Videomaterial und meinem Feldstecher finde ich die wenigen Griffe der Route. SAGENHAFT! Für mich ist es nicht erklärbar, wie ein Mensch diese Route klettern kann. Aber es müssen schon mehr als 20 gewesen sein, gemäss Marta... (gemäss Wikipedia sind es erst 16). Hier der Link zum Eintrag.

45 Grad steil - Action directe

Auf dem Bild ist im Vordergrund das andere Güllich-Highlight "Slimline, 10-" aus dem Jahre 1991 zu sehen. 

Ein paar Minuten später sehe ich weitere Highlights des Frankenjura. "Chasin' the Train", "Ira Technokratie", "Hitch-Hike the Plane" und das andere Meisterstück "Wallstreet".

Und für Donnerstag ist nun ganz, ganz schlechtes Wetter angesagt!

Saturday, September 14, 2013

Frankenjura: Ein Jura-Saurier auf Abwegen - Montag & Dienstag

von Markus

Montag, 9.9.2013

Die Wettervorhersage für heute ist nicht schlecht, aber auch nicht gut. Wir gehen deshalb nochmals zum Roter Fels. Jürgen klettert sein Projekt problemlos durch und ich habe ein erstes Hightlight!

Gebiet: Roter Fels 3

1. Harter Hund, 7- / rotpunkt / ein Traum von einer Kletterei. My Style. Immer gute Löcher und immer gute Tritte. Herrlich!

Gebiet: Ruine Leienfels

1. m & m, 6 / Flash / Da war ich schon etwas müde und beide mussten wir Angst haben, ob es denn auch über die Schlüsselstelle reicht. Es hat gereicht. Herrliche Tour in bestem Fels.

Traumhafte Kletterei an bestem Fels - der Jura-Saurier kurz nach Schlüsselstelle

Der obere Teil von m & m - Genialer Lochfels
Somit wären wir am Tag 3 angelangt. Nach bestätigter Trainingslehre ist es sehr ratsam, nun einen Ruhetag einzulegen, damit Geist und Körper wieder besser harmonieren und sich alles erholen kann. Aber wir sind ja in der Fränkischen zum Klettern und nicht um Pause zu machen. Das Wetter, Regen ohne Ende, lässt nun jetzt auch nicht die Freude aufkommen, irgendwohin zu fahren und etwas von der Gegend kennen zu lernen. Nasse Felder und Wälder kann ich auch im Basler Jura zu Genüge anschauen. Das ist auch der Grund, weshalb ich kaum Bildmaterial habe. Regen, Regen, Regen. Wir wechseln über den Ruhetag nicht eine Silbe, denn es wird keinen geben.


Dienstag, 10.9.2013

Es regnet in Strömen. Aber die Fränkische bietet auch bei diesen Konditionen noch Felsen zum Klettern. Wir gehen an die Schlossbergwand.

1. Action Perfekt, 6 / rotpunkt / Wieder eine tolle Tour in bestem Fels. Aber ich bin total müde, nichts geht mehr. Offensichtlich bestraft mich jetzt das Nichteinhalten der Trainingsregeln. Aber was ein Jura-Saurier ist, der gibt nicht so schnell auf. Eine lange, lange Pause wird's schon richten.
2. Kleiner König Kallewirsch, 5 / onsight
3. Ernesto Kanibalo, 5- / onsight
4. Ernesto direkt, 5+ / onsight

Anschliessend gab es einmal mehr ein wunderbares Abendessen! Herrlich!

Wir sind relativ früh zurück bei Oma Eichler. Von Martha, die seit 2006 die Pension führt, erfahren wir ein paar heisse Stories über all die Spitzenkletterer, welche auch schon hier übernachteten. Anschliessend verbrachte ich Stunde um Stunde mit Lesen des Gästebuches, von Kurt Albert's Buch Fight Gravity und das letzte Buch über Wolfgang Güllich. Die Zeit verging im Fluge. Mir wird bewusst, dass wir in einem Ort unterwegs sind, an dem Klettergeschichte geschrieben wurde!

Jürgen hat noch ein Bild von meiner Lesetätigkeit geschossen, so quasi als Bestätigung, dass ich lesen kann. Also - zumindest sieht es so aus. Sobald ich es habe, wird es hier angepeppt werden! And here it is. Besten Dank, Jürgen


Das Gästebuch mit Einträgen der Topshots der Kletterszene

Frankenjura: Ein Jura-Saurier auf Abwegen - Sonntag

von Markus

Sonntag, 8.9.2013

Laut Wettervorhersage soll der Sonntag der letzte schöne Tag der Kletterwoche sein. Das lässt ja nicht gerade viel Freude aufkommen. Da warte ich Jahrzehnte bis es in den Frankenjura geht und dann soll das Wetter nicht mitspielen? Anyway. Das Wetter ist doch egal, Hauptsache wir können klettern. Das Ziel für heute lauter: Roter Fels

Jürgen hängt für mich eine phänomenale Tour ein, die "Schaumschläger, 7-". Ich möchte die Route in diesem Schwierigkeitsgrad gerne im Vorstieg klettern, aber ich brauche unbedingt noch 1 vielleicht 2 Durchgänge im Top-Rope, damit ich mich sicher fühle. Aber es ist Sonntag und das Gebiet heiss begehrt und die Route wird noch heisser geliebt. So bleibt mir leider nichts anderes übrig, als nach meinem ersten Durchgang die Route wieder abzubauen und sie freizugeben. Schade, aber das sind die negativen Seiten der trainingslosen Zeit. Die Kraft für die Tour wäre da, aber die Overall-Performance nicht und auch noch nicht die exakten Bewegungen. Jürgen checkt einen Megaklassiker aus, ein 40 Meter-Teil. Das ist eine sensationelle Felsfahrt, die er sich da antut. Und - meine Express hängen endlich mal in einer richtig schweren Route. 

Gebiet: Roter Fels 3 

1. Softmover, 5 / onsight
2. Dolomitweg, 6 / onsight / Geschwitzt wie noch selten. Gekämpft wie ein ganz Grosser. Es hat sich sehr, sehr gelohnt. Leichte Verzweiflung kam nur ganz zum Schluss auf, als ich den guten Griff für die linke Hand nicht auf Anhieb fand. Also nochmals 3 Meter retour zu sehr gutem Rastpunkt kletternn und ganz viel Mut sammeln, denn so ein luftiger Quergang 30 Meter über dem Boden, das ist dann nicht einfach Nichts...
 

Nach dem erfolgreichen Durchstieg war ich mental und vor allem kräftemässig gut gebraucht. Es trafen auch immer mehr Kletterer ein und das Gebiet war zum Bersten voll. So wechselten wir in das Gebiet "Hartensteiner Wand". Jürgen hängt für mich die Express in die Route "Die 101jährige", welche mit 6 bewertet wird. Die Schlüsselstelle kann ich kaum entschlüsseln, so müde bin ich, allerdings kann ich problemlos den Ausstiegsüberhang klettern. Das macht unheimlich viel Laune, so schöne und grosse Griffe und Tritte in leicht geneigtem Fels anzutreffen. Mein zweiter Top-Rope-Durchgang geht richtig gut, aber ich bin viel zu müde, um heute noch die Route im Vorstieg klettern zu können. Somit habe ich jetzt in der "Hartensteiner Wand" einen Sack rumhängen.

Frankenjura: Ein Jura-Saurier auf Abwegen - Samstag

von Markus

Samstag, 7.9.2013 

Wir treffen uns um 07:45. Das Auto ist gepackt, der Benzintank randvoll, das Ziel ist klar, die Wettervorhersage etwas vage. Das erste Mal seit mehr als 4 Jahren gehe ich für eine Woche klettern. Ich freue mich sehr, endlich wieder meinem geliebten Hobby zu frönen. Ok, die Voraussetzungen könnten durchaus besser sein. Seit mehr als 3 Jahren kein regelmässiges Training mehr, letztes Jahr eine neue Arbeitsstelle in Bern angetreten und deshalb abends kaum mehr Zeit ins B2 zu gehen, dieses Jahr Umzug von Pratteln nach Oberwil. Und älter werde ich auch und ich merke das unweigerlich an den deutlich längeren Erholungspausen. Aber, so ist es nun mal, ich kann die Zeit auch nicht aufhalten. Es passt alles bestens zusammen. Ach ja, das Ziel, wohin soll es denn gehen? Das Ziel heisst: Frankenjura

Der Frankenjura
Damit geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. 1988 oder 1989 war ich das letzte Mal in der Gegend, allerdings war der Grund dafür nicht so wirklich toll. Während meine Frau im Spital in Erlangen lag, suchte ich die berühmten Stellen der Klettergeschichte. So entdeckte ich eher zufällig zwischen riesigen Bäumen und hinter Büschen versteckt den Richard Wagner-Fels und damit "Fight Gravity, 8+" und "Amadeus Schwarzenegger, 10-". Allerdings konnte ich die Routen nicht richtig einordnen, denn ich begann bekannterweise erst rund 10 Jahre später wieder mit dem Klettern. Für mich waren dies einfach DIE Routen, die ein Kletterer einmal gesehen haben muss. Das Eldorado entdeckte ich auch noch und damit "Stonelove" von Jerry Moffat. So fuhr ich in der Fränkischen Schweiz bei Dauerregen hin und her, fand keine für mich kletterbaren Felsen und es blieb nur ein Wunsch übrig, vielleicht einmal noch in dieser Gegend Klettern gehen zu können.

Gut Ding will bekanntlich Weile haben und es dauerte bis in den September 2013 bis ich zusammen mit Jürgen den Trip in die Fränkische antreten konnte. So, genug der Historie, jetzt geht's mit Lichtgeschwindigkeit in die aktuelle Zeit. 

Das Navi zeigt rund 500 Kilometer bis nach Untertrubbach. Wir werden bei Oma Eichler untergebracht sein. Die 258 Pferdchen freuen sich auf die Reise und geben alles. Bereits nach rund 4 1/2 Stunden sind wir auf dem Campingplatz. Rasch wird das Zelt aufgestellt und nach gefühlten 2 Minuten später sind wir auf dem Weg zu unserem ersten Kletterziel. Jürgen hat alles minutiös studiert und so kann es für heute nur 1 Ziel geben: die Soranger Wand. 

Auf Anhieb finden den wir den richtigen Weg dank moderner Technologie. Alles passt perfekt. Etwas erschrocken stellen wir fest, dass doch sehr viele andere Leute das gleiche Klettergebiet ausgesucht haben. Aber auch das ist halt heute so. Es verändert sich alles und Klettern ist in der Zwischenzeit zu einem Breitensport geworden. 

Bergkameraden aus Stuttgart sorgen dann auch für die entsprechende Lärmkulisse am Fels. Während Jürgen und ich fast schon wortlos unsere Routen klettern, wird auf schwäbisch ganz klar der Grund angegeben, weshalb man eine 8 nicht klettern kann. Nein, nicht dass die falsche Meinung aufkommt, ich könne 8 klettern, aber der für mich hochinteressante Satz ging ganz einfach. Er lautete: "Ich muss halt 83 Kilo halten". Ich wäre froh, ich müsste nur 83 Kilo halten. So aber realisierte ich einmal mehr, dass es immer eine unterschiedliche Sicht auf die Dinge gibt. Wir kletterten wir die ganz Grossen.  

Gebiet: Soranger Wand 

1. Domino, 5- / onsight
2. Tatzel, 4+ / onsight
3. Divieto, 6- / onsight / Grosse Griffe, genauso wie ich es mag. Die Hakenabstände sind etwas gewöhnngsbedürftig. Aber das wird sich sicher legen....
4. Aus die Maus, 6+ / rotpunkt / nachdem sich die Stuttgarter vom Acker gemacht hatten, war es wunderbar ruhig und die Konzentration war wieder da! Supertour in super Fels. Selbst die Hakenabstände sind kein Thema mehr!

Noch ein kurzes Wort zum Wetter. Die Wettervorhersage verschlechterte sich von Tag zu Tag. Statt phänomenales Herbstwetter soll uns das übliche Herbst Grau-in-Grau begleiten. Einzig der Wetterdienst der US-Navi meldete schönes Wetter. Ich weiss jetzt, dass die US-Navi eben auch nicht alles weiss und auch nicht immer recht halt.

Wednesday, July 17, 2013

Dornröschen


von Markus

Jeder kennt die Geschichte von Dornröschen von den Gebrüdern Grimm. Allen ist klar, wie lange der Schlaf der Prinzessin dauerte. Für alle anderen – er ging 100 Jahre und nach dieser Zeit verwandelte sich die undurchdringliche Dornenhecke in Rosen. Soviel zur Allgemeinbildung und nun geht es im Text weiter mit einer soeben im realen Leben erlebten Geschichte.

Im Herbst 1999 fing ich, so sollte in der Zwischenzeit allen hinlänglich bekannt sein, wieder mit dem Klettern an. Stolze 96 Kilo brachte ich auf die Waage. Mein erster Tag im Hallentraining endete bereits nach rund 15 Minuten, als ich mir das Band des rechten Ringfingers riss. Seither weiss ich, dass die Taperei eigentlich mehr Selbstbetrug ist, denn es wirklich hilft. Erst nach rund 6 Monaten konnte ich wieder schmerzfrei klettern. Was ein guter Jura-Saurier werden will, der klettert natürlich auch mit Schmerzen in den Gelenken, Bändern und Muskeln. No Pain - No Gain. Aber so richtig erfüllend ist das denn schon nicht. 

Der Einstieg ist geschafft
Ich erinnere mich nur noch schwach an den Tag, als ich zum ersten Mal an die Schauenburg zum Klettern hoch lief. Gemäss der einschlägigen Kletterliteratur soll es hier viele schöne Routen im unteren Bereich geben. Ich wusste seinerzeit noch nicht, was der „untere Bereich“ sein soll. Der sogenannte „untere Bereich“ ist noch heute für mich der „obere Bereich“.

Die erste Route war der "Tempelriss". Ich blieb mitten drin stecken. Es ging weder hoch noch runter. Gleich links neben dem "Tempelriss" gibt es auch schöne Routen im „unteren Bereich“, „Go-Golina“ und noch etwas weiter links „Dornröschen“. Nach wenigen Minuten hingen die Express in „Go-Golina“. Ich kam nicht mal bis zum zweiten Bolt. „Dornröschen“ sei leichter als „Go-Golina“ hiess es. Zack – schon hingen die Express in der Route. Ich kletterte bis zum dritten Bolt. Ich war stolz auf mich. Und ich verliebte mich ins „Dornröschen“.

Ich realisierte, dass es so nicht weiter ging. Wenn ich etwas im „unteren Bereich“ klettern möchte, dann muss ich schlicht und einfach besser werden. Im Herbst 2000 bat ich meinen Klettergott Dominik Egloff um substanzielle Unterstützung. Das hat gewirkt. Seine Trainingspläne sind spitzenmässig und sie haben tatsächlich gefruchtet. Bald lief ich wieder hoch zur Schauenburg und versuchte den Tempelriss. Ich blieb wieder stecken. „Go-Golina“ liessen wir aus, das Ziel hiess natürlich „Dornröschen“. Ich kam dieses Mal bis zum zweiten Haken. Das war der Moment, in dem ich alle meine Finger an der Spindel gestochen hatte. Die Route "Dornröschen" fiel bei mir in den hundertjährigen Schlaf und war mit einer undurchdringlichen Dornenhecke versehen. 
Kampf an der Schlüsselstelle

Jahre später gingen Simon und ich wieder an die Schauenburg. Simon meinte, es habe viele schöne Routen im „unteren Bereich“ an der Schaue. In der Zwischenzeit wusste ich ziemlich genau, was ein 8b+-Kletterer unter „unterem Bereich“ verstand. Zusammen mit Simon hatte ich eine gute Zeit an der Schaue. Ich kletterte den "Tempelriss" und blieb einmal mehr stecken. Simon klettere anschliessend locker und flockig "Dornröschen" hoch und ich durfte mich wieder in der Route versuchen. Das in der Zwischenzeit langjährige Training hat sich ausbezahlt. Ich komme bis zum dritten Bolt. Die Schlüsselstelle kann ich nicht klettern, keine Ahnung wie das gehen soll. Irgendwie schaffe ich es dann doch über die Schlüsselstelle und anschliessend mit viel tatkräftiger Unterstützung von Simon sogar bis ganz nach oben zu kommen. Sensationell. Habe ich die Dornenhecke schon hinter mir und blühen bereits die Rosen? Ich kann es noch nicht beantworten. Der zweite Durchgang zeigt mir dann aber klar, dass die Rosen blühen. Sensationell. Ich bin glücklich und will am Projekt dranbleiben.
Mitten in der Route

Mehr als 3 Jahre später stehe ich 2012 wieder unter der Route und bin hochmotiviert und schwer in die Route verliebt. Ich will da hoch und ich komme die Route auch hoch. Garantiert. Ich übe in der Route und tatsächlich, ich werde immer besser. Die Lösung für die Schlüsselstelle ist atemberaubend – für mich und für den, der sichert. Der Sichernde muss immer mit der Angst leben, dass 94 Kilo Lebendgewicht unkontrolliert den Weg der Schwerkraft gehen. Zudem machen mir die Bolt-Abstände Sorgen. Speziell der 4. Bolt an der Schlüsselstelle und der Bohrhaken ganz oben vor dem Umlenker bereiten mir grosse Sorgen. Der einfache Weg wäre nun, wieder die Dornenhecke wachsen zu lassen. Aber die Rosen sind viel schöner und so bleibe ich an diesem für mich im „oberen Bereich“-Projekt dran. An Karfreitag 2013 finde ich eine gute Lösung für die Schlüsselstelle. Anschliessend holen wir das Material bei dichtem Schneetreiben wieder aus der Wand.
 
Für den 6. Juli 2013 ist schönes und sehr warmes Wetter angesagt. Die Kombination Wärme + Klettern im Basler Jura, dies hat noch nie gut funktioniert. Wir entscheiden uns trotzdem für die Schauenburg und stehen bereits am frühen Nachmittag unter der Route. Die Sonne hat den Fels schon sehr gut vorgewärmt und bis die Express in den Haken hängen, fliesst so mancher Tropfen Schweiss. Roland bouldert die Route aus, Jürgen kommt hinzu. Eigentlich fühle ich mich hundemüde und trotzdem lasse ich mich von Jürgen dazu überreden, die Angensteiner Verschneidung im Nachstieg zu klettern. Nach einer guten Pause bin ich mit Ausbouldern von „Dornröschen“ an der Reihe. Die an Karfreitag gefundene Lösung passt, aber es ist alles nicht so recht stabil. Einmal mehr hilft mir Jürgen und dirigiert mich zu den richtigen Griffen und Tritten. 
Der beste No-Hand-Rest

Ich klettere die Schlüsselstelle dreimal fehler- und damit sturzfrei. Endlich ist der Durchbruch geschafft. Die Dornenhecke ist definitiv weg, die Rosen blühen in voller Pracht. Nach einer guten Pause stehe ich vor einer ganz schwierigen Entscheidung. Ich fühle mich völlig kraftlos und bin es auch tatsächlich. Soll ich nun ein Top-Rope-Durchgang absolvieren oder einen Vorstieg versuchen? Wieder hilft mir Jürgen und meint, dass ich mich in der Route nur noch verbessern könne, wenn ich in den Vorstieg gehe. Die Worte hallen lange nach und dann gebe ich Jürgen recht. Probieren geht über Studieren. Über mich selbst erstaunt, ziehe ich das Seil ab, einmal mehr sind Fakten geschaffen.

Es passt alles perfekt. Die Schlüsselstelle kann ich problemlos klettern, die Hakenabstände irritieren mich überhaupt nicht und selbst ganz oben, 2 Meter vor dem Umlenker werde ich nicht nervös. Das herrliche Gefühl des erfolgreichen Durchstiegs durchströmt mich. 
Der Kampf ist bald zu Ende...

An dieser Stelle möchte ich mich bei all meinen Supportern herzlich bedanken. Jürgen, für seine unermüdliche Art mich zu motivieren, Roland für die perfekten Bilder und die unendliche Geduld beim Sichern und natürlich Heike und Andrea, welche mich immer wieder motiviert haben in die Route einzusteigen. Ein 13-jähriger Sack ist weg, endlich!
Aber es hängen noch unheimlich viele Säcke in der Schaue...