Thursday, September 11, 2014

Life is good, climbing is good

von Chris

Vieles ist in den letzten Monaten geschehen… Dieses Jahr ist zweifellos ein gutes Kletterjahr für mich. Dass es so werden würde, war zwar nicht von mir erwartet worden, aber durchaus erträumt… Im Träumen von Kletterzielen bin ich ja recht gut… Der Wunsch den einen oder anderen Traumclimb zu ziehen gross. Doch hat es in den letzten Jahren aber mit der Umsetzung in die Realität gehapert. Entweder dauerten Projekte am persönlichen Limit zu lange - teils sogar über Jahre, was zur Folge hatte, dass immer viel zu viel dazwischen kommen konnte – oder aber ich hatte wegen so manch einem zu schweren Zug überhaupt keinen Stich. Dass dies nicht unbedingt förderlich für das Selbstvertrauen ist, liegt auf der Hand. So manche Erfahrung in einem Climb am Limit, als ich mich mehr an einem Projekt aufgerieben habe, statt Fortschritte zu machen, kann weitere Vorhaben oder andere Projekte lähmen. So hatte ich mir denn auch selbst Verbote auferlegt, Climbs am oder leicht über dem Limit ausserhalb des Jura, die nicht in einer vernünftigen Zeit von zu Hause aus zu erreichen sind, zu versuchen. Aber gleichzeitig ist es ja auch ziemlich ein Sch**** Träume nicht zu leben. Der Grund sich etwas zu verbieten, obwohl man etwas möchte, sehe ich letztendlich in der Bequemlichkeit. 

Die Linie des Ultraklassikers 'No Sika, No Crime'
Die Ausrede, dass "dies oder jenes nicht klappen kann, weil…" ist erfahrungsgemäss immer schnell gefunden. Da wird Familie, Arbeit, Zeitmangel, Wehwechen etc. aufgezählt. Ich kenne das nur zu gut. Und ich habe mich schon selbst dabei erwischt, dass ich auch das Alter anführte… Die Bequemlichkeit steht nämlich dem Fokus auf das Wesentliche entgegen. Die Frage lautet eigentlich: "Was will ich denn vom Leben?". Der Inhalt des Satzes verweist klar darauf, dass ich selber aktiv werden muss. Darauf zu warten, dass das Leben einem zuspielt und vielleicht der Zufall die Sache gut macht, fatal. Eigentlich alles keine besonderen Weisheiten. Aber dennoch will sich dies einmal gut überlegt sein. Denn trotz besseren Wissens benötigt es Antrieb, Motivation und Selbstwahrnehmung, um sich darum zu bemühen auch etwas zu unternehmen, damit Träume Wirklichkeit werden. Wohlgemerkt, ich spreche hier immer noch vom Klettern. Hatte ich noch vor nicht allzu langer Zeit als Mittvierziger das Alter als einen der Gründe meiner Bequemlichkeit angeführt, stellte ich mir im Winter, als ich mir mit 'Abregenief' ein erstes Ziel setzte und ziemlich trainierte, die Frage, was es denn benötigt, um während des Älterwerdens besser klettern zu lernen. 
Die Antwort lag insbesondere in meiner Gesundheit. Das hatte eine massive Zäsur meines Lebenswandels zur Folge. Seit elf Monaten rauche ich nicht mehr, seit neun Monaten keinen Tropfen Alkohol, Umstellung der Ernährung auf Low Carb (Zeit wurde das, wurde ich doch die letzten Jahre immer schwerer…!), regelmässiges zum Felsklettern ergänzendes Training am Campusboard oder – Oje! – Plastik…

Matthi im 'Hybris'-Dyno
Ich könnte so viel über diese Themen schreiben, sind es doch interessante Felder zum entdecken. Sie bringen mir näher, wie Körper und Geist aufeinander wirken, wie unser Organismus funktioniert. Doch möchte ich daraus – darin sehe ich nämlich eine Gefahr –keine Ersatzreligion machen oder noch schlimmer, missionarischen Eifer entwickeln. Gerade hier nicht im Blog. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was man im (Kletter-)Leben will. Anraten kann ich aber, sich diese Frage einmal selbst ganz bewusst zu stellen. Vorausgesetzt, man ahnt während dem sonst "normal-und-für-sich-so-halt-herumklettern" das noch etwas darüber hinaus möglich wäre, ein Traum, den man sich aber verbietet. 

Auf jeden Fall bestätigt aber jeder durchgestiegene Climb mein neues Kletterleben. Und nach mehreren Monaten ohne Alk und Nikotin sowie guter Ernährung die Erkenntnis: es fühlt sich ausgezeichnet an! Und prima, mit meinem mesomorphen Körperbau, der sonst leicht Fett und Muskeln aufbaut, musste ich nach sieben Monaten dringend zum Kleiderladen, weil mir meine Jeans über die Hüften rutschten. So kam ich ohne Hungern von Jeansgrösse 32 auf 30… das will ja was heissen!

Nach St. Lèger bin ich dieses Frühjahr ins Lehn gepilgert und konnte einen Traumclimb innert wenigen Tagen realisieren: 'No Sika, No Crime' 8b/b+… ein wahrer Klassiker in der Schweiz! Wunderschön zu klettern, wenn auch die Crux von 'Flamenco' schon etwas gebraucht aussieht. Letzteren Climb hängte ich übrigens auch noch an, ehe ich in 'Bad Boys' einstieg. Durch Inspiration und gutes Zureden von Matthi versuchte ich die Route sofort mit dem 'Hybris'-Dynamo, der auf diese Weise eine in 'Bad Boys' geschlagene Leiste ignoriert. In dieser Version wohl 8b. Nebenan ein Video mit Lukas in 'Hybris'. Von 0:42 bis 2:01 verlaufen 'Hybris' und 'Bad Boys' identisch. Enjoy! Dyno bei 1:55...

Dyno's sind neben Fingerkraft eine meiner grossen Schwächen. Aber mit dem aus den Climbs davor gewonnenen Selbstvertrauen konnte ich mich erfolgreich dem Challenge widmen. Wiederum wurde es zu einem Schlüsselerlebnis, dass ich – nachdem ich den Dyno zum ersten Mal vom Einstieg kommend abfing und am Fels kleben blieb – den ganzen Climb bis zur Umlenkung klettern konnte. So wurde das einst von mir wegen seiner abschüssigen Leisten und Powerkletterei gefürchtete und lange Zeit gemiedene Lehn richtig zu einem persönlichen Wohlfühl-Hot-Spot. Wow!

Stillleben mit Bohrmaschine...
Dass ich aber nicht vor Torheit geschützt bin und Altersweisheit erst noch gelernt werden muss, bewies ich mir kurz darauf auf eindrückliche Weise selbst. Zwei Wochen nach 'Bad Boys' mit weiterem (halt eben doch zu) harten Klettern in Gimmelwald, zusätzlichem (leider natürlich viel zu) hartem Training und nebenher noch (zu anstrengendem) Einbohren eines neuen Gebietes im Jura verriss ich mir den Trizeps… Hallelujah! Selber Schuld… Rasttage ignoriert...

Und das zwei Monate vor Abflug nach Flatanger, wo ich mir doch ein grosses Traumziel gesetzt hatte: Nordic Flower, schon die erste Länge 40m im Dach mit unvorstellbar schönen Strukturen im Granit bei beachtlichen Schwierigkeiten um 8b+… wahrscheinlich einer der besten Climbs auf diesem Planeten! Ich beschloss eines: die Hoffnung nicht fallen zu lassen und setzte alles auf's Auskurieren…

Saturday, July 26, 2014

Sardinien


von Markus

Es ist Samstagnachmittag. Normalerweise bin ich zu dieser Zeit im Klettergarten in der näheren oder weiteren Umgebung unterwegs und bin glücklich, meinem lieben Hobby nachgehen zu können. Nicht so heute, und das hat auch seinen Grund. Der Grund heisst Wasser, lebenspendendes Wasser. Aber muss es denn mitten im Juli 2014 soviel sein? Nun denn, es ist halt so und so sitze ich vor dem Laptop und hänge etwas den Erlebnissen der vergangenen Tagen, Wochen und Monate nach.

Lange frage ich mich, ob ich denn meinen Klettertrip zusammen mit Andrea nach Sardinien von Anfang Mai überhaupt auf den Blog stellen solle. Sardinien - da war doch schon jeder mindestens dreimal klettern und jeder weiss, dass es sich dort gut leben und klettern lässt.

Doch je länger ich darüber nachdenke und je intensiver ich die Fotos anschaue, desto klarer wird mir, welches Schmuckstück Mutter Erde uns Kletterern in Form der Felsen auf der Insel geschenkt hat. Wir Kletterer haben dieses Geschenk gerne angenommen, das zeigt die Routenfülle im dicken Kletterführer. Ich muss vorausschicken, dass ich noch nie auf Sardinien in den Ferien war, zu unlohnend schien mir das Ziel und italienisch, ausser Birra, Pizza und Spaghetti (das reicht allerdings um zu überleben), spreche ich nicht. Aus Erfahrung weiss ich, dass es trotz der Globalisierung noch nicht Usanz ist, dass überall die englische Sprache verstanden beziehungsweise gesprochen wird. Ich sollte eines besseren belehrt werden.

Samstag, 3. Mai - Anreise nach Cala Gonone

Hotel  Villa Gustui Maris (Danke Andrea)
Es ist noch dunkel, als ich frühmorgens mit dem Zug zum Flughafen fahre. Ich bin pünktlich vor Ort, das Check-In geht locker durch und pünktlich hebt das Flugzeug mit Ziel Sardinien ab. Die Wettervorhersage für die Woche ist ideal, nur etwas Regen für den Anreisetag und ideale Temperaturen um Klettern zu gehen ist angesagt. So regnet es tatsächlich leicht, als wir mit dem Mietauto in Richtung Cala Gonone unterwegs sind. Es ist für mich eine kleine Herausforderung, wieder mit Kupplung und Gang einlegen Auto zu fahren. Die Aussicht auf die Felsen, während wir die Strasse hinunter nach Cala Gonone fahren, freut mich enorm. Ich weiss, es wird viele Routen geben, die ich werde klettern können. Doch zunächst gilt es, die Unterkunft zu finden. Als Navi verwöhnter Autofahrer ohne Navi gibt es dann auch den üblichen Verhauer und als wir gemäss Apple Maps am richtigen Ort sind, fällt mir das Lachen aus dem Gesicht. Diese Unterkunft soll es sein? Nie im Leben! So ein „Stall“? Nein! Da muss ein Fehler vorliegen. Also wechsle ich auf Google Maps und sehe, dass wir tatsächlich am falschen Ort sind und finden anschliessend die Unterkunft problemlos. Sieht schick aus, die Anlage, so denke ich mir. Hier lässt es sich leben. Beim Check-In spricht die Dame fliessend Englisch. Noch während wir das Auto entladen und die Zimmer beziehen, beginnt es stark zu regnen. Die Sarden freut es, uns nicht so sehr.  

Sonntag, 4. Mai - Budinetto

Budinetto (Danke Andrea)
Oh, Jesses Gott. Regen. Regen. Regen. Kalter und starker Wind. Das wird heute nichts mehr mit Klettern, garantiert. Doch um exakt 12 Uhr hellt der Himmel auf, der Wolken werden immer weniger und die Sonne kämpft sich langsam durch. Wir werden sie nie mehr hinter Wolken erleben. Sofort wird es richtig warm. Schnell packen wir unsere Sachen und begeben uns auf den Weg zum ersten Gebiet. Die Zufahrt ist etwas abenteuerlich. Meine Waden sind nicht dafür konzipiert, diesen steilen Weg hoch zum Felsen zu laufen. Es ist eine Qual, denn es ist jetzt richtig heiss, also exakt das, was ich nicht so mag. Ich rette mich mit einem Gedanken: „Hoffentlich taugt die Kletterei wenigstens etwas.“ Nach 15 Minuten Anmarsch machen wir uns mit dem Fels und den Routen vertraut und dann geht es los. Eine Route nach der anderen klettern wir onsight bzw. im flash. Die Absicherung ist perfekt. Langsam beginne ich zu verstehen, weshalb wir Kletterer unser Hobby so gerne auf Sardinien ausüben.

Montag, 5. Mai - Placca di Flintstone
Der alte Jura-Saurier in der Route Flintstone (Danke Andrea)
Strahlender Sonnenschein begleitet uns beim Frühstück. Der Blick hinunter zum Meer ist wunderschön, Ferienstimmung ist bereits aufgekommen. Doch der Fels lockt und ich dränge zum Abmarsch zum nächsten Klettergebiet. Wieder fahren wir den abenteuerlichen Weg hinauf zum Budinetto, parkieren das Auto noch abenteuerlicher und marschieren in rund 30 Minuten an die Placca di Flintsone. Die Sonne lacht vom Himmel. Oder soll ich besser brennt vom Himmel schreiben? Ab 14 Uhr klettern wir im kühlen Schatten, Gott sei Dank. Das Klettergebiet ist relativ klein und wir dürfen viele Kletterer bei ihrem Tun beobachten (sie uns natürlich auch) und uns in der Reihe anstellen.  Die Routen sind 30 – 35 Metern lang. Die Absicherung ist perfekt, der Fels ebenfalls. 

Dienstag, 6. Mai - Cala Fuili, Spiaggia Est und S'atta ruja (Dorgali) 

Cala Fuili, Spiaggia Est (Danke Andrea)
Zu Sardinien gehört natürlich auch das Meer. Und wer träumt nicht an einem verregneten Nachmittag vom Klettern in wunderbaren Wänden hoch über dem Meer? So stelle ich mir das an diesem Morgen vor. Schon bald sind wir am Strand, sehen die Routen. Ui, denke ich mir. Diese Routen werden wohl sicher schon gut gebraucht sein. Und so ist es dann auch. Nur unter massivem Einsatz von Magnesium kann ich die von Sonnenöl und Handschweiss bereits glatt polierten Griffe halten. Der Umlenker ist auch bereits in die Jahre gekommen und ist schon interessant angeschliffen. Wir ziehen das Baden im Meer dem Klettern vor.

Am Nachmittag fahren wir von Cala Gonone hoch nach Dorgali ins Klettergebiet S'atta ruja. Das Gebiet ist wunderschön, bietet atemberaubend schöne Kletterei und ist gegen Westen ausgerichtet und so können wir bis die Sonne nach 20 Uhr untergeht wunderbare Routen klettern.

Mittwoch, 7. Mai - S'atta ruja (Dorgali)

S'atta Ruja in Dorgali im Abendlicht (Danke Andrea)
Das Klettergebiet S'atta ruja ist riesengross und bietet für jeden etwas. Die Absicherung ist perfekt. Wir beschäftigen uns mit etwas athletischen Routen und es macht richtig Freude, diese klettern zu können. Steil, grosse zum Teil weit auseinanderliegende Griffe, Tritte. Das ist Klettern wie ich es mag. Einen Wehrmuts-Tropfen gibt es allerdings: die Hitze setzt mir enorm zu. Während Andrea quietschfidel eine Route nach der andern klettert, erleide ich fast den Hitzetod. Dass mir die Wärme derart zusetzt, das ist eine für mich ganz neue und etwas beunruhigende Erfahrung.


Donnerstag, 8. Mai - La Poltrona

La Poltrona (Danke Andrea)
„La Poltrona“, der Sessel, ist das bekannteste Klettergebiet in Cala Gonone. Wir geniessen den Tag beim Baden im Meer und begeben uns erst um 17 Uhr an die zu diesem Zeitpunkt schattigen Felsen. Die Kletterei ist wiederum fantastisch und wir klettern bis zum Einbruch der Nacht.







Freitag, 9. Mai - Margheddie

Marheddie (Danke Andrea)
Nein. Nicht dem ersten gelben Pfeil folgen. Nein. Wenn doch, dann endet der Weg irgendwo im Schotter und die Felsen sind immer noch weit weg. Der Autor des Kletterführers fragt sich, weshalb der Sektor nicht oder kaum besucht wird. Ich weiss weshalb. Nach 30 Minuten hochtigern sind die Felsen immer noch rund 15 Minuten Fussmarsch durch weglosen Schotter entfernt. Schatten gibt es erst ab ca. 17 Uhr und nicht schon wie im Kletterführer notiert um 13 Uhr. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Nach diesem Verhauer am Morgen kehren wir zum Auto zurück, fahren ins Hotel und lassen es uns dort gut gehen. Um 16 Uhr nehmen wir einen zweiten Anlauf, das Klettergebiet zu finden. Wiederum beim gelben Pfeil angekommen, marschieren wir einfach noch 3 Minuten weiter und stehen dann am richtigen Abzweiger ins Klettergebiet. Einmal mehr klettern wir in bombenfestem Fels und geniessen unser Hobby bis zum letzten Sonnenstrahl.

Samstag, 10. Mai - Buchi Arta 

Buchi Arta (Danke Andrea)
Ein Muss für jeden Sardinien-Besucher! Buchi Arta ist ein einmalig schönes, etwas verstecktes aber mit dem Auto sehr gut erreichbares Klettergebiet. Beste Routen, bester Fels, beste Absicherung. Der Schatten kommt nicht vor 17 Uhr. Vorher ist es unsäglich heiss in den Wänden. Selbst Andrea klagt etwas über die Wärme. Das will schon was heissen. Buchi Arta ist unser letztes Klettergebiet, welches wir besuchen können, denn am Sonntag geht es bereits wieder zurück in die Schweiz.

Klettern auf Sardinien. Ja, das muss ich auf jeden Fall noch einmal erleben. Die Landschaft ist faszinierend schön, die Ambiance unvergleichlich und das sehr gute Essen und der Vino Rosso tun ihr übriges. Sardinien – ich komme wieder.

Friday, June 27, 2014

Cristallo - OJD und YJD on tour...

Text oben: von Markus; Text unten: von Chris

Markus:

Wohin? Was wollen wir unternehmen? Wann? Das sind die quälenden Fragen am Mittwochnachmittag. Chuenisberg? Geht nicht! Falken? Keine Lust! Alpen? Zu weit weg. Das Wetter? Perfekt für eine Alpentour. Celsius? Zu viele um im Basler Jura zu klettern. Oder doch Alpen? Nein. Alternativen? Hmmm. Träume? Viele! Geheime Projekte? Noch mehr! Abgeschriebene Träume und Projekte? Noch viel mehr. Hmmm. Was machen wir denn nun an diesem Donnerstag? Zusätzliche Einschränkung: 18 Uhr wieder zu Hause. Hmmm. Langsam gehen die Ideen aus. Oder doch Falken? Nein. Das gibt die Idee, im Ausschlussverfahren die Gebietswahl einzuschränken. Basler Jura: eher weniger, da es zu warm wird. Etwas weiter weg? Hmmm. Was gibt es denn da Schlaues? Ach ja. King Way. Das ist so eine Kombination aus Traum und Projekt. La Sensass? Dafür einen Tag aufwenden? Eher weniger. Die Wettervorhersage ist zu gut. Doch eine Tour in den Alpen? Hmmm. Hintisberg? Dort hätte ich noch ein paar Projekte übrig. Das würde gerade so gehen bei all den gegebenen Restriktionen. Früh los, hochtigern zum Einstieg, Klettern und um 15 Uhr wieder nach Hause. Könnte passen. Hintisberg? Hmmm. Eher weniger! 30 Minuten Anmarschzeit, das muss noch reduziert werden. Weiter suchen! Gotthard? Oh! Dort war ich letztes Jahr im „Bijou“ unterwegs und erlebte eine Demütigung der Extraklasse. Trotz deutlich mehr Bohrhaken kam ich in der dritten Seillänge nicht weiter und musste kapitulieren. Ein müdes Hirn mag keine rutschige 6a-Platte 3 Meter über dem letzten Bolt klettern. Das geht einfach nicht. Schöllenen? Ja, das wäre was.

Salbitschijen - Turm II 
Noch mitten in den Überlegungen trifft die Nachricht ein: Cristallo. Yes! Ein 14 Jahre alter Traum soll in Erfüllung gehen. In wenigen Sekunden ist alles geregelt. Am Donnerstag, 26. Juni 2014 morgens um 06:30 treffen wir uns und, wie immer in solchen Momenten, gefühlte 20 tausendstel Sekunden geht die gemeinsame Fahrt weiter. Ziel ist die Route „Cristallo“ am Sandbalm. Der Sandbalm liegt im Voralptal, ein Seitental des wunderschönen Göscheneralp-Tales. Die Fahrt geht flott voran, keine Staus aber auf mindestens 100 Kilometer wegen Baustellen auf 80 km/h beschränkt. Komisch ist, dass auf diesen Baustellen niemand arbeitet. Manchmal wünschte ich mir die chinesische Tüchtigkeit in der Schweiz. 2007 in Tibet erlebte ich, wie dort innerhalb von 2 Wochen 40(!) Kilometer Strasse aus dem Nichts gestampft wurden. Gut, der Vergleich hinkt etwas, aber bezüglich Effizienz im Strassenbau könnte die Schweiz von anderen Ländern durchaus noch etwas lernen. Da besteht noch Potenzial. Oder geht es nur ums Geld?

Wir biegen ins Göscheneralp-Tal ein und erleben was es bedeutet, diese wunderschöne Gegend besuchen zu dürfen. Immer wieder bin ich von der Schweiz und deren Schönheit fasziniert. Prachtvoll leuchten die grünen Wiesen im warmen Sonnenlicht, die Blumen blühen, es ist einfach herrlich. Genuss pur! Kurz darauf parkieren wir das Auto in der Voralp-Kurve, steigen aus und – brrr – geniessen die 12 ½ Grad. Herrliches Wetter lädt zum Klettern ein, keine Wolke weit und breit. Wir haben eine gute Wahl getroffen. 20 Minuten später stehen wir beim Einstieg der Route. Eine Plakette markiert den Einstieg.

Einstieg der Route
Es geht los. Heute habe ich einen absoluten Genusstag vor mir. Der junge Jura-Saurier ist am scharfen Ende des Seiles. Beide Jura-Saurier zusammen im Granit – das hat es noch nie gegeben. Und wie das immer so ist, die ersten Meter – oder besser – Seillängen auf dem Granit lassen einem gestandenen Saurier das Blut in den Adern gefrieren. Trotz guter Absicherung ist es immer ein unsäglich grauenhaftes Gefühl, das Knirschen unter den Schuhsohlen zu hören, wenn der Gummi nicht ganz sauber und/oder der Tritt noch mit einem mikrokleinen Steinchen belegt ist. Da kommt immer leicht Panik auf, denn in solchen Situationen ist der nächste Bolt mindestens unerreichbar weg und die Aussicht auf einen Abgang in den 3 Meter tiefer gelegenen Bolt lässt den Adrenalin-Pegel im Blut deutlich ansteigen. Es sieht so aus, als ob wir die ersten Begeher der Route in diesem Jahr sind. Überall liegt Gras, welches vom Schmelzwasser über die ganze Wand verteilt wurde. Die Tritte, Griffe eher weniger, da es kaum welche hat, müssen aus der Kletterstellung heraus geputzt werden. Wir kommen zügig voran, ich fühle mich pudelwohl. So steigen wir Seillänge um Seillänge höher und sind bald am Ende der 6. Seillänge angelangt. „Cristallo“ wird mit 9 Seillängen angegeben. Bis ins Jahr 2012 waren 6 Seillängen saniert, ab sofort sollten auch die nachfolgenden Längen saniert sein. So ist es auch. Überall glänzen neue rostfreie Bohrhaken. Toll, wir können die 9 Seillängen klettern! Die 7. Seillänge hat es dann in sich. Ich weiss nicht, wie ich ohne Zuhilfenahme der Stoffgriffe je da hochgekommen wäre. Gott sei Dank geht das Seil nach oben und meine vom harten Chuenisberg-Training gestärkten Muskeln bringen mich mit ganz viel Glück und noch mehr Zug aus dieser Zone. Schade ist, dass die Originalroute nicht saniert wurde. Sie wäre viel schöner zu klettern und würde der Route ihre Homogenität lassen. So aber ist es aus meiner Sicht ein etwas unnötiger Hartmacher und jeder der diese 7. Seillänge schafft, ist ein Spitzenkletterer – ob mit oder ohne Zuhilfenahme der Bohrhaken.

Cristallo
Ich hänge am Stand am Ende der 8. Seillänge und schaue mir die Routenführung von Seillänge 9 an. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das richtig schwer werden wird. Und mit richtig schwer, meine ich richtig schwer. Chris steigt ein und ich kann ein weiteres Mal Kletterkönnen, Klettertechnik und Sicherungstechnik in Perfektion vom sicheren Stand aus geniessen. Phänomenal wie er elegant durch diese als unkletterbar erscheinenden Stellen klettert. Er findet überall Tritte und Griffe und ich präge mir diese so gut wie möglich ein. Ich kann mich während dem Klettern gut an die Lösungsansätze von Chris erinnern, adaptiere sie so gut wie möglich und so wird Seillänge 9 nicht das erwartete Desaster.

Am Ende der 9. Seillänge sehen wir die 10. Seillänge von „Cristallo“. 10. Seillänge? Ja, es stecken Bohrhaken im Fels und wo es Bohrhaken gibt, da gibt es auch einen Weg. Chris klettert auch diese Seillänge fehlerfrei. Sensationell! Am Ende der 10. Seillänge hängt ein grosses Bündel Bohrhaken und 2 weitere Standplatz-Plättchen. Es wird wohl noch eine 11. und 12. Seillänge von „Cristallo“ geben.

Mit unseren 60-Meter Seilen ist die Abseilfahrt über die perfekt eingerichtete Abseilpiste eine wahre Wonne und dank den Seilen können wir 2 Abseilstellen auslassen und so viel Zeit sparen. Am Standplatz harmonieren wir wie ein seit Jahrzehnten eingespieltes Team, obwohl es unsere erste gemeinsame Mehrseillängen-Tour ist. So sind wir sehr effizient und schon bald packen wir die Rucksäcke, steigen zum Auto ab und sind ohne Stau in etwas mehr als 1½h zurück in Basel.

Sandbalm
Heute Freitag sitze ich wieder im Büro und denke mit grosser Wehmut an den gestrigen Tag zurück. Wie wundervoll ruhig war es doch im Tal, kein von Menschen gemachter Lärm und keine Hektik, einfach nur Leben, Fokussierung auf den aktuellen Moment. Keine Gedanken an das was-wäre-wenn und keine Gedanken in die Zukunft oder Vergangenheit. Den Moment des Hier und Jetzt können wir voll geniessen. Während des Höhersteigens begleitet uns das ununterbrochene fröhliche Rauschen des Baches von tief aus dem Tal, Schwalben zeigen uns ihre Flugkünste, wir können uns konzentriert unserer liebsten Tätigkeit widmen. Wir können das Leben in vollen Zügen geniessen und eine wertvolle und unauslöschbare Erinnerung erschaffen. 

Es sind diese Guerilla Nacht- und Nebelaktionen, die ich so unendlich liebe und die meines Erachtens höchsten Erlebnisgehalt bieten. Diese Erlebnisse bleiben definitiv tief im Herzen und im Kopf hängen und bilden die Basis für eine gute Erinnerung. Während ich diese Zeilen schreibe stelle ich mir vor, dass ich - sagen wir mal in 15 Jahren (ich bin dann schon pensioniert und habe viel Zeit) - mich mit Chris am Chuenisberg im November bei kühlen Temperaturen treffe und wir über genau diese Nacht- und Nebelaktion aus dem Nichts unterhalten und uns an die gute, tolle und erlebnisreiche Felsfahrt am Sandbalm erinnern werden. Ja, so könnte vielleicht werden. Und gleichzeitig werden wir eine neue Nacht- und Nebelaktion planen...
_______________________________________________


Chris:


OJD ist in Topform. Der Chuenis hat ihm in seinem dritten Frühling derart Flügel verliehen, dass er den Blicken von uns schwerkraftgebundenen Erdenwürmern mit Leichtigkeit entlang den Felsen entschwebt und Projekt um Projekt punktet.
YJD ist verletzt. Er wähnte sich kurz in höchsten Sphären, doch gleich Ikarus im Überschwang zu nah an der Sonne erfolgte der Absturz brutal in Form einer Zerrung im  Caput Longum des Trizeps nach einem Zug zu viel während einer Trainingssession im B2. Eine normale Kletterbewegung, ein Klimmzug – Fehlanzeige! Verdikt Pause und nach Hobby-Kletterdoktor-Anamnese in die sanfte Home-Reha. Dabei hängen doch seine Expressen so schön in einer nächsten Traumroute in Gimmelwald…
Doch OJD und YJD haben schon lange für einen Donnerstag abgemacht. Dieser Tag muss sein, haben sie sich doch schon lange nicht mehr gesehen, da gerade jeder seine eigenen Brötchen am Fels bäckt…


Ja, ich wollte mit Markus etwas unternehmen – trotz Verletzung. Dabei konnte ich mir nicht vorstellen ein attraktiver Kletterpartner zu sein, wenn ich mich am Fels kaum bewegen kann. Also gab ich ihn frei. Doch er beharrte auf dem gemeinsamen Tag. Nach einigem Hin- und Her von ein paar wuchtigen Datenpaketen via einem sozialen Netzwerk entschlossen wir uns zur Tat. Nun denn, was tun? Als Kletterer stelle ich mir immer Wunderheilungen vor – so wie dies echte Gottgesandte durch Handauflegen auf die wunde Stelle an einem kranken Körper tun. 


Heilung durch Handauflegen? Das muss es sein…


Markus in L3
Im flachen Gletscherschliff des Urner Urgesteins ist Klettern nur durch Handauflegen möglich. Ich hasse zwar Reibungsklettern, da mich das Knirschen von Kristallkrümeln, Flechten, Moos und Dreck unter den Schuhsohlen 5 Meter über dem letzten Haken psychisch ziemlich ablöscht. Aber flache Platten fordern keinen Oberarm, also kann dieser abheilen. Nachher tun zwar die Waden weh und das Gefühl wirklich geklettert zu haben, will sich am Abend auch nicht einstellen. Egal! Am Mittwochnachmittag als über Basel ein düppiges und drückend warmes Kleid lag, hatte ich die Vision vom Baden in einem Bergbach. Als Kulisse fällt mir dann immer das Göschenertal ein. Das ist schon schön dort! Und ich war schon sehr lange nicht mehr in den Urner Alpen. Die Wahl fiel auf 'Cristallo', eine Route mit nur 15 Minuten Zustieg und ausserdem mit ein paar sanierten Seillängen, wie ich dem hübschen Blog Rauchquarz entnehmen durfte. Das war interessant, zumal ich vor über 15 Jahren zwei Mal an der Route gescheitert war: einmal wegen ätzender Nässe in den Rissen und auf den Platten sowie ein zweites Mal, als ich mit Schrecken in der vierten Seillängen über verrostete Ringbolts kletterte und den noch schlimmer verrosteten Stand an einem Bolt sah. So mies und im Kopf das Bild von vollkommen durchgerosteten und über die Hälfe weggeätzten Dübeln, welche ich kurz zuvor im Gneis des Schwarzwaldes anlässlich einer Sanierungsaktion gezogen hatte. Diese Bolts in 'Cristallo' waren sogar noch älter. Die 6b-Platte on sight gezogen kletterte ich diese kurzerhand onsight auch wieder ab. Niemals hätte ich an diesen Haken abgeseilt.

Markus in L10

Nun schien der Climb ein ideales Ziel zu sein. Ich wusste von sechs sanierten Seillängen. Eine schnelle Sache dachte ich mir. So ging es zuerst auch. Die ersten Seillängen gelangen mir und Markus zwar mit etwas Anlaufschwierigkeiten - insbesondere mir, da ich Kalküberhänge gewohnt bin - aber trotzdem recht zügig (6b/6a/5c/6b/6a/5c). Etwas lästig nur der Schmutz auf wichtigen Reibungstritten und so manchen Leisten. Im kompletten Vorstieg hatte ich da etwas das Nachsehen, Markus gut gesichert und mit sauberer Route dafür die helle Freude. Unverschämt gleichgültig und mit einem Lächeln im Gesicht tänzelte er über den Gletscherschliff. Schnell und effizient macht er das. Erst gegen Ende der Route erfahre ich, dass er noch nie eine so lange und schwere Multipitch geklettert ist. Chapeau, OJD! 

Doch dann kam sie doch noch, die Genussbremse: die siebte Seillänge. Freundlich lächelte sie mich mit nagelneuen, blitzenden Bolts an. Aha, also auch saniert. Die zweite 6b-Länge laut Topo. Denkste! Da wurde eine neue Seillänge rechts der Originalen kreiert. Für mich als Reibungskletter-Flasche fast ein Hauch zu viel und mit meinem kaputten Arm zu steil. Zwischen zweitem und drittem Bolt auch noch mit richtig anspruchsvoller Kletterei. Rutschen is nich… sonst gibt's einen ziemlichen Sturz in die Verschneidung darunter und dann mit anschliessendem unkontrollierten Pendel. Etwas zögerlich und ängstlich erreichte ich den oberen Teil der Länge und da war es dann geschehen: In so einem Gelände kann ich mich nicht bewegen. Keine Ahnung was ich da machen soll. Bewerten? Für mich unmöglich. Ich musste gar einmal einen Bolt p.a. zu Rate ziehen. Von Homogenität der gesamten Route keine Spur mehr. Reibungsbouldern ist angesagt. 
OJD und YJD on Top

Am Stand angelangt, entdeckte ich die rostbraunen Bolts der Originallänge. Im Toprope nahm ich diese unter die Füsse. Ebenfalls schön mit ganz tollen Felsstrukturen und easy zu klettern! Da gehören auch ein paar Bolts rein! Einfach so als Tipp! Sonst vielen, vielen Dank liebe Sanierer. Ohne euch wären wir heute gar nicht erst oben angekommen und safe wieder abgeseilt! Als jemand der selber gern die Bohrmaschine schwingt, weiss ich nur zu gut um den Einsatz und Aufwand des Einrichtens oder Sanierens... 

Oben gab es noch drei weitere Längen, die vorletzte sogar recht anspruchsvoll. Obwohl nicht schwer, aber mit Stemmkletterei entlang einer spitzen Verschneidung, die man selber absichern muss. Die letzte Seillänge dann ebenfalls neu begradigt. Die dreckige Verschneidung der Originallinie links lässt man da gerne aus. Noch einmal gut 6b und am Ende etwas viel Grün, doch dann der finale Stand mit einem Bündel Bolts, die darauf warten, dass die Linie bis ganz oben an das Ende des Cliffs weitergezogen wird. Also müssen wir dann noch einmal dorthin? Das Kapitel 'Cristallo' ist wohl noch nicht endgültig und möchte offenbar weitergehen…
 

Wednesday, June 11, 2014

Bye bye my Hilti...

von Chris

Da geht sie nun dahin... Weit über hundert Erstbegehungen, darunter zwei Mehrseillängen in den Alpen und dass meiste in Tüfleten, Falkenfluh sowie Muggeberg saniert und Vieles andere mehr... nun geht sie verkauft im Baugewerbe in Pension... Bye, bye my Hilti!


Doch die Geschichte wird weitergehen. Bald werdet ihr mehr hören... ich führ noch einiges im Schilde... :)

Tuesday, May 27, 2014

Update


von Markus

Jahrelang bin ich in Pratteln vom Steinenweg hinunter zur Hauptstrasse gefahren und immer las ich folgenden Schriftzug an einem der wenig übrig gelassenen alten Häusern:

Es eilt die Zeit
Mensch, sei bereit

Die Zeit, sie eilt wirklich und ich bin nicht annähernd bereit. Aber das ist ein ganz anderes Thema. Mit Schrecken habe ich festgestellt, dass mein letzter Eintrag vom Januar 2014 datiert und meine Begehung der „Illusion“ im Pelzli unter Einfluss von Heavy Metal beschreibt.

Der Januar war kühl
Es ist seit Januar viel gelaufen, wenn auch nicht die grossen spektakulären Sachen. Die „Illusion“ war mein Projekt für das Jahr 2014. Dass ich die Route gleich im Januar werde klettern können, hat mich doch überrascht und so habe ich mein Jahresziel viel zu früh erreicht. Wie immer nach einem Projekt, fällt es schwer neue Herausforderungen zu finden. Mehr aus Verlegenheit denn als Projekt konnte ich überraschend schnell die „Realität“ gleich links von der „Illusion“ klettern. Auch versuchte ich mein Glück in der Route „s’Vreni“, aber ich kann die untere leichtere Schlüssel-Stelle nicht klettern. Ich weiss nicht, wie das geht. Das ist aber auch gut so, denn so habe ich definitiv mindestens einen Grund, im Herbst/Winter 2014/2015 wieder ins Pelzli zu gehen und kann dort wieder den Jura-Saurier spielen. 

Mit Chris verbrachte ich wiederum ganz spannende Klettertage an der Parois, wo ich das erste Mal seit bald drei 3 Jahren in einer Route mit dem Schwierigkeitsgrad 6c unterwegs war. Es sieht gut aus, ich muss noch etwas an der Performance üben, aber die Route sollte gehen. Stay tuned. 
Stil-Leben an der Paroi des Romains
Im Februar, die Wettervorhersage für den Basler Jura war grässlich, überredete mich Heike zu einem Trip nach Interlaken an den Bockstor. Vor vielen Jahren war ich schon einmal dort und hatte den Ort als finster und düster in Erinnerung. Deshalb machte ich seither einen etwas grösseren Bogen um den Klettergarten. Gut, das ist auch sehr einfach, denn es braucht schon etwas Einsatz und Wille, um vom Basler Jura über die mit Hass-Liebe erfüllte Autobahn bis nach Interlaken zu fahren. 

Bockstor bei Interlaken
In der Regel ist man ja auf der Strecke nicht ganz alleine unterwegs. Aber an diesem Samstag war es aber tatsächlich so. Zu meiner Überraschung ist der Klettergarten nicht mehr dunkel und düster, sondern wunderbar hell und freundlich. Allerdings mussten dafür viele Bäume ihr Leben lassen. Herrliche Kletterei in bombenfestem Fels erwartete uns und ich hüpfte vor Aufregung über dieses tolle Klettergebiet nervös herum. Ich konnte viele Routen klettern und es machte einfach Spass, sich in so fantastischem Fels und bestens abgesicherten Routen zu bewegen. Die Aussicht hinüber auf Eiger, Mönch und Jungfrau rundeten diesen Trip einzigartig ab.

Einmal mehr war die Wettervorhersage für meinen Kletter-Samstag katastrophal, aber die zwei Jura-Saurier liessen sich nicht davon abhalten, trotzdem zusammen klettern zu gehen. So geschah es, dass ich bei strömendem Regen zum ersten Mal in meinem Leben den etwas abenteuerlichen Weg hinauf zum legendären Muggebärg unter die Füsse nahm. Bevor wir nur einen Meter kletterten, entwickelten wir den theoretischen Ansatz, was wohl Aliens in ein paar Jahren denken werden, wenn sie am Muggebärg die vielen Bohrhaken sehen. Sie werden sofort zum Schluss kommen: Kultstätte! Und mit den Ringen in der Wand versuchten die seinerzeit lebende Spezies die Energie in der Höhle zu bündeln. Wir kugelten uns vor Lachen, es waren herrliche und unbeschwerte Stunden mit ganz vielen Kletterabenteuern und Plänen für die Zukunft. 

Dritter Frühling
Im frühen Frühjahr wechselte ich nach langem Überlegen wieder einmal an die Schauenburg. Es hängen ja noch derart viele „Säcke“ rum, ich habe latent den Verdacht, dass ich diese bis zum Ende meines Kletterlebens nicht mehr erledigen kann. Zusammen mit Roland und Andrea verbringe ich wunderschöne, entspannende und zugleich spannende Stunden am Fels. Ich gehe die „Säcke“ an und kann einen nach dem andern abräumen. Mit viel Üben gelingt mir die Route „Dritter Frühling“. Nomen est omen! Endlich freunde ich mich mit der Kletterei an der Schauenburg an und es ist tatsächlich so, dass mit jedem erledigten Sack mehr Freude über dieses Klettergebiet hoch über Liestal zurückkehrt. Einmal mehr stimmt der Satz: „Mind over Machine“. Wenn das Hirn sich in etwas verrannt hat, dann ist es unheimlich schwierig, die Situation nochmals sauber zu analysieren und die notwendigen Schritte zu unternehmen und den Gedanken und gefundenen Lösungen auch effektive Taten folgen zu lassen. Dank der unendlichen Geduld von Roland und Andrea ist mir das für die Schauenburg nach langer Zeit gelungen! Seither besuche ich bevorzugt diesen Klettergarten.

Und dann kam der Tag, an dem ich nach Jahren wieder einmal zusammen mit dem jungen Jura-Saurier an den Chuenisberg ging. Eigentlich hatte ich immer eine ausgezeichnete und schöne Zeit am Chuenisberg, aber die Routen sind alle derart brachial hart für mich, dass ich den Chuenisberg als für mich „abgeklettert“ taxiert hatte. Zusammen spazierten wir gemütlich durch den ruhigen Wald zur „Ravage“ und da wir uns schon eine lange Zeit nicht mehr gesehen hatten, wussten wir viel zu berichten. Bald schon standen wir unter diesem Epoche machenden Überhang mit so klingenden Namen wie  „Ravage“ oder „Enfant de Bohème“. Ok, ich wusste ja, dass ich in diesem Überhang nichts zu suchen hatte und so ging die Routensucherei für einen alten Mann wie mich los. Und siehe da, wir wurden innerhalb von Minuten fündig. Links neben der bekannten Route „Zur blauen Rebe“ hat Chris vor einigen Jahren die wunderschöne Tour „Lost Causes“ der DKKS-Klasse eingerichtet. Ich geniesse den Luxus, diese Route nicht selber einhängen zu müssen, denn zusätzlich zum Einhängen des Top-Ropes für mich, reinigt Chris noch die ganze Route. Ist das nicht einfach sensationell? Formel-1 Service der Spitzenklasse nenne ich das. Da passt alles haargenau. DKKS? DKKS steht für: die klätteret kei Sau. Nach etwas Üben gelingt mir diese Route im Vorstieg noch am gleichen Tag und ich weiss, dass ich nun noch lange nicht alles am Chuenisberg geklettert habe. Ich freue mich jetzt schon wieder auf den Chuenisberg.

Am Mittwoch, 21. Mai 2014 war ich, auch wiederum nach langer Zeit, wieder einmal im Albtal unterwegs. Zusammen mit Matthias und Viktoria, wir haben uns seit über 2 Jahren nicht mehr gesehen, verbringe ich interessante Stunden in einem restlos überfüllten Klettergarten und kann 1 Projekt im ersten Go abschliessen und eine zweite Route an diesem Abend onsight klettern. Wie sagt man dem in neudeutsch? I’m so psyched!

Mein treuer Freund Roland
Und zu guter Letzt konnte ich am letzten Samstag den „Schrägriss direkt“ mit dem Tiwanacu-Einstieg an der Schauenburg klettern. Bewertung: Old-Style. Mit einem freien Kopf und Freude im Herzen ist diese Route eine richtig schöne Kletterei und nicht die abgespeicherte Murks-Route. 

Wenn nicht der innige Wunsch die „Illusion“ zu klettern und ich nicht von so guten und starken Freunden umgeben gewesen wäre, ich hätte dies alles nicht erleben dürfen. Ich wäre mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit vergangenen Winter dem Klettern verloren gegangen. Zum Leid von einigen und zur Freude vieler. So aber hat mich mein unerwartet früher Erfolg in der „Illusion“ zu neuen Ufern, neuen Abenteuern und unendlich viel Freude und Spass in der freien Natur gebracht.