Tuesday, November 18, 2014

OJD's Sommermonate im Basler Jura

von Markus

Die vergangenen Wochen und Monate waren sehr arbeitsintensiv und so konnte ich mich leider sehr lange Zeit nicht dem Blog widmen. Doch das Warten hat ein Ende und hier folgt nun ein kurzer Update über meine Kletter-Tätigkeit während der vergangenen Sommermonate. Und - ja - es ist halt so und es ist auch die wirklich harte Erkenntnis von diesem Sommer: Ich brauche in der Zwischenzeit schon relativ lange um Routen im Bereich 6a bis 6b klettern zu können. 6c liegt schon gar nicht mehr drin. Die Anzahl Routen, wofür ich einen ganzen Sommer gebraucht habe, kletttert heute ein motivierter Kletterer an einem Nachmittag in 3 Stunden. Höchstens 3 Stunden...

Nachdem ich bereits im Winter die wunderschöne Linie „Illusion“ klettern konnte, fiel es mir schwer, neue Ziele anzugehen. Ich war und ich bin weiterhin unvorstellbar glücklich die „Illusion“ geklettert zu haben. Das ist einfach der Meilenstein in meinem Kletterleben!

Aussicht von der Schauenburgerfluh (Danke Marc)
Wiederum verbrachte ich viele wunderbare Kletter-Tage zusammen mit Roland an der Schauenburg und ich konnte viele meiner zum Teil Jahrzehnte alten Projekte klettern. Hier eine kleine Auswahl:


17. Mai 2014: Gogolina, 6a+

"Gogolina" ist gleich rechts vom Klassiker „Dornröschen“, welcher mir letztes Jahr gelungen ist. Es ist wie immer: vor 12 Jahren als unkletterbare Murks-Route (UMR) eingestuft, ist diese Route heute eine Perle. Nach einer etwas kleingriffigen Passage wird athletische Kletterei über einen kleinen Überhang verlangt. Die anschliessenden Moves in bestem Fels sind einfach grandios.


5. Juni 2014: Es raschelt im Blätterwald, 6a+

In dieser Route hing ich ebenfalls vor 12 Jahren völlig hilflos herum. Es war mir schleierhaft, wie man da überhaupt je hochklettern kann. Am 5. Juni war es extrem schwül, der Grip war katastrophal. Aber ich hatte alle Stellen sauber ausgebouldert und ich fühlte mich fit für diese Route. Es ist ja jedes Mal das gleiche: weil die Route bei mir als UMR abgespeichert ist, ist es weniger eine Frage der Kraft und der Technik als viel mehr des Geistes, die schwierigen Stellen zu klettern. Während dem Durchstieg ärgere ich mich etwas über mich selber, die Route nicht schon früher geklettert zu haben. Es gibt Stellen, da sind die Griffe und Tritte schon arg gebraucht. Dies tut aber der Route keinen Abbruch. Es ist und bleibt eine wunderbare Felsfahrt.


23. Juli 2014: Vista Diaboli, 6a+

Da soll mal einer sagen, dass Internet belastet die heutige Gesellschaft - ganz im Gegenteil. Da arbeite ich vom Home-Office aus und dann verflüchtigt sich meine ganze Arbeit in der Weitläufigkeit des Inter- bzw. Intranets. Roland hat Zeit für eine spontane Kletter-Action an der Schauenburgerfluh. Die UMR Vista Diaboli steht heute auf dem Programm. Herrliche Ruhe, beste Bedingungen und gleich beim ersten Go passen alle Puzzle-Stücke zusammen.


9. August 2014: Emanzipation, 6a

1981 wurde diese Route von Jügge Meyer und Christian Jäggi geklettert. Ich kann da nur sagen: „Chapeau“. Diese 6a ist meines Erachtens bretthart und sie verlangte alles von uns ab. Rohe Kraft reicht nicht. Es muss alles passen, Fuss- und Piaz-Technik, Fingerspitzengefühl, gute Grob- und ausgefeilte Feinmotorik. Diese Route war für uns beide Neuland und deshalb hatten wir ungeheuren Spass daran, die notwendigen Kletterbewegungen zusammen zusammenzutragen - wobei Roland eindeutig der Kreativere von uns beiden ist.


23. August 2014: Take it easy (Hüttechäs), 6a+

Roland kannte die Route schon und ich meinte, sie nicht zu kennen. Doch als ich den dritten Move kletterte, da erinnerte ich mich an mein Desaster vor vielen Jahren und – ja, jetzt kommt es wieder (Sorry) – die Route war als UMR abgespeichert. 

Zusammen mit Roland übte ich die Route ein, fand Mal um Mal Vereinfachungen und bald passten auch in dieser Route alle Griffe und Tritte zusammen. Die Route ging gleich im ersten Go. Es sind 25 herrliche Klettermeter über kompakten Fels. Wunderschön.

Roland beim Einwärmen
30. August 2014: Teufelsriss 1. SL, 5b

Bereits  im zarten Alter von 16 Jahren kletterte ich an diesem Riss – und kam nicht hoch. Wir kletterten seinerzeit noch mit Leiterli und hängten diese in die verrosteten Haken ein und in diesen einen Holzkeil. Beim Holzkeil wollte ich nie weiter und so liessen mich meine Kameraden immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, wo ich dann auf sie wartete. Nicht nur deshalb ist der Teufelsriss 1. SL als UMR abgespeichert. Auch viele Jahre später kam ich eher schlecht als recht diesen Riss im Top-Rope hoch. Mit Bohrhaken-Abständen von gefühlt 80 Centimetern ist dies heute eine perfekt gesicherte Aufwärm-Route. Prädikat: empfehlenswert


18. Oktober 2014: Siebenschläfer 1. SL, 5b

Ab sofort ist dies auch keine UMR mehr, sondern eine fantastische und perfekt gesicherte Klettertour.

...und dann war ich ab September bis November intensiv mit einem ganz "gspässige" Vogel beschäftigt. Details sind demnächst auf diesem Blog zu finden. Langsam aber sicher gehen mir die jahrealten Projekte an der Schauen aus. Im Jahr 2015 sehe ich mich allerdings bereits wieder viele Male auf dem Weg hoch zur Schauenburg.

Die Gastlosen von Norden
Gastlosen

Ja, ich weiss, die Gastlosen gehören nicht zum Basler Jura. Aber ich war trotzdem dort. Junge und alte Jura-Saurier können das Reisen halt nicht lassen.

Zum ersten und hoffentlich nicht zum letzten Mal war ich zusammen mit Chris am 13./14. Juli 2014 in den Gastlosen. Das war das heisseste Wochenende des ganzen Jahres 2014. Anschliessend kam der grosse Regen, der sich erst im September wieder von dannen machte. An der Gastlosen gelangen mir „La Bleue, 6a+“ und „Chouette, 6a“. Der bombenfeste Fels und die perfekte Absicherung lassen nichts zu wünschen übrig. Sensationell!

Viele werden sich fragen, was es denn mit diesen 12 Jahren auf sich hat. Nun, die Erklärung ist ganz einfach. Nach einer Pause ab 1981 begann ich erst wieder 1999 mit dem Klettern. Zunächst weigerte ich mich standhaft, in die Kletterhalle zu gehen, denn geklettert wird draussen und nicht drinnen. Nun gut, ich liess mich dann doch ab dem Jahr 2000 auf dieses Abenteuer ein. Neben vielem sehr schlechtem Hallenklettern, kletterte ich natürlich auch draussen. Natürlich gingen wir auch an die Schauenburgerfluh, weil es da "viel einfache Routen" hat. Aus der Sicht eines 7b-Kletterers ist 6a+ nicht gerade schwer. Aus der Sicht des 5b-Kletterers ist es aber ein kaum erreichbarer Schwierigkeitsgrad. Und so kam es, dass ich bis 2002 mit ganz viel Einsatz, Lust und Freude Klettern ging, aber nicht eine einzige Route hoch kam. Es musste also eine Lösung her. Darüber habe ich vor vielen Jahren bereits einen Aufsatz geschrieben, ihn jedoch bis jetzt nicht veröffentlicht. Vielleicht hole ich dies noch nach. Wer weiss...

Sunday, November 16, 2014

Flatanger - some new climbs...

by Chris

Here's a shortlist of all routes I've recently developed at Hanshallaren Cave in Flatanger/Norway.

This wouldn't have been possible without the great support of the 'Norges Boltefond'

Founded to dedicate all energies into opening new or maintaining existing climbing areas by bolting and rebolting crags and faces that aren't any good for trad, they offered the bolts for free. Thank you!

It has been amazing to bolt in Flatanger. Great and evident lines, only little cleaning and a fantastic  gneiss quality.

Soon there will be a new topo guide published to the climbing areas in Norway by 'Climb Norway', for wich I helped to update the Hanshallaren Topo.

So here they are as a kind of documentation.

Face behind the 'Hans Spire':

1. Morgengaven 7b
Short and tricky moves on sidepulls and edges.

2. Aftenstjernen 7a+
A slab leads to a crux on a bulge. Nice one.











1. Steinapen 7a
Technical and interesting moves.
2. Steinapen extension (Open Project 8a?)
Hard two mover.
3. Akvarell 6b+
It eases after the boulder start.
4. Trykokkeren 6a
Already established by Øystein Johnson, but important as 1st pitch of 'Norsk Strikk'
5. Norsk Strikk 7c+
It takes the line of least resistance in the upper wall. Very technical moves.
6. Espen Askeladd søker lykken 7a+
Incredibly good climbing along the arrete. Within a year a new classic.
7. Syvsover 7b
Fantastic endurance route.
8. Arven etter hulemannen 8a
Funky moves in a roof boulder. Excellent!
9. Frigg L1 7b+
The roof offers surprisingly good holds.
10. Frigg 8a
Great 40m-line that packs everything in one has to love about climbing...

Face right of 'Kykelli' and 'Påltergeist'

Eventyrblanding extension 8a
A 40m-dream... Insane line and climbing. The first anchor of the already established first pitch (7c) has been removed and rebolted 5m higher, where historically the old anchor was first. The upper part is just wow!
 On the very right end of the cave one finds:

Alea iacta est 7b
Short but sweet. It could be a great easier variation to the 2nd pitch of the new 'Elden Inuti' for about 8b...





Hard work of bolting... Elliott in action in the cave at sunset...



Another unknown bolting hero in Flatanger: Elliott.
Great work, mate!

Here Elliott bolts 'Chossploring', a very special climb behind the 'Hans Spire' that goes at 8b, first freed by Adam during a one day (!) engagement and stay at the Flatanger Climbing Festival 2014. As the name inclines, the rock is just for once not as good as usual.


Elliott in one of his new creations: 'Brunhilda L1 7c+'.

A really modern climb that starts in the middle of nowhere in this endless sea of gneiss inside the huge cave. You have to jug up 10m on a fixed rope. From there 18m of juggy climbing lead to a first anchor. From there, another 30m are waiting to be freed at 8c+ or more...

Monday, November 10, 2014

Flatanger 2014 - Nordische Felsblumen

von Chris

Für mich war es klar, dass ich wieder kommen musste…
Die Linien, die ich in der Grotte gesehen hatte, sind atemberaubend…
Schön, ästhetisch, mit unglaublichen Features…
Granit, vom rauen nordischen Meeresklima zu kunstvollen Naturereignissen geschnitzt…
Als Kletterer ein Muss…

Im Einstiegsboulder (pic: Joe. Merci!)
So wurden diese Climbs nur schon vom Anschauen zum Wunsch. Mindestens einen davon musste ich versuchen. Einer der grossen Klassiker in Flatanger ist 'Nordic Flower'. Von Laurent Laporte eingebohrt, wurde sie auf einer Gesamtlänge von 60 m im September 2011 durch Joerg Verhoven als 9a zum ersten Mal durchstiegen. Nach Adam Ondra's on sight im Jahr 2012 und nach weiteren Wiederholungen als 8c/c+ gehandelt. So war 'Nordic…' der erste Flatanger Climb, der durch die Medien bekannt wurde. Schön für die Jungs, habe ich mir dabei immer gedacht. Für mich wohl eher ein Nole me tangere…

Nach dem Boulder in die Ausdauer (pic: Joe. Merci!)
Die Linie, so lang wie ein durchschnittliches Kletterseil, durchzieht diese noch immer lediglich die Hälfte der ausladenden Fläche des Daches und bewegt sich ungefähr acht bis zwölf Meter über dem ansteigenden Boden. Klettert jemand in der Route, ist man als Zuschauer ganz nah dabei. Was ich erst vor Ort lernte war, dass durch den kühnen Zick-Zack-Verlauf der Route um zwei 90°-Winkel, freundlicherweise auch an Jurasaurier gedacht und ein Zwischenstand eingerichtet wurde, der es erlaubt, die ersten 40 m, d.h. bis zum zweiten Eck, als 8b+ isoliert zu klettern. Nota bene – es handelt sich damit um den leichtesten Climb durch das Dach… Wollte ich mich diesem kletternd annähern, dann also nur über dieses gekappte Teilstück…

Untergriffschuppen... (pic: Joe. Merci!)
Eine Vorstellung von den Anforderungen bekam ich durch die Versuche von Christoph im Jahr zuvor. Nich sonderlich überraschend sah das Ganze recht anstrengend aus. Eine Hypothek schienen mir die reichlich kleinen Leisten im Startboulder (V8) zu sein. Bei einer Steilheit von 60° ein besonderer Challenge, ist doch Fingerkraft auf Leisten im steilen Gelände eine meiner Schwächen…

Wie dem auch sei – voller Mut (…voller Hochmut?) setzte ich mir diesen Climb als Jahresziel (…um ehrlich zu sein, hatte ich noch ein ganz anderes Jahresziel, dass ich mir aber selber als "geheim" einredete. Doch davon im nächsten Blog…). Drei Wochen meiner Ferien für Ende August/Anfang September waren der ganze Einsatz… Würde es reichen? Ich wollte es zumindest versucht haben. Ist ja auch langweilig, sich immer zu sagen: "…kann ich ja eh nicht…". So klappt es natürlich nie. Auf! Veni, vidi, und nicht traurig sein, wenn nicht vici… Der Weg ist das Ziel und so bla, bla…

Andy und Uli...
Tina auf dem Top des Hanshallaren...
Gute, motivierende Partner sollten auch dabei sein. Leider wollte OJD lieber noch einmal eine Ehrenrunde trainieren, obwohl er bei der Routenwahl in Flatanger seine helle Freude hätte (nächstes Mal, gell?...). Zu meiner grossen Freude waren schliesslich Andy und Uli mit von der Partie. Das versprach hochkonzentriertes Rupfen. Andy brauchte ohnehin ein ansprechendes Ziel, nachdem er sich aus einem Plafond herausgeklettert hatte. Somit war er als Zugpferd am Fels, Low-Carb-Ernährungsberater und Mentalcoach gesetzt. Uli, gleich alt und gleich lang kletternd wie ich und somit ähnlich ver- und besessen vom Klettern, verstärkte uns mit seinen Vibes. Mein Seelenheil legte ich Martina in die Hände, die uns nach den ersten zehn Tagen folgte.

Moody....
Für mich war es wie ein Heimkommen, als ich in Strøm eintraf. Der Wohlfühlfaktor an diesem Ort ist einfach einmalig. Im Haus selbst hat sich viel geändert. Berit und Olav bewohnen ein neues Haus direkt am Fjord (Wow!) und bauten das alte Gebäude um. Nun mit zwei Küchen und zwei Stuben ausgestattet, verteilt sich die Dynamik, die durch mehrere Leute in einem Haus nun mal entsteht, schon viel besser. Team America um Joe, Cameron und Elliott traf ein, Australier, nicht sichtbare Spanier… ganz schön international. Auf dem Camping einige Deutsche und wie aus der Versenkung auch Christoph, später auch Matthi und Stefan und und und... Anzumerken, dass wir dasjenige Grüppchen bildeten, dass sich mit drei Wochen den kürzesten Aufenthalt vorgenommen hatte … (woher haben die Anderen immer so viel Zeit?...)

Evening light in der Grotte...
Natürlich stürzte ich mich gleich in 'Nordic Flower L1', warum auch nicht? Mit was sonst Anderem sollte ich mich für das grosse Vorhaben eingewöhnen? Leider entwickelte sich das Projekt nicht zum Selbstläufer. Der Einstiegsboulder und die kleinen Leisten darin zeigten mir ganz schnell meine Grenzen auf. Und dann realisierte ich, dass ich nicht einfach von Job auf Limit-Klettern umstellen konnte. Vieles war im Vorfeld der Reise in der Arbeit noch vorzubereiten und Projekte abzuschliessen, so dass ich mir die drei Wochen Auszeit überhaupt genehmigen konnte… immer dieses Ringen um Output!
Mit Olav und Berit auf Boattrip...
Wohl spürte ich auch einiges vom selbst gesetzten Druck, in der Route innerhalb der begrenzten Zeit auch Vorwärts zu machen. Dann waren da noch Zweifel an der Form, weil ich nicht genau wusste, wo ich nach der Trizepsverletzung überhaupt stand. Natürlich war es wunderbar, dass die vollständige Ausheilung genau beim Antritt der Reise eintrat. Doch war die Erfahrung damit noch frisch und schwang daher die Angst mit, eine unbedachte Bewegung könnte die Verletzung womöglich wieder aufreissen lassen. Ganz unabhängig davon, ob diese Furcht nun begründet ist oder nicht. Mit Bewunderung und etwas Neid sah ich Uli und Andy, die vor Tatendrang und Energie zu strotzen schienen und sich auch an den Ruhetagen ein aktives Abenteuerprogramm ausdachten… Mir war eher nach Beine hochlegen zumute… That's life!

Meine Rasttagsbeschäftigung: Landschaftspics schiessen...
Doch der Plan, mehrere Wochen Zeit zu haben, zahlte sich aus. In der zweiten Woche kehrten die Energien und Power zurück. Gerade rechtzeitig, war ich doch wegen der oben beschriebenen Leisten schon praktisch am Aufgeben. Das vorerst sinnlos erscheinende Suchen nach einer Lösung hatte wenigstens zum Resultat, dass sich die Finger und die Spannung im Körper an die Belastung gewöhnt hatten. Step by Step. Jedem ausgeboulderten Zug ging ein Fight für die beste Lösung voraus.
Und auch diese Hartnäckigkeit trug Früchte. Schliesslich war ich in der Lage, den Boulder in zwei Etappen zu klettern und von dort zwei Mal am selben Tag bis zu einer entscheidenden Stelle im letzten Drittel weiterzu- und im dritten Go des Tages sogar durchzusteigen. Die Tür war offen!
Vor allem, als ich wertvolle Beta von Joe erhielt, der mich darauf brachte – ja, auch ich lerne in zunehmenden Alter noch etwas – dass ein Knieklemmer nicht immer nur passiv sein muss, sondern auch aktiv durch Pressen des Knies an den Fels wertvoll sein kann. Vor allem mit einem Rubber-Knee-Pad, dass er mir grosszügig lieh. Thanks Joe!
Zeit zu haben, hat noch einen anderen sehr wertvollen Nebeneffekt – man darf sich mehr Ruhetage gönnen. In der zweiten Woche kletterte ich nur noch 1:1, d.h. ein Klettertag und danach ein Ruhetag. So stellte sich auch die Erholung vom Arbeitsstress ein.

Mein Seil kurz nach Durchstieg von 'Nordic Flower L1'
Dann kam der 27. August – ein Tag wie im Bilderbuch und der erste Tag mit Martina nach deren Ankunft. Ihre Präsenz ein Glück! Sie kam hinauf in die Grotte, spürbar ihre Freude ebenfalls wieder hier zu sein, diese unvergleichliche Landschaft zu sehen, die Meeresluft zu riechen. Zweifelsfrei, ihre Begeisterung hatte einen enorm positiven Einfluss auf mich. Die Bedingungen mit einem Wind ideal. Nur wenige Kletterer am Fels. Etwas Besonderes lag in der Luft. Eine nicht beschreibbare Leichtigkeit, die nun die anfänglichen Schwierigkeiten vergessen liess. Ich war frei, der Kopf frei… ich war bereit für 'Nordic Flower L1'. In völliger Klarheit konnte ich jeden Zug erleben und schliesslich die ganzen 40 m bis zum Stand der L1 ohne Pump klettern! Es war Wirklichkeit geworden, was ein entfernter Traum zu sein schien. Einer mehr, der sich dieses Jahr bereits erfüllt hat…

Said in 'Litt på kanten 8a'
Nun hatte ich mit Martina noch ganz komfortabel 10 weitere Tage. Dabei fiel mir erst auf, was für eine enorme Energie in unserer Gruppe herrschte. Es ist sicherlich der Klettertrip, während welchem jeder von uns am meisten Climbs in seinem Niveau klettern konnte. Darüber könnte man einen seperaten Blog schreiben – sprengt aber natürlich den Rahmen… Fantastisch, wie Andy einen 8b nach der anderen zog, allesamt Klassiker auf der linken Seite der Grotte; und schliesslich die komplette 'Nordic Flower'! Was für ein enormer Fight bei seinen Körpermassen im Einstiegsboulder. 

Sara in 'Syvsover 7b'
Uli, der die wunderbaren 40 m Linien von 'Berntsenbanden extension', 'Trip', 'Frigg' und auch 'Nagells Drömmedieder' ziehen konnte. Martina, die nicht nur noch offene Projekte vom letzten Jahr abschliessen konnte. Gemeinsam eröffneten wir auch 'Syvsover', eine sehr ausdauernde 7b, die am 6. Bolt von 'Tungt møblert' nach rechts abzweigt. Wieder durften wir uns grosszügig von den auf der Farm deponierten Bolts des Norges Boltefond bedienen. Ich hatte nämlich meine nagelneue Festool Bohrmaschine mitgenommen, die nur sagenhafte 2,4 kg mit Akku wiegt. Kleiner Tipp am Rande: so ein 4.1-Ampere-Akku muss bei der Fluggesellschaft angemeldet werden, will man nicht bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen als allfälliger Bombenleger verdächtigt und festgenommen werden…

Matthi in 'Eventyr Extension 8a'
Weiter eröffnete ich von unten und quasi im Alleingang während eines patagonisch angehauchten Regensturms mit kurzen 6 mm Bolts und Cams selbstgesichert die langerwartete Extension zu 'Eventyrblanding', eine offensichtliche Wahnsinnslinie und ein 40 m-Traum im Grad 8a. Diese konnte ich am darauffolgenden Tag bereits punkten, weshalb ich auch die noch unberührte Wand links von 'Mindstalker' um eine 35 m-Diagonale mit boulderig tricky Leistenkletterei um ca. 7c+ bereicherte: 'Norsk Strikk'. Ferner die kurze 'Akvarell' rechts von 'Overflatekjemi'. Mit 6b+ tönt es nach Aufwärmroute. Aber leider sind die Züge am Anfang gleich die Bouldercrux… Schliesslich gelangen mir noch die Feng Shui-Moves in der unvergleichlichen 'Massih Attack ', ein von Eric Massih eröffneter 8b-Klassiker, der sich allerdings wie 8a anfühlte. Auch 'Trip 8a+', deren Erstbegehung mit Cams von unten und on sight durch Adam Ondra letztes Jahr ich live erleben konnte (wurde nachträglich von ihm eingebohrt) sowie die fotogene 8a-Kante der 'Litt kanten', eine Hangelparade, nur unterbrochen von einem deftigen Zwei-Zug-Boulder…

Fazit: Nie aufgeben! Träume wollen geträumt und ausgelebt werden… Geduld gehört dazu!
Ich darf weiterträumen – nächstes Jahr ein weiteres Projekt in Flatanger? Das wär's doch…

Saturday, October 11, 2014

Flatanger - 2013... zweiter Trip

von Chris

Da ich noch Ferien übrig hatte sowie von Bolts wusste, die auf der Farm deponiert lagen und nur darauf warteten in den Fels versenkt zu werden, reiste ich im September 2013 - nur wenige Wochen nach dem ersten Trip - mit Christoph noch einmal an. Diesmal übernachtete ich auf der Farm in Strøm.


Adam in der von mir eingerichteten 'Aftenstjernen' 7a+

Mit Elliott und Adam bildeten wir eine Kletter-WG und die Motivation war gross! Berit und Olav stellten uns ihr Haus zur Verfügung. Ihnen gehört ganz Strøm, die Felsen darauf und noch Vieles mehr, wie z.B. ein wunderbar gelegenes Sommerhaus oder eine der Inseln in den Fjords der Insel Villa usw. Noch bis 2008 unterhielt die Farm eine Viehwirtschaft, die allerdings – wie in Europa verbreitet – immer weniger rentierte. Gut, das Berit und Olav das Potenzial für Kletterer erkannt haben, nachdem vor 14 bis 18 Jahren die ersten Climbs eröffnet worden waren. Sie förderten insbesondere ab 2011 die Kletterei an ihren Hausfelsen, indem sie Topshots der Szene dazu einluden, erste Routen in der Grotte einzurichten. Nicht gerade eine Selbstverständlichkeit in einem Land, in welchem eher Skilanglauf und Schanzenspringen als Nationalsport bekannt sind…


Auf Boattrip mit Olav

Olav und Berit sind nicht einfach nur die Vermieter oder Zeltplatzhüter, sondern Gastgeber, wie man sie sich besser nicht vorstellen kann! Sie bieten ein Zuhause für Kletterer! Auch das gibt's nicht oft…


Kein Photoshop - Abendstimmung mit Christoph

In den wechselnd warmen und kalten Septembertagen mit den unglaublich dunklen Nächten in unglaublicher Stille (es gibt dort kein Fremdlicht oder -lärm…), richtete ich in der Hanshallaren eine Reihe von Climbs zwischen 7a und 7b ein und schöpfte somit aus Potenzial, das dort oben noch fehlte. Mit 'Frigg', dem Namen von Odin's Gattin aus der nordischen Saga und zufällig ähnlich meinem Namen, einer 40 m langen 8a mit unglaublichen Strukturen, einem Dach, Schuppen, Crimps usw. fand ich eine weitere Perle, die wohl mit den zu den schönsten Climbs gehört, die ich je erstbegangen habe.

Abends am Fjord

Kreatives Bouldern war in 'Nagells Drømmedieder' angesagt. Eine sagenhafte Verschneidungskletterei. Diese 8a+ – am letzten Tag vor der Heimreise doch noch gezogen – war für mich der Moment, den ich heute rückblickend als den Ausgangspunkt meines fantastischen Kletterjahrs 2014 ansehe.

Meine Wenigkeit beim FA von 'Steinapen' 7a

Ich wusste, dass ich noch einmal wiederkehren muss, um manche der schwereren Climbs zu versuchen. Climbs, die nur schon vom Anschauen zum Wunschtraum werden… kann es als Kletterer etwas Besseres geben?


Elliott bohrt 'Chossploring'

Flatanger ist mein Ort, an dem ich einfach "sein" kann. Wo perfekte Moves, fantastischer Fels, eine Ruhe und eine unvergleichliche Umgebung aus Fels, Meer, Fauna und Flora zusammenkommen…

Hanshallaren im Herbstlicht...

Saturday, October 4, 2014

Flatanger – 2013… erster Trip

von Chris

Vorsichtig blinzle ich gegen das Sonnenlicht…
Seit Stunden scheint die Sonne knapp über dem gekrümmten Horizont des Atlantiks zu verharren…
Die unglaubliche Weite des Meeres und Himmels…
In der Ferne dramatische Wolkenbänder, die sich in viele Ebenen zu teilen scheinen, um doch wieder ineinander zu verschmelzen…
Graue Schleier vor anthrazitfarbenen Wolken lassen Regen erahnen…
Die Trübe vor der Sonne verfärbt das Licht orange und taucht den Granitriegel hinter mir in eine warme Farbenpracht…
Ein See- oder Steinadler zieht lautlos seine Kreise über dem Berg, der in seiner Form einem umgestürzten Pudding gleicht…
Totenstille scheint mich zu umgeben…
Eine Brise kündigt sich an, erst fein…
Die Blätter der kleinen Birken rascheln, zunehmend heftig…
Und plötzlich fallen Tropfen, anfänglich einzeln spürbar, dann kräftig…
Wie nur konnte der Regen so schnell hergetragen werden…?
Kaum breitet sich das Nass auf den Steinen des Geröllfeldes aus, verdampft das Wasser schon unter dem im Nu wieder blau gewordenen Himmel…
Karabiner klimpern…
Das Seil läuft beim Ausgeben zwischen den Fingern…
Ich bin in Flatanger.
Moody...




 

































Die Grotte mit dem kristallinen Granit der Hanshallaren wirkt anziehend wie ein Sog… In erhabener Grösse, doch nicht erdrückend. Mit ihren Farben, Maserungen und Strukturen für Kletterer faszinierend, geradezu einladend, verheissen diese doch gute Moves.

Weit gleitet der Blick über die Flatanger-Fjorde hinweg bis auf das Meer. Die Welt scheint intakt zu sein. Nordische Hirsche, die wir als Elche bezeichnen (es handelt sich - auf Englisch - auch nicht um "Elks", sondern um "Mosses", welche jeder Norweger zwei Tiere pro Jahr für seine Tiefkühltruhe erlegen und verarbeiten darf…), laufen auf den grünen Wiesen vorbei. Mit etwas Glück gibt es auch Robben zu sehen.

Crazy Lichtstimmungen...
Die Menschen hier sind unglaublich aufgeschlossen, grosszügig und freundlich. Nicht nur einmal habe ich es erlebt, dass aus einer belanglos scheinenden Begegnung ein langes und interessantes Schwätzchen entstanden ist. Man merkt, dass die auf ein riesiges Land verteilten nur fünf Millionen Norweger den Zusammenhalt suchen und Sozialkompetenz daher gross geschrieben wird. Ein wunderbares Land mit wunderbaren Leuten in einem unvergleichlichen Wohlfahrtsstaat. Mangel scheint nicht zu herrschen. Das ist der erste Eindruck. Vielleicht reichen die 24 Stunden Sonnenlicht im Sommer aber doch nicht aus, um die langen Winternächte seelisch zu kompensieren: harten Alkohol gibt es nur noch in staatlichen Abgabestellen zu horrenden Preisen. Von Flatanger muss man dafür ins 65 km entfernte Namsos fahren. Alkohol darf nicht mehr unter 25-jährige abgegeben werden und sonntags gilt ein generelles Verkaufsverbot.

Adam in 'Move'...
 In diesem riesigen Land mit seinen neuerdings vielen Klettermöglichkeiten nur an einen einzigen Ort zu gehen, erscheint einseitig. Flatanger ist es aber wert. Schon bei der erstmaligen Ankunft in Strøm – dem "Basecamp" mit Zeltplatz und Wohnhaus – versetzt der Anblick des weiten Tal mit der langgezogenen und hohen Fluh wohl jeden in Staunen. Die Hanshallaren-Grotte – von Strøm aus nicht direkt einsehbar – erreicht man in 15 bis 20 Minuten zu Fuss durch eine felsdurchsetzte Vegetation, die sich auf 2000 m im Aaregebiet oder Grimsel befinden könnte.

Luis beim FA von 'Gusanito' 8a
Als ich im Juli 2013 mit Martina das erste Mal die Reise nach Flatanger antrat, wussten wir zuerst gar nicht, was uns dort erwarten würde. Auch nicht, dass man in Strøm übernachten konnte. So hatten wir bei Thor in Rorbuer eine Wohnung gemietet, die sonst ausschliesslich von Fischern gemietet werden, die zumeist aus Deutschland und England anreisen. Flatanger ist unter Meerfischern weltweit bekannt. Grosszügig bekamen wir von den Fischern immer wieder am Tag gefangenen Fisch geschenkt… frischer geht es nicht!

In der Grotte angekommen, war ich schier sprachlos… zum einen von dem was ich sah, zum anderen auch wegen der Erkenntnis, wie viel Neutourenpotenzial es noch hatte. Schönste Wände ohne einen einzigen eingerichteten Climb – unfassbar! Die bereits vorhandenen Routen waren wunderbar zu klettern und es dauerte nicht lange, dass ich mir sicher war, mit dieses Gebiet eines meiner persönlichen Favoriten gefunden zu haben.

Zustieg...


Wir hatten eigentlich ein kühles Sommergebiet erwartet. Als ich mir damals die bereits vorhandenen Kletterfotos und –videos ansah, waren darauf Leute in Daunenjacken zu sehen. Das versprach trotz Hochsommermonaten Grip und keine verschwitzten Klamotten! Doch die Realität zeigte einmal mehr, dass Kälteempfinden subjektiv ist. Zudem kann das Wetter in Norwegen ganz schön wechselhaft sein. Auf jeden Fall hatten wir im Juli/August eine Hitzewelle zu überstehen. Nach unserer Abreise in der ersten Augustwoche müssen allerdings wochenlang Killerbedingungen um 12°C geherrscht haben, nämlich dann, als Adam 'Move' durchsteigen konnte. Die 'leichteren' Climbs liegen naturgemäss am Rand der Grotte und sind auf deren linker Seite südwestseitig exponiert. Das hiess früh aufstehen. Denn bis Mittag waren die Temperaturen zwar sehr gut, der Klettertag allerdings kurz. Da es im Hochsommer fast den ganzen Tag strahlend hell ist, gingen Martina und ich eben abends nach dem Nachtessen noch einmal rauf, nachdem der Schatten wieder in die Wand gekommen nwar. Für mich gehört es zu den besonderen Erlebnissen, gegen Mitternacht einen 8a-Durchstieg in goldenem Licht der nicht untergehenden Sonne zu versuchen.

Tina im Klassiker 'Kakestykket'
 Und noch etwas: wie immer hört man aus den Medien nur von den schweren Climbs. Dass sich der überwiegende Teil der Routen in Tat und Wahrheit unter 7a bewegt, ist kaum bekannt. Vor allem unten in Strøm gibt es mit dem Einvikfjellet und dem Sandmælen einen Felsriegel mit je circa 30 Routen bis maximal 6b+.

Auf jeden Fall habe ich den aussergewöhnlich schönen Climbs in Flatanger nach meiner langen Pause eine wiedererwachte Motivation und Lust auf schweres Klettern zu verdanken. Es gelangen uns schöne Climbs. Manche schienen mir in ihrem Niveau mit zum Besten zu gehören, wie z.B. 'Påltergeist' 7c+ oder 'Eventyrblanding' 7c. Auch tastete ich mich mit der fantastischen 'Berntsenbanden extension' erst an 8a und mit den beiden Längen von 'Steiny' wieder an 8a+ heran. Zum Schluss konnte ich noch Dank den zur Verfügung gestellten Bolts des vorbildlich organisierten Norge Boltefond und Adam's Hilti mit 'Espen Askeladd søker lykken' eine traumhafte 7a+-Kante, welche zu einem Klassiker avanciert ist, und mit 'Arven etter hulemannen' 8a eine boulderlastige Dachroute mit abgefahrenen Moves erstbegehen…

Thursday, September 11, 2014

Life is good, climbing is good

von Chris

Vieles ist in den letzten Monaten geschehen… Dieses Jahr ist zweifellos ein gutes Kletterjahr für mich. Dass es so werden würde, war zwar nicht von mir erwartet worden, aber durchaus erträumt… Im Träumen von Kletterzielen bin ich ja recht gut… Der Wunsch den einen oder anderen Traumclimb zu ziehen gross. Doch hat es in den letzten Jahren aber mit der Umsetzung in die Realität gehapert. Entweder dauerten Projekte am persönlichen Limit zu lange - teils sogar über Jahre, was zur Folge hatte, dass immer viel zu viel dazwischen kommen konnte – oder aber ich hatte wegen so manch einem zu schweren Zug überhaupt keinen Stich. Dass dies nicht unbedingt förderlich für das Selbstvertrauen ist, liegt auf der Hand. So manche Erfahrung in einem Climb am Limit, als ich mich mehr an einem Projekt aufgerieben habe, statt Fortschritte zu machen, kann weitere Vorhaben oder andere Projekte lähmen. So hatte ich mir denn auch selbst Verbote auferlegt, Climbs am oder leicht über dem Limit ausserhalb des Jura, die nicht in einer vernünftigen Zeit von zu Hause aus zu erreichen sind, zu versuchen. Aber gleichzeitig ist es ja auch ziemlich ein Sch**** Träume nicht zu leben. Der Grund sich etwas zu verbieten, obwohl man etwas möchte, sehe ich letztendlich in der Bequemlichkeit. 

Die Linie des Ultraklassikers 'No Sika, No Crime'
Die Ausrede, dass "dies oder jenes nicht klappen kann, weil…" ist erfahrungsgemäss immer schnell gefunden. Da wird Familie, Arbeit, Zeitmangel, Wehwechen etc. aufgezählt. Ich kenne das nur zu gut. Und ich habe mich schon selbst dabei erwischt, dass ich auch das Alter anführte… Die Bequemlichkeit steht nämlich dem Fokus auf das Wesentliche entgegen. Die Frage lautet eigentlich: "Was will ich denn vom Leben?". Der Inhalt des Satzes verweist klar darauf, dass ich selber aktiv werden muss. Darauf zu warten, dass das Leben einem zuspielt und vielleicht der Zufall die Sache gut macht, fatal. Eigentlich alles keine besonderen Weisheiten. Aber dennoch will sich dies einmal gut überlegt sein. Denn trotz besseren Wissens benötigt es Antrieb, Motivation und Selbstwahrnehmung, um sich darum zu bemühen auch etwas zu unternehmen, damit Träume Wirklichkeit werden. Wohlgemerkt, ich spreche hier immer noch vom Klettern. Hatte ich noch vor nicht allzu langer Zeit als Mittvierziger das Alter als einen der Gründe meiner Bequemlichkeit angeführt, stellte ich mir im Winter, als ich mir mit 'Abregenief' ein erstes Ziel setzte und ziemlich trainierte, die Frage, was es denn benötigt, um während des Älterwerdens besser klettern zu lernen. 
Die Antwort lag insbesondere in meiner Gesundheit. Das hatte eine massive Zäsur meines Lebenswandels zur Folge. Seit elf Monaten rauche ich nicht mehr, seit neun Monaten keinen Tropfen Alkohol, Umstellung der Ernährung auf Low Carb (Zeit wurde das, wurde ich doch die letzten Jahre immer schwerer…!), regelmässiges zum Felsklettern ergänzendes Training am Campusboard oder – Oje! – Plastik…

Matthi im 'Hybris'-Dyno
Ich könnte so viel über diese Themen schreiben, sind es doch interessante Felder zum entdecken. Sie bringen mir näher, wie Körper und Geist aufeinander wirken, wie unser Organismus funktioniert. Doch möchte ich daraus – darin sehe ich nämlich eine Gefahr –keine Ersatzreligion machen oder noch schlimmer, missionarischen Eifer entwickeln. Gerade hier nicht im Blog. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was man im (Kletter-)Leben will. Anraten kann ich aber, sich diese Frage einmal selbst ganz bewusst zu stellen. Vorausgesetzt, man ahnt während dem sonst "normal-und-für-sich-so-halt-herumklettern" das noch etwas darüber hinaus möglich wäre, ein Traum, den man sich aber verbietet. 

Auf jeden Fall bestätigt aber jeder durchgestiegene Climb mein neues Kletterleben. Und nach mehreren Monaten ohne Alk und Nikotin sowie guter Ernährung die Erkenntnis: es fühlt sich ausgezeichnet an! Und prima, mit meinem mesomorphen Körperbau, der sonst leicht Fett und Muskeln aufbaut, musste ich nach sieben Monaten dringend zum Kleiderladen, weil mir meine Jeans über die Hüften rutschten. So kam ich ohne Hungern von Jeansgrösse 32 auf 30… das will ja was heissen!

Nach St. Lèger bin ich dieses Frühjahr ins Lehn gepilgert und konnte einen Traumclimb innert wenigen Tagen realisieren: 'No Sika, No Crime' 8b/b+… ein wahrer Klassiker in der Schweiz! Wunderschön zu klettern, wenn auch die Crux von 'Flamenco' schon etwas gebraucht aussieht. Letzteren Climb hängte ich übrigens auch noch an, ehe ich in 'Bad Boys' einstieg. Durch Inspiration und gutes Zureden von Matthi versuchte ich die Route sofort mit dem 'Hybris'-Dynamo, der auf diese Weise eine in 'Bad Boys' geschlagene Leiste ignoriert. In dieser Version wohl 8b. Nebenan ein Video mit Lukas in 'Hybris'. Von 0:42 bis 2:01 verlaufen 'Hybris' und 'Bad Boys' identisch. Enjoy! Dyno bei 1:55...

Dyno's sind neben Fingerkraft eine meiner grossen Schwächen. Aber mit dem aus den Climbs davor gewonnenen Selbstvertrauen konnte ich mich erfolgreich dem Challenge widmen. Wiederum wurde es zu einem Schlüsselerlebnis, dass ich – nachdem ich den Dyno zum ersten Mal vom Einstieg kommend abfing und am Fels kleben blieb – den ganzen Climb bis zur Umlenkung klettern konnte. So wurde das einst von mir wegen seiner abschüssigen Leisten und Powerkletterei gefürchtete und lange Zeit gemiedene Lehn richtig zu einem persönlichen Wohlfühl-Hot-Spot. Wow!

Stillleben mit Bohrmaschine...
Dass ich aber nicht vor Torheit geschützt bin und Altersweisheit erst noch gelernt werden muss, bewies ich mir kurz darauf auf eindrückliche Weise selbst. Zwei Wochen nach 'Bad Boys' mit weiterem (halt eben doch zu) harten Klettern in Gimmelwald, zusätzlichem (leider natürlich viel zu) hartem Training und nebenher noch (zu anstrengendem) Einbohren eines neuen Gebietes im Jura verriss ich mir den Trizeps… Hallelujah! Selber Schuld… Rasttage ignoriert...

Und das zwei Monate vor Abflug nach Flatanger, wo ich mir doch ein grosses Traumziel gesetzt hatte: Nordic Flower, schon die erste Länge 40m im Dach mit unvorstellbar schönen Strukturen im Granit bei beachtlichen Schwierigkeiten um 8b+… wahrscheinlich einer der besten Climbs auf diesem Planeten! Ich beschloss eines: die Hoffnung nicht fallen zu lassen und setzte alles auf's Auskurieren…

Saturday, July 26, 2014

Sardinien


von Markus

Es ist Samstagnachmittag. Normalerweise bin ich zu dieser Zeit im Klettergarten in der näheren oder weiteren Umgebung unterwegs und bin glücklich, meinem lieben Hobby nachgehen zu können. Nicht so heute, und das hat auch seinen Grund. Der Grund heisst Wasser, lebenspendendes Wasser. Aber muss es denn mitten im Juli 2014 soviel sein? Nun denn, es ist halt so und so sitze ich vor dem Laptop und hänge etwas den Erlebnissen der vergangenen Tagen, Wochen und Monate nach.

Lange frage ich mich, ob ich denn meinen Klettertrip zusammen mit Andrea nach Sardinien von Anfang Mai überhaupt auf den Blog stellen solle. Sardinien - da war doch schon jeder mindestens dreimal klettern und jeder weiss, dass es sich dort gut leben und klettern lässt.

Doch je länger ich darüber nachdenke und je intensiver ich die Fotos anschaue, desto klarer wird mir, welches Schmuckstück Mutter Erde uns Kletterern in Form der Felsen auf der Insel geschenkt hat. Wir Kletterer haben dieses Geschenk gerne angenommen, das zeigt die Routenfülle im dicken Kletterführer. Ich muss vorausschicken, dass ich noch nie auf Sardinien in den Ferien war, zu unlohnend schien mir das Ziel und italienisch, ausser Birra, Pizza und Spaghetti (das reicht allerdings um zu überleben), spreche ich nicht. Aus Erfahrung weiss ich, dass es trotz der Globalisierung noch nicht Usanz ist, dass überall die englische Sprache verstanden beziehungsweise gesprochen wird. Ich sollte eines besseren belehrt werden.

Samstag, 3. Mai - Anreise nach Cala Gonone

Hotel  Villa Gustui Maris (Danke Andrea)
Es ist noch dunkel, als ich frühmorgens mit dem Zug zum Flughafen fahre. Ich bin pünktlich vor Ort, das Check-In geht locker durch und pünktlich hebt das Flugzeug mit Ziel Sardinien ab. Die Wettervorhersage für die Woche ist ideal, nur etwas Regen für den Anreisetag und ideale Temperaturen um Klettern zu gehen ist angesagt. So regnet es tatsächlich leicht, als wir mit dem Mietauto in Richtung Cala Gonone unterwegs sind. Es ist für mich eine kleine Herausforderung, wieder mit Kupplung und Gang einlegen Auto zu fahren. Die Aussicht auf die Felsen, während wir die Strasse hinunter nach Cala Gonone fahren, freut mich enorm. Ich weiss, es wird viele Routen geben, die ich werde klettern können. Doch zunächst gilt es, die Unterkunft zu finden. Als Navi verwöhnter Autofahrer ohne Navi gibt es dann auch den üblichen Verhauer und als wir gemäss Apple Maps am richtigen Ort sind, fällt mir das Lachen aus dem Gesicht. Diese Unterkunft soll es sein? Nie im Leben! So ein „Stall“? Nein! Da muss ein Fehler vorliegen. Also wechsle ich auf Google Maps und sehe, dass wir tatsächlich am falschen Ort sind und finden anschliessend die Unterkunft problemlos. Sieht schick aus, die Anlage, so denke ich mir. Hier lässt es sich leben. Beim Check-In spricht die Dame fliessend Englisch. Noch während wir das Auto entladen und die Zimmer beziehen, beginnt es stark zu regnen. Die Sarden freut es, uns nicht so sehr.  

Sonntag, 4. Mai - Budinetto

Budinetto (Danke Andrea)
Oh, Jesses Gott. Regen. Regen. Regen. Kalter und starker Wind. Das wird heute nichts mehr mit Klettern, garantiert. Doch um exakt 12 Uhr hellt der Himmel auf, der Wolken werden immer weniger und die Sonne kämpft sich langsam durch. Wir werden sie nie mehr hinter Wolken erleben. Sofort wird es richtig warm. Schnell packen wir unsere Sachen und begeben uns auf den Weg zum ersten Gebiet. Die Zufahrt ist etwas abenteuerlich. Meine Waden sind nicht dafür konzipiert, diesen steilen Weg hoch zum Felsen zu laufen. Es ist eine Qual, denn es ist jetzt richtig heiss, also exakt das, was ich nicht so mag. Ich rette mich mit einem Gedanken: „Hoffentlich taugt die Kletterei wenigstens etwas.“ Nach 15 Minuten Anmarsch machen wir uns mit dem Fels und den Routen vertraut und dann geht es los. Eine Route nach der anderen klettern wir onsight bzw. im flash. Die Absicherung ist perfekt. Langsam beginne ich zu verstehen, weshalb wir Kletterer unser Hobby so gerne auf Sardinien ausüben.

Montag, 5. Mai - Placca di Flintstone
Der alte Jura-Saurier in der Route Flintstone (Danke Andrea)
Strahlender Sonnenschein begleitet uns beim Frühstück. Der Blick hinunter zum Meer ist wunderschön, Ferienstimmung ist bereits aufgekommen. Doch der Fels lockt und ich dränge zum Abmarsch zum nächsten Klettergebiet. Wieder fahren wir den abenteuerlichen Weg hinauf zum Budinetto, parkieren das Auto noch abenteuerlicher und marschieren in rund 30 Minuten an die Placca di Flintsone. Die Sonne lacht vom Himmel. Oder soll ich besser brennt vom Himmel schreiben? Ab 14 Uhr klettern wir im kühlen Schatten, Gott sei Dank. Das Klettergebiet ist relativ klein und wir dürfen viele Kletterer bei ihrem Tun beobachten (sie uns natürlich auch) und uns in der Reihe anstellen.  Die Routen sind 30 – 35 Metern lang. Die Absicherung ist perfekt, der Fels ebenfalls. 

Dienstag, 6. Mai - Cala Fuili, Spiaggia Est und S'atta ruja (Dorgali) 

Cala Fuili, Spiaggia Est (Danke Andrea)
Zu Sardinien gehört natürlich auch das Meer. Und wer träumt nicht an einem verregneten Nachmittag vom Klettern in wunderbaren Wänden hoch über dem Meer? So stelle ich mir das an diesem Morgen vor. Schon bald sind wir am Strand, sehen die Routen. Ui, denke ich mir. Diese Routen werden wohl sicher schon gut gebraucht sein. Und so ist es dann auch. Nur unter massivem Einsatz von Magnesium kann ich die von Sonnenöl und Handschweiss bereits glatt polierten Griffe halten. Der Umlenker ist auch bereits in die Jahre gekommen und ist schon interessant angeschliffen. Wir ziehen das Baden im Meer dem Klettern vor.

Am Nachmittag fahren wir von Cala Gonone hoch nach Dorgali ins Klettergebiet S'atta ruja. Das Gebiet ist wunderschön, bietet atemberaubend schöne Kletterei und ist gegen Westen ausgerichtet und so können wir bis die Sonne nach 20 Uhr untergeht wunderbare Routen klettern.

Mittwoch, 7. Mai - S'atta ruja (Dorgali)

S'atta Ruja in Dorgali im Abendlicht (Danke Andrea)
Das Klettergebiet S'atta ruja ist riesengross und bietet für jeden etwas. Die Absicherung ist perfekt. Wir beschäftigen uns mit etwas athletischen Routen und es macht richtig Freude, diese klettern zu können. Steil, grosse zum Teil weit auseinanderliegende Griffe, Tritte. Das ist Klettern wie ich es mag. Einen Wehrmuts-Tropfen gibt es allerdings: die Hitze setzt mir enorm zu. Während Andrea quietschfidel eine Route nach der andern klettert, erleide ich fast den Hitzetod. Dass mir die Wärme derart zusetzt, das ist eine für mich ganz neue und etwas beunruhigende Erfahrung.


Donnerstag, 8. Mai - La Poltrona

La Poltrona (Danke Andrea)
„La Poltrona“, der Sessel, ist das bekannteste Klettergebiet in Cala Gonone. Wir geniessen den Tag beim Baden im Meer und begeben uns erst um 17 Uhr an die zu diesem Zeitpunkt schattigen Felsen. Die Kletterei ist wiederum fantastisch und wir klettern bis zum Einbruch der Nacht.







Freitag, 9. Mai - Margheddie

Marheddie (Danke Andrea)
Nein. Nicht dem ersten gelben Pfeil folgen. Nein. Wenn doch, dann endet der Weg irgendwo im Schotter und die Felsen sind immer noch weit weg. Der Autor des Kletterführers fragt sich, weshalb der Sektor nicht oder kaum besucht wird. Ich weiss weshalb. Nach 30 Minuten hochtigern sind die Felsen immer noch rund 15 Minuten Fussmarsch durch weglosen Schotter entfernt. Schatten gibt es erst ab ca. 17 Uhr und nicht schon wie im Kletterführer notiert um 13 Uhr. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Nach diesem Verhauer am Morgen kehren wir zum Auto zurück, fahren ins Hotel und lassen es uns dort gut gehen. Um 16 Uhr nehmen wir einen zweiten Anlauf, das Klettergebiet zu finden. Wiederum beim gelben Pfeil angekommen, marschieren wir einfach noch 3 Minuten weiter und stehen dann am richtigen Abzweiger ins Klettergebiet. Einmal mehr klettern wir in bombenfestem Fels und geniessen unser Hobby bis zum letzten Sonnenstrahl.

Samstag, 10. Mai - Buchi Arta 

Buchi Arta (Danke Andrea)
Ein Muss für jeden Sardinien-Besucher! Buchi Arta ist ein einmalig schönes, etwas verstecktes aber mit dem Auto sehr gut erreichbares Klettergebiet. Beste Routen, bester Fels, beste Absicherung. Der Schatten kommt nicht vor 17 Uhr. Vorher ist es unsäglich heiss in den Wänden. Selbst Andrea klagt etwas über die Wärme. Das will schon was heissen. Buchi Arta ist unser letztes Klettergebiet, welches wir besuchen können, denn am Sonntag geht es bereits wieder zurück in die Schweiz.

Klettern auf Sardinien. Ja, das muss ich auf jeden Fall noch einmal erleben. Die Landschaft ist faszinierend schön, die Ambiance unvergleichlich und das sehr gute Essen und der Vino Rosso tun ihr übriges. Sardinien – ich komme wieder.