Tuesday, April 7, 2015

Durststrecke

von Markus

Das Projekt hatte ich bereits beerdigt. Ein Sack mehr, der rumhängt, aber auch einer, den ich nicht mehr werde abhängen können. Vor über 6 Jahren kletterte ich das letzte Mal in Routen im Bereich 7a. Da war ich noch jung, hübsch und stark. Heute bin ich nur noch - ach ja, das sollen andere entscheiden. Es war wieder so eine Alberei im B2, die dieses Projekt wieder zum Leben erweckte. Unclimbable – für mich weit ausser Reichweite und trotzdem wollte ich wissen, ob 7a noch einmal möglich ist. Zusammen mit Chris wollte ich im Winterhalbjahr dieses Unclimbable angehen. Reduktion auf 1 Projekt, dafür am Limit und totaler Fokus und volles Engagement für dieses Abenteuer. Ich erhöhte die Intensität des Trainings mit dem Ziel, länger in der Route scheitern zu können, ganz analog dem Werbespruch von Ovomaltine: Mit Ovo kannst du es nicht besser, aber länger. Auf dieses „länger“ war ich gespannt und es sollte die Basis für den Erfolg bilden. 

L'aventure hinterlässt Spuren
Es kam der Tag, an dem wir voller Freude nach Soyhières fuhren. Soyhières ist ein wunderbares Klettergebiet, ich bin sehr gerne dort. Auch – oder gerade deshalb – weil es dort für mich nur Unclimbables gibt und ich mich völlig stressfrei und ohne irgendwelche Ambitionen visuell den fantastischen Routen hingeben kann - High-End Klassiker. Ich fühle mich wohl inmitten meines „Circuit of the Unclimbables“. Wie immer wenn ich mit Chris unterwegs bin, geht es mir wirklich ausgesprochen gut. Schon bald hängt das Seil in meinem Abenteuer und es kann losgehen. Ich stehe unter der Route und jetzt es gilt ernst. Was ist der Stand der Dinge? 4 Moves – Block - Chancenlos! Hoffnungslos überfordert hänge ich beim dritten Bolt. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Abends schleiche ich mich in die Wohnung und will nur noch eines – schlafen. Ich bin total erschöpft – psychisch und auch physisch. Nicht aufgeben heisst die Losung! Tag 2 bringt Klärung, der Nebel lichtet sich, aber auch Kampfspuren sind Teil des Spiels. Tag 3 bringt schon fast den Durchbruch im Top-Rope. Tag 4 in der Route gibt es nicht mehr, Soyhières ist komplett abgesoffen.

s'Vreni
Es muss ein Alternativ-Programm her, welches ich auch sehr schnell finde. Im Pelzli möchte ich gerne die Route „s'Vreni“ klettern. Das ist, soviel ich mich erinnern mag, die Route, welche Richi vor der „Illusion“ geklettert hat und seinerzeit mit 5b bewertete. Heute prangt ein 6a+ bei der Schwierigkeitsbewertung. Zusammen mit Richi habe ich in mühsamer Kleinarbeit letztes Jahr noch die richtige Vorgehensmethode für die Schlüsselstelle gefunden. Sagen wir es mal so: meine etwas in die Jahre gekommene Beweglichkeit hilft jetzt nicht unbedingt in dieser Route. An einem schönen Samstag bin ich nach langer Zeit wieder einmal mit Simon im Pelzli. Und es ist wie immer: Simon klettert ohne erkennbare Schwierigkeiten durch die Route. Ich bleibe wie ein Sack Mehl an der unteren Schlüsselstelle kleben. Da geht einfach nichts. Die obere Schlüsselstelle kann ich relativ bald klettern. Aber die untere Schlüsselstelle ist für mich unkletterbar. Aber – das ist die gute Nachricht – ich konnte dank des harten Trainings länger in der Route üben. Nach dieser Enttäuschung überlege ich mir ernsthaft, nun definitiv mit dem Klettern aufzuhören und definitiv meine Express zu verschenken. Wie immer nach einem derartigen Misserfolg tobt eine fast schon blutige Schlacht in meinem Kopf. Aufhören? Weitermachen? Beide Geister haben die gleich starken Argumente und die gleich starke Fraktion hinter sich versammelt. Es war eine unheimlich harte und schmerzvolle Landung auf dem Boden der Realität.

Alles läuft schief. Was ich auch anpacke, es funktioniert nicht. Seit dem erfolgreichen Durchstieg des „Gummiadler“ am 1. November 2014 will mir nichts mehr gelingen. Selbst Verabredungen zum Klettern funktionieren nicht mehr, da ich bei schönstem und bestem Kletterwetter meiner Arbeit nachzugehen habe und keine Chance sehe, kurzfristig einen Tag frei zu nehmen. So geschieht es denn auch, dass ich nach einem völlig verregneten Samstagmorgen gleichentags am Nachmittag bei guten
Pelzli - Nase
Bedingungen total allein im Pelzli bin. Ich wollte diesen Umweg zum B2 unbedingt unternehmen. Das Pelzli im späten Winter ist phänomenal schön. Die Natur wartet auf die warmen Tagen, es ist herrlich ruhig, entspannend, kraftspendend. Die weissen Kalkfelsen schimmern wunderschön durch den laublosen Wald und nur zu diesem Zeitpunkt ist die effektive Höhe, die Einzigartigkeit und die Vielfalt der Felsen zu erkennen. Wie ich so den Weg zum Basler Mätteli hochlaufe und die warmen Sonnenstrahlen geniesse, klingelt das Telefon. Am Apparat ist Chris. Weshalb ruft mich Chris an, so frage ich mich? Er ist doch in St. Lèger. Voller Freude nehme ich den Telefonanruf entgegen. Chris ist nicht in St. Lèger sondern in der Schweiz und 30 Minuten später mit 3 Bouldermatten bei mir im Pelzli. Ich war schon viele, viele Male im Pelzli, aber zum Bouldern mit Bouldermatte hat es noch nie gereicht. Abenteuer stand auf dem Programm. Gemeinsam wandern wir hoch zu den Pelzliblöcken. Chris zeigt mir all die wunderschönen Boulder, an denen ich über viele Jahrzehnte einfach völlig ignorant vorbei gelaufen bin. Den Boulder Flik-Flak habe ich noch im Projektstadium erlebt wie auch Swing-Up. Das „Kleine Lochproblem“ und das „Grosse Lochproblem“ waren seinerzeit genau einmal von Richi geklettert. Natürlich versuchte ich mich seinerzeit auch an den Boulder, konnte mich jedoch nie an den Griffen halten, bekam nie die notwendigen Bewegungen auf die Reihe und brachte die Füsse kaum vom Boden. An diesem Samstagnachmittag wird – Dank Chris – ein Traum wahr. Ich kann die Pelzlikante klettern. Fast 40 Jahre, nachdem ich das letzte Mal an dieser Wand geübt hatte, gelingt mir dieses „Wunder“. Ich war noch selten so glücklich in meinem Leben. Dazu passt eine wunderschöne Redewendung: Unverhofft kommt oft!

Bouldern ist anstrengend, macht aber Spass
Trotz des Erfolges im Pelzli bin ich unzufrieden. Das Wetter ist weiter instabil. Es bleibt nur der Gang ins B2. Gott sei Dank haben wir das B2 und die Boulder machen mir viel Spass - obwohl ich kaum welche hochkomme. Seit Wochen warte ich auf den einen Samstag, an dem ich nach langer Zeit wieder einmal draussen klettern gehen kann. Die Warterei zerrt an den Nerven. Doch auch das Warten hat einmal ein Ende. Der Bärenfels ist das Ziel. Seit bald 14 Jahren laufe ich hoch zu dieser einen Route: "Via Kathrin". Was habe ich nicht schon alles in der Route erlebt. Hitze. Kälte. Regen. Eis. Schnee. Stau. Quengelnde Kinder mit überforderten Eltern. Ruhe. Lärm. Kein Kletterpartner. Vor 2 Jahren waren Roland und ich sehr nahe dran, die Route klettern zu können. An diesem einen Samstag vor 2 Jahren kamen wir allerdings 15 Minuten zu spät. Die Route war belagert, d.h. der ganze Bärenfels war belagert. Es war gar nicht lustig. Ich ärgerte mich derart, dass ich seither einen grossen Bogen um den Bärenfels machte. Aber die Route liess mich nicht in Ruhe.

Die Schlüsselstelle hat es in sich, sollte aber dank dem Training nun endlich auch für mich Grobmotoriker zu klettern sein. Beim ersten Top-Rope Durchgang erschrecke ich: alles geht viel zu einfach. Meine Lösung für die Schlüsselstelle ist brachial hart, geht aber. Roland findet eine alternative Lösung und ich adaptiere diese sofort. Anschliessend kann ich die Schlüsselstelle dreimal fehlerfrei klettern. Für einen Go reicht es an diesem Tag nicht mehr. 

 „L'aventure“ in Soyhières abgesoffen, „s'Vreni“ im Kreis der Unclimbable angekommen, das Wetter instabil und regnerisch, alles ist schief und schräg in meinem Kletterleben. Wenn mir jetzt also auch noch die "Via Kathrin" den Vogel zeigt, dann ist einfach Schluss, definitiv. Dann ist die Geduld komplett aufgebraucht. Dann ist Zeit für eine längere oder lange wenn nicht sogar sehr lange Pause.

Es regnet und regnet und regnet, das Wetter ist weiter instabil. Wären die Bolts nicht wirklich satt im Fels verankert, sie wären mit den Wassermassen schlicht aus dem Fels gespült worden. Warten auf diesen einen guten Tag ist angesagt. Ausharren und die gefundene Lösung nicht vergessen. Ab einem gewissen Alter ist speziell Letzteres nicht zu unterschätzen.

Es ist Samstag, der 21. März 2015, Frühlingsanfang und angenehm frisch – eher kalt. Das sind die Bedingungen, die ich für "Via Kathrin" brauche. Seit einer Woche hat es nicht mehr geregnet und es wehte immer ein Wind. Die Wand wird trocken sein. Beim für diesen Tag angekündigten Wetter und Temperaturen wird der Bärenfels wohl uns alleine gehören! Dick eingepackt in unsere Winterausrüstung marschieren Roland und ich einmal mehr hinauf zum Bärenfels. Schon von Weitem sehe ich, dass es heute keine Ausreden geben wird. Der ganze Felsriegel ist komplett trocken. Aber was sehe ich da? Hängen da nicht Seile in der Wand? Seile? Stau in der "Via Kathrin"? Nein, nein, nein! Das darf doch alles nicht wahr sein! 10 Minuten später ist alles klar. Es findet ein Kletterkurs statt und die teilnehmenden Mädchen und Jungen zittern vor lauter Kälte. Aber tapfer harren sie aus und lassen sich den eisigen Wind sich um die Ohren wehen. Sie erlernen das Abseilen und garantiert auch das Frieren. Wir wärmen uns in einer leichten Route auf. Wobei aufwärmen das falsche Wort ist. Wir müssen uns bewegen, damit sich auf unsern Kleidern keine Eiskruste bildet. Der Wind bläst unangenehm bissig und statt der angekündigten Sonnenstrahlen ist der Himmel bedeckt. Meine Motivation für die "Via Kathrin" ist schon etwas angeknackst, doch möchte ich die Route unbedingt versuchen. Ich hänge die Express in die Route, checke die schwierigsten Züge nochmals aus und erfriere dabei fast. Nachdem Roland die Route im Top-Rope geklettert hat, ist es nun wieder an mir. Die Kälte hat sich tief in mich hinein gefressen. Die Finger sind kalt, die Zehenspitzen spüre ich kaum. Was mache ich jetzt? Schnell ist klar, dass ich in die Route einsteigen werde. Ich dehne und strecke mich und versuche irgendwie etwas Wärme in mir zu entfachen. Das gelingt mir nur mangelhaft, aber ich kann jetzt nicht noch 20 Minuten joggen, bis ich meine Betriebstemperatur erreicht habe. Zudem wird Roland immer leiser, ein Indiz, dass auch er kalt hat. Ich binde mich ins Seil ein, schnüre meine Schuhe, Chalk-Bag Kontrolle und dieses Mal bleibt das T-Shirt die berühmten 2 Millimeter drin und einen Faserpelz habe ich auch angezogen. Sofort nach dem Start ist die ganze Konzentration da. Wie in einem Film klettere ich das einstudierte Programm ab. Ein herrliches Gefühl überkommt mich, die Kraft ist da, die Bewegungen sitzen. Ich spüre keine Kälte. Herrlich. An der Schlüsselstelle stelle ich zu meiner grossen Überraschung fest, dass ich den Express aus einer noch nie ausgecheckten Position locker einhängen kann. Die kleinen Griffe, welche die Schlüsselstelle markieren, kann ich sehr gut halten. Alles läuft perfekt. Nach wenigen Minuten stehe ich 3 Meter unter dem Umlenker. Den letzten bis anhin immer etwas wackligen Aufrichter bekomme ich perfekt hin und schon stehe ich am Umlenker und hänge erleichtert das Seil ein. Yes! Geschafft. Mein obligater Freudenschrei wird wohl noch in der Falken gehört worden sein. Roland zieht es nochmals durch die Route. Aber die Kälte bremst ihn aus. Er ist durchgefroren. Schnell bauen wir die Route ab, verstauen alles im Rücksack, verabschieden uns von den tapferen Kursteilnehmern. 5 Minuten später beginnt es in Strömen zu regnen. Aber das stört mich nicht mehr, zu gross ist die Freude über das Ende der Durststrecke.

- Geduld bringt Rosen - 

Saturday, March 21, 2015

Hardway… ein Hauch von Frühling

von Chris

Irgendetwas Verkorkstes hatte dieser Winter an sich. Eigentlich eine tolle Jahreszeit zum Klettern - besonders an Südwänden - versprechen doch die niederen Temperaturen viel Grip und die Sonne heitert das Gemüt für die langen Nächte auf. Doch diesmal: Nebel, Hochnebel, Nässe. Gerne hätte ich mich mit OJD aufgemacht, in Soyhières unsere "Unclimbables" zu versuchen – Projekte, die weit über unserem jeweiligen Können liegen und dennoch etwas Faszinierendes an sich haben. OJD in 'L'aventure' und ich in der von mir eingebohrten Extension von 'Prélude',  welche auf den Namen 'L'anges déchus' hört – eine unglaubliche Boulderstelle. Vermutlich werde ich die nie schaffen – darum bezeichne ich es als 'Unclimbable'. Doch sind es interessante Züge, in welchen ich viel lerne. Insbesondere neue Ideen für die Lösung komplexer Bewegungen. Wie ich schon sagte, gerne hätte ich versucht. Doch diesen Winter sind alle potenziellen Projekte, die mich interessieren, im wahrsten Sinne des Wortes abgesoffen. Ich meinte bis anhin nach 33 Jahren Klettern zu wissen, was nasse Felsen bedeuten und wie bestimmte Gebiete aussehen, wenn sie einmal nass sind. Doch in den letzten Monaten und nach so mancher Fahrt, z.B. nach Soyhières, musste ich mir einen neuen Superlativ für schlechte Bedingungen am Fels ausdenken. Das dabei entstandene Wort schreibe ich hier lieber nicht nieder, da ich fürchte, die KESB könnten sonst die Sperrung unseres Blog veranlassen...
Die 12 Meter von Hardway 8b
Immer noch auf der Suche nach einem tollen, mir persönlich bedeutenden und natürlich auch trockenen Projekt, verkrümelte ich mich sogar für ein paar Tage nach St. Lèger, um ergebnislos zurückzukehren. Am Plastik – ohnehin eine Hassliebe – ging mir dann auch langsam die Motivation flöten. Erstens, aus irgendeinem mir sich nicht erschliessenden Grund kann ich nicht an Plastik klettern. Zweitens, warum soll ich mich trainingshalber quälen, wenn ich nicht weiss für was… Für mich korrelieren die Parameter 'tolles Projekt' und 'Bock zum Trainieren' auf engste Weise, respektive sind identische Begriffe… Trainieren, um stark zu werden, nur um des Stark-sein-Willens, interessiert mich nun mal Null… Oder 'Chris' und 'Plastik' sind wie zwei gleichpolige Magnete, die sich bei Annäherung abstossen. Und trotzdem pilgere ich jedes Mal in den Plastiktempel, in der Hoffnung meine an gehärtetem Kunstharz drangepresste Energie vermöge mir Schwingen verleihen, die mich mühelos über jede Crux eines in irgendeinem Wald dahingestreuten Lieblingsprojekt tragen. In diesem letzteren Satz wird meine Schizophrenie und gleichzeitige Gutgläubigkeit offenbar. Wenn ich mich aber im abendlichen Plastiktempel rumtreibe, scheine ich doch nicht der einzige zu sein, dem es so geht. In der Masse wird man als suchendes – oder besser doch umherirrendes – Individuum getragen. Sehr bequem… Statt Plastikbouldern sollte ich aber lieber wieder ans Campusboard wie letztes Jahr. Das scheint mich eher vorwärts zu bringen...

Und im März war es plötzlich doch soweit. Das Gerücht von trockenem Fels machte die Runde. Da schrillen die Alarmglocken. Sonne, geringe Luftfeuchtigkeit und nicht zu warm. Und jetzt? Eine kurze Inspektion im unclimbable 'L'Anges…' die ernüchternde Erkenntnis, dass Soyhières ein Wasserloch und der Schlüsselzug im Proj eine Quelle bleibt. Schnell in die Gorges du Court gefahren und – Dang!! – trockenen Fels gefunden. Unerklärlich, dass die Basisclimbs an der Nantes und das Petit Capucin zu dieser Jahreszeit schon trocken waren.
Hardway 8b - ein Kletterpic mit mir hat Seltenheitswert...
Lange hatte ich schon mit der 'Hardway' geliebäugelt. Ein kurzes Boulder- und Resistancemonster von Phil aus dem Jahr 1988, und seither mit nur sehr wenigen Wiederholungen. Bestehend aus den schmerzhaften Klemmern und wackeligen Zügen im Dach des Klassikers 'Subway' und dann weiter ohne jeden Schüttel- oder Rastpunkt über eine toughe Boulderstelle an Leisten in einem wie eine Haifischflosse zulaufenden Wulst. Aber auch beim Übergang in die abschliessenden technischen Züge kann man noch gut rausfallen. Highspeed, viel Selbstvertrauen, Schmerztoleranz und einen freien Kopf in den unsicheren Moves sind der Schlüssel für diese 12 Meter.
Immer draa bliibe...
Doch es gibt noch eine weitere Schlüsselstelle, die weniger mit dem Kletterproblem an sich, als vielmehr mit den Umständen um den Climb herum zu tun haben: ins Petit Capucin begleitet dich kaum jemand. Das macht Seilklettern immer äusserst delikat – die Abhängigkeit von einem Sicherungspartner. Dann ist das Dach bei Regen innert wenigen Stunden nass und bleibt es auch für geraume Zeit. Die Züge und der reibungsarme Fels sind so spezifisch und eigenartig, dass es klar ist, dass man konsequent dran bleiben muss. Jede längere Pause würde bedeuten, dass man sich erst wieder neu einbouldern muss. Bei mangelnden Sicherungspartnern ein No Go. Also muss es schnell und effizient gehen. Und das klingt nach Leistungssport… Was ich nicht sonderlich mag, da mich das als felsidealistischer Träumer eher unter Druck setzt, als motiviert.

Immerhin, diesmal gelang es mir, einem solchen Druck standzuhalten. Mit der Erfahrung aus 'Subway' vor vier Jahren, zwei Bouldersessions in den letzten Jahren alleine mit GriGri-Selbstsicherung im Hardway-Boulder und dem guten Geist von Tina und Basil, die mich über vier Tage massiv unterstützen, hab ich es doch hinbekommen. Zusammen mit Basil! Wow! Im Gegensatz zu ihm war meine Begehung knapp, sehr knapp. 

Ich möchte nicht jammern, aber doch habe ich den Eindruck, dass für kurze, boulderige Superresistance- Klettereien das zunehmende Alter eine Hypothek ist. Oder wie es Kty Wagner kürzlich treffend sagte: Für "Vieux Diesels" sind lange Ausdauerrouten mit vielen Rastpunkten einfach besser! Ich bin nur froh, glücklich und happy, dass es mir für diese spezielle und hochspezifische Kletterei gelangt hat. Hardway ist nun auch Vergangenheit – die Erinnerungskiste um ein Prachtexemplar reicher. Und heute beginnt der Frühling und bringt neue Zukunft...

Thursday, February 5, 2015

Wohin? Sweet dreams are made of this...

von Chris

Ich hatte 2014 viel erreicht und gesehen. Wenn nicht mein bestes, so doch bestimmt das zweitbeste Kletterjahr meines Lebens. Sicher aber vom Erlebnisgehalt das schönste.
Fantastische Climbs und Reisen, wunderbaren Menschen, denen ich begegnete. Allem voran aber die Zeit, die ich mit meiner Liebe verbringen durfte. Die wundersame Frau, die mir mit ihrer Liebe und Unterstützung so viel Gutes schenkts, dass ich behaupten kann, ohne sie wäre nichts von dem so geworden, wie es sich letztes Jahr ergeben hat. Das nenne ich Glück!

Nach einer dreiwöchigen Kletterpause, welche den gewünschen Erholungseffekt auch mit sich brachte (die Schmerzen und Wehwechen halt, wie sie durch das Klettern dann und wann mal auftauchen... und während der Pause zum Glück verschwinden), gestaltete sich der Wiedereinstieg eher harzig.

Sind diese es? Sweet dreams are made of this...
Nicht, dass ich keine Lust zu klettern hätte. Jedoch hole ich meine grösste Klettermotivation nicht aus dem Klettern-an-sich, sondern aus meinen selbst gesteckten Kletterzielen. Solche, die wie ein Leuchtturm in der Ferne einen Weg weisen können. Einen Pfad, den es sich einzuschlagen lohnt, weil ich während des Prozess in einem Projekt auch etwas über die Welt und mich selbst erfahren.

Dazu muss ich aber ein Projekt finden, dass zwar an meinem Limit ist. Aber nicht einfach nur schwer, sondern auch für mich faszinierend. Dazu sollte es auch noch erreichbar sein. Von der räumlichen Distanz nicht allzu weit von Zuhause entfernt.

Face Sud - St. Léger
Ein Projekt muss für mich nicht von Anfang an wirklich realisierbar sein. Ihm darf ruhig der Hauch des möglicherweise Unmöglichen anhaften. Einfach nur klettern um des Kletterns willen bringt mich persönlich nicht weiter. Denn dann könnte ich auf einem Niveau unter 5c stehen bleiben. Man verstehe mich nicht falsch: nichts Schlechtes über einfache Klettereien - ich liebe solche. Manchmal gehe ich in den Jura, um einer der schönen altklassischen Multipitches zu ziehen. Klar, das ist schön und ein netter Tag mit lieben Freunden. Aber ich dringe allein auf diese Weise nicht zum Kern des Kletterns durch. Klettern am Limit ist wie ein Labor, um an sich selbst zu arbeiten, sich zu entwickeln. Um sich in völliger Hingabe und Leidenschaft dem Wesen des Kletterns zu nähern. Die Realisierung der äussersten Kletterbewegung selbst zu erfahren. Den Blick und die Wahrnehmung zu verschieben, neu Erlebtes zu reflektieren. Klettern wohl als Kunst. Das kann ich nur an der Grenze des (selbstverständlich nur für mich) Machbaren.
Spot Secret - jung müsste man noch einmal sein...

Ich lebe mit diesen Erfahrungen einfach intensiver. So erlebe ich es. Ich kann es nicht anders sagen. Über die Frage nach dem Sinn dieses Tuns möchte ich mich nicht verlieren. Wenn mein Herz mir sagt, dass der Weg der richtige ist, dann tue ich es. Auf das Verständnis von anderen darf ich dabei nicht hoffen. Wenn ich aber mich durch die gelernten Erfahrungen ein wenig näher an der Wahrheit eines gelebten Lebens bewege und um den Frieden in der Welts willen aus mir ein friedfertiger, erfüllter Mensch erwächst, dann ist doch schon viel gewonnen.

Pilier Farce tranquille - St. Léger
Und genau so ein Projekt fehlte mir bei der Rückkehr ins Kletterleben. Die Vision. Wie schön war es letztes Jahr, als ich von Anfang an wusste, was ich sehen und klettern möchte. Und nun? Warum soll ich mich z.B. am Plastik um Fitness abmühen, wenn ich nicht weiss wofür? Den Schwung aus dem letzten Jahr mitnehmen. Denn ich habe es erfahren und gelernt, dass ich nicht jedes Jahr die Energie aufbringen kann, um am absoluten Limit zu klettern. Dazu spielt einem das Leben immer wieder quer. Zurzeit passt es aber ganz gut. Aber wie schon erwähnt, es kann nicht irgendein Projekt sein. Es muss eines sein, dass mit mir zu tun hat. Das erklärt und ergibt sich instinktiv nach 33 Jahren klettern. Ein Bauchgefühl, das mich zu genau diesem einen Climb führt und nicht zu irgendeinem beliebig anderen.

Was ist bisher geschehen? Ein kleiner weihnachtlicher Trip nach St. Léger - einem meiner absoluten Lieblingsgebiete - lockerte den bei uns dieses Mal doch sehr grauen Winter auf und konnte das Tief, in welches mich die Frage nach dem wo und wie weiter gezogen hatte, ein wenig aufhellen. In der furztrockenen Face Sud konnte ich die drei bezaubernden Sinter-8a's am grossen Pfeiler - Farce tranquille, Tant que j'aurais une ombre und Barbule - ziehen. Nur zu empfehlen diese Climbs!

Die Frage aber bleibt... Wohin sollen, dürfen und können meine Energien zielen? Gar nicht einfach zu planen, wenn die Projekte sich nicht von alleine ergeben... Ich suche und werde finden. Davon bin ich überzeugt...

Thursday, January 22, 2015

Climb Norway Guidebook

von Chris

Nun liegt sie auf dem Tisch - die neueste Ausgabe von Climb Norway - A National Climbing Guide.

Auf dem aktuellsten Stand beschrieben sind 31 Klettergebiete, verteilt über ganz Norwegen. Der 406 Seiten starke Band ist neben den Topos vor allem eine Fotodokumentation, also ein inspirierendes, die Imagination nährendes Bilderbuch... verfasst wurde das Topo von Runar Carlsen und Lin Veronica Wagenlid vom ehrwürdigen Norges Boltefond.

Die beiden Autoren gelangten betreffend dem Kapitel Hanshallaren / Flatanger an mich, nachdem ich bei Olav und Beritt auf die vielen Fehler im lokalen Flatanger-Guide hingewiesen hatte. Somit geht das neue Topo der Grotte komplett auf mein Konto.

Seit ich klettere, finde ich es eine tolle Sache Topos zu erstellen. Meist fehlt aber leider - wie so oft  - die Zeit dafür...

Ich glaube, das Topo kostet 320 Kronen (37.90 €)

Friday, January 16, 2015

Kalymnos

von Chris

Für uns Kletterer aus aller Welt ein Magnet. Eine kleine Insel in der Ägäis, archaisch einfach in seiner Landschaft, aber  – und davon konnte ich mich nun selbst überzeugen –  reich an wunderbarem Fels. Ich versuchte lange diesen Hotspot zu meiden. Meine Vorstellung lagen im Bereich von ewigem Anstehen vor Climbs in mit Kletterern überfüllten Gebieten bis infernalischer Hitze in schattenlosem Kalk… Ich glaube, solche Momente und Zeiten gibt es auf der Insel wirklich. Doch kann man in die kühleren Jahreszeiten ausweichen, dann, wenn man neben dem Klettern nicht mehr baden kann und  keine Charter mehr fliegen. Das mag Viele abschrecken, zumal in den kalten Monaten auch das Wetter unsicherer ist. Doch ich bevorzuge dennoch die Ruhe. Auch haben die Einheimischen mehr Zeit für ein kleines Schwätzchen, die Stimmung ist entspannt. Ganz im Winter muss Massouri – die
zentrale Baseis für uns Kletterer – aber wie eine Geisterstadt wirken. Mit ein paar wenigen Ausnahmen hat alles andere geschlossen.


Jurassic Park
Es ist zweifelsfrei ein fantastischer Ort. Mit der Bucht und der Nachbarinsel Telendos ergibt sich ein Landschaftsbild, das eine eigene, spezielle Stimmung hat. Als ich zusammen mit Martina die Insel betrat, wussten wir, es würde eine wunderbare Zeit geben. Etwas Besonderes ist den mediterranen Inseln eigen… sie haben Magie!


Odyssey
Schon von Weitem sichtbar hängen die Stalaktiten und Sinter in geradezu absurder Orchestrierung in der Grande Grotta. Sie bilden einen Himmel für sich. Ich hatte schon viele Sintergebilde in der Hand, aber solche noch nicht. Überhaupt bin ich keinem einzigen murksigen Zug oder unangenehmen Griff begegnet. Der Fels ist aussergewöhnlich kletterfreundlich und fiel mir als hautschonend auf. Die Sinter sind eben nicht stachelig… So kann man viel mehr klettern als vergleichsweise in anderen Gebieten, wie z.B. in Frankreich oder Spanien. 

Nehmen Sie Platz... :) Secret Garden
Vielleicht einer der Gründe, warum viele mit langen Ticklisten nach Hause fahren… es bereitet einfach auch unglaublich ein Vergnügen, diese wunderbaren Climbs unter die Finger zu nehmen. Ich kann mich auch nicht erinnern, in den zwei Wochen einmal eine miese Kletterei erwischt zu haben… Was ich auch noch nie gesehen habe ist die Fülle an leichten und schweren Climbs in unmittelbarer Nachbarschaft.

Es gibt wahrhaft viele Gründe, die Insel zu mögen – trotz der bisweilen tourimässigen Anbiederung. Oben an den Felsen ist man ja weit genug davon entfernt. Momente der absoluten Stille und Einsamkeit in Sektoren wie Jurassic Park hoch über dem Meer und der Bucht sind einfach einzigartige Erlebnisse.

Böse Zungen haben schon behauptet, die den Climbs angedachten Zahlen seien Ferienbewertung, sprich um mit übermässigen Bewertungen Touris anzulocken. Nun, führt man sich einmal die alten Topos von 2006 und 2010 zu Gemüte und gleicht diese selbst kletternd mit der Wirklichkeit ab, dann bewegen sich einige Bewertungen tatsächlich im Bereich des Fantastischen. Doch Abhilfe schafft die neue Topo-App, das überwiegend Akzeptables bereithält. Man mag sich ja schon nicht gerne betrügen. Zum Beispiel die erste Länge des Klassikers 'DNA'. Ursprünglich mit 7b angegeben, dann lange mit 7a, erscheint die 6c+ in der Topo-App ganz akkurat. Es geht auch  andersherum, z.B. mit 8a+ ist die fantastische 'Labyrinth' prügelhart. Mir scheint, dass die Zahlen ein wenig davon abhängen, wer welches Gebiet eingerichtet hat. Entdeckt für euch selbst, mehr wird nicht geplaudert…

Grande Grotta
2014 habe ich Vieles richtig gemacht… So hatte ich immer dann einen Peak, wenn ich auf Roadtrip war, in St. Lèger, in Flatanger und auf Kalymnos. Das Klettern war geradezu rauschhaft, die Stimmung hoch – pure Lebensfreude ohne Sorgen um das Morgen und um irgendetwas zu müssen. Eine seltene Leichtigkeit in Geist und Körper. Es war Freiheit in atemberaubender Landschaft und an genialen Climbs – dahin hatte mich der ganze Prozess, der mich durch das Jahr begleitete - meine Entwicklung im Klettern - nun gebracht.
Stimmung in der Unterkunft...

Irgendwie kein Wunder, dass in diesen Moment mit 'Punto Caramelo' auch mein schwierigster Flash fiel: auf dem Papier 8a+, ist sie auch korrekt geklettert wohl maximal 8a. Gelegenheit gab es ja genug, um in dieser Route anderen Kletterern zuzuschauen , scheint sie doch recht beliebt zu sein. Den Climb korrekt zu klettern bedeutet, in der oberen Hälfte in der Linie der Bolts und im Dach zu bleiben (man kann ausweichen). Durch Griffausbrüche bei der Umlenkung, ist das Klippen derselbigen die leider etwas unschöne, letzte Crux…

Die Climbs in der Grande Grotta und im Jurassic Park haben uns am besten gefallen. Aber das ist ja Geschmackssache. Wir werden wieder kommen. Ein paar Linien habe ich schon als Projekte ins Auge gefasst. Und… es ist einfach unvergleichlich, den Kaffee zum Frühstück auf einer Terrasse über dem Meer zu geniessen, im Wissen, dass ein wunderbarer Klettertag bevorsteht…
Abendstimmung mit Telendos
Hier eine kleine Ticklist: The mole that cram full 8a+, Labyrinth 8a+ (hart!), DNA Extension 8a/a+, Punto Caramelo 8a (flash), Sardonique 8a, Daniboy 8a, Zawinul Syndicate 7c/c+ (on sight), Syrtaki Lessons 7c+, Andromeda 7c+ und – für mich – eine Menge 7b und 7b+ on sights, von welchen ich als besonder toll Priapos, Tufa King Pumped und Inti Raymi in Erinnerung behalten habe…

Monday, December 22, 2014

Hexenküche...

von Chris

So muss denn doch die Hexe dran…

Klar!... Viel hatte ich von ihr - der 'Hexenküche' - gehört… Es musste sein… Zu Recht ein moderner Klassiker!... Doch was würde dieses Abenteuer für mich bereithalten?

Nein, Dr. Faust bin ich nicht, der nach dem Pakt mit Mephisto in der Hexenküche der Gretchentragödie und dem Verderben zusteuert… Die 'Hexenküche' in Gimmel war bestimmt auch nicht meine Verjüngungskur wie für Faust der Trank bei der Hexe… Doch hatte ich mich in der Route als nicht mehr ganz so taufrischer Mann zumindest wie ein Junger zu gebaren…

Gimmel...
(Hexe:) Doch wenn es dieser Mann unvorbereitet trinkt, / So kann er, wisst ihr wohl, nicht eine Stunde leben. / (Mephistopheles:) Er ist ein Mann von vielen Graden, Der manchen guten Schluck getan…

Meine ersten Versuche 2010 und 2011 waren zum Scheitern verurteilt… Die Hexe in 'Faust' sagt es richtig: ohne Vorbereitung gibt es nur ein Scheitern… 8b+ Resistance an konstant abschüssigen Leisten im Megaüberhang war einfach too much… Ist halt nicht mein täglich Brot… Doch, der Beschwichtigung von Mephisto folgend, wollte und durfte ich mich auf meine Erfahrung der vordem bereits über zweihundert durchstiegenen französischen Achter verlassen… Was braucht es? Grundlage! Ein Gefühl von im Kletterfluss sein!... Eigentlich hatte ich es aufgegeben, das Hexlein… Aber was für eine Frechheit: auf der neuesten Edition des Schweiz Extrem I prangert als Titelbild das Hexlein… Und dieses Topo lag eines Morgens neben meinem Kaffee auf dem Frühstückstisch! Nicht zum Aushalten! Ein Weckruf, es dieses Jahr doch noch einmal zu versuchen…

Erhalte dich und deinen Sinn / In einem ganz beschränkten Kreise, / Ernähre dich mit ungemischter Speise…

 Ja, ja… Die Botschaft hört' ich wohl… Da unterscheide ich mich wesentlich von Faust, der lieber auf den Hexentrank setzt… Mit dem Teufel lass ich mich da nicht ein… Doch wenn ich für ein Ziel motiviert bin, dann aber auf Teufel komm raus… Also schaue ich selber nach meiner Gesundheit sowie Inspirations- und Kraftquelle für ein wunderbares Kletterziel am Limit!...
Bild mit Symbolcharakter - die Hoffnung stirbt zuletzt

Muss’ ich an diesem hingestreckten Leibe / Den Inbegriff von allen Himmeln sehn? / So etwas findet sich auf Erden?

Unglaublich, das Gimmel… Der Felsriegel, die Qualität der Climbs, die Lage, die Ambiance… Anspruchsvoll, gewiss!... Nichts zum schnell "abknipsen"…

Was seh’ ich? Welch ein himmlisch Bild / Zeigt sich in diesem Zauberspiegel!

Genau… Das ist die Hexenküche… Mit dem offensichtlichen Schild in der oberen Hälfte beim Anblick vom Zustieg die erste auffällige Linie…

Versprichst du mir, ich soll genesen, / In diesem Wust von Raserei? / Verlang’ ich Rat von einem alten Weibe?

Keine Frage, Gimmel liegt schon etwas (zu) weit von Basel… Immer diese knapp zwei Stunden rasender Autofahrt… Ein Weg!... Oft verstopft die einspurige Strasse Spiez-Interlaken und als wäre es nicht genug, langsame Tourifahrer im Lauterbrunnental… Dann der Druck des Fahrplans der Téléférique… Telepathie als Anreisemethode wäre mir lieber… Wann endlich können wir uns beamen?... Wie viel Motivation und Hingabe es für das Ziel braucht…

Kann ich sie nur als wie im Nebel sehn! – / Das schönste Bild von einem Weibe! / Ist’s möglich, ist das Weib so schön?

Oh ja, wie oft standen wir im Nebel… Gimmel Aficionados scheinen es wissen zu wollen…

Oh Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flügel / Und führe mich in ihr Gefild!...

Der Dyno, der Dyno… nach den schnellsten Flügel für diesen akrobatischen Zug suchte ich lange… die Gefilde, zu denen ich geführt werden wollte, war der Henkel, der letzte (kurze und anstrengende) Ruhepunkt unter dem finalen Dach…

Ach wenn ich nicht auf dieser Stelle bleibe, / Wenn ich es wage nah’ zu gehen…

Aber an dieser Stelle blieb ich kleben…  Die Leisten zu rund und zu abschüssig… Mit der linken Hand dieses kugelartige Gebilde, mit der rechten ein Sloper für das halbe erste Fingerpad ins Nirgendwo… Zum Glück gibt es dort einen Boulderbolt, den du beim Durchstieg gar nicht klippst… Aus dem Hängen, erholt und auf die beiden Griffe fokussiert, gelang mir die Stelle auf die unterschiedlichsten Methoden - immer mit dem Ziel, eine machbare, statische Lösung zu finden… Unglaublich, wie viele verschiedene Varianten ich fand, mit Hooks und ohne, mit Eindrehen und ohne etc… Unglaublich, wie keine der statischen Lösungen mich auch nur ein bisschen dem Durchstieg näher brachten… Also, doch der Dyno… Mit Zwischenleiste? Hoch stehen und eindrehen? Keine der Moves stimmig… Unmöglich, ganz tief unten zu stehen und von dort zu springen… Denn das wäre ein richtiger Dyno… Und für mich vom Kopf her nicht umsetzbar… Crux!... Ganz deutlich war für mich hier dieser Begriff in seiner tiefen Bedeutung erlebbar… Ich wusste, ich muss hier eine persönliche Methode finden… Was Andere zu halten vermögen und an klassisch gewordenen Varianten herausgefunden haben, klappt für mich, meinen Stil und meine Finger einfach nicht…

Die Hohe Kraft / Der Wissenschaft, / Der ganzen Welt verborgen! / Und wer nicht denkt, / Dem wird sie geschenkt, / Er hat sie ohne Sorgen...

Und dann doch: es ging als richtiger Dyno vom tiefstmöglichen Punkt… Seltsam genug!... In einem unscheinbaren Moment… Völlig intuitiv und mit einem doch über Jahrzehnte geschärften Instinkt liess ich meinen Körper bestimmen, welche Position die richtige ist… Dieser Move verlangt aber einen Zwischengriff dort, wo keiner ist… Mit meiner grossen Hand fand ich Unregelmässigkeiten, die ich als Zange so zwischenfixieren kann, dass mein Körper beim Absprung die richtige Achse erwischt… Den Zielgriff nicht mit nach hinten gekippten Kopf anvisiert, sondern der Kopf nahe an der Wand, von der Balance vorteilhaft nach unten geschaut und den Henkel intuitiv angesprungen… Die Inspiration für die Lösung nicht durch Analyse des Problems, sondern durch Aufgehen im Problem an sich… Zen?… Kinästhetisches Bewusstsein, John?...

Am 28. September war es so weit… Ein Durchstieg in einem Fluss, nahe der von mir angestrebten Perfektion… Mental und physisch... Kein Pump, pure Bewegung, kein Gedanke abseits der gestellten Aufgabe… Da habe ich mich in den inneren Kreis des reinen Seins hineingearbeitet… Ein grossartiger Moment und eine wunderbare Erfahrung!

Danke an alle meine Begleiter, für Eure Geduld beim Ausbouldern und den positiven Geist, an das Ziel und die Möglichkeit zu glauben! Tina, Sämi, Andy, Dominic!

(Anmerkung, wem's noch nicht aufgefallen ist: die Zitate stammen aus J.W. von Goethe's 'Faust I', Szene 'Hexenküche')

Sunday, December 14, 2014

Gummiadler an der Schauenburgerfluh

von Markus

Liveticker: Old Jura-Dinosaur (54) does Rubber-Eagle 6c (6b+) in 8 Days. After the sent OJD stated: „Yes. It’s true. After a hard and long battle I successfully managed to arrange all the tricky and difficult moves in the right sequence. So great! So psyched. Best Day in my Life. No further plans for climbing!“ 

Damit ist in der heute gebräuchlichen Art und Weise alles gesagt. Der etwas längere und präzisere Aufsatz geht wie folgt:

Geschafft!
Ruhe. Stille. Absolute Ruhe. Mit der rechten Hand greife ich an den grossen Untergriff. Ich steige höher. Die linke Hand geht automatisch an den guten Griff auf der linken Seite. Mit dem rechten Fuss stehe ich höher, Körperspannung. Ich klippe das Seil in den letzten Bolt. Ich bin an der Schlüsselstelle. Immer noch herrscht Ruhe im Kopf, herrliche Ruhe. Mit der rechten Hand greife ich nun weiter an den nächsten sehr guten Griff gleich links vom Express und passe meine Finger perfekt an. So gut hatte ich den Griff noch nie in der Hand, flackert es mir kurz durch den Kopf. Links halte ich das nächsthöhere und gute Loch. Rechter Fuss hoch, abdrücken und mit Engagement an den schlechten Griff mit links. Ich erwische den Griff seltsam gut, aber exakt so, wie ich es ausgebouldert habe. Ruhe. Stille. Mit dem rechten Fuss etwas höher stehen, mit dem linken Fuss auf einen kaum sichtbaren Tritt. Nicht nur hinstellen, sondern mit dem grossen Zeh Druck aufbauen. Mit der linken Hand das Gewicht stabilisieren und den Körper gerade halten, damit Hand und Fuss auf der gleichen vertikalen Achse liegen. Mit dem rechten Fuss etwas basteln, bis er an der richtigen Stelle steht. Anpressen, so als ob ich an einer Kletterstange hochklettern müsste. Letzter Check: linke Hand - ok, linker Fuss - ok, rechter Fuss – ok, rechte Hand – ok. Alles passt. Go! Erwischt. Ohne Probleme erreiche ich mit der rechten Hand den nächsten guten Griff und weiss sofort, dass ich die Schlüsselstelle geklettert habe. Es trennen mich nur noch rund 3 Meter vom Umlenker. Es herrscht immer noch Ruhe und Stille, Konzentration. Wenige Sekunden später klippe ich den Umlenker und dann gibt es kein Halten mehr. Meine Freude schreie ich aus voller Kehle heraus. Das Projekt " Gummiadler" ist nicht mehr, eine Odyssee von Ups and Downs, Irrungen und Wirrungen geht gut zu Ende.

Nachdem Roland die Route „Take it easy a.k.a. Hüttechäs“ gleich im ersten Go im Vorstieg klettern konnte, suchten wir neue Aufgaben. Ich war es mir langsam leid, den langen Anmarschweg an die Schauenburgerfluh immer wieder in Angriff zu nehmen. So entschied ich mich, die Route „Traumkante, 6a“ im onsight zu klettern. Dieser Plan scheiterte allerdings kläglich an der
Unmittelbar nach der Schlüsselstelle
beängstigenden Knusprigkeit des Felsens. Also muss ich nochmals ran. Wir planen, der Schauenburg noch einen allerletzten Besuch abzustatten, sodass Roland „Gogolina“ und ich besagte „Traumkante“ klettern können. Mit geschulterten Rucksäcken und etwas müden Armen laufen wir beim Sektor „Höllochpfeiler“ vorbei. „Gummiadler“. Ja, das ist auch so ein Ultra-Klassiker aus den frühen Jahren des Freikletterns, geht es mir durch den Kopf. Genauer, aus dem Jahre 1985 erstbegangen von Hugo Baumgartner und Andreas Pfeuti. Ich kenne die beiden noch aus meiner Zeit in der JO Basel-Stadt in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, habe aber beide vor Jahrzehnten aus den Augen verloren. Wie immer, war ich vor 12 Jahren in der Route und hatte keine Chance. Die Route ist bei mir mit dem Prädikat „unkletterbar“ abgespeichert und mit 6b+ bewertet. Nun gut, 6b+ wäre ja irgendwie noch machbar, aber, so habe ich gehört, an der Schlüsselstelle fehlen ein paar gute Griffe und die Route könne jetzt schon 6c sein. Für mich ist klar, dass ich die Route sicher nicht angehen werde. Ok, ich habe am Chuenisberg eine 6c geschafft, aber der „Gummiadler“ ist rund 34 Meter hoch und die Schlüsselstelle ist prominent etwa 3 Meter unter dem Umlenker positioniert. Das bedeutet, dass zuerst immer 31 Meter geklettert werden müssen um sich der Schlüsselstelle widmen zu können. Tief im Hinterkopf habe ich den Plan, die Route nach einer extraharten B2-Saison im Frühjahr 2015 anzugehen. Es braucht Training um diese Route klettern zu können - und ganz viel Fitness.

Während der ganzen Woche freue ich mich, dass das Hochtigern an die Schauenburg sehr bald ein Ende haben wird. Ich hole Roland am Samstag ab und noch bevor ich irgendwas sagen kann, sagt er mit leuchtenden Augen zu mir: „Heute gehen wir zum Gummiadler“. Oh, Jesses Gott, geht es mir durch den Kopf, dabei wollten wir doch „Gogolina“ und die „Traumkante“ angehen. Roland will nichts mehr davon wissen. „Gummiadler“ heisst das Ziel. Sein Wunsch sei mir Befehl.

Tag 1:

Bald schon stehen wir unter der Route. Die Boltabstände sind angsteinflössend. Gott sei Dank habe ich einen Clipstick mit dabei und so hänge ich locker das Top-Rope in die Route, allerdings nur bis zum letzten Bolt. Fluchend hänge ich nun hier oben und versuche händeringend, den Umlenker zu klippen. Es geht einfach nicht, der Clipstick ist zu kurz. Es fehlt mindestens 1 Meter. Mit ganz viel Basteln und noch mehr Fluchen gelingt es mir nach einigem Üben, den Bolt zu klippen. Oh, ist das ein Murks. Ich wusste ja, dass es so kommen würde.

Das Top-Rope hängt und unser übliches Spiel beginnt. Roland findet Griffe. Ich finde Griffe, aber andere. Ich finde Tritte. Roland findet andere Tritte. So richtig zusammenpassen will eigentlich nichts. Bereits auf den ersten Metern zeigt uns der „Gummiadler“, dass er nicht aus Gummi ist, sondern eigentlich besser Iron Eagle heissen sollte. Bei mir setzt zu allem Übel das
2 1/2 Meter vor dem Umlenker
Erinnerungsvermögen an die Route ein. Ich erinnere mich glasklar an Situationen, in denen ich mich ernsthaft fragte, ob ich je wieder lebend aus der Route rauskomme. Ich erinnere mich mit Schrecken an Griffe, die ich nie halten konnte und immer wieder viele, viele Meter dem Boden entgegensauste – wohlgemerkt im Top-Rope – und unendlich viel Angst hatte. Ich erinnerte mich an den Quergang zur Schlüsselstelle als sei es gestern gewesen. Ich brach in Angstschweiss aus, als ich das erste Mal diese Griffe wieder vor mir sah. Ich bin nicht mutig und ich muss mir auch nicht mehr beweisen, welch heisser Typ ich bin, dass ich solche Routen klettern kann. Ich stehe kurz davor aufzugeben, doch irgendwie fasziniert mich diese Linie enorm. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als eine klare Entscheidung zu fällen: lass ich der Angst den Vorzug und verzichte schweren Herzens auf den „Gummiadler“ oder analysiere ich die Situation und versuche, Lösungen zu finden? Für den ersten Tag in der Route entscheide ich mich für das Finden von Lösungen. Jeder von uns beiden klettert dreimal im Top-Rope durch die Route und wir kommen nach diesem Intensiv-Training zum Schluss, dass wir noch etwa 1 Tag investieren müssen, damit wir alle Moves sauber hinbekommen. Wir sollten uns dramatisch irren.

Tag 2:

Wieder ist es ein heisser Tag, die Sonne brennt in die Wand. Wir müssen erleben, dass alle am ersten Tag gefundenen Lösungen nichts oder nicht viel taugen. Wir müssen der Route dienen (Marc: Danke für diesen Ausdruck. Er passt perfekt.). Am Ende des zweiten Tages kann Roland die Route im Top-Rope sauber durchklettern, ich habe 4 grosse Baustellen.

Tag 3:

Simon, Julia und ihr Sohn Finn-Jakob besuchen uns an der Schauenburg. Simon klettert fraglos ohne Mühe durch die Route. Er meint lediglich, dass es etwas sehr heiss gewesen sei, denn die Sonne knallte voll in die Wand. Ich frage Simon gar nicht erst nach seiner Lösung für die Schlüsselstelle. Ich könnte seine Lösung sowieso nie umsetzen. Uns dämmert, dass wir noch lange mit der Route beschäftigt sein werden.

Tag 4:

Heike, Simon, Julia mit Finn-Jakob begleiten uns dieses Mal durch den Tag. Einmal mehr ein heisser Tag, eigentlich viel zu heiss um in der Route eine gute Figur zu machen. Bis zur Schlüsselstelle gehen jetzt alle Moves, manchmal besser, manchmal schlechter. Aber, und das ist der positive Seiteneffekt, unsere Fitness wird immer besser. Wir kommen nicht mehr keuchend bei der Schlüsselstelle an. Die Schlüsselstelle hat es aber in sich. Wir versuchen alles. Roland hat eine Idee, ich habe Ideen. Aber so richtig glücklich sind wir mit den Lösungen nicht und stabil ist eigentlich gar nichts. Alles ist wacklig und unsicher, wir fühlen uns einfach unwohl. Und wie es so sein muss, klettern Simon und Heike locker vom Hocker durch die Route ohne erkennbare Schwierigkeiten an der Schlüsselstelle. Wir haben die Message begriffen: zu alt, zu unbeweglich, zu schwach, zu dick, schlicht überfordert! Aber wir sind alt und zäh, sehr zäh, zäh wie ein Gummiadler und wir geben nicht so schnell auf.

An einem verregneten Samstag-Nachmittag gehen Roland und ich zusammen ins B2. Es wird ein absolut sensationelles Training. Wir bouldern 2 Stunden ohne Unterbruch und sind anschliessend nicht gross müde. Der „Gummiadler“ macht aus uns Iron Hawks. Wir geniessen diesen Zustand.

Tag 5:

Die Bedingungen werden besser. Die Zeitumstellung bringt den Vorteil, dass die Sonne bereits um 14:15 langsam hinter der Schauenburg verschwindet und die Route im Schatten liegt. Wir klettern einmal mehr im Top-Rope durch die Route und üben die einstudierten Moves ein. Wir klettern nicht einmal, nicht zweimal, sondern fünfmal durch die Route. Nach viel, viel Üben und „ums veregge“ nicht loslassen, haben wir den für uns kletterbaren Weg gefunden. Die Schlüsselstelle klettert Roland anders als ich, d.h. ich habe mich für die kraftvolle Variante entschieden. Roland zieht die elegante und die künstlerisch wertvolle Version vor.

Tag 6:

Wir wissen nun, dass wir die Route „Gummiadler“ klettern können. Wir wissen exakt, wo welche Tritte und Griffe sind und wir wissen um deren Qualität Bescheid. Wir wissen, wie die Schlüsselstelle zu klettern ist. Meine Angst hat sich verflüchtigt. Es ist die Zeit des Vorstiegs gekommen. Ich hole Roland in Basel ab und bald stehen wir unter der Route. Wie jedes Mal hänge ich das Top-Rope ein. Für mich ist alles klar, ich brauche keinen Refresh-Top-Rope Durchgang mehr. Roland möchte noch einmal durch die Route cruisen. Wir klettern uns in der Route „Siebenschläfer“ ein. Alles ist perfekt und gut. Die Sonne scheint noch etwas zu sehr in die Wand und so warte ich mit meinem ersten Go. Unterdessen checkt Roland ein allerletztes Mal die Route aus. Die Route liegt nun im Schatten. Es gibt keine Ausreden mehr für mich. Das übliche Prozedere beginnt.

Ich binde mich ins Seil ein. Der Chalk-Bag wird richtig positioniert. Das T-Shirt wird diese speziellen 2 Millimeter aus dem Gurt gezogen. Die Nervosität steigt, ich ziehe die Kletterschuhe an. Das Herz schlägt bis zum Hals. Ich bin nervös, sehr nervös. Obwohl ich alle Moves der ganzen Route
Sei etwas freundlich mit dem Fels...!
auswendig aufsagen und auch durchführen kann, glaube ich nicht an mich. Zum ersten Mal benutze ich flüssiges Chalk, eine seltsame aber gute Erfahrung. Los geht's. Die einstudierten Moves gehen locker. Beim fünften Bolt ruhe ich lange. Die Unterarme sind etwas zu dick geraten, auch keuche ich wieder vor lauter Anstrengung und Aufregung. Beide Symptome sind für mich der Ausdruck für „du bist im Go und gibst unbewusst alles“. Das ist perfekt. Nach einer wirklich langen Pause klettere ich über meine erste frühere Angst-Stelle. Alles geht locker, aber die Unterarme sind einfach zu dick. Beim Quergang zur Schlüsselstelle muss ich die Bewegungssequenz korrigieren und verbrauche enorm viel Kraft. Ich stehe unter der Schlüsselstelle und mache eine lange Pause. 10 Minuten? Der Atem ist nun wieder normal, die Unterarme nicht mehr dick. Ich habe mich sehr gut erholt. Ich fühle mich gut und fit für die Schlüsselstelle. Ich spule das einstudierte Programm ab. Mit der linken Hand komme ich gut zum Schlüsselgriff. Aber....was ist das? Panik! Rote Alarmlampen gehen an. Ich kann die Situation nicht einschätzen. Der Move, x-mal einstudiert, kann mit dieser Handstellung nicht funktionieren muss ich mir eingestehen. Das ist unmöglich. Auf keinen Fall loslassen, hämmert es im Kopf. Korrigieren! „Kämpfe“ schreit es, „kämpfe und gib nicht auf. Es wird klappen. Trust me.“ Ich platziere den rechten Fuss besser. Die Kongruenz mit der einstudierten Bewegung ist nicht da. Trotzdem sehe ich eine Chance, die Stelle klettern zu können. Mit dem linken Fuss stehe ich auf dem vorgesehenen Tritt. Es passt alles nicht ganz zusammen. Ich gebe nicht auf. Nein, nicht hier, auf gar keinen Fall. Check: linke Hand – not ok, rechte Hand – halb ok, linker Fuss not ok. Was mache ich nun? Immer noch hänge ich in der Schlüsselstelle. Immer noch schreit es „Kämpfe!“ in mir. Ich will nicht loslassen, um keinen Preis der Welt. Mit der letzten Kraft setze ich den rechten Fuss höher. Ich gebe alles und kämpfe. Ich sehe den rettenden Griff und gebe alles. Es reicht nicht. Total enttäuscht hänge ich im Seil. Die Körperhaltung sagt alles. Verloren. Ich habe den Kampf verloren. Roland lässt mich sofort auf mein Bitten hin ab und ich lande bitter enttäuscht auf dem Boden der Tatsachen.

Der letzte Bolt
Nun ist Roland an der Reihe. Weshalb sieht denn das alles so locker und einfach bei ihm aus? Roland klettert ohne erkennbare Schwierigkeiten bis zur Schlüsselstelle. Phänomenal wie er das macht! Aber, der „Gummiadler“ hat sich zur Aufgabe gemacht, einen der sehr seltenen Ü60-Go abzuwehren. Wie er das macht? Ganz einfach. Er lässt Roland seine Lösung zur Schlüsselstelle auch nicht durch und schickt auch ihn zurück auf den Boden der Tatsachen. Roland kämpft, im Gegensatz zu mir, weiter und im dritten Versuch kann er aus dem Block startend die Schlüsselstelle problemlos klettern. Ich habe genug für heute und lasse die Finger vom Fels. Unermüdlich wie Roland ist, cruised er ein letztes Mal fehlerfrei im Top-Rope durch die Route. Sensationell! Woher nimmt er nur diese Kraft?

Beide sind wir enttäuscht, dass wir den „Gummiadler“ nicht klettern konnten. Wir reden nicht viel auf dem Weg hinunter zum Auto, was speziell in meinem Fall nicht so üblich ist. Auf dem Nachhauseweg reflektieren wir äusserst kritisch die Situation. Dabei müssen wir feststellen, dass es doch etwas unrealistisch war der Meinung zu sein, dass gleich beim ersten Go alles richtig funktioniert. 6c ist einfach schwierig, ganz nahe an unserem Limit, wenn nicht sogar unser Limit und die Kletterei an der Schauenburg ist einfach etwas komplizierter als anderswo. Bei mir muss ich zudem feststellen, dass mich die ganze Reiserei Tag für Tag nach Bern und zurück doch deutlich mehr anstrengt, als was ich mir eingestehen will. Dieses Arbeitsweg-Pendeln killt mich langsam aber sicher. Ich bin im Kopf nicht frisch genug, der Körper konstant müde. Die PS wären da, keine Frage, aber ohne freies Hirn bekomme ich die ganze Kraft und das Können nicht an den Fels. Ich rette mich damit, dass ich bald Ferien haben werde und dann endlich Ruhe im Kopf einkehren wird. Beim obligaten Bier in Rolands Küche verziehen sich langsam aber sicher die dunklen Wolken und wir sehen Licht am Ende des selbstgebastelten Tunnels. Mir ist auch klar, dass die auswendig gelernte Bewegungssequenz in der Schlüsselstelle nicht funktioniert und so bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sache nochmals ganz detailliert anzuschauen und eine andere Lösung zu finden. 

Tag 7:

Ich habe seit 2 ½ Wochen Ferien. Ich erhole mich gut und zusammen mit Carmen erlebe ich wunderschöne und entspannende Stunden auf Bergwanderungen in der Schweiz. Es ist ein wunderbares Gefühl, nicht immer diese Müdigkeit des langen Wachbleibens und viel zu wenig Schlaf spüren zu müssen. Ich bin ausgeruht. Das Wetter ist gut. Carmen gibt mir einen Tag frei fürs Klettern. Es ist ganz klar, dass ich zusammen mit Roland einen weiteren Tag des Dienens beim „Gummiadler“ verbringen werde. Das Top-Rope hängt und ich checke die neue Lösung an der Schlüsselstelle aus. Nach gefühlt 5 Minuten, aber in Tat und Wahrheit 45 Minuten, lässt mich Roland ab und ich weiss jetzt, wie ich die Schlüsselstelle klettern kann. Ich konnte die Stelle dreimal hintereinander fehlerfrei klettern und war dabei nicht angestrengt. Ein sehr gutes Gefühl überkommt mich. Es könnte klappen.

Wir verbringen einen sehr schönen Mittwoch an einer menschenleeren Schauenburgerfluh und finden die allerletzten Puzzle-Stücke für einen möglichen Erfolg im „Gummiadler“.

Tag 8, 1. November 2014: 

Heute begleitet uns Marc. Als ich ihn nach langer Zeit das erste Mal wieder sehe, erinnere ich mich an die gute Zeit zusammen mit ihm und Chris an der Parois des Romains vor einem Jahr. Seinerzeit kletterten wir das letzte Mal zusammen und er brachte mir Glück. Ich konnte damals eine wunderbare 6b+ im zweiten Versuch klettern. Bringt mir Marc heute vielleicht auch Glück? Bald schon hängt das
Der Körper ist noch etwas steif...
Top-Rope und wir wärmen uns in der Route „Teufelsriss“ auf. Meine Muskeln sind noch etwas steif, aber ich habe ein gutes Gefühl. Roland braucht einen Refresh-Durchgang durch die Route. Alles ist gut vorbereitet, alles ist bestens. Marc hat sich als Fotograf zur Verfügung gestellt, hängt etwas unbequem gleich neben der Schlüsselstelle, die Sonne verschwindet, es wird angenehm kühl. Besser werden die Bedingungen auch heute nicht mehr. 

Schnell binde ich mich ins Seil ein und ziehe die Schuhe an. Chalk-Bag richtig positionieren. Hat es genügend Pulver drin? Ich entscheide mich trotz meiner nicht ganz optimalen Chippendale Figur das T-Shirt auszuziehen und setze den Helm auf. „Roland? Alles ok bei dir?“ „Ja. Toi, toi, toi. Du weisst, du kannst die Route klettern“ antwortet er in seiner ihm eigenen Bestimmtheit. Ich steige ein und atme tief ein und aus. Die Seilschaft an der Angensteiner-Verschneidung wundert sich über meine kaum überhörbare Atmung. Die haben ja keine Ahnung, welche Mission hier gerade abgeht, lache ich vor mich hin. Ich komme enorm schnell voran und ruhe einmal mehr sehr lange bevor die wirklich schweren Stellen im „Gummiadler“ beginnen. Alles ist herrlich ruhig in meinem Kopf, keine dicken Unterarme, kein Keuchen. Energisch klettere ich weiter und im Geiste begleitet mich Adam Ondra, der einmal gesagt hat, dass man einfach weiterklettern soll auch wenn man sich nicht sicher fühlt. Aber ich fühle sicher und Zug um Zug gelingt mir auf Anhieb wenn auch nicht exakt so, wie ich sie ausgebouldert habe. Nach wenigen Minuten stehe ich unter der Schlüsselstelle. Immer noch Ruhe im Kopf, kein Keuchen, keine Angst, keine dicken Unterarme. Die Aussicht ist phänomenal. Ich bin ausgeruht und optimal vorbereitet. Es sollte klappen. Plötzlich kommt von irgendwoher die Angst. Angst? Wovor? Unüberhörbar sage ich zu mir selbst: „Ich habe so grosse Angst“. Erst später wird mir bewusst, dass diese Angst nicht die Angst vor einem Sturz ist, sondern schlicht und ergreifend Versagensangst. Die Schlüsselstelle kann ich fehlerfrei klettern (sh. Anfang des Aufsatzes).

Wir Kletterer kennen alle dieses wunderschöne und unbeschreibliche Gefühl nach einem gelungenen Durchstieg. Dieses Rauschen der Endorphine kann süchtig machen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht komme ich zurück zum Einstieg und umarme Roland. Yes! Der eine der beiden hat es geschafft. 

An der Schlüsselstelle
Jetzt ist Roland an der Reihe. Klettergurt kontrollieren, Chalk-Bag kontrollieren, ins Seil einbinden, Schuhe anziehen, Helm aufsetzen. Ich spüre seine Nervosität, er ist nicht ganz so locker wie sonst. Er steigt ein und klettert bis zum fünften Bolt. Soweit ich gesehen habe und abschätzen kann, ist alles im grünen Bereich. Er startet in die schwierige Zone der Route und kommt locker bis zur Schlüsselstelle. Er ruht sich sehr lange aus. Alles ist ok. Nach einer wirklich langen Pause beginnt sein Tanz mit der Schlüsselstelle. Er legt fulminant los, kommt gut zum Schlüsselgriff. Alles sieht aus meiner Sicht sehr gut aus. Roland kämpft. Unglücklicherweise setzt er den rechten Fuss nicht ganz korrekt und muss korrigieren. Das kostet Kraft, sehr viel Kraft. Roland kämpft weiter. Er setzt enorme Energien frei. Er setzt zum finalen Zug an! Es reicht nicht. Das war haarscharf. Er versucht die Stelle nochmals zu klettern. Es geht nicht. Erst beim dritten Mal gelingt ihm die Schlüsselstelle und er klettert hoch zum Umlenker. Für einen zweiten Go an diesem Tag reicht die Zeit nicht mehr. Somit ist klar, dass wir auch 2015 das eine oder andere Mal zusammen an die Schauenburgerfluh hochtigern werden. Die gemeinsame Mission ist noch nicht beendet.

Gummiadler. Das Wort kommt aus der Umgangssprache und der Ausdruck steht für ein etwas zähes Poulet (Hähnchen). Weshalb aber die Route so heisst, das habe ich (noch) nicht herausgefunden. Gummiadler vielleicht deshalb, weil der Kletterer an der Schlüsselstelle so knetbar wie Gummi sein muss, aber die Kraft eines ausgewachsenen See-Adlers braucht um die Stelle meistern zu können. Bezüglich der Bewertung mit 6c ist das so eine Sache. In der Fluebible wird die Route mit 6b+ angegeben. Es soll aber im 2006 an der Schlüsselstelle der entscheidende grosse Griff ausgebrochen sein. In meiner dunkelsten Erinnerung bin ich tatsächlich auch der Meinung, dass es wirklich bessere Griffe „dort oben“ hatte. Aber ich weiss es einfach nicht mehr. Ich habe im B2 herumgefragt und viele meinten, dass die Schlüsselstelle jetzt sicher 6c ist, Basler Jura-6c. Schwieriger wird der Gummiadler nicht sein, denn 6c+ werde ich hoffentlich erst im 2015 nach harten B2-Sessions klettern können. Und 6b+, das weiss ich selber, ist einfach leichter zu klettern.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlichst bedanken bei:

- Roland. Für die Inspiration und die Idee, die Route überhaupt anzugehen und für die unendlich schönen, entspannenden und interessanten Stunden beim Zusammensetzen dieses enorm schwierigen Puzzles. Ohne deine Geduld, deine Kreativität, deinen unbeugsamen Willen und deine Faszination an der Route, hätte ich – hätten wir zusammen – dieses Ding nie hinbekommen. Danke!

- Marc, meinem doch offensichtlichen Glücksbringer, für sein selbstloses Engagement als Fotograf und Motivator während des Durchstiegs. Das war schlicht erstklassig!

- Und – last but not least - dem jungen Jura-Saurier, der mir mit seinen klaren Analysen die Problematik und gleichzeitig die Lösungen dafür aufzeigte. 

Ohne euch alle, meine liebsten Freunde, ohne euch wäre dieses dritte Highlight (Illusion, Cristallo, Gummiadler) im 2014 nie zustande gekommen! Euch allen gehört mein tiefster Dank!