Wednesday, October 21, 2015

Zufriedenheit

von Markus

"Schreibst du noch etwas über den Albatros?" fragte mich letzten Samstag Marc, als wir zusammen an einem grauen, nebligen und kalten Tag einmal mehr an der Schauenburg waren. Ganz spontan antwortete ich "Ja". Dabei wusste ich, dass ich nichts zu schreiben hatte. Dass nun dieser Aufsatz auf verticalsoul zu lesen ist, ist einzig Marc zu verdanken. Denn eigentlich wollte ich nichts über "Albatros" schreiben. Was war an dieser Begehung denn so speziell? Nichts. Es fällt mir nichts dazu ein, was den wirklichen Unterschied ausmachte.

Es war kein Heavy Metal nötig. Es waren keine Räucherstäbchen für das Abdriften in höhere Sphären, keine weissen Linien, auch keine Aufputschmittel im Tee notwendig. Ich musste keine extraharte Diät durchziehen. Selbst über die Temperaturen konnte ich mich nicht beklagen. Es war einfach ein schönes und intensives Projekt, dass ein gutes Ende gefunden hatte. Damit wäre alles gesagt.

Und doch gibt es diesen einen ganz grossen Unterschied zum Durchstieg von "Fehlalarm". In der Retrospektive und beim Schreiben dieser Zeilen wird mir klar, was den Unterschied ausmachte. Dafür muss ich nun doch etwas über den „Albatros“ schreiben und die Lösung kann ich (leider) erst viel weiter unten verraten.

Etwas jammern muss sein, auch dieses Mal. Bald feiere ich wieder meinen Geburtstag und dieses Mal mit einer Doppelzahl auf dem Zähler. Langsam aber ganz sicher realisiere ich, dass mir zwar noch Zeit bleibt, jedoch nicht mehr so viel, um all die Dinge zu tun und zu erledigen, die ich noch zu tun gedenke. Jetzt ist nicht mehr Quantität angesagt, sondern Qualität. Die Erholungszeit zwischen den Einsätzen, sei es am Fels oder am Plastik, sie dauert einfach länger. Ich bin mir auch bewusst, dass diese Tendenz eher zu- als abnehmen wird.

Qualität ist das Stichwort für 2015 und wird es weiterhin bleiben. Fokussierung auf Qualität, auf Routen, die ich selber als sehr schön empfinde und auch meinem Kletterkönnen entsprechen, keine mühsamen und unlohnenden Hausaufgaben mehr. Ich zitiere hier gerne Dominik, welcher ganz zu Beginn meiner Kletterkarriere über das Projektklettern in etwa folgendes gesagt hat: "Du muesch di fascht e bitzeli in e Route verliebe. Das wird dir helfe, immer wieder an die Route z gho."

Dieses Verlieben geschah vor vielen Jahren bei "Via Kathrin", die ich endlich in diesem Jahr erfolgreich klettern konnte (sh. "Durststrecke"). Dazu gehörte auch "Gummiadler", eine Route, welche ich vor ziemlich genau 1 Jahr kletterte (sh. "Gummiadler"). Natürlich gehört "Fehlalarm“ (sh. „The Good, the Bad and the Ugly“) zu diesen Routen, jedoch hat mir exakt diese Linie in aller Deutlichkeit wieder ins Bewusstsein gerufen, dass Liebe eine Rose mit ganz vielen Dornen sein kann, die sich schmerzhaft ins Fleisch bohren können. Als ob ich das nicht schon vorher gewusst hätte.

Nach dem Durchstieg von "Fehlalarm", war bei mir die „Luft draussen“. Ich war geistig müde und ich war auch körperlich sehr, sehr müde. Zudem begann ein schöner und warmer Sommer seinen Anfang zu nehmen und für mich war klar, dass ich so schnell nicht mehr werde schwer klettern können und müssen. Nach "Fehlalarm" war Roland und mir bewusst, dass im Herbst nun "Der Flug des Albatros" als nächstes Projekt anstand. "Der Flug des Albatros" zieht dort in direkter Linie hoch, wo "Fehlalarm" leicht nach links ausschwenkt (exakt nach The Good). "Der Flug des Albatros" ist eine atemberaubende rund 34 Meter hohe Route an der Schauenburgerfluh, bestens gesichert, kaum Begehungsspuren und mit 6c+ bewertet. Dieses + nach dem c liess uns beide etwas nervös werden, doch in unserem Übermut wussten wir gleich zu Beginn, dass wir die Route werden klettern können. Vor über 4 Jahren kletterte ich zum letzten Mal eine Route in diesem Schwierigkeitsgrad, wobei die damalige Route nicht höher als 12 Meter ist und ich die +-Stelle immer noch suche. Die neu zwingende Auslegeordung bezüglich Qualität ergab: schön und lang, nicht steil, schönes und einfach zu erreichendes Klettergebiet, bestens gesichert, Schwierigkeitsgrad: Limit

Es ist wie immer: ich habe keinen blassen Dunst, wie ich denn je die Schlüsselstelle werde klettern können und Roland kommt mit einer fix fertigen Lösung zurück. Dennoch, es ist da. Dieses gute Gefühl an einer Route zu arbeiten, die wirklich gefällt. In ungewohnt kurzer Zeit haben wir die Lösung für alle Problemstellungen gefunden. Unvergleichlich schnell gehen wir in den Vorstieg. Ich mag mich noch gut an meinen ersten Go am 3. Tag in der Route erinnern. Alles klappt perfekt. Ich sehe mich schon den Umlenker klippen. Dann kommt die Schlüsselstelle und dort straft mich mein Top-Ropen in der Route brutal. Ich weiss genau, wie ich den nächsten Zug machen muss, der fehlende minimale Zug des Top-Rope durchströmt mich mit einer ganz grossen Unsicherheit und lässt mich scheitern. Ganz im Gegensatz zu „Fehlalarm“ hadere ich nicht mit meinem Unvermögen. Ein seltsames Vergnügtsein verdrängt den unbedingten Durchstiegs-Willen. Alles fühlt sich gut an. An diesem Tag bouldere ich eine komplett neue Sequenz aus und eines muss ich definitiv feststellen: meine Kraft und mein Können reichen gerade, dass ich mich an der Schlüsselstelle halten kann. Es geht weder aufwärts, noch geht es abwärts. Die Lösung: mehr Power. Auch bei der Ausrüstung muss ich feststellen, dass meine heiss geliebten Five Ten Blanco das End of Lifecycle erreicht haben. Damit meine ich, dass der Schuh zwar noch absolut ok ist, jedoch seit Neuestem schneidet mir der Schuh derart in die Ferse, dass ich absolut gefühllose Füsse bekomme. Selbst wenn ich die Schuhe nicht binde, werden meine Füsse taub. Im Nachhinein weiss ich, dass die tauben Füsse während des Durchstieges von „Fehlalarm“ das Hauptproblem waren. Nachher ist man immer schlauer...

Petrus meint es gut mit uns und so können wir die Schwäche der fehlenden Kraft im B2 wegtrainieren. Schon bald spüre ich Fortschritte. Der Tennis-Ellbogen schmerzt mich immer noch, rede mir jedoch ein, dass der Schmerz der Indikator dafür ist, dass der Arm noch am Körper ist - sonst wären es ja Phantom-Schmerzen. Auf der Hardware-Seite tut sich auch sehr Erfreuliches. Der Five Ten Blanco wird nicht mehr hergestellt, also greife ich zum neuen Pinky von Five Ten, der für mich beste Schuh aller Zeiten!

Bei nächstmöglichen Mal stehen wir wieder unter der Route. Dieses Mal haben wir mehr PS im Gepäck und auch neue Schuhe. Die Express hängen nach kurzer Zeit wieder in der Route und kurz darauf klettere ich mit den neuen Schuhen durch die Wand. Sagenhaft, was sich da abspielt! Ich weiss, es wird ein wundervoller Go durch die Route werden. Es stellt sich einzig noch die Frage, wann ich das Kunststück schaffen werde. Vielleicht bereits beim nächsten Besuch?

Es ist Samstag, der 3. Oktober 2015. Wie immer hole ich Roland in Basel ab und ziemlich genau 45 Minuten später stehen wir unter der Route. Die Bedingungen könnten nicht besser sein. Noch liegt die Route in der Sonne, deshalb ist an ein Go nicht zu denken. Ich hänge die Express in die Route und überprüfe nochmals die Schlüsselsequenz. Noch mehr Power ist da!

Roland klettert ein letztes Mal im Top-Rope durch die Route und dann gibt es keine Ausreden mehr. Angriff! Ich steige ein, klettere locker bis zur Schlüsselstelle. Ich bin seltsam ausgeruht. Einmal mehr verkaufe ich das Fell des Bären, bevor er erlegt ist. Ich beginne mit der einstudierten Lösung, alles passt perfekt, doch dann passiert mir exakt der gleiche unnötige Fehler wie in "Fehlalarm". Ich treffe mit dem linken Fuss den vorgesehenen Tritt nicht, schwanke daher etwas und aufgrund der sehr schlechten Griffe, kann ich diesen Fehler nicht korrigieren. Sanft vom Seil aufgefangen lache ich voller Vergnügen über diesen Fehler. Denn ich darf noch mindestens einmal durch diese fantastische Route klettern. Es kehrt keine Unzufriedenheit ein, alles ist perfekt und ich bin glücklich.

Um 16:55 des gleichen Tages steige ich nochmals in die Route ein, mein 2. Go. Hatte ich bei "Fehlalarm" noch richtig souveräne Cheerleader bei mir und beim heutigen 1. Go herrliche Ruhe, so habe ich jetzt lediglich 4 schreiende kleine Kinder um mich herum. Das ist jetzt nicht gerade meiner Konzentration förderlich. Normalerweise hätte ich giftig nach unten gerufen endlich mal die Klappe zu halten, dieses Mal nicht. Klar und deutlich höre ich das Gequengle und normalerweise müsste jetzt Heavy Metal die Lärmsituation korrigieren. Ich brauche keinen Heavy Metal. Schon bald bin ich bei meinem zweiten No-Hand Rest und schaue hinunter zu Roland. Ich schaue in verzweifelte Augen, denn ein freundlicher Kletterer hat sein Seil einfach über unser Seil geschmissen und kümmerte sich nicht darum, was denn da oben bei mir so abläuft und wie mühsam Roland plötzlich sichern muss. Ignoranz at its best, völlige Respektlosigkeit. Doch seltsamerweise beunruhigt mich auch dieser Umstand überhaupt nicht. Ich rufe Roland zu, er solle doch bitte einfach das Seil so hinlegen wie es perfekt für ihn passe und er solle sich alle Zeit der Welt nehmen.

Denn ich stehe an einem Ort an der Schauenburgerfluh, den ich nie mehr vergessen werde. Hoch über den Bäumen sehe ich weit ins Land. Ganz weit hinten sehe ich einen sehr grossen Vogel ruhig seine Kreise ziehen. Auf den Baumwipfeln gleich nebenan sehe ich Raben, die sich zwar nicht sonderlich für mich interessieren, jedoch mich klar und deutlich ansehen. Die Raben krächzen miteinander und erzählen sich wohl einen Witz über Menschen, die an Felsen hochklettern. In meinen Gedanken erlebe ich nochmals den Moment vor wenigen Minuten, an dem im absoluten Tiefflug die Super-Conny quer vor der Schauenburgerfluh durchflog. Ein wundervolles Flugzeug mit ganz viel Stil und Klasse und dem entzückendem Sound von 4 Sternen-Motoren. Ich stehe da, ruhe mich aus bis der Puls wieder ganz normal ist und überlege mir, welche Bedeutung Fliegen für uns Menschen hat. Vielfältig sind die Antworten. Es wird mir auch ganz klar, weshalb diese Route "Der Flug des Albatros" heissen muss *). Ganz oben, man kann schon fast in den Umlenker beissen, gibt es nur noch Seitgriffe. Als Kletterer stehst du da, ziehst gleichzeitig mit der linken und der rechten Hand in maximaler Griffdistanz - ähnlich einem Albatros mit weit aufgeschlagenen Schwingen – an Minigriffen, nur um das Gleichgewicht zu halten. Ein winzig kleiner Fehler, ein Bruchteil einer Sekunde ohne Körperspannung und der Name der Route wird zum Programm.

So könnte ich noch lange dastehen und mich dem wundervollen Sein hier oben widmen und meinen Gedanken nachhängen. Von Bad Schauenburg her erklingen plötzlich Alphörner. Wenn das nicht der ideale Auftakt zum Weiterklettern ist? Sorgfältig kontrolliere ich die Situation, hole bei Roland das OK ab und klettere weiter. Zug um Zug passt nahtlos zueinander. Vor der Schlüsselstelle ruhe ich nochmals ganz kurz um frisch und ausgeruht die Schlüsselsequenz klettern zu können. Alles geht erschreckend einfach und nach wenigen Sekunden hänge ich - einem Albatros gleich - kurz vor dem Umlenker. Konzentration auf die Körperspannung! Die Moves sind einfach, bricht jedoch die Körperspannung ab, dann ist Flugwetter. Eine letzte Anstrengung und ich bin beim Umlenker. Geschafft. Ich bin in dem Moment der glücklichste Mensch auf dieser Welt. Um 17:22 habe ich wieder festen Boden unter den Füssen. Die vergangenen knapp 30 Minuten sind in ihrer Brillanz und Klarheit nicht zu überbieten und werden immer in bester Erinnerung bleiben.

Doch, was ist nun der Unterschied zwischen "Fehlalarm" und "Der Flug des Albatros"? Sind es die zusätzlich antrainierten PS? Sind es die Schuhe? Sind es die besseren Bedingungen? Nein, es ist etwas, was ich so noch nie erlebt habe und vielleicht zu den guten Dingen des Alterns gehören. Eines Morgens wachte ich auf und es war einfach plötzlich da: das gute Gefühl der tiefen Zufriedenheit. Mit dieser Zufriedenheit tief in mir drin entwickelte ich eine ganz andere Herangehensweise an das Projekt. Die mir eigene Verkrampfung während der Projektarbeit wich einer Freude, sich mit dem schönsten Sport zu beschäftigen. Die Freude wiederum war die Basis für eine noch nie gekannte Leichtigkeit, Fröhlichkeit und Lockerheit. Es ist wie bei einem Puzzle. Plötzlich fügen sich alle vorher wild verstreuten Teile nahtlos und ohne Anstrengung zusammen. Es liegt nun an mir ganz allein, diese Zufriedenheit nicht mehr zu verlieren.

Der Blutmond vom 28. September (Danke Basil)
Oder waren es doch die Auswirkungen des Blutmondes vom 28. September? Die letzte Supermondfinsternis fand 1982 statt und ich habe sie irgendwie verpasst. Das nächste Mal ist es 2033 soweit. Dann bin ich schon 8 Jahre in Pension und es wird wohl Wolken haben. Ich bin mir ganz sicher: der Blutmond war's.

Für den Chronisten: Roland kletterte am herrlichen Mittwochnachmittag des 8. Oktober bei besten Bedingungen ebenfalls fehlerfrei durch die Route. Herzliche Gratulation!



*) Es wäre sehr schön zu erfahren, weshalb die Route gerade so "Der Flug des Albatros" benannt wurde. Die Interpretation des Namens in diesem Blog ist meiner Fantasie entsprungen.



Monday, October 12, 2015

Kontrastprogramm

von Alex

Schon lange liegen diese Bilder bei mir herum. Bilder von Werner Knüsel.

Bilder vom Klettern aus einer anderen Zeit.

Bilder aus unserem schönen Jura von Basel bis Moutier. Bilder von kämpfenden Kletterern bei Erstbegehungsversuchen.

Werner du hast früher viel geklettert?

"Ja, mal hier mal da, in den 50er Jahren"

Wo warst du unterwegs ?

"Wilder Kaiser, auf den drei Zinnen, Erstbegehungen im Jura, Pelzli, Tüfleten"

Mein Interersse war geweckt :-)

So finde ich Werners Name/Erstbegehungen sogar noch heute in unserer Flue-Bibel und im Jura Führer.
Pelzli:     Alte Route 30.4.1961
Tüfleten: Juniperus communis 1959
Moutier : Face de Moutier 1959
Werner, ich probiere mir das Jura, Klettern, Material in den 50ern vorzustellen.

Erzähl mir etwas davon ?

"Meistens sind wir zu dritt oder viert los, ich war viel mit W.Weibel unterwegs"

Material ? Sicherungen?

"Die meisten Leitern und Haken haben wir selber hergestellt, gabs ja damals nicht viel zu kaufen"

Wo im Jura warst du damals unterwegs ?

"Ich habe höhere Wände bei Delemont/Moutier, sowie einiges in der Region
  Basel erstbegangen."

Als ich Werner das letztemal getroffen habe, war er über 80 Jahre alt.
Mittlerweile ist er zu seiner letzten grossen Reise aufgebrochen.


An die genaue Lokalität der Bilder konnte Werner sich nicht mehr erinnern.
Aufgenommen wurden die Bilder alle im Jura von Basel bis Moutier.

Es existieren noch mehr Bilder, ich will unseren Blog jedoch nicht sprengen :-).

In unserem heutigen Medienzeitalter von EpicTV, 8a.nu, Smartphones und all den anderenTurboinformationsquellen drücken diese Bilder den gewissen Müssiggang bzw. Ruhe aus, die man heute - auch am Fels - als etwas vermisst.