Thursday, September 30, 2010

Der Geschichtenerzähler - Teil 1

von Markus

Es ist der 29. September 2010 um 17:15 Uhr. Wir sehen, dass sich die Regenwolken im Elsass schön säuberlich aufgereiht haben und auf ihren Einsatz warten. Wir sind etwas in Eile, denn wir wissen, dass es bereits um 20 Uhr zappenduster ist. Ich frage mich seit Wochen: "Welche Route möchte ich am Gempen projektieren?" Für mich ausser Frage stehen die Routen an der Sandührli-Wand, allen voran das "Negligé". Weshalb? Ich konnte vor vielen Jahren nicht mal die ersten 10 Zentimeter klettern, viel zu schwer.

Wir stehen unterhalb der Sandührli-Wand und Dominic fragt mich, welche Route ich denn gerne klettern möchte. In meinem Kopf geht's natürlich sofort los und so antworte ich wie aus der Pistole geschossen: "Nicht das Negligé. Da komme ich sowieso nie hoch, totale Gurk-Route." 30 Sekunden später hängen die ersten Express in der "Negligé". Dominic klettert in ungeahnter Geschwindigkeit die Route hoch. Ich erkenne nicht, wann die Route leicht und wann sie schwer ist. Es ist fantastisch, ihn beim Klettern beobachten zu können, alles im dunkelgrünen Bereich! Nach ein paar wenigen Minuten hat er das Top erreicht. Nun bin ich an der Reihe, ich freue mich sehr. Seil einbinden, Schuhe anziehen, Chalk-Bag richtig positionieren und ab geht’s. Und wie es so ist, geht natürlich überhaupt nichts. Ich bekomme den Fuss keine 3 Zentimeter vom Boden weg. Ich hab‘s ja gewusst, es ist eine völlige Murks-Route. Der Geschichtenerzähler im Kopf ist voll in Fahrt. Er erfindet mindestens tausend Gründe, weshalb ich diese Route nie klettern soll. Sofort ist klar: Das Ganze halt, Übung abbrechen! Sorge bereitet mir eigentlich nur der Umstand, wie die Express wieder aus der Route kommen. Der Geschichtenerzähler weiss auch hier sofort die Antwort. Die Sache ist abgehakt, der Geschichtenerzähler hat gewonnen. Ein weiterer klarer Sieg für ihn, den grossen Meister in meinem Kopf!

Es ist die ruhige und äusserst zuvorkommende Art von Dominic, die mich den Einstieg immer und immer wieder versuchen lässt. Und plötzlich geht der Zug, eine grosse Freude kommt in mir auf. Ich klettere weiter, nicht ohne mindestens hundert Mal "Block" gerufen zu haben. Der erste Top-Rope Durchgang lässt die erste grosse Furcht vor dem „Negligé“ vergessen. Beim zweiten Top-Rope Durchgang gelingt mir sogar der Einstieg im zweiten Versuch. Für die obere Schlüsselstelle finde ich eine für mich passende Lösung. Nach dem dritten Durchgang weiss ich: eine begeisternde und wunderschöne Route, bestens abgesichert, ein lohnendes Projekt.

Ich bleibe dran, am „Negligé“ und vielleicht klappt sie ja noch vor dem ersten grossen Schnee. Üben muss ich schon noch in der Route, aber sie ist nicht mehr unmöglich!

Stay tuned.

Wednesday, September 29, 2010

Kurt Albert: 1954 - 2010

von Markus

Und plötzlich prangte so ein roter Punkt am Einstieg des "Seidenstrumpf" in der Tüfleten. Wer sich achtet, sieht ihn heute noch. Auch der rote Punkt beim "Amigo" kann man noch etwas erkennen. Auch in der Ingelstein gibt es noch ein paar rote Punkte ("Salamander").

Mein Sandkasten-Freund Roland und ich haben den "Seidenstrumpf" aus dem Jahre 1959 schon etliche Male bezwungen. Der Haken, an dem wir uns hochgezogen haben, steckt heute noch. Allerdings baumelte an diesem Haken noch eine 4-trittige Alu-Leiter, die fürchterlich viel Lärm verursachte. Der Einstieg von "Seidenstrumpf" war mit A2 angegeben. Roland und ich konnten dem nur zustimmen: ein sackschwerer Einstieg, gefährlich, schlecht abgesichert!

Ein weiteres Mal wollten wir an diesem Sonntag den "Seidenstrumpf" klettern. "A2, 5+" lautete die Bewertung. Wir wussten, es wird wieder so ein Wahnsinns-Knorz über diesen Überhang. Und dann sahen wir ihn. Frisch, neu und leuchtend rot. Die Schmierer sind jetzt schon am Fels unterwegs, dachten wir. Bereits ein paar Tage später haben wir erfahren, was dieser rote Punkt zu bedeuten hat: die Route konnte ohne Zuhilfenahme einer Leiter und ohne sich an den Haken zu halten geklettert werden. "Wahnsinn", dachten wir und sofort wussten wir, wer der oder die Übeltäter waren. Das Urgestein des Freikletterns im Basler Jura kann heute noch im B2 beim Bouldern bewundert werden und kann die exakte Geschichte erzählen.

Erst viele Jahre später ist mir dann auch der freie Durchstieg durch dieses Dach gelungen. Ich musste mich arg zusammenreissen und hatte fürchterlich Angst, dass es mich nicht von den schmierigen Tritten runterhaut. Aber es hat geklappt. Ich weiss nicht, ob der "Seidenstrumpf" die erste Route mit einem roten Punkt war, zumindest aber eine der ersten zehn. Heutige Bewertung: 5c+ oder 6a. Das Dach wird heute zusammen mit der "Banana Republic" geklettert, ist aber definitiv der Originaleinstieg zum "Seidenstrumpf".

Seit Mitte der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts gibt es für mich zwei über alles leuchtende Idole: Wolfgang Güllich und Kurt Albert. Wer kennt die beiden nicht. Kurt Albert gilt als der Erfinder des roten Punktes, des Freikletter-Gedankens. Heute ist "rotpunkt" weltweit akzeptiert und wird selbstverständlich praktiziert. Es brauchte enorm viel Kraft, Energie und noch viel mehr Können, die seinerzeit gültige Notation ("schwerer als 6+ kann ein Mensch nie klettern") aufzubrechen. Zusammen mit Wolfgang steigerte Kurt das Kletter-Niveau in nie geahnte Höhen und viele ihrer Routenkreationen sind heute noch absolute Marksteine der Klettergeschichte, so zum Beispiel "Action Direct" von Wolfgang Güllich oder die Routen "Royal Flush" oder "Raiders on the Storm" in Patagonien. Routen mit der Bewertung -7 aus den frühen "rotpunkt"-Tagen sind auch heute nicht einfach zu klettern. Die "Illusion" an der Ostwand des Daumens im Pelzli lässt herzlich grüssen!

In meiner Fantasie und wildesten Träumen kletterten wir drei zusammen durch die schwierigsten Wände dieser Welt, bezwangen zahllose Risse und im Yosemite kletterten wir durch "Separate Reality". Noch heute prangt das Riesenposter von Wolfgang's Solobegehung von "Separate Reality" über meinem Schreibtisch zu Hause. Es war mir leider nie vergönnt, die beiden persönlich kennen zu lernen.

Meine beiden Idole leben nicht mehr. Wolfgang starb vor Jahren bei einem Autounfall. Kurt Albert verschied gestern Abend 56-jährig, nachdem er von einem Klettersteig 18 Meter abstürzte. Jetzt bin ich alleine.

Hier der Link


Saturday, September 25, 2010

Schade - Parkverbot an der Falkenfluh

von Markus

Oha, jetzt ist es also doch passiert, es ist Tatsache geworden: Das Parkverbot auf der Herrenmatt!

Das trifft mich persönlich sehr hart. Ich bin Sportkletterer und nicht Sportwanderer. Deshalb bin ich auf kurze Zustiege an die Felsen angewiesen. Der lange Zustieg oder besser Abstieg zur Falkenfluh hat schon immer kräftig an meinen Oberschenkeln gezerrt und mich anschliessend am Fels eine ach so klägliche Figur abgeben lassen. Dank diesem Parkverbot habe ich endlich einen handfesten Grund, die Falkenfluh auf meiner persönlichen Liste der "nicht zu besuchenden Klettergebiete im Basler Jura" auf die erste Position zu setzen. Juhui, endlich muss ich nicht mehr in die Falken klettern gehen und endlich habe ich mindestens ein Dutzend Projekte weniger. Ich werde ja auch nicht jünger und so gesehen kommt mir dieses Parkverbot enorm entgegen. Fast schon könnte der Verdacht aufkommen, dass ich daran massgeblich mitgearbeitet habe. Aber es ist definitiv nicht so! Die Story geht leider etwas anders.

An einem wunderschönen und wolkenlosen Mittwochabend Ende Juli 2010 wollte ich wieder einmal an den wunderbaren Felsen in der Falkenfluh klettern gehen und mein Projekt "Esop" weiter bearbeiten. Das neue Schild sah ich bereits aus weiter Ferne und ärgerte mich masslos. Ich dachte genau das, was jeder denkt, der in seiner Freiheit eingeschränkt wird. An diesem Abend sorgte das Parkverbot für helle Aufregung und ich bin mir ziemlich sicher, dass die drohende Verzeigung durch den Restaurantbesitzer den einen oder anderen Durchstiegsversuch im Keim erstickte. Es wurde eine hitzige Diskussion geführt über Sinn und Unsinn dieser Massnahme und es wurden abenteuerlichste Gegenmittel gegen diesen bösen Restaurantbesitzer ausgeheckt.

Ursache und Wirkung – wenn ich also die Wirkung (das Parkverbot) verstehen will, so muss ich die Ursache kennen. Ich wollte es genau wissen und so begleitete ich Silvio und Tinu ins Restaurant. Dort angekommen ging die hitzige Diskussion gleich weiter. Aber dieses Mal lernte ich die Argumentation von der anderen Seite her kennen. Was ich hörte, verschlug mir den Atem. An schönen Tagen sei der ganze Parkplatz von Kletterern besetzt, die Kundschaft findet keinen Platz für das Auto. Die Kletterer konsumieren nie oder nur äusserst selten etwas im Restaurant. Die Kletterer stellen selbstverständlich ihr Wohnmobil das ganze Wochenende lang quer über den Parkplatz, sodass mindestens 4 bis 5 Parkplätze besetzt sind. Die Kletterer können nicht parken, denn wo normalerweise 3 Autos Platz fänden, sind es maximal 2, wenn überhaupt. Die Kletterer gehen ganz selbstverständlich auf die Toilette und waschen sich dort die Haare und natürlich auch ihre Wäsche. Nein, nein, sie kommen nie etwas konsumieren und die angerichtete Sauerei putzen sie auch nicht weg. Im Juli waren zwei Kletterer sogar so dreist, dass sie ihr ganzes Kletterhabundgut auf dem Stammtisch im Restaurant ausbreiteten. Nein, sie würden nichts brauchen, war die Antwort auf die entsprechende Frage. Viele weitere Beispiele mit "die Kletterer" wurden dargelegt und plötzlich konnte ich den ganzen Ärger und die Wut der Restaurantbesitzer verstehen. Da nützt der selbstlose Einsatz von Patrik von der IG Klettern natürlich nichts, wenn so respektlos mit den Leuten vor Ort umgegangen wird.

Und so kam es, wie es kommen musste und noch lange sein wird. Die Tafel mit dem richterlichen Parkverbot ist montiert. Die Unterlagen für die Verzeigungen liegen vor. Ab sofort kann jeder Kletterer, der das Parkverbot missachtet problemlos und im Wiederholungsfall mit bis zu CHF 500.-- gebüsst werden. Alles ist korrekt und von den notwendigen staatlichen Stellen abgesegnet. Nein, die Besitzer bekommen nichts von dem Geld. Es geht alles in die Staatskasse. Ja, da haben wir alle fürchterlich eines auf den Deckel bekommen und es sieht nicht so aus, als ob die Restaurantbesitzer nicht von ihrem Recht Gebrauch machen werden.

Dass die Kletterer nichts gelernt haben bzw. auch gegenüber den eigenen Leuten arrogant und absolut respektlos vorgehen zeigt folgende ganz kurze Geschichte, passiert letzten Sonntag. Zwei gute Freunde von mir gehen an die Falkenfluh klettern. Wie so viele, wollen sie ihre Projekte bearbeiten. Doch als sie kommen, hängen schon Seile in der Wand. Nicht eines, nicht zwei, nicht drei sondern vier Routen sind einfach besetzt. Weit und breit kein Kletterer, aber die Seile hängen in den Routen. Was macht man da? Ja, staunen und den Kopf schütteln über so viel Anstandslosigkeit und Frechheit!

Schade.

Monday, September 13, 2010

El Capitan - Zenyatta Mondatta


Von Markus

Nein, nein. Ich klettere da nie hoch. Jesses Gott. Habt ihr das gesehen? Überhängend, glatt, keine oder kaum Sicherungspunkte. Expanding Flakes. Huch. Copperheads. 5.7, das geht ja noch irgendwie mit ganz viel Mescalin im Blut. Aber A4? Ich hatte vor fürchterlich vielen Jahren bei A2 derart viel Angst ("Spächteweg" im Wasserschloss), dass ich seither nie mehr technisch klettern gegangen bin. Nein, nein, das ist nichts für mich. Wo die Route ist? Am El Capitan im Yosemite Valley.



Aber ich kenne zwei, die haben diese Route geklettert, Marc und Markus. Die sind da glatt durchgestiegen. Eröffnet 1981 und 16 Seillängen lang. Es soll geschneit haben. Dabei heisst es doch immer: "It never rains in Southern California". Gut, ok. Rain heisst Regen und nicht Schnee und das Yosemite Valley liegt auch nicht in Southern California. Am vergangenen Freitagabend, 10.9.2010, haben Marc und Markus es uns dann gezeigt was es heisst, ein wirklich harter Hund zu sein.

Das Video kann ab sofort auf Youtube angesehen werden. Sehr lohnenswert!

Markus und Marc - allerbesten Dank für diesen wundervollen und einziartig schönen und gemütlichen Freitagabend. Wir alle hoffen, dass es nächstes Jahr eine "Night of the Wall, Part IV" geben wird.

Und ja. Technisch klettern. Das wäre doch was für mich. Muss spannend und voller Adrenalin sein. Vielleicht nicht gerade "Wyoming Sheep Ranch, A4 5.8" zu Beginn. Vielleicht doch eher etwas leichtes im Basler Jura. Etwas ganz leichtes....