Saturday, January 23, 2016

Ein Weihnachtsgeschenk - Reise in die Vergangenheit

von Markus

Es war schon immer mein Traum, just am 24. Dezember bei uns in der Gegend klettern gehen zu können. Vor vielen Jahren traf ich knapp daneben. Zusammen mit Christof war ich am 23. Dezember an den Felsen von Todtnau unterwegs. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag.

Das Auto parkten wir auf dem Parkplatz beim Schwimmbad. Das Thermometer zeigte stolze -2 Grad an. Vom wolkenlosen Himmel schien die Sonne auf die Felsen und liess den Granit einzigartig leuchten. Es war schon etwas seltsam, den Weg unter die Füsse zu nehmen. Wir kleideten uns ein, als unternähmen wir eine Expedition an den Nordpol. Kurz nachdem der Weg einen steilen Schwenker nach rechts macht, standen wir vor dicken Eiszapfen, ein ideales Trainingsgebiet für den modernen Eiskletterer. Der ganze Weg war mit dickem Eis überzogen. Jeder normale Mensch hätte daraufhin die logische Entscheidung getroffen wieder umzukehren. Christof und ich gehören aber nicht zu den normalen Menschen und so rutschten und schlingerten wir den Weg hoch, immer kurz vor dem ultimativen Abgang hinunter in den noch jungen Bach mit Namen Wiese. Endlich gelangten wir in die Sonne und die Nordpol-Expeditions-Klamotten brachten uns zum Schwitzen. Wir kämpften uns hoch bis zum Fels, wo warme Luft, strahlende Sonne und angenehm temperierter Fels uns empfingen. An diesem Tag kletterten wir viele Routen und ich konnte es nicht lassen, nur mit einem T-Shirt bekleidet ein paar harte Moves zu unternehmen. Es war ein unvergesslicher Tag und voller Freude denken wir heute noch an jenen Tag zurück, wenn wir unsere gemeinsamen wilden Tage Revue passieren lassen und in der Kiste der gemeinsamen Abenteuern herumkramen.

Der schöne Herbst 2015 liess in mir diesen Wunsch wieder erwachen. Klappt es? Klappt es nicht? Die Zeichen stehen plötzlich sehr gut. Doch einfach nur draussen klettern, das ist das eine. Welche Route sollte es denn sein? Im Herbst war ich mit Roland nach langer Zeit wieder am Gempen unterwegs. Dabei wurde mir wieder bewusst, welch schönes Schmuckstück uns Mutter Natur vor die Haustüre gestellt hat! Lange Zeit war ich nicht mehr in der Ostgruppe unterwegs, da es für mich dort nur unkletterbare Routen gibt. Wobei – die leichten Routen habe ich alle geklettert! Zum Teil in „Adidas Rom“-Turnschuhen (ich konnte mir keine EB leisten und sie waren gar nicht so einfach zu bekommen), free solo, hoch und runter. Es hatte ja keine Haken in den Routen und Angst hatte ich auch keine. Das hat sich in der Zwischenzeit alles geändert. Alles! An den ersten Felsen ganz vorne sind die Routen „Acte sans parole“, „Casse pied“, „Scritti Politti“ und „M3“.
 
Die Route „Casse pied“ liegt mir seit den späten 70er Jahren schwer auf dem Magen. Was habe ich mich da abgemüht. Mit Bollerschuhen an den Füssen habe ich versucht, den Einstieg zu klettern. Gott sei Dank gab es diesen – in der Zwischenzeit etwas zurückgeschlagenen – Haken, an dem ich mein Leiterli einhängen konnte. So konnte ich im Top-Rope um den heute nicht mehr existierenden morschen Baum herum mit ganz viel Zug von Peter und Roland diese Route klettern. Am Samstag, 19. Dezember 2015 war ich nach über 35 Jahren endlich erfolgreich. Rotpunkt – wie es sich gehört und ohne Bollerschuhen, dafür mit in der Zwischenzeit sich zu Clown-Schuhen vergrösserten 5.10. Beim Durchstieg habe ich mich allerdings etwas über mich selber geärgert. Wenn ich die Route früher geklettert hätte, dann hätte ich mich nicht mit den bis auf Stufe „Marmor“ polierten Griffen und Tritten auseinandersetzen müssen. Es ist die übliche Story über das Wenn, Dann, Wäre. Konjunktiv. Nun denn, ist halt so. 

Es war dieser Tag im Dezember, der mir diesen einen lang gehegten Wunsch plötzlich in den Bereich aller Möglichkeiten rücken sollte. Die Route ist gleich links von „Casse pied“, heisst „Scritti Politti“ - benannt nach einer 1978 in Liverpool gegründeten New Wave Band - und wurde 1980 von Richi erstbegangen. Auch hier mag ich mich an meine ersten Versuche in der Route erinnern. Ganz weit oben war eine Schlinge als Sicherung angebracht. Bis dorthin gab es keine Sicherungspunkte - und weiter oben auch nicht. Natürlich wollten Peter, Roland und ich die Route 1980 auch klettern. Peter und Roland hatten bereits EB und waren nach absolvierter Panzergrenadier-RS topfit. Irgendwann schafften die beiden die Route im Top-Rope und im Vorstieg. Mir blieb es versagt, überhaupt die ersten 20 Zentimeter klettern zu können. So blieb die Route immer ein Projekt für mich. Auch in den 00er-Jahren, nachdem ich nach langer Pause wieder mit dem Klettern begonnen hatte, versuchte ich diese Route, kam aber nie über den ersten Meter hinaus. Seither habe ich die Route nicht mehr versucht und doch jedes Mal beim Vorbeigehen sehnsüchtig angeschaut und gedacht: „Ach, das wäre schon super, diese Route zu klettern. Aber ich schaffe das wohl einfach nie.“

Die Frage steht im Raum: ist es möglich, dass ich „Scritti Politti“ am 24. Dezember werde klettern können? Die Schwierigkeit ist mit 5c+ angegeben. Eine 5c+ aus den 80er Jahren hat so seine Tücken. Nach erfolgreichem Durchstieg von „Casse pied“ stand ich unter der Route, sah mir diese genauer an und wusste: „Ja, das kann ich“.

Es ist Donnerstag, der 24. Dezember 2015, Heiligabend. Morgens arbeite ich noch von 7 bis 10:45. Um 11 Uhr hole ich Roland ab. Um 11:30 stehen wir unter den Routen „Floh“, „Block links“ und „Block mitte“. Die Sonne scheint angenehm warm. Wir klettern uns in diesen 3 Routen ein. Alles ist bestens, alles ist gut. Um ca. 12:30 stehen wir unter „Scritti Politti“. Kurz darauf hängt das Top-Rope in der Route. Eigentlich sollte die Route gleich auf den ersten Go gehen, das Hirn spielt aber wieder einmal mehr verrückt. Mind over Machine! Roland checkt die Route aus, wir finden Lösungen. Nun bin ich dran. Ich steige in diese in meiner Erinnerung grauenhaften ersten Moves ein und wider Erwarten kann ich alle diese ganz schweren Züge auf den ersten 2 Metern auf Anhieb klettern. Etwas gepumpt aber überglücklich hänge ich im Seil. Ich weiss, ich kann diese für mich brettharten Züge klettern, keine Frage. Just in dem Augenblick kommt Richi um die Ecke geflitzt und ruft zu mir: „Klettere doch den Original-Einstieg! Der ist 1 Meter weiter links“. Völlig verdutzt über diese Information checke ich noch den oberen Teil der Route aus. Sollte alles plötzlich ganz viel einfacher gehen, jagt es mir durch den Kopf. Hätte ich die Route vielleicht schon viel früher klettern können?

Kaum auf dem Boden realisiere ich die Einmaligkeit der Situation. Da steht der Erstbegeher vor mir, gibt mir Tipps und erzählt die ganze spannende Story der Route und seiner damaligen Zeit. Erinnerungen! Einmal mehr werde ich mir bewusst, wie wertvoll Richi für das Klettern im Basler Jura war, ist und noch ganz lange bleiben wird und welches Glück ich habe, ihn zu kennen. Gibt es ein schöneres Weihnachtsgeschenk, als am 24. Dezember bei besten Bedingungen ein über 35 Jahre altes Projekt erfolgreich mit der Unterstützung des Erstbegehers abzuschliessen?

Ich checke den Original-Einstieg aus und tatsächlich wird die Route nun zum wunderbaren 5c+-Juwel. Herrliche Züge an grossen Griffen, genauso wie ich es mag. Richi verlässt uns und anschliessend klettern Roland und ich fehlerfrei durch die Route. Ein lang gehegter Wunsch wurde Wirklichkeit und es durchströmt mich nach erfolgreichem Durchstieg einmal mehr Glück und Zufriedenheit.

Wir packen die Rucksäcke und bringen das Material zum Auto. Für mich ist es obligatorisch, den wunderbaren Ausblick vom Gempen hinunter ins Laufental zu geniessen. Die Sonne trägt ihren Teil zu einem wunderschönen Klettertag bei. Mit einem herrlichen Sonnenuntergang verabschiedet sich der Tag an dem ich mir selber ein einmaliges Weihnachtsgeschenk selber schenken durfte. 

Und noch etwas lerne ich an diesem Tag. Die Route „Floh“ heisst deshalb „Floh“, weil dies der Name der Katze war, welche seinerzeit bei Richi an der Feldbergstrasse wohnte und – so meine ich mich richtig zu erinnern – von den Nachbarn vergiftet wurde. Früher war also auch nicht alles besser…

Thursday, December 31, 2015

Goldener Herbst

von Markus

Phänomenal. Einfach phänomenal. Besser geht nicht. Es kann nicht besser werden, nein. Damit meine ich natürlich nicht meine Leistungen beim Klettern. Beim Klettern gibt es bei mir noch ganz viel Steigerungspotenzial. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut und so hege ich die leise Hoffnung, dass bis ganz zum Schluss doch noch etwas aus mir wird. Das B2-Abo habe ich in der Zwischenzeit auch wieder verlängert. So schnell gebe ich nicht auf.
 
Falkenfluh
Phänomenal ist das Wetter, sind die Bedingungen am Fels. Trocken, sehr angenehm und ganz viel Grip. Ich erinnere mich noch gut an meine Ferien von Anfang Oktober. Nass, kalt, windig, der Herbst kündigte sich an und ich hatte schon den Trainingsplan fertig entwickelt. Normalerweise feiere ich meinen Geburtstag anfangs Dezember bei Regen, Schnee oder sonstigem Sauwetter und das Training dauert von Mitte Oktober bis zu dem Moment, an dem ich dann definitiv überhaupt keine Lust mehr für ein Training entwickeln kann. Das ist irgendwann im Februar, spätestens jedoch im März. Dann treibt es mich auch bei Regenwetter raus. Das ist die gute Sache, wenn man sein eigener Trainer ist. Da kann der Trainer ganz spontan entscheiden, was sein Schüler zu tun hat und kann noch spontaner den Trainingsplan umgestalten. Der Trainer hört sehr gerne auf seinen Schützling.

Und just zu dem Tag, als ich mich wieder mit der Arbeit beschäftigen durfte, startet der Herbst sein Feuerwerk.

So gibt es von mir nicht viel zu berichten, die grossen Projekte habe ich vor einiger Zeit abgeschlossen. Jetzt geht es darum, das Leben und das Klettern in seiner ganzen Fülle und Einmaligkeit zu geniessen. 

Wenn der 5b-Kletterer dem 8b-Kletterer...
Ich verbrachte manch schönen Nachmittag in der von mir nicht gerade bevorzugten Falkenfluh, durfte Simon unterstützen und zusammen mit ihm einmal mehr die unglaubliche Faszination Sportklettern in Reinkultur erleben. Zusammen mit Roland ging ich ein paar Herausforderungen an, die nun auf dem Scheiterhaufen der gescheiterten Projekte vor sich hinbrennen. Erfolgreich war ich bei ein paar Uralt-Projekten aus meiner Anfängerzeit. An den Südwänden der Santelhöchi konnte ich bei schönstem Wetter und prächtigsten Herbstfarben unter anderem die wunderschöne Route „Traumtanz“ klettern. Am Gempen, an einem strahlend schönen Mittwochnachmittag, konnte ich endlich die Route „Rock shames“ gleich rechts von „Sen“ durchsteigen. Ein Geburtstagsgeschenk, welches ich mir selber machen konnte.

Faszination Sportklettern. Simon in "Le paradis sur terre"
 
Farbenflash auf dem Nachhauseweg von der Santelhöchi

La Jacoterie - Sektor Marco
Einen weiteren wunderbaren und fast schon sommerlich warmen Tag in „La Jacoterie“ (oder doch Charcuterie?) konnte ich mit „Ici et maintenant“ abschliessen. Das ist eine traumhaft schöne Route mit dem richtigen Namen. Es wird immer gesagt, man soll das Hier und Jetzt leben. An diesem super Tag zusammen mit Chris gelang mir dies vorzüglich.
 
Auch der Muggeberg war ein Ziel in diesem Herbst. Zusammen mit Martina und Chris durfte ich einmal mehr herrliche Stunden verbringen und mein Projekt – die leichteste Route am Mugge – weiter bearbeiten. Ich gebe die Hoffnung nicht auf – diese 6a werde ich dann auch noch irgendwann schaffen. Und sei es nach einem stahlharten Training und monatelangem Extrem-Stretching. Diesbezüglich müssten sich der Trainer und der zu Trainierende endlich einmal an einen Tisch setzen und sich einigen.

Ich könnte jetzt noch lange über das schöne Wetter, super Trainingspläne, gekletterte Routen und Projekte schreiben, interessieren tut das ja eigentlich niemanden. 

Doch dann begann eine für mich wunderbare Geschichte ihren einzigartig schönen Lauf zu nehmen. Dazu demnächst mehr...

Wednesday, December 2, 2015

Vid of Ravage 8b+/c / Basler Jura

by Chris

2016 is coming very soon! Nothing really surprising... we have every 12 month a new year and after almost half a century I get used to it.

But for our home crags around Basel we can celebrate a 30-years-jubilee of 'Ravage', the mythical superclimb well hidden in the thick forest of Chuenisberg.

Climbing history was written there, when  Antoine LeMenestrel proposed after his first ascent in 1986 the unprecedented grade of 8c. Now everything settled down a bit and 8b+/c seems to be the consensus grade. But the climb still remains superphysical, this is even true nowadays despite modern training methods.

But - wait! - something notably has changed within the decades: while the old-school-climbers from the eighties and nineties believed the powerful moves in the upper two-third of the route being the crux, the baby green powergeneration grown in boulder parks feels the first one third with the slippery and heavy footwork demanding traverse to be the hardest part.

So what's going on in this climb? How does it look like? Such a famous route and almost no photos or videos about this superclassic!

Found this one on my harddisk... it's me, doing 'Ravage' for the second time in 2003 (after my first success in 2002) while going for the extension. Okay, a bit of a vaunt... but I'm still so happy about the send. All the great days out there are still fresh in my mind.

Check it out:

Sunday, November 29, 2015

Amazing video of Belle Vie 8b

by Chris

Absolutely amazing vid about Dominic's send of the superclassic Belle Vie 8b at Falkenfluh, one of Basler Jura's finest climbs. It also has a nice sense of humour - if you understand Swissgerman. Nicely produced by Saemi - we wait for more! Take a look on the YouTube-Channel Juraviper:

Friday, November 27, 2015

Postproduction

by Chris

Rotstock/Eiger
Once in a while I try to write in English which is quite challenging as I’m not a native English speaker. It’s a good exercise though and I’ll try my best – promised! At least I can say you’ve been warned and you may encounter some adventurous modifications of grammar... Enough said and let’s get into the real topic: climbing and writing about!

Writing blogs I often get trapped by the concept of telling my experiences and stories in a chronological order. And sometimes very detailed, maybe even to narrow. 

Waterfall at Gimmelwald
In the meantime I’ve realized that it bored me in a way that I wrote less and less. Don’t get me wrong, telling stories is great! And it’s also me who loves reading about others experiences. Well written stories are the source of inspiration and dreams.

It’s more the style of writing I like to change. Reviewing my own articles and stories I often find the description of finishing a project in a similar fashion. 

First I see and try a new project of which I think I can never do. Then I wonder about the process and progress which includes the need to change something in my life and eventually after many days of failure I can’t stop wondering that I can sent. 
Cèüze

Although I’ve to admit that this is my own and real experience and even now – writing these sentences – I still wonder about some realization, I find it a refreshing change from telling the mere history and procedures of finishing one project into describing thoughts, feelings, observations or actual peculiarities or specialties of both my own and others but also worldwide climbing. Personal opinions included. 

What? Aaarghhh!, you may think, having a well-known Swedish guy in mind. No worries, not this style… :) 

I love provocations, but they should have a basis. 

More to come.

Wednesday, October 21, 2015

Zufriedenheit

von Markus

"Schreibst du noch etwas über den Albatros?" fragte mich letzten Samstag Marc, als wir zusammen an einem grauen, nebligen und kalten Tag einmal mehr an der Schauenburg waren. Ganz spontan antwortete ich "Ja". Dabei wusste ich, dass ich nichts zu schreiben hatte. Dass nun dieser Aufsatz auf verticalsoul zu lesen ist, ist einzig Marc zu verdanken. Denn eigentlich wollte ich nichts über "Albatros" schreiben. Was war an dieser Begehung denn so speziell? Nichts. Es fällt mir nichts dazu ein, was den wirklichen Unterschied ausmachte.

Es war kein Heavy Metal nötig. Es waren keine Räucherstäbchen für das Abdriften in höhere Sphären, keine weissen Linien, auch keine Aufputschmittel im Tee notwendig. Ich musste keine extraharte Diät durchziehen. Selbst über die Temperaturen konnte ich mich nicht beklagen. Es war einfach ein schönes und intensives Projekt, dass ein gutes Ende gefunden hatte. Damit wäre alles gesagt.

Und doch gibt es diesen einen ganz grossen Unterschied zum Durchstieg von "Fehlalarm". In der Retrospektive und beim Schreiben dieser Zeilen wird mir klar, was den Unterschied ausmachte. Dafür muss ich nun doch etwas über den „Albatros“ schreiben und die Lösung kann ich (leider) erst viel weiter unten verraten.

Etwas jammern muss sein, auch dieses Mal. Bald feiere ich wieder meinen Geburtstag und dieses Mal mit einer Doppelzahl auf dem Zähler. Langsam aber ganz sicher realisiere ich, dass mir zwar noch Zeit bleibt, jedoch nicht mehr so viel, um all die Dinge zu tun und zu erledigen, die ich noch zu tun gedenke. Jetzt ist nicht mehr Quantität angesagt, sondern Qualität. Die Erholungszeit zwischen den Einsätzen, sei es am Fels oder am Plastik, sie dauert einfach länger. Ich bin mir auch bewusst, dass diese Tendenz eher zu- als abnehmen wird.

Qualität ist das Stichwort für 2015 und wird es weiterhin bleiben. Fokussierung auf Qualität, auf Routen, die ich selber als sehr schön empfinde und auch meinem Kletterkönnen entsprechen, keine mühsamen und unlohnenden Hausaufgaben mehr. Ich zitiere hier gerne Dominik, welcher ganz zu Beginn meiner Kletterkarriere über das Projektklettern in etwa folgendes gesagt hat: "Du muesch di fascht e bitzeli in e Route verliebe. Das wird dir helfe, immer wieder an die Route z gho."

Dieses Verlieben geschah vor vielen Jahren bei "Via Kathrin", die ich endlich in diesem Jahr erfolgreich klettern konnte (sh. "Durststrecke"). Dazu gehörte auch "Gummiadler", eine Route, welche ich vor ziemlich genau 1 Jahr kletterte (sh. "Gummiadler"). Natürlich gehört "Fehlalarm“ (sh. „The Good, the Bad and the Ugly“) zu diesen Routen, jedoch hat mir exakt diese Linie in aller Deutlichkeit wieder ins Bewusstsein gerufen, dass Liebe eine Rose mit ganz vielen Dornen sein kann, die sich schmerzhaft ins Fleisch bohren können. Als ob ich das nicht schon vorher gewusst hätte.

Nach dem Durchstieg von "Fehlalarm", war bei mir die „Luft draussen“. Ich war geistig müde und ich war auch körperlich sehr, sehr müde. Zudem begann ein schöner und warmer Sommer seinen Anfang zu nehmen und für mich war klar, dass ich so schnell nicht mehr werde schwer klettern können und müssen. Nach "Fehlalarm" war Roland und mir bewusst, dass im Herbst nun "Der Flug des Albatros" als nächstes Projekt anstand. "Der Flug des Albatros" zieht dort in direkter Linie hoch, wo "Fehlalarm" leicht nach links ausschwenkt (exakt nach The Good). "Der Flug des Albatros" ist eine atemberaubende rund 34 Meter hohe Route an der Schauenburgerfluh, bestens gesichert, kaum Begehungsspuren und mit 6c+ bewertet. Dieses + nach dem c liess uns beide etwas nervös werden, doch in unserem Übermut wussten wir gleich zu Beginn, dass wir die Route werden klettern können. Vor über 4 Jahren kletterte ich zum letzten Mal eine Route in diesem Schwierigkeitsgrad, wobei die damalige Route nicht höher als 12 Meter ist und ich die +-Stelle immer noch suche. Die neu zwingende Auslegeordung bezüglich Qualität ergab: schön und lang, nicht steil, schönes und einfach zu erreichendes Klettergebiet, bestens gesichert, Schwierigkeitsgrad: Limit

Es ist wie immer: ich habe keinen blassen Dunst, wie ich denn je die Schlüsselstelle werde klettern können und Roland kommt mit einer fix fertigen Lösung zurück. Dennoch, es ist da. Dieses gute Gefühl an einer Route zu arbeiten, die wirklich gefällt. In ungewohnt kurzer Zeit haben wir die Lösung für alle Problemstellungen gefunden. Unvergleichlich schnell gehen wir in den Vorstieg. Ich mag mich noch gut an meinen ersten Go am 3. Tag in der Route erinnern. Alles klappt perfekt. Ich sehe mich schon den Umlenker klippen. Dann kommt die Schlüsselstelle und dort straft mich mein Top-Ropen in der Route brutal. Ich weiss genau, wie ich den nächsten Zug machen muss, der fehlende minimale Zug des Top-Rope durchströmt mich mit einer ganz grossen Unsicherheit und lässt mich scheitern. Ganz im Gegensatz zu „Fehlalarm“ hadere ich nicht mit meinem Unvermögen. Ein seltsames Vergnügtsein verdrängt den unbedingten Durchstiegs-Willen. Alles fühlt sich gut an. An diesem Tag bouldere ich eine komplett neue Sequenz aus und eines muss ich definitiv feststellen: meine Kraft und mein Können reichen gerade, dass ich mich an der Schlüsselstelle halten kann. Es geht weder aufwärts, noch geht es abwärts. Die Lösung: mehr Power. Auch bei der Ausrüstung muss ich feststellen, dass meine heiss geliebten Five Ten Blanco das End of Lifecycle erreicht haben. Damit meine ich, dass der Schuh zwar noch absolut ok ist, jedoch seit Neuestem schneidet mir der Schuh derart in die Ferse, dass ich absolut gefühllose Füsse bekomme. Selbst wenn ich die Schuhe nicht binde, werden meine Füsse taub. Im Nachhinein weiss ich, dass die tauben Füsse während des Durchstieges von „Fehlalarm“ das Hauptproblem waren. Nachher ist man immer schlauer...

Petrus meint es gut mit uns und so können wir die Schwäche der fehlenden Kraft im B2 wegtrainieren. Schon bald spüre ich Fortschritte. Der Tennis-Ellbogen schmerzt mich immer noch, rede mir jedoch ein, dass der Schmerz der Indikator dafür ist, dass der Arm noch am Körper ist - sonst wären es ja Phantom-Schmerzen. Auf der Hardware-Seite tut sich auch sehr Erfreuliches. Der Five Ten Blanco wird nicht mehr hergestellt, also greife ich zum neuen Pinky von Five Ten, der für mich beste Schuh aller Zeiten!

Bei nächstmöglichen Mal stehen wir wieder unter der Route. Dieses Mal haben wir mehr PS im Gepäck und auch neue Schuhe. Die Express hängen nach kurzer Zeit wieder in der Route und kurz darauf klettere ich mit den neuen Schuhen durch die Wand. Sagenhaft, was sich da abspielt! Ich weiss, es wird ein wundervoller Go durch die Route werden. Es stellt sich einzig noch die Frage, wann ich das Kunststück schaffen werde. Vielleicht bereits beim nächsten Besuch?

Es ist Samstag, der 3. Oktober 2015. Wie immer hole ich Roland in Basel ab und ziemlich genau 45 Minuten später stehen wir unter der Route. Die Bedingungen könnten nicht besser sein. Noch liegt die Route in der Sonne, deshalb ist an ein Go nicht zu denken. Ich hänge die Express in die Route und überprüfe nochmals die Schlüsselsequenz. Noch mehr Power ist da!

Roland klettert ein letztes Mal im Top-Rope durch die Route und dann gibt es keine Ausreden mehr. Angriff! Ich steige ein, klettere locker bis zur Schlüsselstelle. Ich bin seltsam ausgeruht. Einmal mehr verkaufe ich das Fell des Bären, bevor er erlegt ist. Ich beginne mit der einstudierten Lösung, alles passt perfekt, doch dann passiert mir exakt der gleiche unnötige Fehler wie in "Fehlalarm". Ich treffe mit dem linken Fuss den vorgesehenen Tritt nicht, schwanke daher etwas und aufgrund der sehr schlechten Griffe, kann ich diesen Fehler nicht korrigieren. Sanft vom Seil aufgefangen lache ich voller Vergnügen über diesen Fehler. Denn ich darf noch mindestens einmal durch diese fantastische Route klettern. Es kehrt keine Unzufriedenheit ein, alles ist perfekt und ich bin glücklich.

Um 16:55 des gleichen Tages steige ich nochmals in die Route ein, mein 2. Go. Hatte ich bei "Fehlalarm" noch richtig souveräne Cheerleader bei mir und beim heutigen 1. Go herrliche Ruhe, so habe ich jetzt lediglich 4 schreiende kleine Kinder um mich herum. Das ist jetzt nicht gerade meiner Konzentration förderlich. Normalerweise hätte ich giftig nach unten gerufen endlich mal die Klappe zu halten, dieses Mal nicht. Klar und deutlich höre ich das Gequengle und normalerweise müsste jetzt Heavy Metal die Lärmsituation korrigieren. Ich brauche keinen Heavy Metal. Schon bald bin ich bei meinem zweiten No-Hand Rest und schaue hinunter zu Roland. Ich schaue in verzweifelte Augen, denn ein freundlicher Kletterer hat sein Seil einfach über unser Seil geschmissen und kümmerte sich nicht darum, was denn da oben bei mir so abläuft und wie mühsam Roland plötzlich sichern muss. Ignoranz at its best, völlige Respektlosigkeit. Doch seltsamerweise beunruhigt mich auch dieser Umstand überhaupt nicht. Ich rufe Roland zu, er solle doch bitte einfach das Seil so hinlegen wie es perfekt für ihn passe und er solle sich alle Zeit der Welt nehmen.

Denn ich stehe an einem Ort an der Schauenburgerfluh, den ich nie mehr vergessen werde. Hoch über den Bäumen sehe ich weit ins Land. Ganz weit hinten sehe ich einen sehr grossen Vogel ruhig seine Kreise ziehen. Auf den Baumwipfeln gleich nebenan sehe ich Raben, die sich zwar nicht sonderlich für mich interessieren, jedoch mich klar und deutlich ansehen. Die Raben krächzen miteinander und erzählen sich wohl einen Witz über Menschen, die an Felsen hochklettern. In meinen Gedanken erlebe ich nochmals den Moment vor wenigen Minuten, an dem im absoluten Tiefflug die Super-Conny quer vor der Schauenburgerfluh durchflog. Ein wundervolles Flugzeug mit ganz viel Stil und Klasse und dem entzückendem Sound von 4 Sternen-Motoren. Ich stehe da, ruhe mich aus bis der Puls wieder ganz normal ist und überlege mir, welche Bedeutung Fliegen für uns Menschen hat. Vielfältig sind die Antworten. Es wird mir auch ganz klar, weshalb diese Route "Der Flug des Albatros" heissen muss *). Ganz oben, man kann schon fast in den Umlenker beissen, gibt es nur noch Seitgriffe. Als Kletterer stehst du da, ziehst gleichzeitig mit der linken und der rechten Hand in maximaler Griffdistanz - ähnlich einem Albatros mit weit aufgeschlagenen Schwingen – an Minigriffen, nur um das Gleichgewicht zu halten. Ein winzig kleiner Fehler, ein Bruchteil einer Sekunde ohne Körperspannung und der Name der Route wird zum Programm.

So könnte ich noch lange dastehen und mich dem wundervollen Sein hier oben widmen und meinen Gedanken nachhängen. Von Bad Schauenburg her erklingen plötzlich Alphörner. Wenn das nicht der ideale Auftakt zum Weiterklettern ist? Sorgfältig kontrolliere ich die Situation, hole bei Roland das OK ab und klettere weiter. Zug um Zug passt nahtlos zueinander. Vor der Schlüsselstelle ruhe ich nochmals ganz kurz um frisch und ausgeruht die Schlüsselsequenz klettern zu können. Alles geht erschreckend einfach und nach wenigen Sekunden hänge ich - einem Albatros gleich - kurz vor dem Umlenker. Konzentration auf die Körperspannung! Die Moves sind einfach, bricht jedoch die Körperspannung ab, dann ist Flugwetter. Eine letzte Anstrengung und ich bin beim Umlenker. Geschafft. Ich bin in dem Moment der glücklichste Mensch auf dieser Welt. Um 17:22 habe ich wieder festen Boden unter den Füssen. Die vergangenen knapp 30 Minuten sind in ihrer Brillanz und Klarheit nicht zu überbieten und werden immer in bester Erinnerung bleiben.

Doch, was ist nun der Unterschied zwischen "Fehlalarm" und "Der Flug des Albatros"? Sind es die zusätzlich antrainierten PS? Sind es die Schuhe? Sind es die besseren Bedingungen? Nein, es ist etwas, was ich so noch nie erlebt habe und vielleicht zu den guten Dingen des Alterns gehören. Eines Morgens wachte ich auf und es war einfach plötzlich da: das gute Gefühl der tiefen Zufriedenheit. Mit dieser Zufriedenheit tief in mir drin entwickelte ich eine ganz andere Herangehensweise an das Projekt. Die mir eigene Verkrampfung während der Projektarbeit wich einer Freude, sich mit dem schönsten Sport zu beschäftigen. Die Freude wiederum war die Basis für eine noch nie gekannte Leichtigkeit, Fröhlichkeit und Lockerheit. Es ist wie bei einem Puzzle. Plötzlich fügen sich alle vorher wild verstreuten Teile nahtlos und ohne Anstrengung zusammen. Es liegt nun an mir ganz allein, diese Zufriedenheit nicht mehr zu verlieren.

Der Blutmond vom 28. September (Danke Basil)
Oder waren es doch die Auswirkungen des Blutmondes vom 28. September? Die letzte Supermondfinsternis fand 1982 statt und ich habe sie irgendwie verpasst. Das nächste Mal ist es 2033 soweit. Dann bin ich schon 8 Jahre in Pension und es wird wohl Wolken haben. Ich bin mir ganz sicher: der Blutmond war's.

Für den Chronisten: Roland kletterte am herrlichen Mittwochnachmittag des 8. Oktober bei besten Bedingungen ebenfalls fehlerfrei durch die Route. Herzliche Gratulation!



*) Es wäre sehr schön zu erfahren, weshalb die Route gerade so "Der Flug des Albatros" benannt wurde. Die Interpretation des Namens in diesem Blog ist meiner Fantasie entsprungen.



Monday, October 12, 2015

Kontrastprogramm

von Alex

Schon lange liegen diese Bilder bei mir herum. Bilder von Werner Knüsel.

Bilder vom Klettern aus einer anderen Zeit.

Bilder aus unserem schönen Jura von Basel bis Moutier. Bilder von kämpfenden Kletterern bei Erstbegehungsversuchen.

Werner du hast früher viel geklettert?

"Ja, mal hier mal da, in den 50er Jahren"

Wo warst du unterwegs ?

"Wilder Kaiser, auf den drei Zinnen, Erstbegehungen im Jura, Pelzli, Tüfleten"

Mein Interersse war geweckt :-)

So finde ich Werners Name/Erstbegehungen sogar noch heute in unserer Flue-Bibel und im Jura Führer.
Pelzli:     Alte Route 30.4.1961
Tüfleten: Juniperus communis 1959
Moutier : Face de Moutier 1959
Werner, ich probiere mir das Jura, Klettern, Material in den 50ern vorzustellen.

Erzähl mir etwas davon ?

"Meistens sind wir zu dritt oder viert los, ich war viel mit W.Weibel unterwegs"

Material ? Sicherungen?

"Die meisten Leitern und Haken haben wir selber hergestellt, gabs ja damals nicht viel zu kaufen"

Wo im Jura warst du damals unterwegs ?

"Ich habe höhere Wände bei Delemont/Moutier, sowie einiges in der Region
  Basel erstbegangen."

Als ich Werner das letztemal getroffen habe, war er über 80 Jahre alt.
Mittlerweile ist er zu seiner letzten grossen Reise aufgebrochen.


An die genaue Lokalität der Bilder konnte Werner sich nicht mehr erinnern.
Aufgenommen wurden die Bilder alle im Jura von Basel bis Moutier.

Es existieren noch mehr Bilder, ich will unseren Blog jedoch nicht sprengen :-).

In unserem heutigen Medienzeitalter von EpicTV, 8a.nu, Smartphones und all den anderenTurboinformationsquellen drücken diese Bilder den gewissen Müssiggang bzw. Ruhe aus, die man heute - auch am Fels - als etwas vermisst.