Sunday, December 14, 2014

Gummiadler an der Schauenburgerfluh

von Markus

Liveticker: Old Jura-Dinosaur (54) does Rubber-Eagle 6c (6b+) in 8 Days. After the sent OJD stated: „Yes. It’s true. After a hard and long battle I successfully managed to arrange all the tricky and difficult moves in the right sequence. So great! So psyched. Best Day in my Life. No further plans for climbing!“ 

Damit ist in der heute gebräuchlichen Art und Weise alles gesagt. Der etwas längere und präzisere Aufsatz geht wie folgt:

Geschafft!
Ruhe. Stille. Absolute Ruhe. Mit der rechten Hand greife ich an den grossen Untergriff. Ich steige höher. Die linke Hand geht automatisch an den guten Griff auf der linken Seite. Mit dem rechten Fuss stehe ich höher, Körperspannung. Ich klippe das Seil in den letzten Bolt. Ich bin an der Schlüsselstelle. Immer noch herrscht Ruhe im Kopf, herrliche Ruhe. Mit der rechten Hand greife ich nun weiter an den nächsten sehr guten Griff gleich links vom Express und passe meine Finger perfekt an. So gut hatte ich den Griff noch nie in der Hand, flackert es mir kurz durch den Kopf. Links halte ich das nächsthöhere und gute Loch. Rechter Fuss hoch, abdrücken und mit Engagement an den schlechten Griff mit links. Ich erwische den Griff seltsam gut, aber exakt so, wie ich es ausgebouldert habe. Ruhe. Stille. Mit dem rechten Fuss etwas höher stehen, mit dem linken Fuss auf einen kaum sichtbaren Tritt. Nicht nur hinstellen, sondern mit dem grossen Zeh Druck aufbauen. Mit der linken Hand das Gewicht stabilisieren und den Körper gerade halten, damit Hand und Fuss auf der gleichen vertikalen Achse liegen. Mit dem rechten Fuss etwas basteln, bis er an der richtigen Stelle steht. Anpressen, so als ob ich an einer Kletterstange hochklettern müsste. Letzter Check: linke Hand - ok, linker Fuss - ok, rechter Fuss – ok, rechte Hand – ok. Alles passt. Go! Erwischt. Ohne Probleme erreiche ich mit der rechten Hand den nächsten guten Griff und weiss sofort, dass ich die Schlüsselstelle geklettert habe. Es trennen mich nur noch rund 3 Meter vom Umlenker. Es herrscht immer noch Ruhe und Stille, Konzentration. Wenige Sekunden später klippe ich den Umlenker und dann gibt es kein Halten mehr. Meine Freude schreie ich aus voller Kehle heraus. Das Projekt " Gummiadler" ist nicht mehr, eine Odyssee von Ups and Downs, Irrungen und Wirrungen geht gut zu Ende.

Nachdem Roland die Route „Take it easy a.k.a. Hüttechäs“ gleich im ersten Go im Vorstieg klettern konnte, suchten wir neue Aufgaben. Ich war es mir langsam leid, den langen Anmarschweg an die Schauenburgerfluh immer wieder in Angriff zu nehmen. So entschied ich mich, die Route „Traumkante, 6a“ im onsight zu klettern. Dieser Plan scheiterte allerdings kläglich an der
Unmittelbar nach der Schlüsselstelle
beängstigenden Knusprigkeit des Felsens. Also muss ich nochmals ran. Wir planen, der Schauenburg noch einen allerletzten Besuch abzustatten, sodass Roland „Gogolina“ und ich besagte „Traumkante“ klettern können. Mit geschulterten Rucksäcken und etwas müden Armen laufen wir beim Sektor „Höllochpfeiler“ vorbei. „Gummiadler“. Ja, das ist auch so ein Ultra-Klassiker aus den frühen Jahren des Freikletterns, geht es mir durch den Kopf. Genauer, aus dem Jahre 1985 erstbegangen von Hugo Baumgartner und Andreas Pfeuti. Ich kenne die beiden noch aus meiner Zeit in der JO Basel-Stadt in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, habe aber beide vor Jahrzehnten aus den Augen verloren. Wie immer, war ich vor 12 Jahren in der Route und hatte keine Chance. Die Route ist bei mir mit dem Prädikat „unkletterbar“ abgespeichert und mit 6b+ bewertet. Nun gut, 6b+ wäre ja irgendwie noch machbar, aber, so habe ich gehört, an der Schlüsselstelle fehlen ein paar gute Griffe und die Route könne jetzt schon 6c sein. Für mich ist klar, dass ich die Route sicher nicht angehen werde. Ok, ich habe am Chuenisberg eine 6c geschafft, aber der „Gummiadler“ ist rund 34 Meter hoch und die Schlüsselstelle ist prominent etwa 3 Meter unter dem Umlenker positioniert. Das bedeutet, dass zuerst immer 31 Meter geklettert werden müssen um sich der Schlüsselstelle widmen zu können. Tief im Hinterkopf habe ich den Plan, die Route nach einer extraharten B2-Saison im Frühjahr 2015 anzugehen. Es braucht Training um diese Route klettern zu können - und ganz viel Fitness.

Während der ganzen Woche freue ich mich, dass das Hochtigern an die Schauenburg sehr bald ein Ende haben wird. Ich hole Roland am Samstag ab und noch bevor ich irgendwas sagen kann, sagt er mit leuchtenden Augen zu mir: „Heute gehen wir zum Gummiadler“. Oh, Jesses Gott, geht es mir durch den Kopf, dabei wollten wir doch „Gogolina“ und die „Traumkante“ angehen. Roland will nichts mehr davon wissen. „Gummiadler“ heisst das Ziel. Sein Wunsch sei mir Befehl.

Tag 1:

Bald schon stehen wir unter der Route. Die Boltabstände sind angsteinflössend. Gott sei Dank habe ich einen Clipstick mit dabei und so hänge ich locker das Top-Rope in die Route, allerdings nur bis zum letzten Bolt. Fluchend hänge ich nun hier oben und versuche händeringend, den Umlenker zu klippen. Es geht einfach nicht, der Clipstick ist zu kurz. Es fehlt mindestens 1 Meter. Mit ganz viel Basteln und noch mehr Fluchen gelingt es mir nach einigem Üben, den Bolt zu klippen. Oh, ist das ein Murks. Ich wusste ja, dass es so kommen würde.

Das Top-Rope hängt und unser übliches Spiel beginnt. Roland findet Griffe. Ich finde Griffe, aber andere. Ich finde Tritte. Roland findet andere Tritte. So richtig zusammenpassen will eigentlich nichts. Bereits auf den ersten Metern zeigt uns der „Gummiadler“, dass er nicht aus Gummi ist, sondern eigentlich besser Iron Eagle heissen sollte. Bei mir setzt zu allem Übel das
2 1/2 Meter vor dem Umlenker
Erinnerungsvermögen an die Route ein. Ich erinnere mich glasklar an Situationen, in denen ich mich ernsthaft fragte, ob ich je wieder lebend aus der Route rauskomme. Ich erinnere mich mit Schrecken an Griffe, die ich nie halten konnte und immer wieder viele, viele Meter dem Boden entgegensauste – wohlgemerkt im Top-Rope – und unendlich viel Angst hatte. Ich erinnerte mich an den Quergang zur Schlüsselstelle als sei es gestern gewesen. Ich brach in Angstschweiss aus, als ich das erste Mal diese Griffe wieder vor mir sah. Ich bin nicht mutig und ich muss mir auch nicht mehr beweisen, welch heisser Typ ich bin, dass ich solche Routen klettern kann. Ich stehe kurz davor aufzugeben, doch irgendwie fasziniert mich diese Linie enorm. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als eine klare Entscheidung zu fällen: lass ich der Angst den Vorzug und verzichte schweren Herzens auf den „Gummiadler“ oder analysiere ich die Situation und versuche, Lösungen zu finden? Für den ersten Tag in der Route entscheide ich mich für das Finden von Lösungen. Jeder von uns beiden klettert dreimal im Top-Rope durch die Route und wir kommen nach diesem Intensiv-Training zum Schluss, dass wir noch etwa 1 Tag investieren müssen, damit wir alle Moves sauber hinbekommen. Wir sollten uns dramatisch irren.

Tag 2:

Wieder ist es ein heisser Tag, die Sonne brennt in die Wand. Wir müssen erleben, dass alle am ersten Tag gefundenen Lösungen nichts oder nicht viel taugen. Wir müssen der Route dienen (Marc: Danke für diesen Ausdruck. Er passt perfekt.). Am Ende des zweiten Tages kann Roland die Route im Top-Rope sauber durchklettern, ich habe 4 grosse Baustellen.

Tag 3:

Simon, Julia und ihr Sohn Finn-Jakob besuchen uns an der Schauenburg. Simon klettert fraglos ohne Mühe durch die Route. Er meint lediglich, dass es etwas sehr heiss gewesen sei, denn die Sonne knallte voll in die Wand. Ich frage Simon gar nicht erst nach seiner Lösung für die Schlüsselstelle. Ich könnte seine Lösung sowieso nie umsetzen. Uns dämmert, dass wir noch lange mit der Route beschäftigt sein werden.

Tag 4:

Heike, Simon, Julia mit Finn-Jakob begleiten uns dieses Mal durch den Tag. Einmal mehr ein heisser Tag, eigentlich viel zu heiss um in der Route eine gute Figur zu machen. Bis zur Schlüsselstelle gehen jetzt alle Moves, manchmal besser, manchmal schlechter. Aber, und das ist der positive Seiteneffekt, unsere Fitness wird immer besser. Wir kommen nicht mehr keuchend bei der Schlüsselstelle an. Die Schlüsselstelle hat es aber in sich. Wir versuchen alles. Roland hat eine Idee, ich habe Ideen. Aber so richtig glücklich sind wir mit den Lösungen nicht und stabil ist eigentlich gar nichts. Alles ist wacklig und unsicher, wir fühlen uns einfach unwohl. Und wie es so sein muss, klettern Simon und Heike locker vom Hocker durch die Route ohne erkennbare Schwierigkeiten an der Schlüsselstelle. Wir haben die Message begriffen: zu alt, zu unbeweglich, zu schwach, zu dick, schlicht überfordert! Aber wir sind alt und zäh, sehr zäh, zäh wie ein Gummiadler und wir geben nicht so schnell auf.

An einem verregneten Samstag-Nachmittag gehen Roland und ich zusammen ins B2. Es wird ein absolut sensationelles Training. Wir bouldern 2 Stunden ohne Unterbruch und sind anschliessend nicht gross müde. Der „Gummiadler“ macht aus uns Iron Hawks. Wir geniessen diesen Zustand.

Tag 5:

Die Bedingungen werden besser. Die Zeitumstellung bringt den Vorteil, dass die Sonne bereits um 14:15 langsam hinter der Schauenburg verschwindet und die Route im Schatten liegt. Wir klettern einmal mehr im Top-Rope durch die Route und üben die einstudierten Moves ein. Wir klettern nicht einmal, nicht zweimal, sondern fünfmal durch die Route. Nach viel, viel Üben und „ums veregge“ nicht loslassen, haben wir den für uns kletterbaren Weg gefunden. Die Schlüsselstelle klettert Roland anders als ich, d.h. ich habe mich für die kraftvolle Variante entschieden. Roland zieht die elegante und die künstlerisch wertvolle Version vor.

Tag 6:

Wir wissen nun, dass wir die Route „Gummiadler“ klettern können. Wir wissen exakt, wo welche Tritte und Griffe sind und wir wissen um deren Qualität Bescheid. Wir wissen, wie die Schlüsselstelle zu klettern ist. Meine Angst hat sich verflüchtigt. Es ist die Zeit des Vorstiegs gekommen. Ich hole Roland in Basel ab und bald stehen wir unter der Route. Wie jedes Mal hänge ich das Top-Rope ein. Für mich ist alles klar, ich brauche keinen Refresh-Top-Rope Durchgang mehr. Roland möchte noch einmal durch die Route cruisen. Wir klettern uns in der Route „Siebenschläfer“ ein. Alles ist perfekt und gut. Die Sonne scheint noch etwas zu sehr in die Wand und so warte ich mit meinem ersten Go. Unterdessen checkt Roland ein allerletztes Mal die Route aus. Die Route liegt nun im Schatten. Es gibt keine Ausreden mehr für mich. Das übliche Prozedere beginnt.

Ich binde mich ins Seil ein. Der Chalk-Bag wird richtig positioniert. Das T-Shirt wird diese speziellen 2 Millimeter aus dem Gurt gezogen. Die Nervosität steigt, ich ziehe die Kletterschuhe an. Das Herz schlägt bis zum Hals. Ich bin nervös, sehr nervös. Obwohl ich alle Moves der ganzen Route
Sei etwas freundlich mit dem Fels...!
auswendig aufsagen und auch durchführen kann, glaube ich nicht an mich. Zum ersten Mal benutze ich flüssiges Chalk, eine seltsame aber gute Erfahrung. Los geht's. Die einstudierten Moves gehen locker. Beim fünften Bolt ruhe ich lange. Die Unterarme sind etwas zu dick geraten, auch keuche ich wieder vor lauter Anstrengung und Aufregung. Beide Symptome sind für mich der Ausdruck für „du bist im Go und gibst unbewusst alles“. Das ist perfekt. Nach einer wirklich langen Pause klettere ich über meine erste frühere Angst-Stelle. Alles geht locker, aber die Unterarme sind einfach zu dick. Beim Quergang zur Schlüsselstelle muss ich die Bewegungssequenz korrigieren und verbrauche enorm viel Kraft. Ich stehe unter der Schlüsselstelle und mache eine lange Pause. 10 Minuten? Der Atem ist nun wieder normal, die Unterarme nicht mehr dick. Ich habe mich sehr gut erholt. Ich fühle mich gut und fit für die Schlüsselstelle. Ich spule das einstudierte Programm ab. Mit der linken Hand komme ich gut zum Schlüsselgriff. Aber....was ist das? Panik! Rote Alarmlampen gehen an. Ich kann die Situation nicht einschätzen. Der Move, x-mal einstudiert, kann mit dieser Handstellung nicht funktionieren muss ich mir eingestehen. Das ist unmöglich. Auf keinen Fall loslassen, hämmert es im Kopf. Korrigieren! „Kämpfe“ schreit es, „kämpfe und gib nicht auf. Es wird klappen. Trust me.“ Ich platziere den rechten Fuss besser. Die Kongruenz mit der einstudierten Bewegung ist nicht da. Trotzdem sehe ich eine Chance, die Stelle klettern zu können. Mit dem linken Fuss stehe ich auf dem vorgesehenen Tritt. Es passt alles nicht ganz zusammen. Ich gebe nicht auf. Nein, nicht hier, auf gar keinen Fall. Check: linke Hand – not ok, rechte Hand – halb ok, linker Fuss not ok. Was mache ich nun? Immer noch hänge ich in der Schlüsselstelle. Immer noch schreit es „Kämpfe!“ in mir. Ich will nicht loslassen, um keinen Preis der Welt. Mit der letzten Kraft setze ich den rechten Fuss höher. Ich gebe alles und kämpfe. Ich sehe den rettenden Griff und gebe alles. Es reicht nicht. Total enttäuscht hänge ich im Seil. Die Körperhaltung sagt alles. Verloren. Ich habe den Kampf verloren. Roland lässt mich sofort auf mein Bitten hin ab und ich lande bitter enttäuscht auf dem Boden der Tatsachen.

Der letzte Bolt
Nun ist Roland an der Reihe. Weshalb sieht denn das alles so locker und einfach bei ihm aus? Roland klettert ohne erkennbare Schwierigkeiten bis zur Schlüsselstelle. Phänomenal wie er das macht! Aber, der „Gummiadler“ hat sich zur Aufgabe gemacht, einen der sehr seltenen Ü60-Go abzuwehren. Wie er das macht? Ganz einfach. Er lässt Roland seine Lösung zur Schlüsselstelle auch nicht durch und schickt auch ihn zurück auf den Boden der Tatsachen. Roland kämpft, im Gegensatz zu mir, weiter und im dritten Versuch kann er aus dem Block startend die Schlüsselstelle problemlos klettern. Ich habe genug für heute und lasse die Finger vom Fels. Unermüdlich wie Roland ist, cruised er ein letztes Mal fehlerfrei im Top-Rope durch die Route. Sensationell! Woher nimmt er nur diese Kraft?

Beide sind wir enttäuscht, dass wir den „Gummiadler“ nicht klettern konnten. Wir reden nicht viel auf dem Weg hinunter zum Auto, was speziell in meinem Fall nicht so üblich ist. Auf dem Nachhauseweg reflektieren wir äusserst kritisch die Situation. Dabei müssen wir feststellen, dass es doch etwas unrealistisch war der Meinung zu sein, dass gleich beim ersten Go alles richtig funktioniert. 6c ist einfach schwierig, ganz nahe an unserem Limit, wenn nicht sogar unser Limit und die Kletterei an der Schauenburg ist einfach etwas komplizierter als anderswo. Bei mir muss ich zudem feststellen, dass mich die ganze Reiserei Tag für Tag nach Bern und zurück doch deutlich mehr anstrengt, als was ich mir eingestehen will. Dieses Arbeitsweg-Pendeln killt mich langsam aber sicher. Ich bin im Kopf nicht frisch genug, der Körper konstant müde. Die PS wären da, keine Frage, aber ohne freies Hirn bekomme ich die ganze Kraft und das Können nicht an den Fels. Ich rette mich damit, dass ich bald Ferien haben werde und dann endlich Ruhe im Kopf einkehren wird. Beim obligaten Bier in Rolands Küche verziehen sich langsam aber sicher die dunklen Wolken und wir sehen Licht am Ende des selbstgebastelten Tunnels. Mir ist auch klar, dass die auswendig gelernte Bewegungssequenz in der Schlüsselstelle nicht funktioniert und so bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sache nochmals ganz detailliert anzuschauen und eine andere Lösung zu finden. 

Tag 7:

Ich habe seit 2 ½ Wochen Ferien. Ich erhole mich gut und zusammen mit Carmen erlebe ich wunderschöne und entspannende Stunden auf Bergwanderungen in der Schweiz. Es ist ein wunderbares Gefühl, nicht immer diese Müdigkeit des langen Wachbleibens und viel zu wenig Schlaf spüren zu müssen. Ich bin ausgeruht. Das Wetter ist gut. Carmen gibt mir einen Tag frei fürs Klettern. Es ist ganz klar, dass ich zusammen mit Roland einen weiteren Tag des Dienens beim „Gummiadler“ verbringen werde. Das Top-Rope hängt und ich checke die neue Lösung an der Schlüsselstelle aus. Nach gefühlt 5 Minuten, aber in Tat und Wahrheit 45 Minuten, lässt mich Roland ab und ich weiss jetzt, wie ich die Schlüsselstelle klettern kann. Ich konnte die Stelle dreimal hintereinander fehlerfrei klettern und war dabei nicht angestrengt. Ein sehr gutes Gefühl überkommt mich. Es könnte klappen.

Wir verbringen einen sehr schönen Mittwoch an einer menschenleeren Schauenburgerfluh und finden die allerletzten Puzzle-Stücke für einen möglichen Erfolg im „Gummiadler“.

Tag 8, 1. November 2014: 

Heute begleitet uns Marc. Als ich ihn nach langer Zeit das erste Mal wieder sehe, erinnere ich mich an die gute Zeit zusammen mit ihm und Chris an der Parois des Romains vor einem Jahr. Seinerzeit kletterten wir das letzte Mal zusammen und er brachte mir Glück. Ich konnte damals eine wunderbare 6b+ im zweiten Versuch klettern. Bringt mir Marc heute vielleicht auch Glück? Bald schon hängt das
Der Körper ist noch etwas steif...
Top-Rope und wir wärmen uns in der Route „Teufelsriss“ auf. Meine Muskeln sind noch etwas steif, aber ich habe ein gutes Gefühl. Roland braucht einen Refresh-Durchgang durch die Route. Alles ist gut vorbereitet, alles ist bestens. Marc hat sich als Fotograf zur Verfügung gestellt, hängt etwas unbequem gleich neben der Schlüsselstelle, die Sonne verschwindet, es wird angenehm kühl. Besser werden die Bedingungen auch heute nicht mehr. 

Schnell binde ich mich ins Seil ein und ziehe die Schuhe an. Chalk-Bag richtig positionieren. Hat es genügend Pulver drin? Ich entscheide mich trotz meiner nicht ganz optimalen Chippendale Figur das T-Shirt auszuziehen und setze den Helm auf. „Roland? Alles ok bei dir?“ „Ja. Toi, toi, toi. Du weisst, du kannst die Route klettern“ antwortet er in seiner ihm eigenen Bestimmtheit. Ich steige ein und atme tief ein und aus. Die Seilschaft an der Angensteiner-Verschneidung wundert sich über meine kaum überhörbare Atmung. Die haben ja keine Ahnung, welche Mission hier gerade abgeht, lache ich vor mich hin. Ich komme enorm schnell voran und ruhe einmal mehr sehr lange bevor die wirklich schweren Stellen im „Gummiadler“ beginnen. Alles ist herrlich ruhig in meinem Kopf, keine dicken Unterarme, kein Keuchen. Energisch klettere ich weiter und im Geiste begleitet mich Adam Ondra, der einmal gesagt hat, dass man einfach weiterklettern soll auch wenn man sich nicht sicher fühlt. Aber ich fühle sicher und Zug um Zug gelingt mir auf Anhieb wenn auch nicht exakt so, wie ich sie ausgebouldert habe. Nach wenigen Minuten stehe ich unter der Schlüsselstelle. Immer noch Ruhe im Kopf, kein Keuchen, keine Angst, keine dicken Unterarme. Die Aussicht ist phänomenal. Ich bin ausgeruht und optimal vorbereitet. Es sollte klappen. Plötzlich kommt von irgendwoher die Angst. Angst? Wovor? Unüberhörbar sage ich zu mir selbst: „Ich habe so grosse Angst“. Erst später wird mir bewusst, dass diese Angst nicht die Angst vor einem Sturz ist, sondern schlicht und ergreifend Versagensangst. Die Schlüsselstelle kann ich fehlerfrei klettern (sh. Anfang des Aufsatzes).

Wir Kletterer kennen alle dieses wunderschöne und unbeschreibliche Gefühl nach einem gelungenen Durchstieg. Dieses Rauschen der Endorphine kann süchtig machen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht komme ich zurück zum Einstieg und umarme Roland. Yes! Der eine der beiden hat es geschafft. 

An der Schlüsselstelle
Jetzt ist Roland an der Reihe. Klettergurt kontrollieren, Chalk-Bag kontrollieren, ins Seil einbinden, Schuhe anziehen, Helm aufsetzen. Ich spüre seine Nervosität, er ist nicht ganz so locker wie sonst. Er steigt ein und klettert bis zum fünften Bolt. Soweit ich gesehen habe und abschätzen kann, ist alles im grünen Bereich. Er startet in die schwierige Zone der Route und kommt locker bis zur Schlüsselstelle. Er ruht sich sehr lange aus. Alles ist ok. Nach einer wirklich langen Pause beginnt sein Tanz mit der Schlüsselstelle. Er legt fulminant los, kommt gut zum Schlüsselgriff. Alles sieht aus meiner Sicht sehr gut aus. Roland kämpft. Unglücklicherweise setzt er den rechten Fuss nicht ganz korrekt und muss korrigieren. Das kostet Kraft, sehr viel Kraft. Roland kämpft weiter. Er setzt enorme Energien frei. Er setzt zum finalen Zug an! Es reicht nicht. Das war haarscharf. Er versucht die Stelle nochmals zu klettern. Es geht nicht. Erst beim dritten Mal gelingt ihm die Schlüsselstelle und er klettert hoch zum Umlenker. Für einen zweiten Go an diesem Tag reicht die Zeit nicht mehr. Somit ist klar, dass wir auch 2015 das eine oder andere Mal zusammen an die Schauenburgerfluh hochtigern werden. Die gemeinsame Mission ist noch nicht beendet.

Gummiadler. Das Wort kommt aus der Umgangssprache und der Ausdruck steht für ein etwas zähes Poulet (Hähnchen). Weshalb aber die Route so heisst, das habe ich (noch) nicht herausgefunden. Gummiadler vielleicht deshalb, weil der Kletterer an der Schlüsselstelle so knetbar wie Gummi sein muss, aber die Kraft eines ausgewachsenen See-Adlers braucht um die Stelle meistern zu können. Bezüglich der Bewertung mit 6c ist das so eine Sache. In der Fluebible wird die Route mit 6b+ angegeben. Es soll aber im 2006 an der Schlüsselstelle der entscheidende grosse Griff ausgebrochen sein. In meiner dunkelsten Erinnerung bin ich tatsächlich auch der Meinung, dass es wirklich bessere Griffe „dort oben“ hatte. Aber ich weiss es einfach nicht mehr. Ich habe im B2 herumgefragt und viele meinten, dass die Schlüsselstelle jetzt sicher 6c ist, Basler Jura-6c. Schwieriger wird der Gummiadler nicht sein, denn 6c+ werde ich hoffentlich erst im 2015 nach harten B2-Sessions klettern können. Und 6b+, das weiss ich selber, ist einfach leichter zu klettern.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlichst bedanken bei:

- Roland. Für die Inspiration und die Idee, die Route überhaupt anzugehen und für die unendlich schönen, entspannenden und interessanten Stunden beim Zusammensetzen dieses enorm schwierigen Puzzles. Ohne deine Geduld, deine Kreativität, deinen unbeugsamen Willen und deine Faszination an der Route, hätte ich – hätten wir zusammen – dieses Ding nie hinbekommen. Danke!

- Marc, meinem doch offensichtlichen Glücksbringer, für sein selbstloses Engagement als Fotograf und Motivator während des Durchstiegs. Das war schlicht erstklassig!

- Und – last but not least - dem jungen Jura-Saurier, der mir mit seinen klaren Analysen die Problematik und gleichzeitig die Lösungen dafür aufzeigte. 

Ohne euch alle, meine liebsten Freunde, ohne euch wäre dieses dritte Highlight (Illusion, Cristallo, Gummiadler) im 2014 nie zustande gekommen! Euch allen gehört mein tiefster Dank!