Sunday, February 10, 2013

Update

von Markus

...dabei wollte ich doch jeden Monat einen kleinen Update schreiben. Aber das ging nicht. Schlechtes Wetter, eine Delle bei der Motivation, Ferien in Venedig, kalte Pfoten bei einem Abenteuer am Bärenfels und tausend andere Dinge verhinderten erfolgreich, dass ich an dieser Stelle von heroischen Taten schreiben kann. Heroisch ist vielleicht einfach nur, dass ich im Dezember den Jahreszähler definitiv wieder um eins nach oben stellen konnte. Das ging sogar ohne Training und Anstrengung.

Oh. Doch. Jetzt fällt mir doch was ein, was zu erzählen es sich lohnt. Here it goes:

Im Oktober 2012 konnte ich noch mein Projekt an der Schauenburg klettern. Die eifrigen Blog-Leser wissen sicher, welche Route ich meine. Beim Durchstieg der mit 6a bewerteten Route kam ich so ins Keuchen, dass sich die Bäume im Rhythmus meines Atmens wiegten. Sturmböen waren die Folge, umgestürzte Bäume säumen seither den Einstiegsbereich an der Schauenburgerfluh. Völlig k.o. kam ich beim Umlenker an und schwor mir, jetzt ernsthaft mit einem Training zu beginnen. Schon kurze Zeit später quälte ich mich mit ständig abnehmender Begeisterung durch die ersten Training-Sessions. Dabei musste ich feststellen, dass ich aber so etwas von komplett ausser Form war, eigentlich wäre Aufhören die bessere Variante gewesen. Aber ein alter Jura-Saurier gibt nicht so schnell auf. Da muss zuerst ein Meteorit auf die Erde knallen, bevor ein echter Saurier mit dem Klettern aufhört! Das ist allerdings auch schon mal vor geraumer Zeit vorgenommen und ist demnächst wieder möglich. Also, man soll nie nie sagen. Um diese fürchterliche Delle bei der Motivation auszubeulen, sah ich mir immer und immer wieder Chris Sharma's Begehung von "Dreamcatcher" an. Und tatsächlich - ich wurde bei jedem Mal Film schauen stärker. Auch am Plastik ging es immer besser. Nach kurzer Zeit des Trainings fühlte ich mich fit wie schon lange nicht mehr und entschloss mich, der Welt eine neue und wichtige Route zu schenken. State of the Art sollte sie auch sein und deshalb im ganz reinen Stil geklettert, also Free Solo. Ich trainierte mich geistig weiterhin mit "Dreamcatcher" und körperlich mit Trainingsessions der Extraklasse. Mein Plan wird klappen, ich wusste es!

Auf den mir zur Verfügung stehenden Fotos konnte ich eine neue extravagante neue Linie durch die Nordost-Südwand entdecken. Der Routenname war auch schon klar, alles sehr offensichtlich. Plötzlich musste dann alles ganz schnell gehen. Meinen ersten kleineren Wutanfall bekam ich in Zürich beim Einchecken. Wer diese Software erfunden hat und meint sie sei gut, der.... Lassen wir das! Nach rund 4 Stunden Flug kommen meine Liebste und ich im Norden eines ganz grossen Kontinents an. Hier herrscht richtig gute Stimmung. Für die 10 Kilometer vom Flughafen ins Basislager benötigen wir mit dem Auto rund 2 Stunden. Offenbar ist durchgesickert, dass ein Jura-Dinosaurier angekommen ist um eine neue Route zu klettern. Anders konnten wir uns das grosse Verkehrsaufkommen nicht erklären.

Schon früh am Morgen des nächsten Tages stehe ich nach kurzem Marsch vor der einzigartig schönen Felswand. Topmotiviert und mit den besten Kletterschuhen an den Füssen, zieht es mich unwiderstehlich an die Wand. Ein erstes Mal den Fels berühren. Whow! Da fliesst richtig Energie durch den Körper. Ein Motivationsschub durchströmt mich. Nichts kann mich zurückhalten. Jetzt muss es geschehen. Jetzt! Alles passt perfekt! Mit zielsicherem Schritt gehe ich auf die Stelle zu, an der meine Traum-Route und ein Meilenstein im Klettersport starten wird. Am 21.12.2012 um exakt 10:28 steige ich ein. Und dann sehe ich das hier...

Heldentaten verhindernd!
"Gopferdeggel" schimpfe ich laut vor mich hin. Da trainiere ich wie Meister Güllich seelig in seinen besten Tagen, bin völlig psyched und dann das. Das war auf dem Foto nicht zu sehen. So werden Heldentaten zunichte gemacht! Was hat sich der Anbringer der Tafel nur gedacht. Eine heroische Tat - im Keim erstickt.

Natürlich lasse ich nicht los. Ich will es jetzt wissen. Wenn es schon nicht die Via Belzoni (7a+, WI4, A3, VII, -M8+, CAM8, SS, BR1 und vor allem BBQ) an der Chephren-Pyramide sein soll, dann halt ein etwas harter Boulder ganz in der Nähe. Nach wenigen Minuten schon stehe ich vor dem Riesenteil und sehe mich in atemberaubend schönen Moves (da können die Cracks wirklich nicht mithalten!) etwas linkerhand der Originalroute einen neuen Topboulder im Gebiet klettern. "The Big Cat" wird locker mit V12 durchgehen. Ich hoffe allerdings, dass nicht das gleiche Schicksal wie bereits vor einigen Jahren nochmals zuschlägt. Seinerzeit hat ein guter Bekannter aus der gleichen Gewichtskategorie versucht, eine direkte Linie zu klettern. Dabei ist ein etwas grösseres Stück Fels abgebrochen. In der einschlägigen Fachliteratur wird dieser Moment ausführlich dokumentiert.

Klar zu sehen, welchen Schaden Obelix anrichtete
Bei der näheren Analyse des Felses komme ich aber zu einem für Alle weisen Entschluss: ich lasse diesen V12 Boulder sein, denn "The Big Cat" noch ohne Ohr - das wäre zu viel! Es genügt, wenn sich diese schöne Katze in rund 50 Jahren vom Grundwasser aufgelöst sich buchstäblich verdünnisiert hat. Und der blöde weisse Flattermann nervte auch schön gewaltig.

Also nichts mit Klettern, alle Pläne den Nil runter und dann ab ins Mittelmeer. Aber Punkte konnte ich bei meiner Liebe doch noch sammeln. Ein kühler Cocktail auf der Terrasse vom Old Cateract mit einzigartig schönem Ausblick auf den Nil - das hat schon was. Und die anschliessende Nilfahrt war auch nicht schlecht.

 Blick vom Old Cataract auf den Nil bei Assuan

Wednesday, December 5, 2012

Back to the roots: A5+ planlos voll der Hammer...

von Chris

If I had a Hammer, I'd hammer in the morning, I'd hammer in the evening, all over this land...

"Bald folgt die erste Geschichte" habe ich im letzten Blog versprochen. Bald ist jedoch ein relativer Begriff und vielleicht ist es ja auch eine Qualität von Verticalsoul, dass in unserer hektischen Zeit, in welcher sich News geradezu überschlagen, ein "Bald" auch mal in gedehnter Zeit rüberkommt. Und dann ist die Geschichte nicht einmal eine News, sondern erzählt von einer Begebenheit die dreissig Jahre zurückliegt.

Was macht die Geschichte dann noch interessant? Nun ja, zum Einen ist es ein persönliches Erlebnis, dass mich die dreissig Jahre, die ich nun kletternd verbracht habe, begleitete und mit Sicherheit ein Schlüsselmoment darstellt, bei welchem sich entschieden hat, ob ich eben diese Zeit später jene Story überhaupt noch aufschreiben darf. Und ich darf, ich bin noch da. Das ist ziemlich cool! Zum Anderen ist sie so herrlich anachronistisch und verstaubt, dass sie im Zeitalter von Plaisir-Bolting und Magnesiastaub auf der Oberfläche deines Kaffees im Kletterhallenbistro schon wieder guten Retrostyle abgibt.

Oh ja, früher war nicht alles besser. Ein solches Gefasel erspare ich lieber der geneigten Leserschaft. In diesem "Früher" gab es diese beiden eben genannten Parameter gar nicht. Aber wir träumten davon. Unsere Fantasie ging etwa so: "Ha, ha, stell dir vor, du gehst klettern und neben deinem Climb gibt es eine Klappe, wo du deinen fertigen Kaffee rausholen kannst!". Kletterhallen sind nichts anderes als die Umsetzung von halluzinatorischen Fata Morganas, der sich eine Generation von Kletterern an eiskalten Felsen fern der Annehmlichkeiten der Zivilisation an eiskalten, regnerischen Wintertagen ausgesetzt sah. Wir sind dann trotzdem immer raus, zumal die Motivation immer grösser als jegliche Vernunft war. Aber was bedeutet schon Vernunft? Wenn man vernünftig ist, klettert man lieber nicht. Da kann man nämlich abstürzen. Ja ganz real sogar und nicht nur wie auf jenen Drogen- und Sauftrips, denen sich eine beachtliche Anzahl von Leuten aus jener Zivilisation, der wir durch einen Hauch von Abenteuer zu entfliehen suchten, recht häufig hin- und selbst aufgibt. Was also ist gesünder, wenn man als Teenager seine eigenen Grenzen ausloten möchte?

Komisch genug, dass man doch auf die Idee kommen kann, den Errungenschaften der Zivilisation zu entrinnen und zu viele Meter über dem Boden an einem selbst in den Bruch gedängelten Haken zu hängen, der beim Einschlagen nur Geräusche wie krachenden Karton von sich gibt. Aber ich und ein paar ebenso begeisterte Freunde glaubten fest daran, dass jegliche Sorte von Vertikalem, die kletternd überwunden werden kann – egal ob frei oder mt Hakenhilfe, ob brüchig oder fest – die Verheissung für ein Paradies des Glücks bedeutet; wohl ignorierend, dass dieses Paradies auch Ewige Klettergründe oder wenigstens nicht nachvollziehbare Selbstkasteiung heissen kann.

Das alles war und ist nicht gleichzusetzen mit Heldentum. Wir waren und sind keine Helden. Helden dienen aus einem bestimmten Zweck dem Gemeinwohl. Kletterern ist höchstens einmal in der einen oder anderen Situation nicht so wohl. Also, das kann man nicht miteinander vergleichen. Irrigerweise wird aber beim Klettern immer wieder von "heldenhaften Taten" gesprochen, nur weil man mal mit den Füssen über einem Bolt stand. Egal, wir definierten unser Tun nicht als Heldentum, sondern nannten es Ethik. Und in der Ethik, die ich am Anfang meiner Kletterkarriere kannte, hatten Bolts keinen Platz. Der Bolt galt als schlecht, verwerflich, als arimanischer Auswuchs des übertechnisierten Atom- und Raumfahrtzeitalters. Er war der "Mord am Unmöglichen". So hatte ich es Vierzehnjähriger im Buch der "Siebte Grad" von Reinhold Messner gelesen. Der musste es ja wissen! Schliesslich hatte der Ende der sechziger Jahre den Heiligkreuzkofel-Mittelpfeiler im heutigen Grad 6c+/7a on sight erstbegangen, wobei die Crux weit über einem von unten nach oben geschlagenen Haken liegt (damals 6+ bewertet, weil es "offiziell" keinen höheren Schwierigkeitsgrad gab). Nein, er war kein Held, aber ein Meister. Was der sagte, schien zu stimmen.

Also mieden wir Bolts, die seinerzeit ohnehin schwer erhältlich und wenn, dann für unser Taschengeld-Budget unerschwinglich teuer waren. Aber für ein paar Normalhaken, die man mit dem Hammer in vorhandene Risse schlug, reichte das Geld (seinerzeit waren diese günstiger als Bolts, heute umgekehrt!). Und es war ethisch sauber. Und ein ganz wichtiges Utensil (…und Messners Erfolg am Heiligkreuzkofel ignorierend): Die Trittleiter! Ja, die Trittleiter, ein tolles Accessoire bestehend aus vier Aluminiumsprossen in line an einer dicken Reepschnur mit einem mondförmig gebogenen Metallhalter am oberen Ende, um diesen in den Haken zu hängen und "Fiffi" genannt, weil man den nach der überwundenen Stelle an einer dünnen Reepschnur wieder zu sich zog wie einen Hund an der Leine. Toll war dieser Ausrüstungsgegenstand deshalb, weil man damit so EXTREM aussah. Das war oft in der damals erhältlichen Bergliteratur abgebildet und die Trittleiter galt als Sinnbild des Kletterns der scharfen Richtung. Und wir waren ja jung und wollten unbedingt Grenzen ausloten. Zum Grenzen ausloten muss man extrem sein. Und ein Extremer hat eine Trittleiter. Das war die Logikkette, solange man von den Errungenschaften der Rotpunktbewegung noch nichts gehört hatte. Es war mir schon in meinen Anfängen anvertraut worden, dass der El Cap im Yosemite "zum Schwierigsten gehört, was es überhaupt zu klettern gibt". Aha! Und erste Bilder, die ich von der Kletterei dort sah, zeigten bärtige Männer in… Trittleitern! Weiter galt als grosses Problem in den Alpen die Durchsteigung des direkten 30m-Dachs an der Westlichen Zinne (heute – gottverdammi – Bellavista 8c an Batbreaks…). So versicherte es Helmut Dumler im Buch "Die Drei Zinnen".

Klar, ich sah dieses abartige Titelbild von Messners "Der siebte Grad", auf welchem Ray Jardine in Seperate Reality abgedruckt war. Aber dieses Bild verstand ich nicht. Es ging über meinen damaligen Vorstellungshorizont. Ausserdem war der Kletterer zu wenig extrem. Er hatte nämlich keine Trittleiter an sich hängen…!

Die Trittleiter gehörte einfach dazu. Diese beim Einstieg lässig über die Schulter geworfen, qualifizierte man sich damit zumindest rein von der äusseren Verkleidung her als "Extremkletterer". Nur Aid-Klettern war extrem, denn das begann per Definition dort, wo man mit Freiklettern nicht mehr weiter kommt. Ergo war Freiklettern weniger extrem. So die Logik… Womit aus heutiger Sicht die Nutzlosigkeit von Logik entlarvt sei, solange diese rein theoretisch und ohne jegliche Lebenserfahrung bleibt.

Mann, war uns das damals noch so etwas von egal. Wir wollten klettern gehen! Es MUSSTE sein! Nur wo und woran? An welchem Fels? Ich lebte seinerzeit in einer dieser traurigen, gesichtslosen Vorstadtsagglomerationen mit Neubaublocks, wo jeder jeden kennt und Trends – wenn überhaupt – erst mit zehnjähriger Verspätung ankommen. So war an dem armseligen Ort, dessen indifferente Erscheinung mich den Namen vergessen liess, Anfang der achtziger Jahre noch voll der Hippie-Pippi-Style der später sechziger und frühen siebziger Jahre in. Somit liessen wir uns als "echt revolutionäre Teenies" die Haare wachsen. Das passte mir gleich doppelt gut, sah ich doch bald so aus wie die bärtigen, langhaarigen Wilden in den Trittleitern am El Cap.

In diesem Umfeld geschah es so eines Tages, dass ich und ein ebenso beseelter Freund, die nähere Umgebung nach Klettermöglichkeiten absuchten, die für uns leicht und nachmittags nach der Schule erreichbar waren. Unsere Bemühungen zeigten bald erstaunliche Früchte: Lässige Dreckwände; so dreckig, dass diese zum Teil wie bei Eisfeldern nur durch Stufen schlagen mit der breiten Schaufel eines Zimmermannshammers zu bewältigen waren. So eröffneten wir unermüdlich eine ganze Reihe unlohnender Bruchtouren, denen wir die Namen der Mädchen gaben, in die wir gerade eben so verliebt waren und verpassten diesen Schwierigkeitsgrade einer selbst erfundenen Skala. Es existiert noch ein Kletterführer, Auflage 1 Stück, den ich auf einer Schreibmaschine niederschrieb. Wer will, darf sich den mal gerne ausleihen und die tollen Climbs nachvollziehen… Danach hat man endlich eine gute Ausrede, um angesichts der Sinnlosigkeit des schon nicht mehr wirklich als Klettern zu bezeichnenden Treibens zu einem Tontöpferkurs zu wechseln.

Beflügelt durch den Erfolg unserer Erschliessung wagten wir uns an die immer glatter aussehenden Wände. Da gab es dieses eine Problem: zentral durch den abweisendsten Teil eines stillgelegten Steinbruchs. Am linken Rand hatten wir schon öfter eine Route zu legen versucht, scheiterten aber nach dreiviertel Höhe immer wieder an der geschlossenen Abschlusswand, weil kein Riss oder Ritze für einen Normalhaken zu finden war. Das Problem nagte an meiner jungen Seele. War die Wand tatsächlich unmöglich? War ich hier an den Rand der messner'schen Ethik geraten? Das Problem benötigte Zähigkeit.

Doch eines Tages kam der Freund, der den Zimmermannshammer hatte, nicht mehr mit. Sein Vater war dahinter gekommen, was wir in der Freizeit trieben und tat das, was ein "guter Vater" meint, seinem Sohn an Gutem zukommen zu lassen: Er verbat ihm das weitere Klettern und den Umgang mit mir! Das war insofern doppelt schlimm, als dass ich nicht nur meinen Kletterpartner verlor, sondern auch den Zimmermannshammer, der uns beim Dreckstufen schlagen, aber auch beim Reindängeln von Haken so wertvolle Dienste leistete.

Und ich hatte kein Geld für einen eigenen Hammer!

Glücklicherweise war bald ein neuer Kletterpartner gefunden. Heute wird er wohl mit Herr Haller angesprochen. Ein ziemlicher Draufgängertyp, der auch beim Baumklettern nicht vor dürren und morschen Ästen zurückschreckte. Baumklettern war übrigens unser Training… Auch das Problem mit dem Hammer löste sich durch einen Raub des Bildernagelhammers aus der familieneigenen Werkzeugkiste. Ein süsses, kleines Hämmerchen mit einem fünfundzwanzig Zentimeter langen Holzschaft auf dem unschön ein total wackliger Hammerkopf aufgesteckt thronte. Damit liess sich wahrlich kein Stahlhaken in den Gneis schlagen! Also fixierte ich den Hammerkopf mit einem Nagel, den ich am Ende mit dem Hammerkopf in den Holzschaft versenkte, um damit das Holz zu verspreizen und dem Metall einen Halt zu geben. Derart gut ausgerüstet ging es an das noch unbekannte, zentrale Wandproblem im Steinbruch. Unser Seil? Zwanzig Meter 7mm-Reepschnur. Ein Gurt aus Bandschlingen geknüpft. Nicht so bequem, aber damals wogen wir fast nichts.

Sollte auch diese Route wieder an der Abschlusswand scheitern? Doch zuerst erwies sich der Einstiegsbauch zäher als erwartet, was aber nicht an dem guten Riss und dem langen Stahlhaken lag, sondern an dem blöden, viel zu kleinen Hammer, der keine Schlagkraft hatte. Aber als Kind hat man noch so viel Geduld und glaubt noch alle Zeit dieser Welt zu haben. Irgendwann war auch der Haken drin und ich erreichte die Rampe, die in leichter Kletterei zum Standplatz der ersten Seillänge auf ein ordentliches Podest führte, wo gerade so zwei Leute stehen konnten. Der Stand war an einem hübschen Bäumchen, dass mir damals bis zur Schulter reichte und welches sich ob seines dünnen Stämmchens verdächtig hin und her bewegte. Aber es war doch "unser" Standplatz. Der Herr Haller kam zum Glück ohne Probleme nach, somit die erste Gefahr eines Seilschaftssturzes gebannt war. Gemeinsam betrachteten wir die Abschlusswand: lotrecht, geschlossen, kompakt, ohne Riss, dreckig, superbrüchig, wasserüberronnen, vermoost.

Und dann folgte etwas, dessen absurde Idee nur durch die oben beschriebene endlose Geduld der Kinder, die fehlende Erfahrung und den unbedingten Willen, diese Wand zu durchsteigen, auch noch umgesetzte Realität werden konnte. Die Wand wurde am oberen Rand durch Walddreck und Wurzelwerk wie mit einem kleinen Dachüberhang abgeschlossen. Über den Ausstieg ragte ein recht stabiles, armdickes Bäumchen. Aber das war gute fünf Meter über uns. Da hatte ich die tolle Idee unser Seil per Prusik an den hölzernen Schaft des Bilderhammers zu knüpfen, um diesen von unserer engen Warte aus um das Bäumchen oben zu werfen. Sozusagen eine Enterhakentechnik. So ähnlich war ja auch der Bonatti 1955 allein auf die Dru gestiegen…

Der Plan lautete, wenn das Seil mit dem Hammer am Ende erfolgreich um den Baum geworfen wurde, dann reicht das Eigengewicht des Hammers aus, um das Seil wieder zu uns herabzulassen, damit wir an diesem ziehend aussteigen können. Genial! So sollte es klappen!

Kinder sind nicht immer Engel, aber sie haben diese Engelsgeduld und oft einen guten Schutzengel. Ehrlich, wir verbrachten auf dem verdammten Podest mehrere Stunden damit, um sisyphus-like in unzähligen Versuchen den Hammer am Seil um den Baumschaft zu werfen. Immer wieder scheiterten wir aufgrund unserer ungünstigen Position im Verhältnis zu dem des Bäumchens und der Hammer flog wieder ins Leere. Seil einziehen, aufnehmen, neuer Versuch… Stunden… Und dann, als es schon am Eindunkeln war, geschah das schon als Unmöglich geglaubte: der Hammer verfing sich um den Stamm! Jetzt nur noch schnell den Hammer ablassen und die Tour ist geritzt…

Dann die Erkenntnis: das Gewicht des Hammers reicht nicht aus, das Seil liegt einfach um den Baum. Schluss, Aus, das war's! Es wird dunkel und wir müssen den Rückzug antreten. Schon wieder gescheitert! Um von unserem Standbäumchen abseilen zu können, musste ich das mühsam um das Ausstiegs-Bäumchen geworfene Seil abziehen. Und dann… dann verhakte sich der Winkel von Hammerkopf und Holzschaft an einem fingerdicken Würzelchen, das aus dem Drecksdach herausragte. Es blockierte. Hm, ja, da kann man ja mal probieren, wie viel Gewicht das aushält.

"Haller, halte dich mit einem Arm am Bäumchen und mit der anderen Hand mein Gurtgeschirr. Ich belaste das Seil und nachher probierst auch du, denn du bist schwerer als ich!". Haller war damals schon ein rechter Brocken. Zaghaft zog ich erst mit den Armen, dann fester, dann entlastete ich meine Füsse immer mehr bis ich auf den Zehenspitzen stand und dann schliesslich hob ich die Füsse ganz vom Podest. Es hielt. Aber wie lange? Das dünne Würzelchen bewegte sich unter der Belastung nach oben. Der Hammerwinkel hielt sich erstaunlicherweise immer noch an diesem. Das reichte! Haller sollte mit seinem Gewicht besser nicht testen. Und dann blendete der Durchstiegswille alle Ratio aus: reicht die Bruchfestigkeit des Holzschaftes des kleinen Hämmerchens? Hält der Winkel von Hammerkopf und Schaft unter Belastung, ist doch der Hammerkopf nur mit einem Nagel am Holzschaft fixiert? Hält die Wurzel? Ist sie dick genug? Ist sie tief genug im Dreck?
Prusiken, das kannten wir schon aus Knotenfibeln, die im Bergsportladen erhältlich waren. Auch nicht schlecht mit 4mm Reepschnur an einer 7mm Reepschnur zu prusiken. Das rutscht ein bisschen…

Nun, da ich die Geschichte dreissig Jahre später aufschreiben kann, könnt ihr euch denken, wie diese ausging. Das Stück Drecksfels hatte seine Erstbegehung, wobei wir die Route in pathetisch traditioneller Manier nach unseren Namen "Frick/Haller-Route" tauften; und ich und Herr Haller behielten unser Leben und gründeten später Familien.

So kommt es, dass die übelste, brüchigste, absolut unlohnendste, absolut unwiederholbarste Technotour und leider – ja leider zum Einen und zum Anderen mit einem Sorry an die lieben Markus und Mark, die einzigen, wirklich wahren, echten, sympathischen Aid-Climber im weiten Umfeld von Basel – leider auch die einzige A5+ -Route (ja, per definitionem erfüllt diese Route die Kriterien von A5+: keine Bolts, Fehler tödlich, Standplatzbruch, Seilschaftssturz) im Dreiecksland mit der "Frick/Haller" im Steinbruch an der Südflanke des Einbollens am Eingang des Glottertals zu finden ist. Ja, den Namen dieses unbedeutenden Berges an unbedeutender Lage habe ich mir merken können im Gegensatz zu dem Namen des tristen Vorortes. Warum? Weil mir hinterher klar wurde, dass sich dort ein Punkt in meinem Leben entschieden hat, wie es weitergehen soll mit uns beiden in dieser Welt; wir, die wir so beseelt waren unbedingt etwas zu erreichen. Auch wenn die Route von Anfang an bedeutungslos war. Sie hat Bedeutung für mich, so dass ich heute jeden Bolt mit Freuden einhänge und einfach nur den Spass am Klettern geniesse und das ich weiss, dass sogar das Abschöpfen des Magnesiastaubes mit dem Löffel von der Oberfläche meines Kletterhallenkaffees ein geschenktes Erlebnis darstellt. Es sind die kleinen Freuden, die mir das bewusst machen. Schön ist das Leben!

Saturday, October 27, 2012

Back to the roots - 30 Jahre on the rocks

von Chris


Ein Kletterblog handelt natürlich vom Klettern.

Nur, vom Klettern kann ich zurzeit gar nichts berichten.

Ein Riss im Labrum meiner linken Schulter bedeutete für mich nicht nur physischen Schmerz, sondern seit einigen Monaten auch einen Riss durch meine Träume und Wünsche als Kletterer. Das Aus kam zu einem Zeitpunkt, während ich mich in bester Form und voller Tatendrang befand, gleichzeitig aber - und zu meinem eigenen Erschrecken - durch besondere Ansprüche im Arbeitsleben völlig aus der work/life-Balance gerissen wurde. Kaum ein Zufall, war doch der Riss in der Schuler nicht das einzige Problem. Der Körper lügt nicht – da mag etwas Wahres dran sein. Die Warnsignale hatten jedoch auch Folgen für die Leidenschaften; auf das, was ich mit Freude tue: Klettern. Aus die Maus! Den Künsten der Ärzte Christoph Wullschleger und Oli Frank und der Geduld meines Physios Benny zum Dank darf ich irgendwann wieder schmerzfrei klettern. Aber bis es wieder so weit ist, braucht es Geduld und nochmals Geduld. Auch wenn die Operation und die Physio für sich genommen ganz spannende Themen darstellen, überlasse ich das besser der Fachliteratur. Wer Genaueres wissen möchte, kann sich ja direkt an mich wenden.

1983 im Gfäll/Schwarzwald - die Vorstiegsangst sitzt tief
Immerhin darf ich seit der Operation doch behaupten, als Kletterer kompletter denn je zuvor geworden zu sein. So ich draussen am Fels hunderte Routen einbohrte, habe ich nun auch mit Fixankern ein eingebohrtes und mit Fixseilen präpariertes Innenleben. Welcher Kletterer kann schon von sich sagen, er sei eingebohrt? So also schlägt das Kismet zurück…

Mit dem zwar unfreiwilligen Abstand vom Klettern, aber der gleichzeitig gewonnenen Zeit für alle anderen Interessen, bleibt auch Raum für Erinnerungen. Die Zeit schafft Distanz. Vergangenes erscheint in einem anderen Licht. Manches das einst von Bedeutung war, ist heute unwichtig, es kann aber auch genau umgekehrt sein. Manche Erinnerungen mag ich lieber verdrängen, andere stehen einfach für sich, sind unvergleichlich, wunderbar, unersetzlich.

Auch so eine Erinnerung: Vor dreissig Jahren – 1982 – dachte ich zum ersten Mal daran, dass die Senkrechte einen eigenen Reiz haben könnte. Wie war das eigentlich, als ich mit dem Klettern begann? Weshalb eigentlich? Wozu? Es war jene Zeit ohne Kletterhallen und TV-Ad‘s mit Klettern als Werbeträger. Als Nichtkletterer kannte man so gut wie niemanden, der sich einem solchen Treiben hingab. Dafür gab es schlichtweg einfach zu wenige Mover. Bergwanderer – so was gab es schon. Allgemein galt Klettern als törichte, unnütze Art sein Leben aufs Spiel zu setzen. Damit beschäftigte man sich nicht. Man las es ja in der Zeitung, wenn wieder einer in der Eiger Nordwand erfroren war. Punkt. Fertig.

2012 an gleicher Stelle - etwas relaxter, dafür YJD
Vielleicht war es das, was mich reizte. Nicht, um mein Leben zu riskieren, im Gegenteil. Vielmehr, um durch das Klettern die Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich im Leben anbieten. Das kennenzulernen, wo sonst niemand hingeht. Genau das zu machen, was sonst keiner tut. Ich wollte mir eine eigene Welt erschliessen, fernab von Sachzwängen und der Show im Alltag. Der tägliche Wahn bestand damals für mich aus Schule. Das war auch rückblickend eine seltsame Zeit, aus der es nichts zu verklären gibt. Ausserdem galt ich in den Augen meiner Mitschüler als krank: Ich interessierte mich nämlich nicht für Fussball. Und musste ich da mal antreten, dann waren kühne Bogenlampen ins Nichts das Beste was ich hinbekam. Es interessierte mich auch nicht. Sport war doof und die Jungs auf dem Bolzplatz erst recht. So war ich folgerichtig im Schulsport stets der Letzte, der in ein Team gewählt wurde. Zum Glück, so musste ich mich nicht so einsetzen. Die Lehrer meinten, sie würden uns eine Freude machen, wenn sie uns recht oft dieses Balltreten spielen liessen. Ich glaube, die hatten einfach keinen Bock zu arbeiten. In meinem Zeugnis stand unter dem Fach Sport dann auch keine gute Note. Was war dann Klettern damals für mich? Letztendlich doch eine Flucht dorthin, wo mir keiner so schnell nachfolgen kann… Ehrlich gesagt: manchmal ist das auch heute noch so.

Komisch, dass ich mir dann doch etwas suchte, das ziemlich viel Körpereinsatz verlangt. Aber es gab einen riesigen Unterschied: Klettern galt damals nicht wirklich als Sport! Wie bitte? Ja, genau so war’s! Es wurde in jener Zeit in Bergsteiger-Magazinen noch heftig diskutiert, ob es Formen des Berggehens gibt, die sportlich seien. Sportklettern und Alpinstil waren Anfang der achtziger Jahre noch immer Randerscheinungen, wurden vielmehr sogar ignoriert. Auch in Kletterkreisen herrschte noch Konfusion, z.B. über Begehungsstile wie af., Jojoing, Amerikanisch. Begriffe, welche heutzutage völlig aus dem Kletter-Bewusstsein verschwunden sind, weil diese sich selbst überlebt haben. Und auch Klettercompetition waren reine Zukunftsmusik. Der einzige Wettkampf, der damals existierte, waren die Schnellklettermeisterschaften an Naturfels in der Sowjetunion. Also, wie war das nun? Wenn ich schon nicht klettern kann, dann schreibe ich eben so etwas wie eine Jubiläumsausgabe. Sie handelt allein von mir, aus meiner Sicht. Vorsicht, Leser! Es ist deine Zeit - bald folgt die erste Geschichte.

Monday, October 1, 2012

Läged Windgällen - Zentralpfeiler

von Markus



Der Zentralpfeiler im Morgenlicht
Der Wetterbericht sagt schönes Wetter für Samstag, 8. September 2012 voraus. Es stellt sich nur noch eine Frage: wohin? Eine Tour in den Alpen? Hintisberg? Bockmattli? Cheselenflue? Oder doch Basler Jura? Es gibt so viel zu tun und doch so wenig Zeit. Meine scheue Anfrage an Jürgen, ob wir zusammen etwas unternehmen wollen und vor allem was, wird prompt beantwortet und die Wahl fällt auf den "Zentralpfeiler, 6a" im Schächental. Schon viel habe ich vom Klausenpass gehört, aber ich war noch nie vor Ort und so konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, worauf ich mich denn da eingelassen habe. Nachdem es nun klar war, wohin die Reise gehen würde, wurde ich auf dem Internet aktiv und suchte nach Informationen über die Route. Da konnte ich dann lesen, dass die Standplätze etwas gar in die Jahre gekommen seien und die Zwischensicherungen eher knapp bemessen sind. Auch soll der Fels nicht über alle Zweifel erhaben sein. Bei einem Eintrag stand sogar, dass sie nach der dritten Seillänge die Nase von der schlechten Felsqualität und der schlechten Absicherungen voll gehabt und zum Rückzug geblasen hätten. Nun denn, so dachte ich mir, was ein richtiger Jura-Dinosaurier ist, den können doch solche Informationen nicht erschrecken. Und mit Jürgen als Seilpartner ist sowieso alles geritzt.

Wir treffen uns um 05:30 am vereinbarten Ort. Es ist noch dunkel, die Sterne glitzern am Himmel. Meinen 1er drängt es zum Klausenpass. Es ist so wie immer: in unserer Gegend ein wolkenloser Himmel und kaum haben wir den Belchentunnel verlassen, begrüsst uns dicker Nebel. Aber das ist kein Hinderungsgrund das Tempo zu reduzieren. Einmal mehr wird Luzern seinem Ruf als Monsterbaustelle gerecht. Mitten im Tunnel bleiben wir stehen und müssen uns anschliessend mühsam durch Luzern kämpfen. Da frage ich mich manchmal schon, ob es wirklich keine bessere Lösung gibt, als den gesamten Nord-Süd-Verkehr quer durch Luzern zu leiten. An diesem Baustellen-Gewürge können sich nur Traffic-Jam-Junkies ergötzen. Wir gehören nicht zu dieser speziellen Spezies.

Den 1er zieht es weiter zum Klausenpass und als er diese Kurven sieht, zieht es ihn einfach nur hoch. Ist das eine tolle Strecke zu fahren. Die Pferdchen wiehern vor lauter Freude! Und Jürgen wird es wohl schlecht… Tschuldigung… Nur der Temperaturanzeige geht es noch schlechter. Die zeigt 8 Grad an. Oha, so denke ich mir, im Winter eine Super-Temperatur aber heute scheint mir das doch etwas kühl zu sein. Ich habe nur einen Fleece-Pulli mit dabei und meinen immer umgeschnallten Biopren- (nicht zu verwechseln mit Neopren) Anzug im Wert von mehreren zehntausend Franken. Das muss reichen!

Und ewig lockt der Fels...
Wir tigern los, kommen gut voran und schon bald blitzt die oberste Stufe des Zentralpfeilers in der Sonne. Ganz langsam ahne ich, auf was ich mich da eingelassen habe. Das ist ja ein Riesending, dass wir heute klettern wollen. Ein Superriesending! Doch bevor wir Hand an den Fels legen können gilt es, diesen steilen Anstieg zu bewältigen. Wir kommen nicht mehr so schnell voran. Jürgen entdeckt ein Tier, dann noch eines und dann noch eines. Wir sind also nicht alleine hier oben. Offenbar wohnt eine Schafherde beim Einstieg und wir zwei müssen da durch. Schafe, he, das ist doch kein Problem. Schafe. Die haben ja nicht mal Hörner und Menschen essen sie auch nicht. So tigern wir weiter und dann - zack - aus dem Hinterhalt - grauenvoll - gefährlich - Zähne fletschend - sehen wir uns im Alpenklassiker "Angriff der Killerschafe". Sofort erkennen wir, dass die Herde und vor allem deren Chefin überhaupt nicht einverstanden damit sind, dass wir mitten durch ihr Revier laufen. 

Der Angriff der Killerschafe
Das Blöcken ist laut und es hört nicht mehr auf. Wir werden sogar angegriffen (wohl eher ein paar Meter begleitet). Offenbar ist schon seit längerer Zeit niemand mehr hier oben gewesen. Wäre ich jetzt ein Wolf und nicht ein Dinosaurier, dann wüsste ich jetzt.... Lassen wir das Thema.
Am Einstieg der Route

Nach 1 3/4 h sind wir endlich beim Einstieg. Die Sonne wärmt wunderbar. Wir sind guten Mutes. Ready, Steady, Go! Beim Einstieg in die Route sehen wir blitzende Bohrhaken. Nicht viele, aber ein paar sind da schon in der Wand. Ich starte mit der ersten Seillänge. Vorsichtig belaste ich die Griffe und Tritte. Der Fels ist wirklich nicht über alle Zweifel erhaben. Aber es hat immer an der richtigen Stelle einen Bohrhaken. Ist die Route saniert worden? Ich mache mich am Standplatz auf Rostgurken gefasst. Aber da lacht mich ein wunderbarer Klebeanker an. Gleich nebenan in richtiger Distanz ist ein neuer und solider Bohrhaken platziert. Saniert! Die Route ist definitiv saniert. Sensationell! Die zweite Seillänge startet gleich mit einer 6a Stelle. Toll zu klettern und so viel Luft unter den Sohlen. Jürgen klettert ohne erkennbare Schwierigkeiten hoch. Ich will ihm es gleich tun, stosse aber an meine Limiten. Die 6a Stelle ist dann nicht von schlechten Eltern und ich bin sehr froh, dass ich die Seillänge im Nachstieg klettern kann. Am Standplatz angekommen muss ich eine Entscheidung treffen. Klettere ich die nächste Seillänge im Vorstieg? Meine bereits müden Unterarme machen mir Kummer. Nach etwas ringen mit mir selber ist es aber dann klar. Ich lasse Jürgen den Vortritt und richte mich auf einen tollen Klettertag als Seilzweiter ein. SL3, 5c - Idealerweise hält sich der Kletterer nicht mit beiden Händen am gleichen Block fest. Trotzdem eine fantastische Seillänge. SL4, 5c - Sensationell! Bester Fels, etwas vom Besten, dass ich je geklettert bin! SL5, 6a - Die Schlüsselsequenz verlangt herzhaftes Zupacken in leicht überhängendem Fels. Den rettenden grossen und guten Griff nimmt jeder Kletterer gerne an. 

Bester Fels - was will ich mehr?
SL 6, 5c – Wieder eine traumhafte Seillänge mit enorm viel Luft unter den Sohlen. Einfach super! SL 7, 3a – Wacklig mit viel Wind um den Ohren geht’s über eine schmalen Grat zu kaum sichtbarem Stand. SL7, 4a - Schöne und kurze Seillänge. SL8, 6a – Jürgen nutzt die Möglichkeit des 70-Meter-Seils und verbindet SL7+8. Wenn Jürgen klettert, dann sieht alles ganz einfach aus. Ich sehe nicht, wo es irgendwie schwer sein könnte. Was ich allerdings sehe ist, dass es fantastische Moves in bestem Fels sind. Schon bald heisst es „Nachkommen“ und dann geht es auch für mich wieder los. Die 4a Stelle stellt kein Problem dar und schon stehe ich unter diesem kleinen Überhang, den es nun zu meistern gilt. Ich lege mir eine Bewegungsabfolge zurecht, motiviere mich und dann „Attacko“. Füsse links und rechts perfekt platziert, rechte Hand ein Super-Untergriff, für die linke Hand ein guter Griff und jetzt die Kletterbewegung einleiten um mit links zum nächsten fast guten Griff zu gelangen. In der nächsten Zehntelsekunde knalle ich mit voller Wucht in den Überhang. An alles habe ich gedacht nur nicht daran, dass ich den Kopf etwas nach links hätte halten sollen. Aber ich lasse nicht los und etwas belämmert klettere ich weiter. In der Zwischenzeit merke ich die Anstrengung und so brauche ich doch 3 Performance-Blocks bis ich diese traumhafte Seillänge geklettert habe. SL9, 4c – Ein schönes Schmankerl zum Abschluss. Die Aussicht ist traumhaft, keine Wolke am Himmel. Wir sind glücklich und zufrieden.

Von weitem höre ich ein tiefes Brummen. Ist das wohl? Ist das wirklich wahr? Jawohl! Und schon kommt die gute alte Ju52 daher geflogen, etwa auf unserer Höhe. Auch das ist ein unvergesslicher Anblick.
Das Abseilen geht flott voran und schon bald stehen wir wieder beim Einstieg der Route. Eine weitere Stunde später sind wir wieder beim Auto und den 1er zieht es nun nach Hause.
Zuerst mühsam hoch, dann locker runter
Wir treffen kurz nach 20 Uhr in Pratteln ein. Die Sonne versinkt in einem glühenden Rot über Basel. Wir haben den Tag optimal genutzt. Wir sahen die Sonne aufgehen. Wir sahen die Sonne untergehen. Dazwischen durften wir einen traumhaften und einen weiteren unvergesslichen Tag zusammen im Schächental verleben.

Herrlich. Was braucht es denn mehr um restlos glücklich zu sein? Eben…

Thursday, August 30, 2012

Update - August 2012

von Markus

Schauenburg

1.8.2012 / mit Heike und Roland

Der Nationalfeiertag sollte mir wieder einmal ein Erlebnis der speziellen Art bescheren. Nach rund 12 Jahren konnte ich endlich den "Schrägriss" klettern und damit wieder eine Route von der S-Liste streichen. Als zweite Route und als Projekt für diesen Tag hatte ich mir die Route "Das kommt vom vielen Saufen" ausgesucht. Diese Route wird mit 6b bewertet und nach meinen etwas hart erkämpften Erfolgen in der Falken wollte ich testen, ob ich auch an der Schauen in einem Tag eine Route in diesem Schwierigkeitsgrad klettern konnte. Im richtigen Augenblick traf Heike bei Roland und mir ein und überredete mich zu einem Versuch ohne vorheriges Auschecken. Gott sei Dank hat sie das gemacht und so konnte ich eine mit 6b bewertete Route flash klettern. Mann, war ich glücklich und der Tag war damit eigentlich schon gerettet. Es schien, als ob sich das harte Falken-Training sich ausbezahlt hätte.

In einem Anflug von Wahnsinn stieg ich anschliessend gleich im Vorstieg in eine 6a ein. Wer 6b im flash kann, der kann doch auch eine 6a onsight klettern. Oder? Die ersten Züge gingen super. Ich fühlte mich gut und sah mich schon den Umlenker klippen. Genauso habe ich mir diesen Tag vorgestellt. 2 Routen an einem Tag sauber punkten. Aber ich hatte das Fell des Bären schon verkauft bevor ich ihn erlegt hatte. Will heissen, dass ich bei der sackharten Schlüsselstelle jämmerlich versagte. So jämmerlich, dass ich mich nicht einmal bis zum nächsten Bolt hochklettern traute. Roland brachte das Kunststück fertig, das Top-Rope einzuhängen, inklusive auch etwas schwächeln an der Schlüsselstelle. So viel Ehrgeiz habe ich noch in mir, dass ich eine 6a an einem Tag klettern möchte und wollte natürlich diese Route noch an diesem Tag "heimbringen". So kämpfte ich mich nochmals bis zur Schlüsselstelle hoch. Nach ewig und 2 Tagen hatte ich eine für mich kletterbare Lösung ausgebouldert, extrem wacklig und mental etwas herausfordernd. Einmal mehr musste ich feststellen, dass 6a an der Schauen irgendwas zwischen 5c bis 6c sein kann. Die Schlüsselstelle ist um einiges härter als in „Top Dog“ oder in „Meteor“. Die Lösung des Rätsels fand ich darin, dass diese Route bereits 1986 geklettert wurde. Einmal mehr bestätigt sich, dass auch früher unheimlich stark geklettert wurde. Beim 2. Go scheiterte ich allerdings ein zweites Mal. Und Geissbock Kari sorgt auch nicht mehr für Unterhaltung. Schade.

Und so entsteht locker vom Hocker ein Projekt für den Herbst.

Le Paradis

4.8.2012 / mit Markus

Bereits im letzten Jahr war ich zweimal in diesem wunderschönen Gebiet. Die super eingerichteten leider etwas kurzen Mehrseillängen-Routen sind immer ein Hochgenuss. Die Sonne meinte es gut und sandte ihre wärmenden Strahlen schon früh am Morgen zur Erde hinab. Wir kletterten durch die wunderschöne "Metatarses" und wurden gut gebacken, eher schon gebraten. Als zweite Route kletterten wir "La Degreubée". Diese Route bereitete uns ganz viel Spass auch deshalb, weil ich onsight eine 6a+ klettern konnte. Zum Abschluss gönnte ich mir noch eine klassische Platten-Route im Schwierigkeitsgrad 6a.

Escalera

11.8.2012 / mit Andrea

Ich klettere für mein Leben gern durch Mehrseillängen-Routen. Eigentlich kann ich davon nicht genug bekommen. Zusammen mit Jürgen stieg ich dieses Jahr bereits durch die "Direkte" im Bockmattli und bescherte mir so ein schönes Abenteuer. Auch mit Andrea verbindet mich diese schöne Leidenschaft für Mehrseillängen-Touren. Andrea sicherte mich ein einziges Mal in meinem "Drama zu Schauenburg" als ich diese sauschwere 6a nicht hochkam. Wir verabredeten, dass wir doch dieser Leidenschaft nachgehen sollten. Allerdings wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass alles so schnell gehen sollte.

Aufstieg zum Hintisberg (Danke Andrea)
Bereits um 8 Uhr trafen wir uns in Egerkingen. Wie schon letztes Jahr dauerte es rund 20 Hundertstel-Sekunden bis alles umgeladen war und das Auto weiter fahren konnte. Die Fahrt ging flott voran und schon sehr bald sassen wir im Rest. Stalden bei Sommer, Sonne, Kaffee und dem Ticket hoch zum Hintisberg. Es gab kein Halten mehr, wir mussten weiter. Andrea kannte bis dahin den Hintisberg nicht und so war es für sie sicher das grössere Abenteuer als für mich. Wir parkieren das Auto, optimieren das Gewicht der Rucksäcke und tigern in 30 Minuten hoch zum Einstieg. Die Sonne lacht vom Himmel, für Basel sind für diesen Tag Temperaturen über 30 Grad angesagt. Hier oben, auf knapp 2300 Meter ist es angenehm warm aber nicht heiss. Wir binden uns ins Seil und Andrea klettert die 1. Seillänge in ihrer eleganten Art fehlerfrei hoch. Die anschliessende Seillänge ist mir überlassen und ist jetzt nicht gerade der absolute Bringer. Über lose Grasbüschel kämpfe ich mich zum Fels hoch und freue mich auf die dritte Seillänge. Andrea hat sich auf meinen Rat hin für die bequemen Schuhe entschieden. Ich konnte allerdings nicht ahnen, dass die bequemen Schuhe etwas gar bequem geraten sind. So blieb ihr nichts anderes übrig, als in Clown-Schuhen eine etwas doof zu kletternde 5c+ Stelle zu meistern. Die restlichen Meter der dritten Seillänge sind sagenhaft. Fantastische Kletterei treffen wir an, es ist herrlich. Die vierte Seillänge steige ich wieder vor, Seillänge fünf wird wieder die Beute von Andrea. So klettern wir gemütlich bei strahlendem Sonnenschein und allein in der Route dem "Gipfel" entgegen. Die Aussicht hinüber zu Eiger, Mönch und Jungfrau tut das Übrige um ein tolles Klettererlebnis zu haben. Seillänge 6 steht nun an. Es ist dies die Schlüsselseillänge. Etwas überrascht über die Steilheit mache ich mich ans Werk. Die Abstände der Bohrhaken verunsichern mich etwas und zudem kann ich die Schlüsselstelle nicht einsehen. Ich starte mit dem Klettern. Konzentriert und völlig fokussiert steige ich höher. Griffe, Tritte wohin ich schaue. Der Fels verlangt interessante Kletterbewegungen und viel zu schnell stehe ich vor der super gesicherten Schlüsselstelle. Wie klettere ich da bloss hoch? Sorgfältig überlege ich mir verschiedene Möglichkeiten, denn ich will unbedingt diese Seillänge onsight klettern. Die erste zurecht gelegte Bewegungsabfolge muss ich bereits nach wenigen Zügen abbrechen. Ich habe die falsche Taktik gewählt. Also abklettern  zum Ausgangspunkt und Alternativen suchen. Ich erinnere mich in dem Moment intensiv an das Erlebnis in La Plagne. Dort zeigte mit der YJD, dass es immer eine Alternative gibt. Ich nehme mir viel Zeit, schüttle meine Arme gut aus, erhole mich sehr gut. Nach einer langen Pause fühle ich mich fit um Plan B in die Tat umzusetzen. Ich habe alles richtig analysiert und kann die Schlüsselstelle ohne irgendwelche Probleme klettern. Nach weiteren 7 Meter stehe ich am Umkehrpunkt der Route „Escalera“. Andrea klettert die Seillänge fehlerfrei in wenigen Minuten im Nachstieg durch und schon ist es wahr: wir haben zusammen unsere erste Mehrseillängen-Tour geklettert.

Geschafft (Danke Andrea)
In dreimal Abseilen erreichen wir unsere Rucksäcke und gönnen uns erst mal einen richtig grossen Schluck Wasser. Gemütlich packen wir unsere Siebensachen zusammen und kehren zum Auto zurück. Auf der Alp genehmige ich mir noch ein eiskaltes Bier – herrlich und Entspannung pur!

Somit endet für mich die "Trilogie der Leichten" am Hintisberg. Aber wo ein Ende ist, ist auch ein Anfang. Ich freue mich auf den Beginn der „Sinfonie der Schweren“.


Sunneplättli

18.8.2012 / mit Andrea

Der Jura-Dino halt. Der geht bei jeder Temperatur klettern. Da mag es etwas kalt sein wie dieses Jahr im Februar, er geht draussen klettern. Da mag es etwas warm sein, er geht draussen klettern. Für den 18. August sind die höchsten Temperaturen im Sommer 2012 angesagt. Andrea hat die Idee, am „Sunneplättli“ hoch über dem Vierwaldstättersee klettern zu gehen. "Sunneplättli" heisst es sicher deshalb, weil es a) vollkommen gegen Süden ausgerichtet ist, b) die Sonne sicher voll draufknallt und c) sicher nicht im Sommer dort geklettert wird. Aber man soll ja alles einmal ausprobieren und antizyklisch Klettergebiete aufsuchen. Auf der Fahrt nach Gersau stelle ich einmal mehr fest, wie einzigartig schön die Schweiz doch ist. Ich gebe gerne zu, dass ich wirklich sehr gerne in die Ferne fahre und fremde unbekannte Länder bereise, aber ich freue mich immer wieder auf die Rückkehr in die Schweiz. Aber ich muss ja hier auf diesem Blog keine Werbung für die Schweiz machen.

Blick vom Sunneplättli auf den Vierwaldstättersee (Danke Andrea)
Zurück zum „Sunneplättli“. Bereits um 10:30 sind wir am Fels. Die Sonne lacht einmal mehr vom Himmel und das Licht glitzert auf dem dunkelblauen Vierwaldstättersee. Das Klettern am „Sunneplättli“ ist wunderschön und sehr abwechslungsreich. Es gelingen mir mehrere Routen onsight.

Kampfbegehung (Danke Andrea)
Welch eine Freude für mich und jetzt weiss ich, dass das beinharte Falken-Training einen harten Kerl aus mir gemacht hat, der auch winzig kleine Griffe voll durchblockieren kann. Gott sei Dank wurde ich in letzter Zeit häufig zum Gang in die Falken überstimmt. Um 15 Uhr rinnt uns der Schweiss bachweise über den Körper und selbst ich habe für heute genug geklettert. Das will ja schon was heissen. Aber es lockt ja noch eine andere Attraktion am heutigen Tag: das Schwimmen im Vierwaldstättersee.

Zürich

25.8.2012 / mit Chris

In den ganz frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts fand ich den Weg zur Musik. Wer mich kennt weiss, dass ich eher die etwas unsanftere Kombination von Tönen mag. Musik muss lebendig sein, muss von innen kommen, muss ansprechen, muss provozieren und kantig sein. Mainstream, dieses „alles gleich klingen und machen“, das liegt mir einfach weniger. Angesprochen wurde ich 1974 von einem ganz neuen Soundstil. Bis dato hörte ich vor allem Deep Purple (das Meisterwerk „Made in Japan“ höre ich heute noch regelmässig), Emerson, Lake & Palmer (Brain Salad Surgery) und natürlich Pink Floyd (wir warteten auf den Release von „Wish you were here“). Dieser neue Sound faszinierte mich unheimlich auch vor dem Hintergrund, dass ich endlich einmal verstand, was die Jungs denn so sangen. Gesungen wurde in deutscher Sprache und der Titel hiess „Autobahn“. Die Band „Kraftwerk“ verzauberte mich vom ersten Augenblick an, doch hatte ich nicht genügend Geld um mir ihre Scheiben kaufen geschweige denn eines ihrer so seltenen Konzerte besuchen zu können. So vergingen die Jahrzehnte und mein Traum blieb. Dieser Traum hiess: „Einmal Kraftwerk live sehen und hören“. Am Zürich OpenAir vom 25. August 2012 um exakt 23:45 Uhr standen Chris und ich mit offenem Mund vor der Bühne und kamen nicht mehr aus dem Staunen heraus. Das Wort „sensationell“ genügt nicht um zu beschreiben, was wir gesehen und gehört haben. Es war schon fast überirdisch, genial, mit Worten nicht zu beschreiben. Die 3D-Animationen sind unbeschreiblich. Dass wir allerdings an diesem Tag mehrere Stunden von Petrus intensiv mit Wasser versorgt wurden, das ist reine Nebensache. Ein Traum ging in Erfüllung und manchmal braucht es einfach seine Zeit, bis der richtige Moment im Leben für das richtige Ereignis kommt. Geduld ist einer der Schlüssel zum Glück.