Friday, July 17, 2015

The Good, the Bad and the Ugly

von Markus

Verticalsoul präsentiert den Blockbuster: „Zwei glorreiche Halunken an der Schauenburg“

In den Hauptrollen: Roland und Alter Jura-Saurier
Regie: Kalk Fels
Kamera: Nie Mand
Drehbuch: Na Tur

Nachdem mir am bitterkalten Frühlingsanfang der Durchstieg durch die „Via Kathrin“ gelang, fühlte ich mich natürlich wieder so richtig gut. Selbst das Wetter fühlte sich gut und blieb konstant - schlecht. Es klingt ja wie ein Hohn, denn aktuell durchschwitzen wir alle die wohl heisseste Zeit des Jahres mit ungeahnt hohen Temperaturen. Doch im Zeitraum April bis Juni hat es häufig an den für mich so wichtigen Samstagen geregnet. Das schlechte bzw. instabile Wetter hat mir schon einen dicken Strich durch meine Jahresplanung gemacht. Nun denn, es ist halt so und Gott sei Dank kann das Wetter noch nicht gekauft werden.

Nun aber zu den wirklich wichtigen Ereignissen der vergangenen Wochen. Nachdem ich mein Uralt-Projekt geklettert hatte, ging das Spiel „Nach dem Projekt ist vor dem Projekt“ in eine neue Runde. Irgendwie verspürte ich die Lust, es nochmals mit einer 6c zu versuchen. Würde es nochmals  klappen? Hier geht es weiter zum Tagebuch und zur Antwort:


Samstag, 18. April 2015:

Es könnte gehen. Aber es könnte auch nicht gehen. Die Wettervorhersage ist nicht gerade optimal für den Samstag. Es regnet den ganzen Freitag, aber vielleicht hat ja Petrus ein Einsehen? Und – er hat ein Einsehen. Am Samstagmorgen zeigt sich wunderbar blauer Himmel, alles ist trocken. Keine Frage, heute wird geklettert. Schauenburg ist das Ziel, denn die Sonnenstrahlen werden sicher angenehm wärmen. Es wird ein schöner Klettertag werden. Trotzdem nehme ich die dicke Jacke mit – man weiss ja nie.

Einmal mehr marschieren Roland und ich den Weg zur Schauenburg hoch. Der Weg war letztes Jahr definitiv nicht so steil - und auch nicht so lang! Oben angekommen sehen wir, dass der Fels komplett trocken ist. Die Frage stellt sich nun: welches Projekt gehen wir an? Auf meiner S-Liste stehen noch ein paar leichtere Routen, aber ich habe keine Lust, meine Hausaufgaben weiter zu erledigen. Schon in der Schule hatte ich sehr grosse Mühe damit, mich für Hausaufgaben zu motivieren. Das hat sich bis ins heutige hohe Alter nicht verändert.

Letztes Jahr, als ich mich im „Gummiadler“ abmühte, fiel mein Blick immer wieder auf eine fantastische Linie. Die Route heisst „Fehlalarm“. Bei näherer Inspektion sehe ich, dass die Route ganz neu mit Klebehaken saniert wurde. Dann hat es hoffentlich keine Schauen typischen Runouts mehr drin, so hoffe ich. Heute kann ich beruhigt bestätigen, dass es keine Runouts drin hat, aber immer noch zwingend schwere Züge über dem schon etwas leicht entfernten Bolt zu klettern sind. Das ist auch ein Teil des Spiels mit Namen „Sportklettern“.

Ich hänge die Express auf meine ganz eigene Art und damit erfolgversprechende Weise in die Route und einmal mehr sehe ich weder Tritte noch Griffe. Da hat es ja nichts! Wie soll das gehen? Es sind immer die gleichen Fragen zu Beginn eines Projektes. Roland klettert durch die Route und findet hin und wieder etwas, worauf man stehen und was als Griff im entferntesten Sinne definiert werden kann. Meine erste Erkundungsfahrt durch die Route lässt erste ganz grosse Zweifel am Gelingen aufkommen.

Der Wind bläst seit Stunden unerbittlich. Die Bise reinigt zwar den Himmel von lästigen Wolken, doch die Temperatur ist doch etwas sehr tief geraten. Den zweiten Durchgang durch die Route muss ich in der Routenhälfte abbrechen: tiefgefroren.

Aber – die Route gefällt uns. Wir bleiben dran und hoffen, dass wir uns bald wieder mit unserer selbstgestellten Hausaufgabe beschäftigen können. Selbstgestellte Hausaufgaben löse ich von Herzen gern. Für mich besteht die Route im Moment aus einer 32 Meter hohen Schlüsselstelle mit den etwas schwierigeren Stellen mit Namen „The Good“, „The Bad“ and „The Ugly“.


Mittwoch, 22. April

Es herrscht herrlichstes Kletterwetter, beste Bedingungen. Nach einem etwas anstrengenden Morgen mit gefühlt 1‘000 bearbeiteten E-Mails, habe ich nachmittags frei. Es zieht mich an die Schauen, zu meinem Projekt. Andreas begleitet mich dieses Mal. Für mich wird ein Traum wahr. Andreas und ich kennen uns schon sehr viele Jahre. Doch zu einem gemeinsamen Gang an den Fels hat es bis dato nicht gereicht.

Der Weg hoch an die Schauenburg ist immer noch steil und weit. Wir klettern uns im „Efeu-Riss“ ein. Der „Efeu-Riss“ ist eine Hausaufgabe auf der S-Liste und natürlich mental mit dem Prädikat „Unclimbable“ versehen. Andreas hängt mir das Top-Rope in die Route ein. Dann beginnt mein Kampf mit den Elementen. Zu meinem Erstaunen komme ich recht gut mit der Route zurecht und bleibe nicht – wie bisher immer – im Riss stecken. Ich realisiere, dass ich neben meinem Projekt noch zusätzlich eine meiner Hausaufgaben abarbeiten werde können. Hoffentlich, vielleicht. Ich freue mich darauf.

Das Top-Rope hängt nun in „Fehlalarm“. Ich steige ein und adaptiere Andreas Lösungen. Es gelingt mir, den unteren Teil zu optimieren und komme fast schon frisch an meine erste Schlüsselstelle „The Good“. Auch hier adaptiere ich Andreas Lösung, muss aber feststellen, dass ich dafür einfach viel zu schwach bin. An der zweiten Schlüsselstelle, „The Bad“, finde ich nach langem Suchen eine gute Lösung. Versteckte Griffe und Reibungs-Tritte sind der Schlüssel zum Erfolg. Es sollte gehen. Die dritte Schlüsselstelle, „The Ugly“, stellt mich weiterhin vor Rätsel. Ist es wirklich so, dass dieses Ein-Fingerloch der Schlüssel zum Erfolg sein soll?

Der zweite Umgang lässt mich sehr gut bis zu „The Ugly“ gelangen. Die gefundenen Lösungen müssen noch weiter optimiert werden, das ist mir klar. Aber ein ganz neues Phänomen stellt sich ein. Die Füsse schmerzen höllisch. Noch am Tag danach spüre ich die Überlastung des rechten grossen Zeh.

Aber ich bleibe dran – das wird noch was mit dem „Fehlalarm“!


Samstag, 25. April

Auf dem grossen Picknick-Platz entsteht etwas Grosses, etwas ganz Grosses. Wir werden von den Protagonisten des Events für 14 Uhr zum Bier eingeladen. Bei der Route angekommen, lauern neue unbekannte Gefahren. Unmittelbar rechts von „Fehlalarm“ findet eine Abseilübung statt. Wir kommen in den Genuss, interessant grossen Stein-Geschossen aus dem Weg gehen zu dürfen. Um 14 Uhr startet das Notstromaggregat. Die Musik jault auf, laut und nicht speziell interessant. Die fliegenden Steine werden kleiner. Die Konzentration für die Route ist allerdings dahin. Und ob das alles nicht schon gereicht hätte, beginnt es noch zu regnen. Es soll auch schlechte Tage am Fels geben.


Donnerstag, 14. Mai 2015

Herrlichstes Kletterwetter. Roland und ich sind alleine am Fels. Aber es ist auch Auffahrt und das bedeutet, dass auch Banntag im Kanton Basel-Landschaft ist. An diesem Tag wird der Gemeindebann abgeschritten und bei jedem gefundenen Grenzstein ein Böller abgeschossen. Nun, es muss so sein, dass Frenkendorf mehrere hundert dieser Grenzsteine hat. Bis spät nach 17 Uhr wird geböllert, was das Zeug hergibt. Ruhe im Wald geht anders. Oder wollten uns die Banntägler etwa den Fels hochtreiben? Sozusagen Treibjagd mit den „zwei glorreichen Halunken“?

Heute ist Schlüsselstellen-Training angesagt. Ich habe mir geschworen, dass ich den Fels erst dann verlasse, wenn ich die „The Good“ sauber klettern kann. Nach gefühlt 30 Minuten habe ich endlich die auch von alten Jura-Sauriern kletterbare Version entdeckt. Es ist eine kräftige, gute und stabile Lösung – anschliessend bin ich total ko.


Samstag, 16. Mai 2015

Die Muskeln fühlen sich noch etwas gebraucht vom Donnerstag an. Die gefundene Lösung für „The Good“ können wir sehr gut klettern. Deshalb steht heute Schlüsselstellen-Training für „The Bad“ auf dem Programm. Es ist tatsächlich so, dass die Mikroleisten und die kleinen Reibungstritte in der richtigen Reihenfolge abgespult die Lösung für sind. Juhui. Auf geht's zu „The Ugly“. Bei „The Ugly“ findet Roland die Lösung für den legendären Utzinsky-Riss. Eine allerletzte ungewöhnlich schwierige Stelle bleibt am Ende des Risses übrig. Aber wir sind sicher, dass wir auch diese Stelle werden meistern können. Irgendwie wird das sicher gehen. Irgendwie....


Donnerstag, 21. Mai 2015

Heute steht auf dem Tagesbefehl: Angriff. Einmal mehr ist das Wetter sehr instabil und unsicher. Wir sind aber so auf Angriff programmiert, dass wir unbedingt an die Schauen gehen. Allerdings haben wir die Rechnung ohne Petrus gemacht. Der meint nämlich, dass die Natur wieder einmal etwas Regen bräuchte. Er lässt es allerdings erst regnen, nachdem die Express in der Route hängen. Beim Abbau der Route werde ich total nass, Roland erwischt es etwas weniger. Schnell packen wir unsere Rucksäcke und wollen uns von dannen machen, schon lacht die Sonne wieder vom Himmel. Wir entscheiden uns, die Express wieder in die Route zu bringen und weiter nach Optimierungen zu suchen, denn an einen Durchstieg ist jetzt nicht mehr zu denken. Die Route ist im ersten Drittel zu feucht. Wir nutzen die Zeit und finden weitere Optimierungen. Roland und mir gelingt der Durchstieg im Top-Rope - beinahe. Wir haben noch einen Hänger bei „The Ugly“ gleich nach dem Utzinsky-Riss. Irgendwie wird das dann schon gehen.


Pfingst-Samstag, 23. Mai 2015

Das Wetter ist gut, der Tagesbefehl lautet wieder: Angriff. Wir klettern uns seriös in einer leichten Route ein und sind voller Zuversicht. Es liegt an mir, den Reigen der gescheiterten Versuche zu eröffnen. Es gelingt mir, mich gut zu konzentrieren und ich weiss, dass die Stelle kurz vor dem Umlenker schon „irgendwie“ gehen wird. „The Ugly“ wird gehen, das ist klar. Es beginnt gut, ich komme gut voran. „The Good“ geht problemlos. Meine Unterarme sind etwas gepumpt, doch vor „The Bad“ gibt es einen perfekten No-Hand-Rest und ich kann mich sehr gut erholen. „The Good“ liegt hinter mir, vor mir nun „The Bad“. Ich klettere die Stelle ungern. Volle Konzentration, alles läuft perfekt. Ich stehe gut, die Griffe kann ich gut halten und jetzt sollte ich den Bolt klippen. Das geht aber nicht, denn sollte ich nur ein kleines Detail an meiner Kletterstellung ändern, werde ich dem Gesetz der Schwerkraft folgen. Als geübter Kletterer kommt jetzt Plan B zum Zug – Abklettern zum No-Hand-Rest. Noch einmal ruhe ich mich gut aus, überlege mir neue Lösungsmöglichkeiten und starte ein zweites Mal in die Stelle nur um wenige Sekunden später festzustellen, dass ich nun an der Stelle entweder verhungern oder einen Sturz hinlegen kann. Ich entscheide mich gegen das Verhungern und rufe ein angstvolles „Block“ zu Roland. „The Bad“ hat gesiegt, aus der Traum vom Durchstieg. Auch das gehört zum Spiel „Sportklettern“.

Nun ist Roland an der Reihe. Ungeahnt schnell steht er unter „The Good“. Locker klettert er über die Stelle, ein kleiner Verhauer nach rechts und im Spiel steht es 1:1.

Wir müssen nun eine Künstlerpause einlegen, denn Roland fährt für 10 Tage in die Ferien und mich legt hohes Fieber komplett flach. Es dauert rund 2 Wochen bis ich wieder einigermassen fit bin. Zudem ärgert mich seit Monaten ein hartnäckiger Tennis-Ellbogen. Ich dehne und achte auf die richtigen Bewegungen, aber die Schmerzen verschwinden nicht. Beim Klettern spüre ich nichts, doch in der Nacht mache ich kaum ein Auge zu. Wie lange das wohl dauern wird? Noch während ich diese Zeilen schreibe, meldet sich der Arm. Aber ein Indianer kennt keinen Schmerz!

Wird das noch was in diesem Frühjahr mit dem „Fehlalarm“? Langsam aber sicher läuft uns die Zeit davon, denn im Frühsommer kann die Sonne schon intensiv die Felsen bescheinen, was das Klettern schlicht verunmöglicht. Wir müssen uns langsam aber sicher mit dem Gedanken anfreunden, das Projekt auf den Herbst verschieben zu müssen. Das wäre sehr schade, denn die komplexen Bewegungsabläufe müssten wir sicher wieder neu entdecken.


Samstag, 6. Juni 2015:

Es war zu erwarten! Glühende 30 Grad werden gemeldet. Es macht keinen Sinn, einen Angriff zu wagen. Ein Alternativprogramm muss her: Abkühlung im Wasser.


Samstag, 13. Juni 2015:

Wiederum wird es ein heisser Tag werden. Zu heiss zum Klettern? Wir wollen es trotzdem versuchen. Etwas später als gewöhnlich stehen wir unter der Route. Die Sonne brennt erbarmungslos in die Wand. Eigentlich ist es völlig sinnlos auch nur daran zu denken, einen Go zu wagen. Doch der Wunsch die Route klettern zu können treibt uns an. Wir klettern uns einmal mehr seriös in einer leichten Route ein. Wir werden bei lebendigem Leib gebraten. Noch selten haben wir derart geschwitzt. Trotz allem wollen wir es versuchen. Wir müssen uns etwas gedulden, bis die Wand im Schatten liegt.

Heute beginnt  Roland mit dem Reigen der Versuche. Wir haben die Crème de la Crème der Kletterer als Cheerleader engagiert. Die positive Energie können wir förmlich mit Händen greifen. Alles ist perfekt vorbereitet, jedes Staubkorn aus der Route entfernt, die letzten Gräser in der Route mussten auch ihr Leben opfern. Ein Formel 1-Team würde neidisch in unsere Box schauen - alles sauber, proper, clean. Es ist alternativlos: Heute muss es klappen!

Roland schnürt seine Schuhe, setzt den Helm auf und ab geht's. Er spult das einstudierte Programm perfekt ab und steht nach wenigen Minuten unter „The Good“. Locker und flockig klettert er über die Stelle um kurz darauf „The Bad“ ebenfalls problemlos zu meistern. Fehlerfrei und fast schon engelsgleich klettert er weiter zu „The Ugly“. Auch „The Ugly“ klettert er perfekt und meistert die Stelle oberhalb des Utzinsky-Risses „irgendwie“. Ohne nennenswerte Anstrengung ist er durch die Route geflogen und klippt den Umlenker. Wow! Sowas habe ich noch nicht oft gesehen. Herzliche Gratulation zum Durchstieg!

Roland hat perfekt vorgelegt. Nun liegt es an mir nachzuziehen. „The Good“ geht sehr gut. „The Bad“ zeigt mir die Zähne. Ich brauche enorm viel Kraft um einen Fehler zu korrigieren. Zuviel Kraft? Nach „The Bad“ gibt es sehr gute Ruhepunkte, aber wenn die Kraft mal draussen ist, dann ist sie draussen. Etwas ärgerlich ist die Situation und eigentlich könnte ich jetzt auch aufhören, denn es wird nicht mehr für die nächsten Meter reichen. Schade.

Doch die Cheerleader-Truppe motiviert mich und lässt die Hoffnung an mich selber wieder steigen. Sie alle glauben an mich. Ich darf sie jetzt nicht enttäuschen. Roland impft mir Mut ein.

Ich klettere mit ausgepressten Unterarmen weiter und prompt passiert mir der nächste Fehler. Ich gebe nicht auf, kämpfe weiter. An allen möglichen und unmöglichen Stellen versuche ich zu ruhen. Die Entspannung will nicht einkehren. Der Utzinsky-Riss gelingt mir mehr schlecht als recht. Ich keuche und nehme dieses Signal der Überforderung klar und deutlich wahr. „The Ugly“ will mir den Meister zeigen, ich kontere und komme gut an den letzten Aufleger. Reality-Check vor dem letzten Move, vor der Stelle, die dann schon „irgendwie“ geht:

  • Die Unterarme ausgepresst wie eine Zitrone
  • Die Atmung so schnell wie auf einem 8000er ohne Sauerstoff-Gerät
  • Die Oberschenkel brennen
  • Die Zehen schmerzen
  • Die Füsse komplett überlastet

Das ist der Befund meines Körpers. Hoffnungslos. Und trotzdem: Mind over Machine. Ich will es versuchen. Der Umlenker ist zum Greifen nah, fast könnte ich ihn mit den Zähnen fassen. Go!

Den linken Fuss platziere ich am richtigen Ort. Mit der linken Hand erwische ich den richtigen Griff, so auch mit der rechten. Nun den Move einleiten. Der Körper bewegt sich in die vorgesehene Richtung. Ich hebe den rechten Fuss und merke sofort, dass sich die Belastung enorm steigert. Nochmals die Kontrolle, alles ist richtig. Ich spüre, wie die Atmung immer schneller wird. Die Belastung zerrt am ganzen Körper und an den Nerven. Vorsichtig platziere ich den rechten Fuss, erwische den Tritt aber nicht richtig. Sofort ist mir klar, dass ich diesen Fehler nur mit einem enormen Kraftaufwand in den Armen korrigieren kann. Dieser Versuch scheitert allerdings grandios. Der Sturz endet sanft und den Tränen nahe hänge ich im Seil. Der ganze Körper schreit, alles schmerzt. Aber gegen den Schmerz der Enttäuschung ist das alles null und nichts. Roland muntert mich auf und nach 10 Minuten beginne ich wieder zu klettern. Die Stelle, die dann „irgendwie“ schon gehen wird, hat es in sich. Eine komplett neue Sequenz bringt den Schlüssel zum Erfolg. Etwas enttäuscht komme ich wieder am Boden an. Der Plan ist, einen zweiten Go zu wagen. Aber selbst nach über 1 Stunde des Ruhens tun mir noch die Unterarme weh. So entscheide ich mich für einen Top-Rope Umgang und kann meine Problemzone nicht mehr „irgendwie“ klettern, sondern so wie es sich gehört: ohne Murks und kontrolliert

Wir bauen die Route ab, verstauen alles im Rucksack und marschieren zum Auto. Ich freue mich enorm für Roland, dass er die Route in diesem sauberen und überlegenen Stil geschafft hat. Das anschliessende Sieger-Bier bei ihm in der Küche schmeckt trotz meines Misserfolges wirklich gut. Für mich stellt sich nur noch eine Frage: muss ich das Projekt in den Herbst verschieben?


Samstag, 20. Juni 2015:

Aus heutiger Sicht (17. Juli 2015) unglaublich aber wahr: Regen. Die ganze Schauenburg ist pitschnass und Petrus hat kein Einsehen. Enttäuscht keinen Go machen zu können gehe ich ins B2 bouldern. Es wird eine gute Session und nach 2 Stunden guten Trainings mache ich mich auf den Heimweg. Während ich so etwas müde, enttäuscht und verträumt meine Sachen zusammenpacke, kommt Richi auf mich zu. Wir haben uns schon sehr lange nicht mehr gesehen und haben uns viel zu erzählen. Wir reden und reden und Richi erzählt mir von seinen Abenteuern aus frühen Jahren. Es ist so spannend und interessant was er erzählt, sodass ich die Zeit vergesse. Richi erzählt von Dingen, die er in den Dolomiten gemacht hat. Er erzählt von den Anfängen des Sportkletterns. Fasziniert höre ich ihm zu und weiss, dass ich den besten Sport aller Sportarten ausübe: Sportklettern.

Sehr glücklich und sehr zufrieden fahre ich nach Hause und weiss, dass der richtige Zeitpunkt für den Durchstieg ganz von alleine kommen wird.


Samstag, 27.6.2015:

Es ist klar, wohin die Reise geht. Es ist klar, was zu erledigen ist.

Ich steige in die Route ein und komme sehr gut zu „The Good“. Nachchalken und ab geht’s – zum ersten Fehler. Gopferdeggel! Ich klettere wieder zurück und überlege mir nochmals die Sequenz. Alles klar – Go! „The Good“ geht nun und ich stehe wenig später unter „The Bad“. No-Hand-Rest. Sequenz  abrufen, alles durchchecken – Go! „The Bad“ liegt hinter mir. Die Körperkontrolle meint, dass der Motor im grünen Bereich vor sich hinschnurrt. Meine persönliche Schlüsselstelle ist nun an der Reihe. Fehler reiht sich nahtlos an Fehler. Mit ganz viel Krafteinsatz gelingt es mir, den nächsten Bolt zu klippen und klettere wieder zum letzten Ruhepunkt zurück. Psychisch angeschlagen, nutze ich den Rastpunkt intensiv. Ich muss mir etwas einfallen lassen, sonst endet mein heutiger Angriff in einem Desaster. Lange rede ich mit Roland, die Konzentration ist weg und ich frage mich, was ich denn hier oben soll. Ich erlebe eine Motivationskrise mitten in der Route. So etwas habe ich nun auch noch nie erlebt. Irgendwie fühle ich mich, als ob ich nach „The Bad“ ins Tal der Gleichgültigkeit abgebogen bin und mich dort pudelwohl fühle. Es gibt keinen Grund, diesen Ort zu verlassen. Es ist herrlich hier.

Nach mehreren Minuten an der gleichen Stelle stehend melden sich ungerecht intensiv die Zehen. Sie erinnern mich daran, dass das Tal der Gleichgültigkeit in den nächsten Sekunden zu verlassen ist. Die Zehen meinen ultimativ, es ist Zeit aufzubrechen. Nur – wie kann ich mich motivieren? Die Gleichgültigkeit hat mich voll in ihrem Würgegriff. Die Zehen rufen: „Aufbruch“. Das Hirn sagt: „Block. Route abbauen und auf den Scheiterhaufen der gescheiterten Projekte werfen. Ist doch alles egal!“

Aus dem tiefen Dunkel meines Hirns dringt plötzlich ein unüberhörbarer Lärm in mein Bewusstsein. Es ist es extrem laut und schrill. Sofort erkenne ich, worum es sich handelt. Dieses Mal ist es nicht Ronnie James Dio, dieses Mal ist es Rob Halford von Judas Priest mit seiner gewöhnungsbedürftigen Stimme.  Es ist diese eine Strophe aus dem Song Metal Meltdown vom Album „Painkiller“, die mich aus der Gleichgültigkeit herausholt.

Raging fury
Wired for sound
Nitro bombshell
Shakes the ground

High and mighty
Rips the air
Piercing lazer
Burning glaze

Out of control
About to explode
It's coming at ya

Die Konzentration ist wieder da. 

Körper und Reality-Check: 

  • Unterame: platt wie eine Flunder und ausgepresst wie eine Zitrone
  • Zehen: am obersten Punkt der Quälskala angekommen. 10 von 10 möglichen Schmerzpunkten

Es gibt keinen Weg zurück, ich muss aus dem Tal verschwinden, so rasch wie es nur irgendwie geht.

Nitro bombshell
Shakes the ground

Immer und immer wieder rasselt dieser Satz durch mein Hirn, während ich mich mehr sehr schlecht als schlecht durch jeden einzelnen Move quäle. Interessant ist allerdings, dass sich neben dem Heavy-Metal von Judas Priest im gleichen Augenblick auch der Refrain von „Autobahn“ von „Kraftwerk“ abspielt. "Wir fahr'n fahr'n fahr'n auf der Autobahn." Drehe ich nun durch oder spinne ich bereits?

Nun stehe ich am unteren Ende des Utzinsky-Risses. Alles schmerzt.

Nitro bombshell
Shakes the ground
High and mighty
Rips the air

...immer und immer wieder! Irgendwie schaffe ich den Riss und stehe vor der Stelle, die „schon irgendwie“ geht.

Nitro bombshell
Shakes the ground
High and mighty
Rips the air

Voller Körpereinsatz!!
Es hämmert und dröhnt. So muss es in einem Stahlwerk ohne Kopfhörer klingen. Ich leite die einstudierte Sequenz ein. Aber bereits der erste Teil stimmt nicht. Alles ist schief, alles ist falsch. Aber ich weiss, dass ich die Stelle klettern kann. Ich klettere die Stelle „irgendwie“ und stehe nun 30 Zentimeter unter dem Umlenker. Noch kann ich ihn nicht einhängen. Die Füsse sind in der Zwischenzeit gefühllos. So stehe ich nun auf einem guten Tritt und muss Stück um Stück meines völlig überlasteten Körpers und meiner Psyche auf Normalmass herunterfahren. Roland wird wohl in Schweiss gebadet und froh sein, wenn ich endlich den Umlenker einhänge.

Der Lärm wird leiser. Leben kehrt in die Zehen zurück.

Wenige Sekunden später hänge ich den Umlenker ein. Geschafft! Ich kann es kaum glauben. Die Freude ist riesengross, ich bin unbeschreiblich glücklich.

Die „Zwei glorreichen Halunken“ (so die deutsche Übersetzung des internationalen Filmtitels „The Good, the Bad and the Ugly“) haben beide „Fehlalarm“ geklettert. Ein grosses Abenteuer ist zu einem guten Ende gekommen, gemeinsam haben wir gelitten, gefochten, gekämpft und zum Schluss Erfolg gehabt.

„Fehlalarm“ ist die härteste Route, die ich je geklettert habe. Dies nicht aus der Sicht des Schwierigkeitsgrades, sondern aus der Sicht der mentalen und physischen Anstrengung. Die Schönheit der Route faszinierte mich sehr lange. Der überraschend mühsame Weg zum Erfolg hat mir neue und unbekannte Herausforderungen geschenkt. An diesen Herausforderungen wäre ich beinahe gescheitert.

Es ist wie immer. Alleine hätte ich diese Aufgabe nicht stemmen können. Es brauchte einmal mehr meinen lieben Freund Roland, der mich immer wieder motivierte und mich mit seiner Freude an der Route zu Höchstleistungen motivierte und nicht von diesem Projekt abzubringen war. Das nenne ich Fokussierung auf das Wichtige im Leben. Es brauchte Andreas um mir aufzuzeigen, dass ich eine Chance in der Route habe. Und es brauchte – natürlich – den jungen Jura-Saurier, der mir immer wieder Mut zusprach und an mich glaubte.

Euch allen – herzlichsten Dank, denn ohne die Unterstützung von euch, wäre mir dieses Kunststück nie gelungen.
Und das Spiel „Nach dem Projekt ist vor dem Projekt“ geht in eine neue Runde.

Tuesday, April 7, 2015

Durststrecke

von Markus

Das Projekt hatte ich bereits beerdigt. Ein Sack mehr, der rumhängt, aber auch einer, den ich nicht mehr werde abhängen können. Vor über 6 Jahren kletterte ich das letzte Mal in Routen im Bereich 7a. Da war ich noch jung, hübsch und stark. Heute bin ich nur noch - ach ja, das sollen andere entscheiden. Es war wieder so eine Alberei im B2, die dieses Projekt wieder zum Leben erweckte. Unclimbable – für mich weit ausser Reichweite und trotzdem wollte ich wissen, ob 7a noch einmal möglich ist. Zusammen mit Chris wollte ich im Winterhalbjahr dieses Unclimbable angehen. Reduktion auf 1 Projekt, dafür am Limit und totaler Fokus und volles Engagement für dieses Abenteuer. Ich erhöhte die Intensität des Trainings mit dem Ziel, länger in der Route scheitern zu können, ganz analog dem Werbespruch von Ovomaltine: Mit Ovo kannst du es nicht besser, aber länger. Auf dieses „länger“ war ich gespannt und es sollte die Basis für den Erfolg bilden. 

L'aventure hinterlässt Spuren
Es kam der Tag, an dem wir voller Freude nach Soyhières fuhren. Soyhières ist ein wunderbares Klettergebiet, ich bin sehr gerne dort. Auch – oder gerade deshalb – weil es dort für mich nur Unclimbables gibt und ich mich völlig stressfrei und ohne irgendwelche Ambitionen visuell den fantastischen Routen hingeben kann - High-End Klassiker. Ich fühle mich wohl inmitten meines „Circuit of the Unclimbables“. Wie immer wenn ich mit Chris unterwegs bin, geht es mir wirklich ausgesprochen gut. Schon bald hängt das Seil in meinem Abenteuer und es kann losgehen. Ich stehe unter der Route und jetzt es gilt ernst. Was ist der Stand der Dinge? 4 Moves – Block - Chancenlos! Hoffnungslos überfordert hänge ich beim dritten Bolt. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Abends schleiche ich mich in die Wohnung und will nur noch eines – schlafen. Ich bin total erschöpft – psychisch und auch physisch. Nicht aufgeben heisst die Losung! Tag 2 bringt Klärung, der Nebel lichtet sich, aber auch Kampfspuren sind Teil des Spiels. Tag 3 bringt schon fast den Durchbruch im Top-Rope. Tag 4 in der Route gibt es nicht mehr, Soyhières ist komplett abgesoffen.

s'Vreni
Es muss ein Alternativ-Programm her, welches ich auch sehr schnell finde. Im Pelzli möchte ich gerne die Route „s'Vreni“ klettern. Das ist, soviel ich mich erinnern mag, die Route, welche Richi vor der „Illusion“ geklettert hat und seinerzeit mit 5b bewertete. Heute prangt ein 6a+ bei der Schwierigkeitsbewertung. Zusammen mit Richi habe ich in mühsamer Kleinarbeit letztes Jahr noch die richtige Vorgehensmethode für die Schlüsselstelle gefunden. Sagen wir es mal so: meine etwas in die Jahre gekommene Beweglichkeit hilft jetzt nicht unbedingt in dieser Route. An einem schönen Samstag bin ich nach langer Zeit wieder einmal mit Simon im Pelzli. Und es ist wie immer: Simon klettert ohne erkennbare Schwierigkeiten durch die Route. Ich bleibe wie ein Sack Mehl an der unteren Schlüsselstelle kleben. Da geht einfach nichts. Die obere Schlüsselstelle kann ich relativ bald klettern. Aber die untere Schlüsselstelle ist für mich unkletterbar. Aber – das ist die gute Nachricht – ich konnte dank des harten Trainings länger in der Route üben. Nach dieser Enttäuschung überlege ich mir ernsthaft, nun definitiv mit dem Klettern aufzuhören und definitiv meine Express zu verschenken. Wie immer nach einem derartigen Misserfolg tobt eine fast schon blutige Schlacht in meinem Kopf. Aufhören? Weitermachen? Beide Geister haben die gleich starken Argumente und die gleich starke Fraktion hinter sich versammelt. Es war eine unheimlich harte und schmerzvolle Landung auf dem Boden der Realität.

Alles läuft schief. Was ich auch anpacke, es funktioniert nicht. Seit dem erfolgreichen Durchstieg des „Gummiadler“ am 1. November 2014 will mir nichts mehr gelingen. Selbst Verabredungen zum Klettern funktionieren nicht mehr, da ich bei schönstem und bestem Kletterwetter meiner Arbeit nachzugehen habe und keine Chance sehe, kurzfristig einen Tag frei zu nehmen. So geschieht es denn auch, dass ich nach einem völlig verregneten Samstagmorgen gleichentags am Nachmittag bei guten
Pelzli - Nase
Bedingungen total allein im Pelzli bin. Ich wollte diesen Umweg zum B2 unbedingt unternehmen. Das Pelzli im späten Winter ist phänomenal schön. Die Natur wartet auf die warmen Tagen, es ist herrlich ruhig, entspannend, kraftspendend. Die weissen Kalkfelsen schimmern wunderschön durch den laublosen Wald und nur zu diesem Zeitpunkt ist die effektive Höhe, die Einzigartigkeit und die Vielfalt der Felsen zu erkennen. Wie ich so den Weg zum Basler Mätteli hochlaufe und die warmen Sonnenstrahlen geniesse, klingelt das Telefon. Am Apparat ist Chris. Weshalb ruft mich Chris an, so frage ich mich? Er ist doch in St. Lèger. Voller Freude nehme ich den Telefonanruf entgegen. Chris ist nicht in St. Lèger sondern in der Schweiz und 30 Minuten später mit 3 Bouldermatten bei mir im Pelzli. Ich war schon viele, viele Male im Pelzli, aber zum Bouldern mit Bouldermatte hat es noch nie gereicht. Abenteuer stand auf dem Programm. Gemeinsam wandern wir hoch zu den Pelzliblöcken. Chris zeigt mir all die wunderschönen Boulder, an denen ich über viele Jahrzehnte einfach völlig ignorant vorbei gelaufen bin. Den Boulder Flik-Flak habe ich noch im Projektstadium erlebt wie auch Swing-Up. Das „Kleine Lochproblem“ und das „Grosse Lochproblem“ waren seinerzeit genau einmal von Richi geklettert. Natürlich versuchte ich mich seinerzeit auch an den Boulder, konnte mich jedoch nie an den Griffen halten, bekam nie die notwendigen Bewegungen auf die Reihe und brachte die Füsse kaum vom Boden. An diesem Samstagnachmittag wird – Dank Chris – ein Traum wahr. Ich kann die Pelzlikante klettern. Fast 40 Jahre, nachdem ich das letzte Mal an dieser Wand geübt hatte, gelingt mir dieses „Wunder“. Ich war noch selten so glücklich in meinem Leben. Dazu passt eine wunderschöne Redewendung: Unverhofft kommt oft!

Bouldern ist anstrengend, macht aber Spass
Trotz des Erfolges im Pelzli bin ich unzufrieden. Das Wetter ist weiter instabil. Es bleibt nur der Gang ins B2. Gott sei Dank haben wir das B2 und die Boulder machen mir viel Spass - obwohl ich kaum welche hochkomme. Seit Wochen warte ich auf den einen Samstag, an dem ich nach langer Zeit wieder einmal draussen klettern gehen kann. Die Warterei zerrt an den Nerven. Doch auch das Warten hat einmal ein Ende. Der Bärenfels ist das Ziel. Seit bald 14 Jahren laufe ich hoch zu dieser einen Route: "Via Kathrin". Was habe ich nicht schon alles in der Route erlebt. Hitze. Kälte. Regen. Eis. Schnee. Stau. Quengelnde Kinder mit überforderten Eltern. Ruhe. Lärm. Kein Kletterpartner. Vor 2 Jahren waren Roland und ich sehr nahe dran, die Route klettern zu können. An diesem einen Samstag vor 2 Jahren kamen wir allerdings 15 Minuten zu spät. Die Route war belagert, d.h. der ganze Bärenfels war belagert. Es war gar nicht lustig. Ich ärgerte mich derart, dass ich seither einen grossen Bogen um den Bärenfels machte. Aber die Route liess mich nicht in Ruhe.

Die Schlüsselstelle hat es in sich, sollte aber dank dem Training nun endlich auch für mich Grobmotoriker zu klettern sein. Beim ersten Top-Rope Durchgang erschrecke ich: alles geht viel zu einfach. Meine Lösung für die Schlüsselstelle ist brachial hart, geht aber. Roland findet eine alternative Lösung und ich adaptiere diese sofort. Anschliessend kann ich die Schlüsselstelle dreimal fehlerfrei klettern. Für einen Go reicht es an diesem Tag nicht mehr. 

 „L'aventure“ in Soyhières abgesoffen, „s'Vreni“ im Kreis der Unclimbable angekommen, das Wetter instabil und regnerisch, alles ist schief und schräg in meinem Kletterleben. Wenn mir jetzt also auch noch die "Via Kathrin" den Vogel zeigt, dann ist einfach Schluss, definitiv. Dann ist die Geduld komplett aufgebraucht. Dann ist Zeit für eine längere oder lange wenn nicht sogar sehr lange Pause.

Es regnet und regnet und regnet, das Wetter ist weiter instabil. Wären die Bolts nicht wirklich satt im Fels verankert, sie wären mit den Wassermassen schlicht aus dem Fels gespült worden. Warten auf diesen einen guten Tag ist angesagt. Ausharren und die gefundene Lösung nicht vergessen. Ab einem gewissen Alter ist speziell Letzteres nicht zu unterschätzen.

Es ist Samstag, der 21. März 2015, Frühlingsanfang und angenehm frisch – eher kalt. Das sind die Bedingungen, die ich für "Via Kathrin" brauche. Seit einer Woche hat es nicht mehr geregnet und es wehte immer ein Wind. Die Wand wird trocken sein. Beim für diesen Tag angekündigten Wetter und Temperaturen wird der Bärenfels wohl uns alleine gehören! Dick eingepackt in unsere Winterausrüstung marschieren Roland und ich einmal mehr hinauf zum Bärenfels. Schon von Weitem sehe ich, dass es heute keine Ausreden geben wird. Der ganze Felsriegel ist komplett trocken. Aber was sehe ich da? Hängen da nicht Seile in der Wand? Seile? Stau in der "Via Kathrin"? Nein, nein, nein! Das darf doch alles nicht wahr sein! 10 Minuten später ist alles klar. Es findet ein Kletterkurs statt und die teilnehmenden Mädchen und Jungen zittern vor lauter Kälte. Aber tapfer harren sie aus und lassen sich den eisigen Wind sich um die Ohren wehen. Sie erlernen das Abseilen und garantiert auch das Frieren. Wir wärmen uns in einer leichten Route auf. Wobei aufwärmen das falsche Wort ist. Wir müssen uns bewegen, damit sich auf unsern Kleidern keine Eiskruste bildet. Der Wind bläst unangenehm bissig und statt der angekündigten Sonnenstrahlen ist der Himmel bedeckt. Meine Motivation für die "Via Kathrin" ist schon etwas angeknackst, doch möchte ich die Route unbedingt versuchen. Ich hänge die Express in die Route, checke die schwierigsten Züge nochmals aus und erfriere dabei fast. Nachdem Roland die Route im Top-Rope geklettert hat, ist es nun wieder an mir. Die Kälte hat sich tief in mich hinein gefressen. Die Finger sind kalt, die Zehenspitzen spüre ich kaum. Was mache ich jetzt? Schnell ist klar, dass ich in die Route einsteigen werde. Ich dehne und strecke mich und versuche irgendwie etwas Wärme in mir zu entfachen. Das gelingt mir nur mangelhaft, aber ich kann jetzt nicht noch 20 Minuten joggen, bis ich meine Betriebstemperatur erreicht habe. Zudem wird Roland immer leiser, ein Indiz, dass auch er kalt hat. Ich binde mich ins Seil ein, schnüre meine Schuhe, Chalk-Bag Kontrolle und dieses Mal bleibt das T-Shirt die berühmten 2 Millimeter drin und einen Faserpelz habe ich auch angezogen. Sofort nach dem Start ist die ganze Konzentration da. Wie in einem Film klettere ich das einstudierte Programm ab. Ein herrliches Gefühl überkommt mich, die Kraft ist da, die Bewegungen sitzen. Ich spüre keine Kälte. Herrlich. An der Schlüsselstelle stelle ich zu meiner grossen Überraschung fest, dass ich den Express aus einer noch nie ausgecheckten Position locker einhängen kann. Die kleinen Griffe, welche die Schlüsselstelle markieren, kann ich sehr gut halten. Alles läuft perfekt. Nach wenigen Minuten stehe ich 3 Meter unter dem Umlenker. Den letzten bis anhin immer etwas wackligen Aufrichter bekomme ich perfekt hin und schon stehe ich am Umlenker und hänge erleichtert das Seil ein. Yes! Geschafft. Mein obligater Freudenschrei wird wohl noch in der Falken gehört worden sein. Roland zieht es nochmals durch die Route. Aber die Kälte bremst ihn aus. Er ist durchgefroren. Schnell bauen wir die Route ab, verstauen alles im Rücksack, verabschieden uns von den tapferen Kursteilnehmern. 5 Minuten später beginnt es in Strömen zu regnen. Aber das stört mich nicht mehr, zu gross ist die Freude über das Ende der Durststrecke.

- Geduld bringt Rosen - 

Saturday, March 21, 2015

Hardway… ein Hauch von Frühling

von Chris

Irgendetwas Verkorkstes hatte dieser Winter an sich. Eigentlich eine tolle Jahreszeit zum Klettern - besonders an Südwänden - versprechen doch die niederen Temperaturen viel Grip und die Sonne heitert das Gemüt für die langen Nächte auf. Doch diesmal: Nebel, Hochnebel, Nässe. Gerne hätte ich mich mit OJD aufgemacht, in Soyhières unsere "Unclimbables" zu versuchen – Projekte, die weit über unserem jeweiligen Können liegen und dennoch etwas Faszinierendes an sich haben. OJD in 'L'aventure' und ich in der von mir eingebohrten Extension von 'Prélude',  welche auf den Namen 'L'anges déchus' hört – eine unglaubliche Boulderstelle. Vermutlich werde ich die nie schaffen – darum bezeichne ich es als 'Unclimbable'. Doch sind es interessante Züge, in welchen ich viel lerne. Insbesondere neue Ideen für die Lösung komplexer Bewegungen. Wie ich schon sagte, gerne hätte ich versucht. Doch diesen Winter sind alle potenziellen Projekte, die mich interessieren, im wahrsten Sinne des Wortes abgesoffen. Ich meinte bis anhin nach 33 Jahren Klettern zu wissen, was nasse Felsen bedeuten und wie bestimmte Gebiete aussehen, wenn sie einmal nass sind. Doch in den letzten Monaten und nach so mancher Fahrt, z.B. nach Soyhières, musste ich mir einen neuen Superlativ für schlechte Bedingungen am Fels ausdenken. Das dabei entstandene Wort schreibe ich hier lieber nicht nieder, da ich fürchte, die KESB könnten sonst die Sperrung unseres Blog veranlassen...
Die 12 Meter von Hardway 8b
Immer noch auf der Suche nach einem tollen, mir persönlich bedeutenden und natürlich auch trockenen Projekt, verkrümelte ich mich sogar für ein paar Tage nach St. Lèger, um ergebnislos zurückzukehren. Am Plastik – ohnehin eine Hassliebe – ging mir dann auch langsam die Motivation flöten. Erstens, aus irgendeinem mir sich nicht erschliessenden Grund kann ich nicht an Plastik klettern. Zweitens, warum soll ich mich trainingshalber quälen, wenn ich nicht weiss für was… Für mich korrelieren die Parameter 'tolles Projekt' und 'Bock zum Trainieren' auf engste Weise, respektive sind identische Begriffe… Trainieren, um stark zu werden, nur um des Stark-sein-Willens, interessiert mich nun mal Null… Oder 'Chris' und 'Plastik' sind wie zwei gleichpolige Magnete, die sich bei Annäherung abstossen. Und trotzdem pilgere ich jedes Mal in den Plastiktempel, in der Hoffnung meine an gehärtetem Kunstharz drangepresste Energie vermöge mir Schwingen verleihen, die mich mühelos über jede Crux eines in irgendeinem Wald dahingestreuten Lieblingsprojekt tragen. In diesem letzteren Satz wird meine Schizophrenie und gleichzeitige Gutgläubigkeit offenbar. Wenn ich mich aber im abendlichen Plastiktempel rumtreibe, scheine ich doch nicht der einzige zu sein, dem es so geht. In der Masse wird man als suchendes – oder besser doch umherirrendes – Individuum getragen. Sehr bequem… Statt Plastikbouldern sollte ich aber lieber wieder ans Campusboard wie letztes Jahr. Das scheint mich eher vorwärts zu bringen...

Und im März war es plötzlich doch soweit. Das Gerücht von trockenem Fels machte die Runde. Da schrillen die Alarmglocken. Sonne, geringe Luftfeuchtigkeit und nicht zu warm. Und jetzt? Eine kurze Inspektion im unclimbable 'L'Anges…' die ernüchternde Erkenntnis, dass Soyhières ein Wasserloch und der Schlüsselzug im Proj eine Quelle bleibt. Schnell in die Gorges du Court gefahren und – Dang!! – trockenen Fels gefunden. Unerklärlich, dass die Basisclimbs an der Nantes und das Petit Capucin zu dieser Jahreszeit schon trocken waren.
Hardway 8b - ein Kletterpic mit mir hat Seltenheitswert...
Lange hatte ich schon mit der 'Hardway' geliebäugelt. Ein kurzes Boulder- und Resistancemonster von Phil aus dem Jahr 1988, und seither mit nur sehr wenigen Wiederholungen. Bestehend aus den schmerzhaften Klemmern und wackeligen Zügen im Dach des Klassikers 'Subway' und dann weiter ohne jeden Schüttel- oder Rastpunkt über eine toughe Boulderstelle an Leisten in einem wie eine Haifischflosse zulaufenden Wulst. Aber auch beim Übergang in die abschliessenden technischen Züge kann man noch gut rausfallen. Highspeed, viel Selbstvertrauen, Schmerztoleranz und einen freien Kopf in den unsicheren Moves sind der Schlüssel für diese 12 Meter.
Immer draa bliibe...
Doch es gibt noch eine weitere Schlüsselstelle, die weniger mit dem Kletterproblem an sich, als vielmehr mit den Umständen um den Climb herum zu tun haben: ins Petit Capucin begleitet dich kaum jemand. Das macht Seilklettern immer äusserst delikat – die Abhängigkeit von einem Sicherungspartner. Dann ist das Dach bei Regen innert wenigen Stunden nass und bleibt es auch für geraume Zeit. Die Züge und der reibungsarme Fels sind so spezifisch und eigenartig, dass es klar ist, dass man konsequent dran bleiben muss. Jede längere Pause würde bedeuten, dass man sich erst wieder neu einbouldern muss. Bei mangelnden Sicherungspartnern ein No Go. Also muss es schnell und effizient gehen. Und das klingt nach Leistungssport… Was ich nicht sonderlich mag, da mich das als felsidealistischer Träumer eher unter Druck setzt, als motiviert.

Immerhin, diesmal gelang es mir, einem solchen Druck standzuhalten. Mit der Erfahrung aus 'Subway' vor vier Jahren, zwei Bouldersessions in den letzten Jahren alleine mit GriGri-Selbstsicherung im Hardway-Boulder und dem guten Geist von Tina und Basil, die mich über vier Tage massiv unterstützen, hab ich es doch hinbekommen. Zusammen mit Basil! Wow! Im Gegensatz zu ihm war meine Begehung knapp, sehr knapp. 

Ich möchte nicht jammern, aber doch habe ich den Eindruck, dass für kurze, boulderige Superresistance- Klettereien das zunehmende Alter eine Hypothek ist. Oder wie es Kty Wagner kürzlich treffend sagte: Für "Vieux Diesels" sind lange Ausdauerrouten mit vielen Rastpunkten einfach besser! Ich bin nur froh, glücklich und happy, dass es mir für diese spezielle und hochspezifische Kletterei gelangt hat. Hardway ist nun auch Vergangenheit – die Erinnerungskiste um ein Prachtexemplar reicher. Und heute beginnt der Frühling und bringt neue Zukunft...

Thursday, February 5, 2015

Wohin? Sweet dreams are made of this...

von Chris

Ich hatte 2014 viel erreicht und gesehen. Wenn nicht mein bestes, so doch bestimmt das zweitbeste Kletterjahr meines Lebens. Sicher aber vom Erlebnisgehalt das schönste.
Fantastische Climbs und Reisen, wunderbaren Menschen, denen ich begegnete. Allem voran aber die Zeit, die ich mit meiner Liebe verbringen durfte. Die wundersame Frau, die mir mit ihrer Liebe und Unterstützung so viel Gutes schenkts, dass ich behaupten kann, ohne sie wäre nichts von dem so geworden, wie es sich letztes Jahr ergeben hat. Das nenne ich Glück!

Nach einer dreiwöchigen Kletterpause, welche den gewünschen Erholungseffekt auch mit sich brachte (die Schmerzen und Wehwechen halt, wie sie durch das Klettern dann und wann mal auftauchen... und während der Pause zum Glück verschwinden), gestaltete sich der Wiedereinstieg eher harzig.

Sind diese es? Sweet dreams are made of this...
Nicht, dass ich keine Lust zu klettern hätte. Jedoch hole ich meine grösste Klettermotivation nicht aus dem Klettern-an-sich, sondern aus meinen selbst gesteckten Kletterzielen. Solche, die wie ein Leuchtturm in der Ferne einen Weg weisen können. Einen Pfad, den es sich einzuschlagen lohnt, weil ich während des Prozess in einem Projekt auch etwas über die Welt und mich selbst erfahren.

Dazu muss ich aber ein Projekt finden, dass zwar an meinem Limit ist. Aber nicht einfach nur schwer, sondern auch für mich faszinierend. Dazu sollte es auch noch erreichbar sein. Von der räumlichen Distanz nicht allzu weit von Zuhause entfernt.

Face Sud - St. Léger
Ein Projekt muss für mich nicht von Anfang an wirklich realisierbar sein. Ihm darf ruhig der Hauch des möglicherweise Unmöglichen anhaften. Einfach nur klettern um des Kletterns willen bringt mich persönlich nicht weiter. Denn dann könnte ich auf einem Niveau unter 5c stehen bleiben. Man verstehe mich nicht falsch: nichts Schlechtes über einfache Klettereien - ich liebe solche. Manchmal gehe ich in den Jura, um einer der schönen altklassischen Multipitches zu ziehen. Klar, das ist schön und ein netter Tag mit lieben Freunden. Aber ich dringe allein auf diese Weise nicht zum Kern des Kletterns durch. Klettern am Limit ist wie ein Labor, um an sich selbst zu arbeiten, sich zu entwickeln. Um sich in völliger Hingabe und Leidenschaft dem Wesen des Kletterns zu nähern. Die Realisierung der äussersten Kletterbewegung selbst zu erfahren. Den Blick und die Wahrnehmung zu verschieben, neu Erlebtes zu reflektieren. Klettern wohl als Kunst. Das kann ich nur an der Grenze des (selbstverständlich nur für mich) Machbaren.
Spot Secret - jung müsste man noch einmal sein...

Ich lebe mit diesen Erfahrungen einfach intensiver. So erlebe ich es. Ich kann es nicht anders sagen. Über die Frage nach dem Sinn dieses Tuns möchte ich mich nicht verlieren. Wenn mein Herz mir sagt, dass der Weg der richtige ist, dann tue ich es. Auf das Verständnis von anderen darf ich dabei nicht hoffen. Wenn ich aber mich durch die gelernten Erfahrungen ein wenig näher an der Wahrheit eines gelebten Lebens bewege und um den Frieden in der Welts willen aus mir ein friedfertiger, erfüllter Mensch erwächst, dann ist doch schon viel gewonnen.

Pilier Farce tranquille - St. Léger
Und genau so ein Projekt fehlte mir bei der Rückkehr ins Kletterleben. Die Vision. Wie schön war es letztes Jahr, als ich von Anfang an wusste, was ich sehen und klettern möchte. Und nun? Warum soll ich mich z.B. am Plastik um Fitness abmühen, wenn ich nicht weiss wofür? Den Schwung aus dem letzten Jahr mitnehmen. Denn ich habe es erfahren und gelernt, dass ich nicht jedes Jahr die Energie aufbringen kann, um am absoluten Limit zu klettern. Dazu spielt einem das Leben immer wieder quer. Zurzeit passt es aber ganz gut. Aber wie schon erwähnt, es kann nicht irgendein Projekt sein. Es muss eines sein, dass mit mir zu tun hat. Das erklärt und ergibt sich instinktiv nach 33 Jahren klettern. Ein Bauchgefühl, das mich zu genau diesem einen Climb führt und nicht zu irgendeinem beliebig anderen.

Was ist bisher geschehen? Ein kleiner weihnachtlicher Trip nach St. Léger - einem meiner absoluten Lieblingsgebiete - lockerte den bei uns dieses Mal doch sehr grauen Winter auf und konnte das Tief, in welches mich die Frage nach dem wo und wie weiter gezogen hatte, ein wenig aufhellen. In der furztrockenen Face Sud konnte ich die drei bezaubernden Sinter-8a's am grossen Pfeiler - Farce tranquille, Tant que j'aurais une ombre und Barbule - ziehen. Nur zu empfehlen diese Climbs!

Die Frage aber bleibt... Wohin sollen, dürfen und können meine Energien zielen? Gar nicht einfach zu planen, wenn die Projekte sich nicht von alleine ergeben... Ich suche und werde finden. Davon bin ich überzeugt...

Thursday, January 22, 2015

Climb Norway Guidebook

von Chris

Nun liegt sie auf dem Tisch - die neueste Ausgabe von Climb Norway - A National Climbing Guide.

Auf dem aktuellsten Stand beschrieben sind 31 Klettergebiete, verteilt über ganz Norwegen. Der 406 Seiten starke Band ist neben den Topos vor allem eine Fotodokumentation, also ein inspirierendes, die Imagination nährendes Bilderbuch... verfasst wurde das Topo von Runar Carlsen und Lin Veronica Wagenlid vom ehrwürdigen Norges Boltefond.

Die beiden Autoren gelangten betreffend dem Kapitel Hanshallaren / Flatanger an mich, nachdem ich bei Olav und Beritt auf die vielen Fehler im lokalen Flatanger-Guide hingewiesen hatte. Somit geht das neue Topo der Grotte komplett auf mein Konto.

Seit ich klettere, finde ich es eine tolle Sache Topos zu erstellen. Meist fehlt aber leider - wie so oft  - die Zeit dafür...

Ich glaube, das Topo kostet 320 Kronen (37.90 €)

Friday, January 16, 2015

Kalymnos

von Chris

Für uns Kletterer aus aller Welt ein Magnet. Eine kleine Insel in der Ägäis, archaisch einfach in seiner Landschaft, aber  – und davon konnte ich mich nun selbst überzeugen –  reich an wunderbarem Fels. Ich versuchte lange diesen Hotspot zu meiden. Meine Vorstellung lagen im Bereich von ewigem Anstehen vor Climbs in mit Kletterern überfüllten Gebieten bis infernalischer Hitze in schattenlosem Kalk… Ich glaube, solche Momente und Zeiten gibt es auf der Insel wirklich. Doch kann man in die kühleren Jahreszeiten ausweichen, dann, wenn man neben dem Klettern nicht mehr baden kann und  keine Charter mehr fliegen. Das mag Viele abschrecken, zumal in den kalten Monaten auch das Wetter unsicherer ist. Doch ich bevorzuge dennoch die Ruhe. Auch haben die Einheimischen mehr Zeit für ein kleines Schwätzchen, die Stimmung ist entspannt. Ganz im Winter muss Massouri – die
zentrale Baseis für uns Kletterer – aber wie eine Geisterstadt wirken. Mit ein paar wenigen Ausnahmen hat alles andere geschlossen.


Jurassic Park
Es ist zweifelsfrei ein fantastischer Ort. Mit der Bucht und der Nachbarinsel Telendos ergibt sich ein Landschaftsbild, das eine eigene, spezielle Stimmung hat. Als ich zusammen mit Martina die Insel betrat, wussten wir, es würde eine wunderbare Zeit geben. Etwas Besonderes ist den mediterranen Inseln eigen… sie haben Magie!


Odyssey
Schon von Weitem sichtbar hängen die Stalaktiten und Sinter in geradezu absurder Orchestrierung in der Grande Grotta. Sie bilden einen Himmel für sich. Ich hatte schon viele Sintergebilde in der Hand, aber solche noch nicht. Überhaupt bin ich keinem einzigen murksigen Zug oder unangenehmen Griff begegnet. Der Fels ist aussergewöhnlich kletterfreundlich und fiel mir als hautschonend auf. Die Sinter sind eben nicht stachelig… So kann man viel mehr klettern als vergleichsweise in anderen Gebieten, wie z.B. in Frankreich oder Spanien. 

Nehmen Sie Platz... :) Secret Garden
Vielleicht einer der Gründe, warum viele mit langen Ticklisten nach Hause fahren… es bereitet einfach auch unglaublich ein Vergnügen, diese wunderbaren Climbs unter die Finger zu nehmen. Ich kann mich auch nicht erinnern, in den zwei Wochen einmal eine miese Kletterei erwischt zu haben… Was ich auch noch nie gesehen habe ist die Fülle an leichten und schweren Climbs in unmittelbarer Nachbarschaft.

Es gibt wahrhaft viele Gründe, die Insel zu mögen – trotz der bisweilen tourimässigen Anbiederung. Oben an den Felsen ist man ja weit genug davon entfernt. Momente der absoluten Stille und Einsamkeit in Sektoren wie Jurassic Park hoch über dem Meer und der Bucht sind einfach einzigartige Erlebnisse.

Böse Zungen haben schon behauptet, die den Climbs angedachten Zahlen seien Ferienbewertung, sprich um mit übermässigen Bewertungen Touris anzulocken. Nun, führt man sich einmal die alten Topos von 2006 und 2010 zu Gemüte und gleicht diese selbst kletternd mit der Wirklichkeit ab, dann bewegen sich einige Bewertungen tatsächlich im Bereich des Fantastischen. Doch Abhilfe schafft die neue Topo-App, das überwiegend Akzeptables bereithält. Man mag sich ja schon nicht gerne betrügen. Zum Beispiel die erste Länge des Klassikers 'DNA'. Ursprünglich mit 7b angegeben, dann lange mit 7a, erscheint die 6c+ in der Topo-App ganz akkurat. Es geht auch  andersherum, z.B. mit 8a+ ist die fantastische 'Labyrinth' prügelhart. Mir scheint, dass die Zahlen ein wenig davon abhängen, wer welches Gebiet eingerichtet hat. Entdeckt für euch selbst, mehr wird nicht geplaudert…

Grande Grotta
2014 habe ich Vieles richtig gemacht… So hatte ich immer dann einen Peak, wenn ich auf Roadtrip war, in St. Lèger, in Flatanger und auf Kalymnos. Das Klettern war geradezu rauschhaft, die Stimmung hoch – pure Lebensfreude ohne Sorgen um das Morgen und um irgendetwas zu müssen. Eine seltene Leichtigkeit in Geist und Körper. Es war Freiheit in atemberaubender Landschaft und an genialen Climbs – dahin hatte mich der ganze Prozess, der mich durch das Jahr begleitete - meine Entwicklung im Klettern - nun gebracht.
Stimmung in der Unterkunft...

Irgendwie kein Wunder, dass in diesen Moment mit 'Punto Caramelo' auch mein schwierigster Flash fiel: auf dem Papier 8a+, ist sie auch korrekt geklettert wohl maximal 8a. Gelegenheit gab es ja genug, um in dieser Route anderen Kletterern zuzuschauen , scheint sie doch recht beliebt zu sein. Den Climb korrekt zu klettern bedeutet, in der oberen Hälfte in der Linie der Bolts und im Dach zu bleiben (man kann ausweichen). Durch Griffausbrüche bei der Umlenkung, ist das Klippen derselbigen die leider etwas unschöne, letzte Crux…

Die Climbs in der Grande Grotta und im Jurassic Park haben uns am besten gefallen. Aber das ist ja Geschmackssache. Wir werden wieder kommen. Ein paar Linien habe ich schon als Projekte ins Auge gefasst. Und… es ist einfach unvergleichlich, den Kaffee zum Frühstück auf einer Terrasse über dem Meer zu geniessen, im Wissen, dass ein wunderbarer Klettertag bevorsteht…
Abendstimmung mit Telendos
Hier eine kleine Ticklist: The mole that cram full 8a+, Labyrinth 8a+ (hart!), DNA Extension 8a/a+, Punto Caramelo 8a (flash), Sardonique 8a, Daniboy 8a, Zawinul Syndicate 7c/c+ (on sight), Syrtaki Lessons 7c+, Andromeda 7c+ und – für mich – eine Menge 7b und 7b+ on sights, von welchen ich als besonder toll Priapos, Tufa King Pumped und Inti Raymi in Erinnerung behalten habe…